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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 139
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Alt und neu

Es gibt alte Dinge, und es gibt neue und junge Dinge. Und sehr häufig sind die alten Dinge angenehmer als die neuen.

So haben zum Beispiel viele Leute den Herbst lieber als den Frühling; weil der Herbst alt ist, besonnen und silberhaarig, der Frühling aber ein halbwüchsiger Bengel, der nur Dummheiten anstellt.

Und daß der alte Holländer Käse besser ist als der neue, darüber ist sich alle Welt einig.

König Alfons der Heilige von Kastilien pflegte zu sagen: vier gute Dinge sind in der Welt: altes Holz, um Feuer zu machen, alter Wein, um ihn am Feuer zu trinken, alte Bücher, um darin zu lesen, und alte Freunde, um ihnen zu vertrauen.

Daher die vielen Mittel, die der Mensch erfunden hat, um neue Dinge künstlich alt zu machen. Man macht eine Kommode künstlich alt, indem man sie mit Schrot beschießt; man macht neuen Holländer Käse künstlich alt, indem man ihn in Urin legt; und dergleichen.

Und jetzt hat ein französischer Professor ein Mittel erfunden, um künstlichen alten Wein herzustellen. Der erste beste Krätzer wird einem Strom von 100000 Volt ausgesetzt, und gleich nimmt dieser Krätzer das feine, schwere Aroma einer alten Edelmarke an.

»Oberkellner!« ruft der Gast. »Sie haben mir da ja einen miserablen neuen Wein gebracht, ich hatte doch 1911er bestellt.«

»Einen Augenblick«, erwidert der Kellner, indem er die Flasche fortnimmt, »wir haben eine elektrische Batterie im Hause. In zwei Minuten wird er zwanzig Jahre älter sein.«

Aber ein Mittel, neue Freunde alt zu machen, ein solches Mittel gibt es bis jetzt noch nicht. Man mag einen neuen Freund mit Schrot beschießen, soviel man will, oder man mag ihn in Urin legen, er wird dadurch nicht älter und nicht vertrauenswürdiger. Alte Freunde lassen sich nicht künstlich herstellen.

Deshalb gibt es auch so wenige.

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