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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 136
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Markt der Wunder

Dort, wo die Gebiete von Friedenau und Steglitz aneinanderstoßen, auf einem freien Bauplatz, hat sich ein Betrieb von Karussells, Schießbuden und Würfelbuden aufgetan.

Man nannte so etwas früher eine Vogelwiese oder einen Jahrmarkt, jetzt wird es mit einem rohen Berliner Wort bezeichnet, das wir lieber nicht aussprechen wollen.

Ich gehe grundsätzlich auf jeden solcher Jahrmärkte, den ich treffe. Diese Würfelbuden haben etwas kindhaft Erinnerndes und eine holde Ursprünglichkeit; und was das Karussellfahren anbetrifft, so liebe ich es, weil es eine der wenigen Bewegungen ist, durch die wir uns vom Tier unterscheiden.

Übrigens sind die Karussells mit der Zeit fortgeschritten, und es ist da eine neue Art aufgekommen. Als ich das letztemal Karussell fuhr (Juli 1914 in Paris auf der Place Pigalle mit Freunden, denen ich die Kunstschätze der französischen Hauptstadt zeigte), damals also saß man auf hölzernen Schweinen oder Pferden. Jetzt hängen die Sitze an langen Ketten von dem Dach des Karussells herab, und wenn das Ding sich dreht, fliegen die Sitze im weiten Bogen herum, dem Gesetze der Tangentialkraft folgend. Du hast, wenn du so fliegst, das Gefühl, als seiest du ein Planet, der um die Sonne kreist.

Aber noch etwas anderes Neues ist auf dem Steglitzer Jahrmarkt zu finden, ein Theater nämlich, in dem Okkultismus vorgeführt wird.

Es ist dies ein Institut, das sich nennt: »Théatré Mistriös. Grande Attraktion. La belle Liane«, und eine große Menschenmenge steht davor und hört einem Herrn im Frack zu, der eine Rede hält. Man kann ihn bei dem Lärm der Leierkästen nicht gut verstehen, aber ich höre doch, daß er sagt, die schöne Liane sei die größte Gedankenleserin nicht nur des Erdballs, sondern sogar des gesamten europäischen Kontinents. Alle okkulten Geheimnisse werde sie spielend lösen. Dabei weist er auf eine Tafel, die sich hinter ihm befindet, und auf der die rätselhaften Worte »Momento mori« geschrieben stehen.

Nun holt er die schöne Liane selber hinter einem Vorhang heraus und stellt sie dem Publikum vor. Liane ist reizend. Zwar etwas klein, aber hübsch angelegt, ein strammes, vergnügtes Mädchen mit einem blonden Haartuff. Solche Mädchen wurden früher Kellnerinnen und brachten in der »Hopfenblüte« den Studenten das Lagerbier; jetzt servieren sie Okkultismus, und das ist die neue Zeit, und es läßt sich nichts dagegen machen. Die Geheimnisse, mit denen sich unsere Väter flüsternd in streng geschlossenen Zirkeln beschäftigten, die werden jetzt bei den Würfelbuden aus geboten; und in zehn Jahren wird auf dem Jahrmarkt ein Herr im Frack Einsteins Relativitätslehre ausschreien, von der er keine Silbe versteht.

Allerdings die Professoren, die über Einsteins Bücher schreiben, verstehen ja auch keine Silbe davon.

Der Herr im Frack hat geendet, und eine große Menge beginnt bei Liane einzuströmen. Ich möchte gern auch hinein, aber es ist ein starkes Gedränge und eine Art von Dunst liegt darüber; so gebe ich es auf. Mich reizen alle Geheimnisse mit Ausnahme derer, die nach Schweiß riechen.

Aber auf dem Heimweg denke ich darüber nach, was die Rätselworte Momento mori wohl bedeuten mögen. Man darf es vielleicht übersetzen mit: »Du kannst im Momang sterben«; und das ist in der Tat eine Wahrheit, die nicht öffentlich genug bekanntgegeben werden kann.

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