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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 132
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vom Menschen zum Seestern

Während all dieser schwierigen Tage habe ich immer an einen Essay Emersons denken müssen, den ich vor langer Zeit einmal gelesen haben muß.

In diesem Essay behandelt der amerikanische Schriftsteller die Erscheinung, daß die ganze Welt in Ja und Nein gespalten sei und daß sich überall ein Gegensatz zwischen zwei – und nicht mehr – Stellungen erkennen lasse. Mann und Weib, groß und klein, gut und böse, dieser Zwiespalt gehe durch den Tatbestand aller moralischen und wirklichen Dinge.

Die Sache liegt nun so, daß diese Behauptung Emersons gänzlich falsch ist, ja, ich würde mir erlauben, sie als einen Unsinn zu bezeichnen, wenn ein solches Wort einem so anerkannten Autor gegenüber am Platze wäre. Gut und böse sind kein Gegensatz, sie sind nur zwei verschiedene Nummern einer langen Liste von Möglichkeiten. Und wer so oberflächlich denken wollte wie Herr Emerson, der könnte als Gegensätze noch eine ganze Reihe von Paaren anführen, wie: Pfeffer und Salz; Butter und Käse; Hund und Katze; meine Tante, deine Tante.

Es gibt überhaupt keinen Gegensatz in der Welt, sondern die Natur liegt da unschuldig und mannigfaltig, wie der Herr sie schuf; und daß eine Scheidung in Ja und Nein unmöglich ist, erkennt man schon aus der Erfahrung, daß keine der großen Fragen der Philosophie oder Naturwissenschaft mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden kann.

Wissen Sie aber, geschätzter Leser, woher es kommt, daß wir in der Welt immer nur den Gegensatz von zwei Sachen sehen wie jener Emerson, und nie von mehr? Mich will bedünken, als komme das daher, daß der Mensch in seinem Körperbau ein bilaterales, ein zweiseitiges Tier ist, wie alle höheren Lebewesen, die Affen, Kaninchen, Frösche und so weiter. Alle diese Geschöpfe haben eine rechte Hand und eine linke, die Nase vorn und den Steiß hinten, deshalb hat für sie jedes Ding zwei Seiten, deshalb ist das Recht der Menschen irrtümlicher- und gefährlicherweise auf Ja und Nein gestellt.

Aber nun gibt es Wesen, die nicht nur zwei, sondern mehr Seiten haben, weil ihr Körper strahlenförmig angeordnet ist, so die Quallen, Seesterne, Polypen. Ja, auf Helgoland habe ich einmal einen vertrockneten Seestern gekauft, der geschlagene fünfundzwanzig Strahlen hatte. Für diesen Seestern hat, solange er lebte, jedes Ding nicht zwei, sondern fünfundzwanzig Seiten gehabt, und er hat nie ja oder nein gesagt, sondern die Liste hindurch: vielleicht, man könnte meinen, wahrscheinlich, möglich, freilich ...

Auch unter den Menschen kommen vereinzelte Exemplare vor, die eine vielstrahlige Seele haben, die eine flimmernde Glorie von Wahrheiten rings um sich sehen, die Ja und Nein nicht verstehen und deshalb nie einen festen Entschluß fassen können.

Solche Menschen bringen es nicht weit; aber sie haben viel vom Leben – und sie sind unterhaltend.

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