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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Streik

In Karlsruhe sind die Scharfrichter in eine Lohnbewegung eingetreten: sie weigern sich, irgend jemanden zu köpfen, wenn man ihnen nicht die Gage erhöht.

Gleichzeitig drohen in Berlin die Schauspieler mit dem Streik; aber dieses Zusammentreffen ist offenbar nur ganz zufällig.

Die Lokomotivführer haben ihre Maschinen stehen lassen, und achthundert Frankfurter Großkaufleute, die nach Berlin wollten, mußten deshalb in Fulda liegenbleiben. Diese achthundert Großkaufleute können sich nun vorläufig das Grab des heiligen Bonifazius besehen, was für sie eine Abwechslung bedeutet und ihnen nur gut tun wird.

Die Oberkellner haben gestreikt, denn sie waren wütend darüber, daß man ihnen ein Trinkgeld gab. Sie haben ihre Forderung durchgesetzt, und wenn du ihnen daraufhin nur die Zeche bezahlst und weiter nichts, so schmeißen sie mit den Stühlen; denn jetzt sind sie wütend darüber, daß man ihnen kein Trinkgeld gibt.

Es haben gestreikt: die Totengräber und die Tanzlehrer, die Abortfrauen, die Hebammen, die Tierbändiger und die Kartenlegerinnen. Nur die Dichter, die haben noch niemals gestreikt und werden niemals streiken.

Das läßt sich vielleicht schon daraus erklären, daß alle besseren Dichter wohlhabend sind. Von Horaz über Voltaire bis zu Hauptmann gilt das so, daß der Dichter fern von der Stadt sein Landhäuschen hat, in dem sich's leben läßt. Freilich haben es nur wenige soweit gebracht wie Bernard Shaw, der in London mehrere Häuser besitzt und den armen Leuten die Mieten steigert, was ihm dann Stoff für seine ätzenden Satiren gibt.

Und die kleinen Dichter, die Jungen, Unbekannten, die im Caféhaus sitzen und in den Revuen manchmal ebenso gut schreiben wie die Großen ..., die danken ja Gott, wenn man sie überhaupt abdruckt, und die sind das Verhungern gewöhnt. Sie haben ernstere Sorgen als das Geld.

Und wenn sie einmal auf solchen Einfall kämen, wenn sie alle, die Großen und die Kleinen, sagten: Wir schreiben keinen Vers mehr, bevor die heilige Presse nicht den Preis hat, den sie verdient, ach, sie würden sehen, daß die Welt bequem auch ohne sie leben kann, und es gäbe einen Hereinfall.

In dem Gefüge der bürgerlichen Gesellschaft sind die Dichter leichter entbehrlich als die Abortfrauen.

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