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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 127
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Wanderschaft

Ich liebe es, soviel wie möglich umzuziehen, und wäre einfach unfähig, längere Zeit in denselben Zimmern wohnen zu bleiben. Nur nicht einrosten und verstauben. Beethoven war übrigens geradeso wie ich, er ist in zehn Jahren fünfundzwanzigmal umgezogen. Hier in Madrid ziehe ich von einem Hotel zum anderen, durch große und kleine. Die Eilbriefe, die mir von Berlin gesandt werden und immer noch an das erste Hotel adressiert sind, diese Eilbriefe wandern mir durch alle diese Hotels nach, in dem bekannten spanischen Posttempo, und wenn sie mich erreichen, ist die betreffende eilige Angelegenheit längst erledigt und alles in schönster Ordnung.

Ähnlich verläuft es mit den zahlreichen Bewunderern, die mich besuchen wollen, um mich ein wenig zu unterhalten. Sie gehen in das erste Hotel, werden von dort sukzessive weitergewiesen und geben es beim fünften oder sechsten auf.

Alle halben Jahre macht man dann Inventur in den Koffern. Da finden sich Haufen von wichtigen Zeitungsartikeln, die man sich ausgeschnitten hat, um sie in Ruhe zu lesen, die fliegen nun unbesehen in den Papierkorb; auch finden sich die Briefe, die nicht beantwortet wurden, und da schämt man sich sehr.

Bei der letzten Inventur fand sich in meinem Koffer ein ganz neues und sauberes Handtuch. Wie kommt ein ganz neues und sauberes Handtuch in meinen Koffer? Ich habe nie eines besessen! Nun, sehr einfach: Ich habe es in einem dieser vielen Hotels ohne böse Absicht und unbesehen eingesteckt und mitgenommen. Aber in welchem Hotel? Es steht kein Zeichen darauf. Und, du lieber Gott, ich kann doch nicht mit dem Handtuch durch zwölf Hotels von Madrid laufen und jeden Portier fragen, ob ihm das Handtuch gehört!

Deshalb behalte ich es und hege und liebe es, denn es ist ein prachtvolles Handtuch, sehr groß und wollig und muß jedem Herzen Freude machen. Wenn es mir nur auf der Wanderschaft nicht wegkommt, es gibt so viele gewissenlose Menschen.

Bei meiner Fahrt durch die Hotels komme ich mit zahlreichen spanischen Zimmermädchen in Berührung, Felipa, Concepción, Rocio, Soledad, Amelia, Cipriana, um nur einige zu nennen, und das habe ich benutzt, um unter diesen Kindern eine Enquete oder Rundfrage zu veranstalten. Ich lege jeder einzelnen zwei Fragen vor: Erstens: Gehen Sie gern in die Stierkämpfe? Zweitens: Was gefällt Ihnen in den Stierkämpfen am besten?

Die erste Frage wird von allen begeistert bejaht. Auf zwei lauten die Antworten sehr verschieden. Eine, Amelia, mit den grünen Augen, antwortete auf die Frage »Was gefällt Ihnen in den Stierkämpfen am meisten?« schlichtweg und geradezu: »Cuando lo matan« – wenn sie ihn töten; und das war einmal eine Antwort, die Hand und Fuß hatte. Vielen gefallen am meisten die Veronikas, das ist, wenn der Stierfechter das rote Tuch seitwärts weit ausgestreckt hält und das wilde Tier an sich vorbeischießen läßt. Aber nicht wenige antworten auch: Mir gefallen am meisten die Pferde. Also die Pferde, denen der Bauch aufgeschlitzt wird, daß die Gedärme herausfallen, und dann laufen diese Pferde ohne Gedärme durch die ganze Arena weiter. Kein einziges dieser Mädchen aber antwortet: »Wissen Sie, ich gehe in die Stierkämpfe ja nur wegen der künstlerischen Aufmachung und der koloristischen Effekte.« Das antworten die feinen deutschen Damen, wenn man sie fragt. Die spanischen Zimmermädchen können eine solche Antwort nicht geben, weil sie dazu nicht gebildet genug sind.

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