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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 126
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Zigeunerin und ich

Seitdem ich in Madrid lebe, also seit ungefähr zwei Jahren, stehe ich in Beziehungen zu einer Zigeunerin. Es ist das eine jener Zigeunerinnen, die in dem Vorort Cuatro Caminos hausen und jeden Mittag in die feinen Straßen der Stadt gehen, um zu betteln.

Aber sie betteln nicht so bescheiden wie die richtigen spanischen Bettler, die geduckt an der Wand stehen; sie gehen mit ihrem eigentümlich latschenden Schritt durch die Menge, treten an dich heran und strecken die Hand aus, als hätten sie ein Recht, etwas zu fordern; und sie haben ja auch ein Recht, etwas zu fordern.

 

Meine Zigeunerin ist weder schön noch jung, aber es läßt sich leicht erkennen, daß sie einmal schön und sehr jung gewesen ist, und damals muß der Umgang mit ihr außerordentlich anregend gewesen sein; sie hat grüne Augen.

Nur ihr Name stört mich etwas: sie heißt Carmen, und Carmen kann jede heißen, es ist hier ein Name wie bei uns Minna; schöner wäre es gewesen, wenn sie Ximena geheißen hätte. Doch bin ich dieses Verhältnis ja nur eingegangen, um mich im Spanischen zu üben und Sprachkenntnisse zu erwerben, die man dann im Umgang mit hohen Kreisen verwenden könnte.

Wir machten unsere Bekanntschaft so: In der Straße Zum heiligen Hieronymus – so heißen hier die Straßen – trat sie mir entgegen, ein kleines blondgelocktes Kind auf dem Arm. Dieses Kind schien mir – soweit ich mich auf Kinder verstehe ungefähr drei Monate alt zu sein und sich einer blühenden Gesundheit zu erfreuen. Aber die Zigeunermutter erklärte, ihr Kind litte an allen nur möglichen Krankheiten und werde demnächst an der Auszehrung sterben, wenn nicht schnelle Hilfe eingriffe; worauf ich mich erweichen ließ und die arme Frau in eine Apotheke führte.

Dort kaufte ich eine riesige Konservenbüchse Kindermehl und schenkte ihr noch eine Peseta dazu. Sie sah mich an, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Aber das waren nicht etwa Tränen der Rührung ob meiner Güte, wie ich vermutete, es waren Tränen der Reue über die Untat, die sie auszuführen im Begriffe stand. Denn als wir uns auf der Straße getrennt hatten und ich mich nach einer Weile umdrehte, sah ich, wie sie mit der Konservenbüchse in die Apotheke zurückging und zwei Minuten darauf ohne die Konservenbüchse wieder herauskam.

Acht Tage später begegnete ich ihr wieder in der Straße Alcalá – Ton auf dem letzten a –, wo zur Mittagsstunde die besseren Elemente spazierenzugehen pflegen. Diesmal trug sie das blondgelockte Kind nicht mit sich, dagegen war sie guter Hoffnung, und zwar so vorzüglicher Hoffnung, daß es jeden Augenblick kommen konnte.

Ich machte einige ironische Bemerkungen über dieses schnelle Glück, aber man soll zu Zigeunerinnen keine ironischen Bemerkungen machen. Sie trat einen Schritt zurück, und ihre grünen Augen wurden schwarz. Dann breitete sie ihr Umschlagtuch auseinander und forderte mich laut und gebieterisch auf, mich eigenhändig von der Echtheit ihres gesegneten Zustandes zu überzeugen.

Selbstverständlich erregte diese Szene das größte Aufsehen, die besseren Elemente bildeten einen Kreis um uns und betrachteten mich finster als einen Wüstling.

Seit jener Stunde bin ich diesem Weibe verfallen. Obgleich sie jetzt immer nur zehn Centimos bekommt, läuft sie mir nach, sie lauert mir auf am Zeitungskiosk und am Telegrafenamt; und immer ist das so: Entweder ist sie guter Hoffnung, oder sie hat ein drei Monate altes Kind, sechs Stück sind es in diesen zwei Jahren mindestens schon gewesen. Und wie das in diesem Klatschnest Madrid nun einmal so ist: Alle diese Kinder werden mir von meinen guten Freunden in die Schuhe geschoben.

Was aber die Übung im Spanischen betrifft, so reden wir meistens von Diphtherie, Brechdurchfall und Entbindungen, und mit diesen Sprachkenntnissen ist in den hohen Kreisen nur wenig Staat zu machen.

 

Jetzt war ich einige Wochen in Berlin. Dort besah ich mir den Leuchtturm auf dem Potsdamer Platz, die Kinos am Zoologischen Garten und den Entwurf zu dem neuen Beethoven-Denkmal, auf dem dieser Komponist in Form einer Gilkaflasche gehalten ist. Dann bin ich schnell nach der Stadt Madrid zurückgekehrt, wo die Straßen Zum heiligen Hieronymus heißen oder Alcalá, mit dem Ton auf dem letzten a.

Am Zeitungskiosk stand Carmen und trug ein schwarzhaariges Kind auf dem Arm. Als sie mich erblickte, da hat sie, bei Gott, einen gellenden Schrei ausgestoßen und ist mir, mitsamt dem Kinde, um den Hals gefallen, vor allen Leuten! Und nun, Schicksal, nimm welchen Lauf du willst.

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