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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 124
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Deutsche und der Granatapfel

Im Jahre 466 n. Chr. sind die Westgoten nach Spanien gekommen und haben dieses Land erobert. Einige spätrömische Schriftsteller, die sie auf ihrem Durchzug durch Frankreich sahen, haben sie geschildert: sie trugen graue Hosen, schrieen laut nach Bier, und die Männer hatten sich die Haare mit Butter eingerieben.

Jetzt im Jahre 1925, welches für die Deutschen das erste Reisejahr nach dem Kriege ist, sind die Westgoten wieder nach Spanien gekommen und haben dieses Land erobert. Sie tragen immer noch graue Hosen, und sie sitzen immer noch im Restaurant Alt-Heidelberg oder im Gambrinus und rufen nach dem Kellner. Nur tragen die Männer keine Butter mehr im Haar; das ginge auch gar nicht, weil sie ja die Haare so kurz geschoren haben, daß auf ihren Schädeln der Schein der Ampel milde leuchtet.

Die schönen Spanierinnen können sich gar nicht fassen vor Staunen über diese leuchtenden Schädel.

 

Es mögen ihrer zehntausend sein, und alle diese Zehntausend sind in meinem Hotel abgestiegen, und alle fragen sie immer nach mir. Das ist sehr nett und freundlich von ihnen; aber, liebe Herrschaften, es geht nun einmal nicht. Lächelnd antwortet der Portier – während ich daneben stehe –: »Der Herr ist in Barcelona.«

Auch auf die vielen Briefe konnte ich nicht antworten, und zwar deshalb nicht, weil ich versäumt hatte, vier Tippfräulein auf die Reise mitzunehmen.

 

Einige Proben aus den Zuschriften der letzten vierzehn Tage: Können Sie mir einen zuverlässigen Chauffeur empfehlen? Ausstellungsräume für Kunstporzellan nennen? Einliegende deutsche Gedichte in einer spanischen Zeitung anbringen? Nachsehen, ob ein Herr Schröder – oder Schröter oder Schrödter –, der 1917 in Bilbao lebte, noch dort ist, respektive wohin er verzogen ist? Mir einen dortigen Agenten für deutsche Strumpfwaren nennen?

 

Abends vor dem Diner sitzen diese Westgoten im Lesezimmer und tauschen ihre Eindrücke aus.

Ich habe ein bißchen darauf geachtet, was ihnen in Madrid am meisten imponiert. Am meisten imponiert ihnen das neue Postgebäude.

Es ist auch ein sehr schönes Postgebäude, so halb gotisch und halb Renaissance gemengt.

Die Berliner unter ihnen erkennt man daran, daß sie immer zwo statt zwei sagen. Sie halten das für einen Witz und sind der – übrigens irrigen – Meinung, daß ein Witz immer besser wird, je häufiger man ihn macht.

In dem schönsten Saal des Pradomuseums stand ein Ehepaar. Der Mann sah in seinem Buche nach und sagte zu seiner Frau: »Das ist Philipp der Zwote, von Tizian.« Und ich habe ihn lesen lassen!

So werden sie durch das ganze selige Land ziehen und werden immer zwo sagen. Sie werden nach Granada gehen und auf die Alhambra steigen. Dort ist ein weißer, stiller Marmorsaal, der heißt »Der Saal der zwei Schwestern«. Sie werden in diesen Saal eintreten und sagen: »Nu komm wa in den Saal von den zw...«

Nein, ich schreib's nicht. Und den Zungenkrebs sollt ihr bekommen!

 

Ein befreundetes Mitglied des mir nahestehenden Vereins der deutschen Delikatessenhändler fordert mich auf, ich solle doch einmal etwas über die spanische Küche und ihre Besonderheiten schreiben.

Mit Vergnügen.

 

Das Nationalgericht der Spanier ist der norwegische Stockfisch, Bacalao. Er kommt zu ungeheuren Mengen im gedörrten Zustand in den Hafenstädten an und wird in mannigfachsten Formen zubereitet; mit Essig, zerrieben und à la Biscaya, nämlich mit einer dicken Tomatensauce.

Aber wie er auch angerichtet sein mag, er schmeckt immer genau wie Katzenurin und ist deshalb durstanregend.

Ich esse ihn sehr gern.

 

Die spanische Küche ist eine durchaus bürgerliche Küche; nichts von den tausenderlei Erfindungen der Franzosen. Vom König, Don Alfonso de Borbon, bis zum Straßenkehrer ißt jeder täglich sein cocido, das ist ein Gekochtes, in dem Rindfleisch, Huhn und Wurst mit großen Erbsen zusammengetan sind. Man kann es verschieden einteilen: bei Don Alfonso wird wohl das Huhn vorwiegen, bei dem Straßenkehrer mehr die Erbsen.

Es ist gut wie alles bürgerliche Essen, aber in den Restaurants fast nie zu haben.

 

Erstaunlich ist der Reichtum der beiden Meere, und ein Gang durch die Fischmärkte der großen Hafenstädte bietet naturwissenschaftliche Belehrung. Die großen Tritonschnecken, Venusmuscheln, Heuschreckenkrebse, Gespensterkrebse – mit zwei Pfauenaugen auf dem Schwanz –, Meeresspinnen, Tintenfische; denn ebenso wie der Italiener ist der Spanier der Meinung, daß alles, was wackelt, in den Mund gesteckt werden muß.

Ferner ein schwarzes, fingerförmiges Lebewesen, das wir nur aus den zoologischen Büchern kennen: Lepas anatifera, spanisch Percebes, ein Übergangsstadium zwischen Krebs und Wurm.

Dieses Zeug kann man nicht mit Messer und Gabel essen, und auch die schöne Fürstin Eboli, wenn sie Percebes aß, hat die Finger dazu gebrauchen müssen. Dann hat die schöne Fürstin Eboli drei Tage lang danach gerochen.

 

Dem Nordmenschen, der nach dem Süden reist, sei dringend geraten, eine Olivenkur durchzumachen; vor jedem Frühstück einen Teller mit den Früchten des heiligen Baumes. Auch sich an das Öl gewöhnen, mit dem die Speisen angerichtet sind! Der Nordmensch wird bald merken, daß seine Seele geschmeidiger wird und die Unverträglichkeiten des Herzens schwinden.

 

Die Mahlzeit der andalusischen Bauern bei der Weizenernte ist so: das große Weißbrot – pan de familia – ausgehöhlt und dahinein Öl gegossen; dazu der Rotwein, den man aus der Tonkanne im Strahl in den Mund fließen läßt. Diese Bauern sind gut wie die Kinder und stark wie die Stiere; die furchtbarste Hitze halten sie aus.

Die Oliven werden übrigens in den Restaurants mit Zahnstochern gegessen; der Kellner legt dem Gast gleich statt der Gabel ein paar Zahnstocher neben den Teller hin. Auch daran gewöhnt man sich bald; man muß sich nur immer fest im Sinne halten, daß diese Zahnstocher wahrscheinlich vorher nicht gebraucht worden sind. Frühstückst du mit einer jungen Madrilenin und ist sie dir wohlgeneigt, so wird sie eine Olive nach der anderen auf ihren Zahnstocher pieken und dir in den Mund stecken.

 

Die Delikatessenfreunde in Berlin fragen besonders nach dem Granatapfel, den man gern im reifen Zustand nach Deutschland einführen möchte.

Davon ist abzuraten, es würde ein Mißerfolg werden. An dem Granatapfel ist nur der Name schön und die literarische Beziehung. Wer könnte einem Obst widerstehen, das la granada heißt! Und wer denkt nicht gleich an den herrlichen Vers aus Romeo und Julias Liebesszene:

»... Es war die Nachtigall,
Sie singt die Nacht auf dem Granatbaum dort.«

Aber die Frucht selber ist nicht schön, weder in Form noch in Farbe, ein stumpfer Apfel. Er würde sich nicht einmal zum Tafelschmuck eignen. Und sie ist außerordentlich schwer zu essen, man muß sie mit einem Messer aufschneiden und dann mit dem Löffel die zahllosen Kerne aus dem roten Glibber herausholen. Deshalb wird sie in den großen Hotels fast nie zum Nachtisch serviert.

Meine erste Granada habe ich in dem Prinzengarten von Aranjuez gegessen, an einem der schönsten Tage dieses Lebens. Ich pflückte sie ab, setzte mich unter den Baum auf den illustren Boden und schnitt sie auf. Und merkwürdigerweise habe ich erst in diesem Augenblick verstanden, warum man das bekannte und beliebte Geschoß unserer Kriege Granate nennt; eine größere Kugel mit vielen kleineren drin.

Gute, himmlische Frucht! Es führt von dir ein Weg bis zur Grenadierkaserne.

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