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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 123
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Glückssucher, Schutzheilige, Caballeros

In der Kirche San Gines.

Diese schöne, klare Kirche liegt in der Nähe der Puerta del Sol und wird von der guten Gesellschaft des Viertels viel besucht, weil sich in ihr ein wundertätiges Bild befindet. Immer knien Gläubige davor. Neben dem Bild ist ein hölzerner Kasten angebracht, in den die Frommen etwas Geld tun, damit das Wunder prompt und sicher operiere.

Denn, ach, in dieser Welt ist es schon so: auch die Wunder kosten Geld.

Eine feine, alte Dame in Schwarz tritt auf mich zu und spricht mich an. Zuerst weiß ich nicht, was sie von mir will; dann verstehe ich und erschrecke: die arme, feine, alte Dame in Schwarz bettelt. Erschüttert durch solches Elend gebe ich ihr dreißig Centimos. Die feine Dame dankt artig und wünscht mir den Segen des Himmels. Dann geht sie zu dem hölzernen Kasten und wirft meine dreißig Centimos hinein.

 

Etwas ganz Ähnliches ist mir einmal Vorjahren in Berlin passiert, und zwar in der Weinstube von Gerold, an der Ecke der Potsdamer und Bülowstraße, wo ich meinen Nachmittagsschoppen zu trinken pflege.

Ein armer, elender Mensch kam herein, um zu betteln.

Er ging von Tisch zu Tisch, und jeder der Leute, die da ihren Nachmittagsschoppen tranken, gab ihm etwas.

Als er genügend beisammen hatte, trat er an den Schanktisch und ließ sich einen Kognak servieren. »Aber bitte nicht den gewöhnlichen, einen französischen.«

 

Diese beiden Geschichten, die spanische und die deutsche, sind sich vollkommen gleich. Jeder sucht das Glück, wie er es kann, sei es durch ein Wunder, sei es durch französischen Kognak. Und jeder drückt sich gern um die Kosten.

 

In Spanien haben alle Korporationen und Berufsarten ihren besonderen Patron. Nur die Schutzmänner von Madrid hatten bisher noch keinen, und sie empfanden diesen Mangel auf das schmerzlichste. So veranstalteten sie eine große Versammlung, in der nach stürmischen Debatten der heilige Schutzengel als Schutzpatron der Schutzleute von Madrid gewählt wurde.

Der Schutzmann beschützt den Bürger, der über den Damm will, und wird seinerseits durch den Schutzengel beschützt. Und nun kann man sich ganz sicher fühlen in dieser liebenswürdigen, aber etwas turbulenten Stadt.

Die heilige Barbara ist die Schutzpatronin der Artilleristen. Das weiß jeder: in den Gemäldegalerien sieht man oft das Bild des schönen Mädchens mit dem Festungsturm im Hintergrund.

Aber ganz merkwürdig mutet es an, wenn man hört, daß die Heilige Jungfrau von der unbefleckten Empfängnis die Schutzpatronin der Infanteristen ist. Denn da kann man nun tagelang darüber nachdenken, welches die Beziehungen zwischen den Infanteristen und der unbefleckten Empfängnis sind, man wird es nicht herausbekommen.

Der heilige Franz von Sales ist der Schutzpatron der Journalisten. Der heilige Franz von Sales war ein sehr feiner Schriftsteller, er hatte einen vorzüglichen Stil und ist später Minister geworden.

Wir müssen nur recht fleißig zu ihm beten.

 

Mitten in der Geschäftszeit fährt der Straßenbahnwagen durch die Straße Fuencarral.

Nun muß gesagt werden, erstens, daß hier die Geschäftszeit nur sehr kurz ist, sie fängt für bessere Elemente so um elf Uhr an und schließt schon vor ein Uhr, es bleibt also nicht viel Zeit übrig; zweitens, daß die Straße Fuencarral eine außerordentlich enge Straße ist, in der die Straßenbahnwagen immerfort steckenbleiben und auf ein Nebengleis müssen; in Berlin wären wir alle längst wahnsinnig.

Es fahren in dem erwähnten spanischen Straßenbahnwagen einige Kaufleute mit, die an die Arbeit wollen, und viele alte Damen mit schwarzen Schleiern und Rosenkränzen, denn wir haben heute das Fest des heiligen Antonius Abbas. So ziehen wir seit einer Stunde gemeinsam unserem Ziele zu.

Schön. Aber da wollen noch zwei Herren mit, sie winken und lassen den Wagen halten. Jedoch, wie der Wagen hält, steigen die beiden Herren nicht etwa gleich ein, im Gegenteil, sie fangen gerade dann erst ein großes Gespräch an, klopfen sich gegenseitig auf die Schulter und lassen uns alle warten, bis der Schaffner sie endlich zum Aufbruch gemahnt. Aber da wird nun eine der alten Damen ärgerlich und sagt zu dem Schaffner: »Warum drängen Sie denn die Herren so, es hat ja kein Mensch Eile.«

In der Tat hat niemand von uns etwas versäumt, wir sind alle zur rechten Zeit angekommen.

 

Warum ich solche kleine Geschichten erzähle: Weil ich glaube, daß solche kleine Geschichten für das Wesen eines merkwürdigen Volkes reicher an Lehre sind als der Aufsatz des Rasseforschers. Nur wer das Glück hat, längere Zeit bei diesem Volke zu leben, der kennt seinen Alltag und soll darüber berichten; denn allemal sind der Alltag und der Omnibus wichtiger als die Sehenswürdigkeiten und die Kirchenprozessionen und als alle Bilder von Greco.

Außerdem sollen die kleinen Geschichten als Paradigmen einer wissenschaftlichen Untersuchung dienen, die ich anzustellen im Begriffe bin. Nämlich so: Ich möchte einmal erforschen, wie das liebenswürdige spanische Volk – dessen Nationaldichter ein Humorist war – in den Ruf gekommen ist, ein finsteres und stolzes Volk zu sein. Das reden alle, die noch nie in Spanien waren, das sagen alle, die mit Cook durch das Land reisten und die Nase dabei ins Buch steckten.

Wahrscheinlich kommt das Gerede von den Religionskriegen her, wo die Spanier die ganze Welt beherrschten und es mit der Verbrennerei vielleicht etwas übertrieben haben; die Erinnerung an die furchtbaren napoleonischen Befreiungskriege mag hinzukommen.

Aber seit der Zeit haben die Spanier in diesem Jahrhundert viele reizende Königinnen gehabt, Maria Luisa, Christiane und Ysabel, die es liebten, ihre Wachtsoldaten zu Staatsministern zu machen und Maskenbälle mit ihnen zu veranstalten, und das hat in das öffentliche Leben einen gewissen Schwung gebracht.

 

Das wichtigste Erlebnis oder die wichtigste Erfahrung, die wir haben, wenn wir hier ankommen, ist die, daß die Spanier eben gar nicht finster und stolz sind, daß den ganzen Winter getanzt wird, und den ganzen Sommer gibt's Lampions, und die jungen Leute balgen sich auf der Straße, man scherzt und singt und ist gefällig.

Seit zwei Jahren frage ich mich, wie ist es möglich, daß ein solcher Unsinn immer und immer wieder in den Reiseberichten steht? Unter den Völkern der Welt ist das spanische ganz einfach das fröhlichste. Hier auf den großen sonntäglichen Promenaden der Castellana und der Recoletos hört man immer wieder das offene Lachen; sie sind viel zu gescheit, um solche Komödien zu spielen.

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