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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 122
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Kloster

Nicht weit von Burgos liegt in der Ebene das Nonnenkloster Huelgas, das man besuchen muß, weil sich dort die Gräber des Königs Alfons VIII. und seiner Gemahlin Eleonore von England befinden. Mit dem König Alfons VIII. und seiner Eleonore aber hat es folgende Bewandtnis:

Als Alfons noch jung war, wohnte er zu Besuch in Toledo am Hof des Mohrenfürsten. Dort in Toledo lernte er eine junge Jüdin kennen, eine Jüdin von Toledo also, die Rachel hieß und mit der er ein Liebesverhältnis begann. Zwar redeten ihm seine geistlichen Berater von diesem sträflichen Beginnen ab, aber er hielt immer nur noch fester zu seiner Rachel, so daß diese ein Kind bekam. Und erst da wurde Alfons sich seiner Sünde bewußt, und er beschloß, sich zu kasteien.

Er begann die Kasteiung damit, daß er die Rachel verbrennen ließ; das Kind natürlich auch, denn es ging in einem hin. Dann heiratete er eine englische Prinzessin mit Namen Eleonore. Aber da ihm das alles noch immer nicht genug der Buße schien, gründete er hier das Frauenkloster Huelgas und setzte fest, daß daselbst hundert vornehme Frauen sich der Keuschheit zu ergeben hätten, ohne Unterlaß und ihr ganzes Leben lang.

 

Der gebildete Leser hat längst gemerkt, worum es sich handelt; es ist das Thema jenes süßen, schwülen, zweideutigen Theaterstückes, das der Grillparzer in stillen Nächten zusammengeschrieben hat. Er hat dieses Stück niemandem gezeigt, erst nach seinem Tode fand man es und zog es aus dem Tischkasten hervor als einen Beweis dafür, worauf alte und ledige Männer kommen können in ihren stillen Nächten. Ich erinnere mich, Anmerkungen gelesen zu haben, die er zu der »Jüdin von Toledo« schrieb. Diese Anmerkungen strotzen nur so von wogenden Frauenbrüsten.

Deshalb fährt man jetzt – das angenehme Bild vor Augen – im Automobil zu dem Kloster Huelgas hinaus, wo er und seine Engländerin begraben liegen. Das Kloster steht still unter hohen Bäumen da, und weiblicher Gesang tönt daraus hervor, der Gesang der Nonnen, die immer noch so keusch bleiben müssen, weil ein ferner König ein Judenmädchen geliebt hat.

Drinnen knien sie hinter großen Glasfenstern, kaum erkennbar, mit spiegelnden Gesichtern. Und die Gräber des Königspaares stehen rechts und links vom Hochaltar.

Er hat einen Lockenkopf, hübsch frisiert, mit schlaffen gesenkten Augen; der Mann, den die Frauen beherrschen und der die Frauen verrät. Eleonore aber sieht aus, wie er es verdient hat.

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