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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 121
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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In den Spielsälen von Sebastian

Jeden Morgen um ein Uhr nehme ich mir vor, nun nicht wieder in den Spielsaal von San Sebastian zu gehen, und jeden nächsten Abend gehe ich doch wieder hin. Das Glücksspiel wird wohl demnächst ganz aus der Welt verschwunden sein; in Frankreich ist es schon verboten, in Spanien soll es jetzt verboten werden, da muß man von dieser holden Torheit noch soviel mitnehmen, wie man mitnehmen kann.

Außerdem lohnt es sich nicht mehr für die kurze Zeit, noch aufzuhören.

Dann muß auch gesagt werden, daß dieser Spielsaal von San Sebastian, der Kursaal, ein ganz ungewöhnlich erfreulicher Aufenthaltsort ist und daß man wahrscheinlich weit in der Welt herumreisen müßte, um soviel anmutige Frauen beisammen zu sehen wie hier. Und wenn diese anmutigen Frauen sich vermutlich nicht durch die bei uns anderen Leuten vorhandene Sittenstrenge auszeichnen, so tragen sie dafür um so schönere Brillanten an den Fingern, und das ist auch etwas wert.

Es ist ein Anblick von bemerkenswerter Eleganz, wie diese holden Geschöpfe sich unter den glatten Säulen des Saales einherbewegen, wie sie von ihrem Kavalier einen Tausendpesetenschein entgegennehmen, ohne ihn – den Kavalier und den Tausendpesetenschein – anzusehen, und wie sie hinterher auf den Kissen des Diwans zu ernster Beratung beisammensitzen.

Seit gestern bin ich auch Ehrenmitglied des Spielklubs von San Sebastian, oder richtig »De los salones privados« geworden, indem ich eine Dauereintrittskarte erworben habe, was nicht ganz einfach war. Es wurde erst viel nach dem Paß und allerlei Referenzen gefragt.

Dafür ist mir auf dieser Karte – sie trägt die Nummer 12036 – ausgestellt worden, daß der Inhaber dieser über genügend Alter, Würde und gesellschaftliche Beziehungen verfügt, um sich dauernd in den Salones privados bewegen und wünschenswert betätigen zu können.

Auf diese Karte bin ich sehr stolz; ich werde sie anstatt meines Doktordiploms aufheben, das mir im Laufe der Zeit verlorengegangen ist.

 

Gespielt habe ich trotzdem nicht viel, denn es ist schwer, da plötzlich mitzutun, besonders wenn man die fremde Sprache noch nicht ganz beherrscht. Auch geht an jedem Tisch etwas anderes vor sich, Pferdchen in verschiedenen Arten, Roulette und das ernste Bakkarat, bei dem jeder einzelne Spieler die Karten aus einem Kasten ziehen und ansagen muß.

Wahrscheinlich wäre ich gar nicht zum Spielen gekommen, wenn sich nicht eines der schönen Fräulein meiner angenommen hätte. Sie saß neben mir und empfand offenbar Mitleid mit meiner Unbeholfenheit. So mußte ich zuerst auf ihr Geheiß beim Croupier für hundert Peseten Spielmarken kaufen; dann aber übernahm sie selbst die Direktive, indem sie mit schlanker Hand meine Marken über alle Möglichkeiten des Tisches verteilte, über paar und unpaar, auf die Linie oder daneben, einzeln oder alle in einem kleinen Turm. Ich verstand davon nicht viel, sondern überließ mich wohlig dieser durchsichtigen Hand, die für zwei Minuten mein Schicksal führte und an der eine schwarze Perle von unwahrscheinlicher Schönheit glänzte.

Als ich mich dann dankbar von dem Fräulein verabschiedete und an den Schalter zur Abrechnung ging, da hatte ich statt hundert Peseten deren hundertsechzig, und für diese sechzig Peseten Gewinn habe ich mir am nächsten Tag auf der Alameda drei echt englische Unterhemden gekauft.

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