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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 120
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Bayona

Jeden Nachmittag sitzt die alte Fischersfrau auf der Bank vor dem Hotel und verkauft saure Birnen. Jeden Nachmittag setze ich mich zu ihr und kaufe ihr für zwanzig Centimos saure Birnen ab, die ich nachher durch das Flurfenster in den Garten werfe; es wird sich schon jemand finden.

Die alte Fischersfrau erzählt mir, und ich gebe es genau wieder, ohne nachprüfen zu können: Mein Mann fährt jeden Nachmittag um sechs Uhr mit dem Dampfer auf See und bleibt die Nacht draußen. Sind Fische da, kommt er schon um acht zurück. Aber die Fische sind meist nicht da, sie gehen mit dem Strom (?!) nach Portugal, dann kommt er erst um zwölf mittags; er ißt etwas, schläft ein paar Stunden und geht wieder zur Mole. Mehr als zwei oder drei Peseten verdienen wir kaum.

Das wäre also ein Achtzehnstundentag. Oder eine Achtzehnstundennacht.

Am Tage, nachdem die alte Fischersfrau mir das erzählt hat, bin ich zur Mole gegangen, um mir das Ding anzusehen. Kleine Dampfer liegen da, mit schwarzen Netzen hoch beladen; und zur rechten Zeit kommen die Leute an, jeder in der einen Hand die Teerjacke, in der anderen ein Schnupftuch mit etwas Vorrat.

Sie sind nicht besonders groß von Statur, aber fest und gerade mit ruhigen, etwas eckig geschnittenen Gesichtern. Alle sind vergnügt und zu Spaßen aufgelegt; sie lachen und necken und stoßen sich, und zwei Jüngere haben ein Zeitungsblatt zu einer Kugel geknüllt und spielen eine Partie Fußball auf dem Weg zur Arbeit im Meere draußen.

 

Die Chronik der Stadt Bayona ist jetzt in einer Neuausgabe erschienen; man kann das Buch hier in der Apotheke für fünf Peseten bekommen. Denn Bayona bei Vigo am Atlantik, das jetzt ein stilles kleines Seebad ist – die Deutschen von Madrid kommen gern hierher –, diese Stadt hat eine glorreiche Geschichte hinter sich. Sie liegt neben der großen Seeschiffahrtsstraße, wo immer etwas passiert.

Ich schreibe aus dieser Chronik einige Daten ab.

Am 14. Oktober 1740 fingen die Bayoneser das englische Schiff »Maria«; Ladung: Butter, Leinwand und anderes Stückgut.

Am 16. Februar 1741 fuhr die Bayoneser Fregatte »Jesus Maria« aus und fing das englische Schiff »Polly«, Kapitän Parker, Ladung: Stockfisch im Werte von 76 000 Realen.

Am 27. August desselben Jahres brachte unser Kapitän Cores ein holländisches Schiff von dreißig Tonnen ein; Ladung: Hüte und Käse.

Am 27. November desselben Jahres fuhr das Bayoneser Schiff »Sankt Telmo und die Seelen« aus und fing das englische Schiff »William«; Ladung: Salz, Zitronen, Apfelsinen und Tabakrollen.

Das war die alte Zeit. Ich habe diese Daten deshalb wiedergegeben, weil ich weiß, daß es jedem gesunden Menschen Freude macht, so etwas zu lesen.

Der Chronist fügt hinzu: die weggenommenen Ladungen wurden im Stadthaus untergebracht, und es waren ihrer manchmal so viel, daß jeder Hund in Bayona mit einem Holländer Käse im Maul herumlief.

 

Es ist zwölf Uhr mittags, und die Welt steht still.

Ich sitze am Strand unter dem Regenschirm. (Ach, nicht um mich vor dem Regen zu schützen, sondern vor dieser gräßlichen Sonne. Seit drei Monaten wissen wir nicht, was Regen ist, wie eine Wolke aussieht, seit drei Monaten brennt der blaue Himmel; und nur wer es drei Monate lang durchgemacht hat, weiß, wie der blaue Himmel dem Menschen zum Halse herauskommen kann.)

Ich sitze am Strand unter dem Regenschirm. Das Meer spiegelt, und dahinten am Horizont leuchten die weißen Häuser des Hafens.

Des Hafens? Erlauben Sie mal, welches Hafens denn? Dahinten ist das weite, offene Meer, da gibt es keinen Hafen bis New York.

Ich nehme das Glas: ganz deutlich sind das da drüben Häuser, mit Fenstern und Türen; ein langer Hafenkai. Aber da zuckt es, der Kai wird eine Welle, verschwindet, kommt wieder.

Fata Morgana. Vielleicht die Spiegelung der Brandung um ein fernes Riff, ganz unermeßlich weit draußen in der Einsamkeit. Wie gut, daß man das gesehen hat. Es ist wichtiger, das gesehen zu haben als etwa eine Neueinstudierung des »Käthchen von Heilbronn«. Es ist wichtiger und schöner und viel, viel stiller.

 

In seinem »Tod in Venedig« zieht Thomas Mann einen Vergleich zwischen Badeorten mit Sandstrand und Badeorten mit Felsstrand und sagt dazu (ungefähr): In den Badeorten mit Sandstrand kommt man mehr zu dem Meere in Beziehung. Das ist vielleicht das einzige Mal, daß der große Prosaist etwas Unrichtiges und schlecht Beobachtetes sagt.

Es ist genau das Gegenteil wahr. Auf dem Sandstrand Heringsdorf bleibt man immer fünf Meter vom Wasser weg. Hier streute das Gebirge seine riesigen Trümmer bis weit in den Ozean, und du kannst hinausklettern ohne Gefahr oder doch nur mit einer geringen. Du klammerst dich an granitene Rippen, und der Fuß sucht tastend einen sicheren Block, der nicht wackelt. Dann findest du ein steinernes Lager zum Ausstrecken, das Meer dicht neben dir, daß du die Hand hineinhalten kannst; ja, unter dir gurgelt es und blinkt und funkelt wie das grüne Gewölbe mit tausenderlei Kleinod, und Krabben sitzen da und sehen dich von der Seite an.

Nur darfst du nicht einschlafen. In zwei Stunden kommt die Flut und würde dich fangen und festhalten; und vielleicht warten Krabben nur darauf.

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