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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drei Reiche

Der Monarch besucht seine treue Stadt, in der er einige Reden zu halten gedenkt.

Die Straßen sind abgesperrt.

Am Tor hat man Tribünen errichtet, mit weißen und roten Tüchern ausgeschlagen, eine große Menge wogt festlich, bekränzte Jungfrauen stehen zuhauf; Hurrarufen und Tücherschwenken; und der Herr Oberbürgermeister bückt sich tief vor seinem Herrn, der einen vergoldeten Adlerhelm trägt.

Die Zeitungen berichten abends, daß der hohe Herr ein sehr leutseliges Wesen zur Schau zu tragen geruht hat.

Das war das Reich der Majestät, das jetzt vorbei ist.

Der amerikanische Boxer kommt in der Stadt an, in der er ganz nackt aufzutreten gedenkt.

Die Straßen sind abgesperrt.

Am Bahnhof warten hunderttausend Menschen, die sich gegenseitig die Kleider vom Leibe reißen, um näher an den Helden heranzukommen. Man schreit und schlägt sich, fünfunddreißig schwangere Frauen fallen in Ohnmacht, achtzehn Säuglinge werden erdrückt, und die Polizei hat Mühe, den Gast in sein Automobil zu retten.

Dann fährt der Boxer in das fürstliche Hotel, wo eine Flucht von Zimmern für ihn belegt ist; er empfängt die Spitzen der Bürgerschaft und äußert sich in einer kurzen Ansprache, wie sehr ihn dieser herzliche Empfang überrascht habe.

Am Abend berichten die Zeitungen, daß der Boxer einen Bizepsumfang von zweiundvierzig Zentimetern hat.

Das ist das Reich der Kraft, das immerdar währt.

 

Der größte Philosoph kommt in die Hauptstadt, um seine Vorlesungen zu beginnen.

Die Straßen sind abgesperrt.

Alle Universitätsprofessoren des Landes haben sich eingefunden, um ihm neidlose Huldigung darzubringen, und die Ministerien warten unter dem goldenen Zelte. Und alle Dächer und Fenster sind mit unzählbaren Menschen besetzt; die jubeln dem Gelehrten zu und werfen Blumen auf seinen Wagen, der langsam weiterfährt, von den edelsten Frauen der Stadt schreitend begleitet.

Man fährt in den Dom, weil sonst kein Raum der Stadt groß genug für die Zahl der Schüler ist, und nach einem Spiel der Orgel beginnt der Philosoph seinen Vortrag über die Grenzen der Ewigkeit.

Die Zeitungen berichten am Abend, daß die schönen braunen Locken des Meisters schon zu ergrauen beginnen.

Das ist das Reich des Geistes, auf das wir lange warten können.

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