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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 118
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der erste Künstler

Als in Madrid das Thermometer bis zu 41 Grad gestiegen war; als die Damen in der Alcala begannen, im Hemd herumzulaufen; als ich im Retiro einen älteren Herrn mit Glatze gesehen hatte, der sich einen Ventilator über seine Glatze hielt, da, in diesem Augenblick erhielt ich einen Brief des Professors Obermaier aus Altamira. Professor Obermaier, Ordinarius für Prähistorie der Universität Madrid, schrieb mir: »Wir graben in der Höhle von Altamira Eiszeitschichten aus. Wollen Sie nicht für einige Zeit herkommen und mitgraben?«

Zwei Stunden später saß ich im Zug nach Altamira. Ich habe mich bis jetzt um die Eiszeit nicht viel gekümmert; aber sie muß ihr Gutes gehabt haben.

 

Die Höhle von Altamira, das ist die Höhle mit den berühmten Grottenmalereien. Sie liegt dreißig Kilometer von Santander, im Kantabrischen Gebirge, und ist schwer zu erreichen; auf viele Meilen ringsherum ist kein Hotel oder Gasthof, und wer da oben einige Tage bleiben will, hat noch nebenbei das Glück, einige Tage bei spanischen Bauersleuten wohnen zu müssen.

Sie wurde vor fünfzig Jahren entdeckt, zufällig, und durch Leute, die nicht zum prähistorischen Fach gehörten. Diese Leute fanden Schichten aus der Eiszeit – zwanzig Jahrtausende vor Christus – und dann jene merkwürdigen naturalistischen Tierbilder, die bald durch Reproduktionen in der ganzen Welt bekannt geworden sind.

Als die prähistorische Fachwissenschaft diese Reproduktionen erblickte, erklärte sie die ganze Geschichte für Schwindel. Denn, folgerte man damals, es hat in der Eiszeit keinen Künstler gegeben, der so gute Bilder hätte malen können. Später wurden dann noch andere Höhlen mit ähnlichen Bildern entdeckt, und heute ist alle Welt überzeugt, daß die Bilder von Altamira echt sind und nicht etwa später nachgemacht wurden. Denn, so folgert man jetzt, es gibt heutzutage keinen Künstler, der so gute Bilder machen könnte.

 

Eine einfache, vergitterte Tür am Hügelhang. Ich werde mit einem alten Regenmantel bekleidet und bekomme eine Azetylenlampe. Dann faßt mich Professor Obermaier an der Hand und kriecht voraus in das Geheimnis. Ein bißchen Herzklopfen hat man schon.

Ganz niedriger Raum; so niedrig, daß die Besucher mit ihren Mützen an der Decke entlang streichen (deshalb wird der Fußboden jetzt niedriger gelegt). Und an dieser Decke nun, unregelmäßig verteilt, hier und da hingesetzt, wo eine Stelle frei war: große Bilder von Tieren, Bisons, Pferde, eine trächtige Hirschkuh.

Vollkommen realistisch; im Augenblick gefaßt, in einem Augenblick, der Äonen zurückliegt und nicht anders war als dieser hier. Muskeln spannen sich; Augen sehen wild; die Stiere scheinen zum Galoppieren anzusetzen; die Hirschin hat einen Blick ins Waldgrüne hinein, daß man erschauert. Ein ganz großer Künstler hat hier gearbeitet und das gemacht. Zwanzig Jahrtausende vor Christus.

 

Ja, aber was heißt das alles? Wo findet man Erklärung und Zusammenhang? Was soll diese Häufung von Kunst in der schauderhaften, wüsten Höhle? Und in der Ferne der Zeitalter?

Die prähistorische Theorie sagt: Jäger haben diese Bilder gemalt, um das Wild zu bezaubern, um es vor die steinerne Lanzenspitze zu bannen. Das ist vollkommen unwahrscheinlich; schon deshalb unwahrscheinlich, weil alle diese Werke offenbar von ein und derselben Hand stammen. Und weil es Werke eines Künstlers, sind. Seit wann malen denn Jäger so? Jäger sitzen am Tisch, trinken Bier und erzählen ihre Heldentaten. Es gibt große Künstler, die Jäger waren; aber es hat noch nie einen Jäger gegeben, der ein großer Künstler gewesen wäre.

Auch sind diese Bilder keine Typen, sondern Tierporträts; jedes Stück anders und besonders; nach dem Leben gemalt; oder vielmehr nach dem toten, eben erlegten Wild.

 

Vielleicht hat der damals regierende König die Bisons, die er schoß, durch seinen Hofmaler zeichnen lassen; und dieser Hofmaler war zufälligerweise ein Genius. Und die Untertanen standen hier und flüsterten sich zu: »Das ist S. M. siebzehnter Bison.«

Aber warum in die Finsternis damit? Und warum an diese ganz niedrige Decke, daß man sich auf den Rücken legen muß, um die Bilder zu überschauen?

Wir wissen nichts. Wir wissen nur, daß wir vor einem der merkwürdigsten Phänomene des menschlichen Wesens stehen.

Der Fall ist bis jetzt nur von den Gelehrten behandelt worden. Nun sollte sich einmal ein Kunstkritiker herbemühen.

Denn schließlich ist es ja gleichgültig, zu welchem Zweck und aus welchem Wunsch heraus diese Bilder entstanden; festzuhalten wäre vielmehr die künstlerische Persönlichkeit, die sich ebenso umzeichnen ließe wie der anonyme »Meister vom Tode Maria«.

Einer der Stiere hat acht Beine, vier stehend, vier galoppierend. Obermaier erklärt, es seien zwei Tiere hintereinander. Und wenn es sich nun um den Versuch handelte, die Bewegung darzustellen? Wie Liljefors einer fliegenden Ente sechs Flügel malte?

 

Dieses ist das älteste uns bekannte Kunstwerk; es ist gleich eines der Größten. Wann werden die Einfaltspinsel bekehrt sein, die immer noch von einer Entwicklung der Kunst reden?

Die Bilder haben nichts gemeinsam mit den stilisierten Formen der Künste, die uns bisher als die ältesten galten, der Ägypter und Babylonier. Am ähnlichsten sind sie dem modernsten Expressionismus. Man denkt an Matisse und Kokoschka.

Die Menschen jener Zeit hatten noch kein Metall und keine Töpferware; keine Haustiere und kein Getreide und kein Gewebe. Sie hockten nackt am Boden und bissen halbverbrannte Bärenknochen auf. Aber sie wußten, was Kunst ist.

Einige Bilder einer anderen Hand sind in der Höhle erhalten; sie sind nachweisbar älter und sind kleinlicher in der Auffassung, ohne Schwung.

Es hat also schon damals Richtungen gegeben, die sich bekämpften und ablösten; Akademie und Zurückgewiesene; Verein Altamirer Künstler und Sezession, Trottel und Talente.

Und die Hoffnung liegt vor, daß es Trottel und Talente immer geben wird bis ans Ende der Welt.

 

Drei Tage habe ich da oben im Gebirge mit graben dürfen, und das sind nicht die schlechtesten drei Tage meines Lebens gewesen.

Bei diesen Grabungen handelt es sich nicht um die Bilder selber, sondern um Küchenabfälle der Eiszeitmenschen. Denn die Eiszeitmenschen haben am Eingang der Bildhöhle gegessen; sie waren – wie alle künstlerisch veranlagten Menschen – Schweine und haben alles, was vom Tisch fiel, einfach liegenlassen. Knochen, Muscheln; jahrtausendelang, so daß es eine meterhohe, torfartige Schicht wurde.

Ein Arbeiter nimmt mit Händen die schwarze Masse auf und tut sie in flache Siebe; diese Siebe werden den Historikern herausgebracht, die sich darumsetzen und alles durchsuchen. Mit Holzstäben ... aber, wenn eine wichtige Stelle kommt, muß jeder Krümel zwischen den Fingern zerrieben werden.

Fünf Mann sitzen wir da herum mit schwarzen Händen: der Professor, sein Schüler, ein Grande von Spanien, ein belgischer Jesuitenpater und ein Feuilletonist aus Berlin. Und wenn wir einen zerbrochenen knöchernen Zahnstocher finden, sind wir glücklich.

 

Während wir so dasitzen, steigen sechs junge Damen mit ihren Kavalieren im Gänsemarsch den Berg herauf, um die Höhle zu besichtigen.

Diese sechs Damen kommen von San Sebastian, haben also eine große Reise hinter sich. Erst mußten sie vierundzwanzig Stunden mit der Bahn nach Santander; dort haben sie zusammen mit ihren Kavalieren übernachtet; von da wieder mit der Bahn nach Torrelavega; dann auf Eseln nach Santillana und schließlich zu Fuß den Berg herauf. So sehr interessieren sich junge Damen für die Prähistorie.

Aber am Eingang gibt es einen Zwischenfall. Die eine der Damen hat einen japanischen Sonnenschirm, und der Wärter erklärt ihr, daß sie diesen Schirm nicht mitnehmen dürfe. Warum sie den Schirm nicht mitnehmen dürfe? Weil niemand einen Schirm oder Stock in die Höhle nehmen dürfe. »Schön«, sagt sie, »wenn ich meinen Sonnenschirm nicht mitnehmen darf, verzichte ich auf die ganze Höhle und bleibe draußen.«

Und zwei Stunden lang, während die andern drinnen waren, hat sie unter dem Baum auf dem Rasen gesessen, böse blickend, und hat sich ununterbrochen mit dem Schirm gegen die Schuhspitze getippt.

Auch darin hat sich nichts geändert. So hat sie schon vor zwanzig Jahrtausenden dagesessen, mit ihrem japanischen Sonnenschirm; töricht und bezaubernd.

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