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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 115
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Manzanares

Der Manzanares

Der Manzanares ist ein Gebirgsbach, der von den Höhen der Guadarrama herunterkommt. Wie alle Gebirgsbäche führt er nur wenig Wasser – und im Sommer ist er manchmal ganz versiegt. Er rieselt durch die steinige Ebene Kastiliens herbei und fließt dann unter den stolzen Hügeln Madrids vorüber.

Weil er so klein ist, kann man nicht einmal die Abwässer der Stadt in ihn überführen; also alle die Flüssigkeiten, die wir hier in Madrid erzeugen; denn sonst würde er von unseren Flüssigkeiten überlaufen. Rein und keusch fließt er weiter, es weiß eigentlich kein Mensch recht, wohin.

 

Seit Jahrhunderten werden über diesen Fluß zahllose Witze gemacht, weil er so klein ist; jeder Reisende, auch die Berliner, zucken die Achseln; wenn sie den Manzanares sehen, der Pracht des heimatlichen Stromes eingedenk.

Auf dem Büchermarkt, den es hier am Südbahnhof gibt, habe ich ein kleines Heft gefunden, in dem alle je über den Manzanares gemachten Witze verzeichnet sind. Alexandre Dumas zum Beispiel, der Vater, sagte: »Wenn man auf der Brücke niest, fliegt unten der Fluß weg.« Ein deutscher Gesandter, dessen Name nicht genannt wird: »Der Manzanares ist kein Fluß, sondern die Idee eines Flusses.« Das sollte eine geringschätzige Bemerkung sein; denn wenn wir Deutschen von einer Idee sprechen, meinen wir etwas ganz Geringfügiges. »Geben Sie mir noch eine Idee Käse«, das heißt ein kleines Stück Käse.

Den besten Witz über den Manzanares hat der König Ferdinand VII. von Spanien gemacht. Er fuhr mit seiner goldenen Kutsche den Flußlauf entlang. Vorher aber ließ er den Manzanares sprengen, damit es nicht so staubte.

Und jetzt vor ungefähr zwei Monaten ist ein Selbstmörder von der Brücke in die Fluten herabgesprungen, um seinem Leben ein Ende zu machen. Er fiel in den Sand, klopfte sich die Kleider ab und fuhr mit der Straßenbahn wieder nach Hause.

Armer Manzanares.

 

Aber Goya hat ihn immer wieder gemalt. Von der unteren Seite des Flusses her mit dem Blick auf die Silhouette der Stadt. Und dann mit Buschwerk und Schilf; mit Zigeunerinnen, die dreist am Ufer stehen, und mit verdächtigen Männern, die Zigarillos rauchen.

Einen solchen Manzanares muß es also doch irgendwo geben; er scheint den Witzemachern nur entgangen zu sein.

Überhaupt muß der Goya ein ganz eigentümlicher Mensch gewesen sein. Er war taub und sprach fast nie etwas, aber trank viel. Und in Rom hat er einmal einen Prinzen verhauen, der etwas an seinen Bildern getadelt hatte. Wer so ist, der sieht schon manches im Leben.

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