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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 114
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Spaziergang in Tripolis

Man gehe zum Beispiel in Tripolis auf den Brotmarkt an der alten Mauer, er ist der größte und der schönste von allen.

Da liegen auf niedrigen Tischen zu Tausenden diese merkwürdigen orientalischen Brote, die anders sind als unsere nordischen Brote, weil sie nämlich nicht geschnitten werden, sondern gebrochen. Sie sind klein und kuchenförmig und handlich; es ist das Brot, das auf dem abendlichen Tisch von Emmaus gelegen hat. Wenn man es so duftig und knusprig liegen sieht und mit geheimnisvollen Kräutern bestreut, bekommt man schon von selbst die Lust, es in beide Hände zu nehmen, zu zerbrechen und die Stücke zwischen den Kindern und dem Gesinde am Tisch rundherum zu verteilen.

Die Patriarchengebärde, die am Grund des Sakramentes liegt.

 

Die schönste Straße in Tripolis und eine der merkwürdigsten Straßen der Welt überhaupt – meinem Gefühl nach schöner als der Broadway in New York – ist der Sukh-el-Turk, der sich durch die ganze Stadt zieht. Fast in seiner ganzen Länge aber ist er von einem Weinstock überwachsen, der neben der Moschee schenkeldick aus dem Boden wächst und dann staketartig hingezogen wurde. Ist der Broadway von einem Weinstock überwachsen, der neben der Moschee herauswuchs? Nein, na also!

In dieser Straße wird nur das Prächtige und Kostbarste verhandelt. Silberne Teller mit Fabeltieren, in Reihen eingehämmert. Der Kenner sieht sofort phönizische Formen, die sich hier in dem verlorenen Winkel der Welt gehalten haben durch die Generationen der Eroberer. Gold, schönes, achtzehnkarätiges in Filigranarbeit gefaßt. Zu Tausenden verkauft wird die merkwürdige flache Hand, die man irrtümlich die Hand der Fatme nennt. In Wahrheit aber ist es die Hand Allahs, sie schützt vor dem bösen Blick; und du stehst da unter der heiligen Rebe und handelst um die goldene Hand Gottes. Handele ja recht lange, ziehe es hin, dieses seltene Geschäft, denn bald mußt du wieder mit der Straßenbahn fahren!

Auch halbe Elefantenzähne sind zu haben, schön gelb, und drei Meter lange Schlangenhäute von kolossalen Schlangen, die hier gleich dicht in der Umgegend leibhaftig herumgekrochen sind, vielleicht gerade neben dem Grand Hotel.

 

Schließlich habe ich mir eine kleine Schnur Kaorimuscheln gekauft bei einem alten Mann, der an der Straßenecke auf dem Boden saß und der so aussah, wie man sich den heiligen Jakobus den Älteren vorstellt. Ich kaufte sie, weil Kaorimuscheln etwas ganz Afrikanisches sind, weil sie Glück bringen und weil ich das Glück liebe. An dem Geschäft beteiligten sich drei Nachbarn und der Korrespondent einer anderen deutschen Zeitung, und schließlich behielt ich die Kaorimuscheln für fünf Lire. Der heilige Jakobus der Altere hatte fünfzehn verlangt.

 

Berühmt sind die Jüdinnen von Tripolis. Man nennt sie die schönsten Frauen der Welt. Auf älteren Bildern sind sie oft dargestellt, da sitzen oder lagern sie hinter dem holzvergitterten Fenster, angetan in die weiten, fließenden Gewänder des alten Bundes, und tun nichts, höchstens, daß die eine von ihnen einmal eine Rose durch das Gitter dem gerade unten vorübergehenden Passanten auf den Kopf fallen läßt, zu seiner – des Passanten – lebhaftester Genugtuung. Schon allein dieses zu untersuchen, war die weite und gefährliche Reise über die Meere wert.

Aber Achtung, es gibt eine Enttäuschung! Die jüdischen Frauen von Tripolis sind noch gerade so schön wie in der Vorzeit, und man sieht Gesichter wie aus dem Hohenlied. Aber es kam eine neue Zeit und eine neue Sitte und eine schlechtere Welt. Es kam die höchst fragwürdige Anschauung, daß die Frau im Alltag mitzuarbeiten habe mit dem Mann. Uneingedenk der Wahrheit, daß die wichtigste Aufgabe des Weibes es ist, den Passanten Rosen auf den Kopf fallen zu lassen, gehen die Mädchen aus dem Hohenlied jetzt auf die Straße und kaufen nebenan drei Pfund Kartoffeln. Und dabei behalten sie die fließenden Gewänder aus der Zeit Salomons. Und das macht sich schlimm.

Alle diese Frauen sehen aus, als seien sie schwanger. Alle, auch die siebenjährigen Mädchen. Man sagte mir, daß sie diesen interessanten Zustand künstlich herstellen, indem sie sich Tücher um den Leib binden.

Wiederum bestätigt sich die Erfahrung, daß von allen Trachten der Länder und der Geschichte die schönste weibliche Tracht die jetzige Mode der europäischen Frau ist. Manchmal ziehen diese Tripolitanerinnen am Feiertage die moderne Tracht mit den kurzen Röckchen und beigefarbenen Seidenstrümpfen an, und dann möchte man sie wirklich die schönsten Frauen nennen. Welch ein Wuchs! Aber dann brauchte man eigentlich nicht so weit bis hierher zu fahren.

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