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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 113
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Hinüber nach Afrika

Die Regierung hat in Tripolis eine Mustermesse eingerichtet und die internationale Presse aus Rom zur Eröffnung dieser Mustermesse eingeladen, und zur internationalen Presse aus Rom gehöre auch ich. Nun mache ich mir aus Mustermessen selbst eigentlich gar nichts, verstehe von ihnen offenbar auch nur ganz Summarisches. Aber aus Tripolis mache ich mir um so mehr und wollte schon längst einmal hin – Tripolis, das klingt nach Seeräubern und nach Dogen und nach dem Mohren Othello, »sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand« –, und so fügte sich die Gelegenheit mit der Mustermesse ganz vorzüglich. Nun sitze ich im Grand Hotel von Tripolis und arbeite an einem Messebericht, während unter meinem Fenster die Tuareg-Neger des geheimnisvollen Innern auf ihren Motorrädern auf und nieder rasen und tuten.

 

Die Fahrt von Rom nach Tripolis geht quer über das Mittelmeer, von oben stramm nach unten, und schon das ist eine Tour, die sich, ach, so selten bietet, man faßt es einmal richtig an der Taille, das Geliebteste.

 

Zuerst also Neapel, das es auch verdient, besichtigt zu werden. Die Jahre eilen dahin, man hatte kaum Zeit, auf Neapel zu achten.

Baedeker behauptet, diese Stadt sei jetzt gegen früher um vieles ordentlicher und gesitteter geworden, und die Fremden würden nicht soviel von den Kutschern und Verkäufern belästigt wie früher. Aber keine Furcht, es ist nicht allzu schlimm, man kann ruhig kommen. Dreißig Automobile warten vor meinem Hotel, jeder einzelne dieser Chauffeure rief mir dringend zu: »Fahren wir nach Pompeji, Sir!« Das erfüllte mein Herz mit Freude; denn hätten sie gerufen: »Fahren wir nach Pompeji, Herr Doktor!« wäre ich viel weniger stolz gewesen.

Auch sonst wird noch immer reichlich angeboten, meistens sind es die Herren gesetzten Alters, die das tun, aber ich weiß nicht, was sie anbieten, sie sprechen ganz leise und eindringlich, wahrscheinlich handelt es sich um Eintrittsbilletts für die Blaue Grotte.

 

In dem riesigen Hafen, an dem der Krieg nun auch vorübergegangen ist und der sich so froh und offen und mutig dem offenen Meere zu öffnet – in dem herrlichen Hafen des Chaos liegen die Schiffe wieder gedrängt wie damals. Es sieht manchmal so aus, als lägen sie nicht nebeneinander, sondern übereinander gestürzt wie leere Schachteln im Hofe des Warenhauses.

Dampfer aus Birmingham, aus Kapstadt und Stockholm, kleine Zweimaster von homerischen Tagen her – sie haben wochenlang in der blauen Meeresstille festgelegen. Kaum ist eine schmale Rille Wasser frei für den Kahn, auf dem zwei junge Männer einen blumengeschmückten Sarg hineinrudern mit einem stummen Reisenden darin, der seine Ruhe sucht, gerade hier. Die beiden jungen Männer rudern mit dem Sarg an den Kai, heben den Sarg hinauf, stellen ihn zwischen die vielen Kisten (Margarine), stecken sich ihre Zigaretten an und rudern wieder weg.

 

Hier, angesichts dieses Hafens, seien einige kritische Bemerkungen über die moderne Hilfsbautechnik eingefügt. Einmal lebte ich in der schönen Hafenstadt Lissabon. Da kam von dem Atlantik her ein riesig großer deutscher Dampfer, der, irre ich nicht, »Capolonio« hieß und drei Schornsteine hatte. Kolossal majestätisch. Wir besseren Elemente der deutschen Kolonie wurden zum Frühstück auf das Schiff geladen, und hinterher führten uns die Offiziere herum. »Warum denn eigentlich drei Schornsteine?« fragte ich. Der Offizier lächelte: »Es sind ja nur zwei wirkliche Schornsteine«, antwortete er. »Der da hinten ist eine Attrappe, weil nämlich die Amerikaner gern mit recht vielen Schornsteinen fahren.« Ich erblaßte. »Pfui Deibel«, erwiderte ich dann langsam.

Ich habe damals vergessen zu fragen, wozu denn der leere Schornstein benutzt wird, an Bord darf doch kein Raum vergeudet werden. Nun, vielleicht stellen die Seeoffiziere da ihre Regenschirme und Gummischuhe unter.

 

Neapel. Merkwürdig, welch falsches Bild die Reiseschilderer und die Aquarellmaler von dieser Stadt in der Welt verbreitet haben. Neapel, das klingt uns nach Lazzaronis, nach Nichtstun, nach Tarantella und Mandoline. In Wirklichkeit rast diese Stadt von Geschäftigkeit, von Arbeit und von Hast. Alles rennt durch die Straßen und schreitet irgendwelche Treppen hinauf und verschwindet in zerfallenen Häusern. Und immer habe ich in Neapel, in der Stadt, den Eindruck von etwas Finsterem gehabt, von etwas Gewalttätigem, alle Berge zittern, und niemand weiß, aus welchem Inferno kommt die Luft, die wir hier atmen.

Alle Völker der Geschichte haben diese gefährliche Stadt begehrt und darin geherrscht und grausam gehaust. Die Phönizier, die Griechen, Römer, der Papst, die Normannen und die Schwaben, sogar einmal die Ungarn und Napoleon.

In Neapel hat auch einmal ein Liebespaar gehaust; paßt auf, wie die illustren Liebespaare in Neapel hausen. Der Herzog von Wellington lebte hier mit seinem Schatz, der Lady Emma Hamilton, der berühmten Tänzerin. Wenn sie sich langweilten, was bei illustren Liebespaaren sehr häufig vorkommt, veranstaltete der Herzog eine kleine Nachmittagsunterhaltung. Er ließ fünfzig kriegsgefangene Männer an den Rahen eines Kriegsschiffes aufhängen und gondelte dann mit seinem Engel immer rundherum, wodurch sie sich aufheiterte.

So ist Neapel. Und nichts von Mandolinenspiel. Das heißt, vielleicht hat er ihr dabei zur Mandoline vorgespielt; bei manchen Leuten kann man nie wissen.

 

Also über das Mittelmeer nach Tripolis. Zwei finstere Sturmnächte voller Spuk und einen langen, langen Tag der flimmernden Meeresstille.

In der ersten Nacht so gegen elf Uhr stehe ich an die Reling gelehnt und starre in das Gewoge, unentschlossen, aus Angst vor der Kabine unten, in der vielleicht die Seekrankheit wartet. Wir sind in der Mitte, gleich weit entfernt von all den ionischen Küsten.

Da! Um Gottes willen! Was ist das? Eine Feuersbrunst aufflammend aus den Gewässern rechts vorn, etwas unter dem Horizont. Ungefähr so groß, als stände dort ein vierstöckiges Haus in Flammen. Zehn Sekunden züngelt es, bricht dann zusammen, rafft sich noch einmal auf und erlischt ganz.

Der Stromboli an seiner Arbeit mitten in der Nacht.

Sofort ist das ganze Schiff alarmiert, und alles drängt sich ans Geländer. Es kommt alle dreißig Minuten. Nun muß ich gestehen, daß ich für den Stromboli immer eine geheime Verehrung gehabt habe. Das ist nur ein Vulkan! Der Vesuv gehört jetzt dem Mister Cook, und im Büro zu Neapel steht angeschlagen, daß der Vesuv von jetzt ab mit Pompeji zusammen an einem Tage besucht werden kann, hin und zurück mit dem Lunch in kleinen Körben. Am Gipfel.

Der Stromboli ist ganz allein. Er hat sich da etabliert, wo das Meer am einsamsten ist. Da spuckt er alle dreißig Minuten einmal aus und wirft Bomben. Deshalb gibt es so wenig poetische Beschreibungen von ihm. Auch findet man ihn so selten in Aquarellmalerei auf Fächern.

Und um sieben Uhr früh liegt Afrika da, rot das Morgenland im Morgenlicht. Moscheen, ein Palmenwald und kleine weiße Kuppeln wie im Märchen, aber vorne das gewaltige mittelalterliche Schloß der Paschas, das gegen die Stadt vorspringt wie ein steinerner Sporn. Da wurde die Beute von der See her eingebracht, die Sklavinnen und die Säcke mit Muskatnuß.

Jetzt fängt dicht neben dem Schloß der neue Teil von Tripolis an, der gar nicht aussieht wie ein Märchen, sondern wie Ahlbeck an der Ostsee. Regelmäßige Häuschen in der Linie, Kioske, Cafés, Kinos. Das Schönste an dem neuen Tripolis ist das große Kurhaus Miramare für die abendlichen Tanzdivertissements. Es ist noch nicht fertig, und man baut noch daran. Aber keine Sorge, es wird fertig. Nichts kann den siegreichen Fortschritt der Zivilisation aufhalten.

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