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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 112
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Römische Erfahrungen

Wenn ich in Berlin von meiner Wohnung ins Büro fahre, so muß ich mit der Straßenbahn, der Untergrund-, der Hochbahn, und nochmals mit der Straßenbahn fahren und dann abermals zehn Minuten durch den Modder laufen, wobei man allerdings einen Kognak bei Aschinger trinken kann. So geht es in der kimmerischen Stadt zur Arbeit.

Wenn ich hier in mein Zeitungsbüro will, so wandle ich zuerst durch den Borghesischen Garten und sehe die Krokusse blühen, dann sitze ich nachdenklich auf dem Pincio zwischen den Brunnen, wo man den berühmten Blick hat über die ganze Ewige Stadt mit ihren durchsichtigen Kuppeln und den Säulen der Apostel. Am schönsten ist es mittags um zwölf, wenn alle Kirchen einträchtig und melodisch ihren alten Glauben zum Himmel rufen.

 

Arme, ferne Vaterstadt Berlin, ich bin der letzte, dir einen Vorwurf zu machen, du kannst ja nichts dafür, daß dein Dom nicht von Michelangelo, sondern von Raschdorff ist.

Außerdem finde ich, daß Berlin immer liebenswürdiger und vornehmer wirkt, je länger es die bürgerliche Hauptstadt einer Republik ist; und wenn man früher über die schlechten Manieren der Berliner schimpfte, so kann gesagt werden, daß die Berliner Manieren jetzt besser sind als die mancher anderer Kulturvölker.

 

Auf dem Pincio haben sich die Italiener, die Italiener von vor fünfzig Jahren, das wundervollste Denkmal gesetzt, das ein Volk besitzen kann; in seiner Einfachheit mehr erschütternd als die großen Marmorgebirge, die jetzt in Mode kamen. Sie haben in die edlen Laubgänge der Terrasse die Büsten aller berühmten Italiener gesetzt, in Reih und Glied, eine Büste genauso wie die andere, die Männer des Geistes, die Dichter und Gelehrten, nur wenige Fürsten und Generale.

Die Hauptsache aber ist, daß keiner besser behandelt ist als der andere. Dante ist weder durch Form noch durch Stellung ausgezeichnet. Als seien die Genien dieses fabelhaften Volkes zu einer großen Heerschau angetreten, einem Rufe folgend »von Virgil bis Verdi«, die klugen und sonoren Lateiner.

Es ist eine ungewöhnlich herzbewegende Sache, durch diese Gasse der Geister zu gehen, immer mit dem Blick auf die strahlende und tönende Stadt da unten.

An diese Denkmäler des Pincio knüpft sich für uns Deutsche eine etwas blamable Erinnerung. Einmal ging Wilhelm II. durch diesen Park spazieren. Wie immer kam ihm auch hier sofort der Gedanke: das machen wir auch, aber selbstverständlich machen wir es besser. Und er bestellte bei Herrn Gustav Eberlein ein riesiges Goethe-Denkmal mit allegorischen Figuren und mit Mignon und Gretchen, und schenkte es den Römern für ihren Pincio. Es sollte mitten zwischen allen diesen Italienern aufgestellt werden, aber sie überragend und beherrschend. (Weil Goethe einmal in Italien war und ein mäßiges Buch darüber geschrieben hat.)

Die Italiener waren in tödlicher Verlegenheit über dieses taktlose Geschenk. Sie mußten es annehmen von dem turbulenten Freund, in ihre Sammlung aber ließen sie es nicht hinein, sondern haben es in einen Winkel des Borghesischen Parks gesteckt, neben die Restaurants, in denen Foxtrott getanzt wird.

Dort sehe ich es jeden Morgen, wenn ich meinen Gang antrete, und es verdirbt mir jeden Morgen. Es sieht aus wie Reispudding.

 

Das Trajansforum in Rom wird von den Umwohnern dazu benutzt, überflüssige Katzen hineinzuwerfen. Es kommt doch leider nur allzu häufig vor, daß arme Leute nicht mehr wissen, was sie mit ihrer Katze anfangen sollen, das Geld reicht ja manchmal kaum für die Menschen. Umbringen möchte man das arme Tierchen auch nicht (übrigens versuchen Sie einmal, eine Katze umzubringen!), und sie wegzutragen hat keinen Zweck, sie kommt ja doch immer wieder.

Da nimmt der Familienvater also die Hauskatze, trägt sie zum Trajansforum und wirft sie in das Trajansforum hinunter. Das Trajansforum liegt ungefähr zwei oder drei Meter tief unter dem Straßenpflaster und ist von allen Seiten von einer senkrechten Mauer umgeben.

Nun muß ich gestehen, ich glaube, wenn die Katzen ernsthaft wollten, könnten sie aus dem Trajansforum wieder heraus. Was sind denn zwei oder drei Meter Steinmauer für eine richtige Ratze? Aber sie wollen vielleicht gar nicht mehr aus dem Trajansforum heraus und halten diese Lösung für ganz ausgezeichnet.

Das Forum ist reizend mit hohen Gräsern bedeckt, Ratten und Mäuse muß es zu Tausenden geben, überall wachsen Büsche, in denen die Katzen mit den betreffenden Katern alles machen können, wonach ihnen der Sinn steht, und immerfort sieht man, wie die gutmütigen Nachbarn kommen und ihre Speisereste herunterwerfen. Und so ist denn das Trajansforum von Hunderten von Katzen bewohnt, die sich da wollüstig ergehen und von Speck glänzen.

Seitdem sind diese Trajanskatzen eine der größten Sehenswürdigkeiten der an Sehenswürdigkeiten so reichen Stadt Rom geworden. Ja, es hat sich so gedreht, daß der Kaiser Trajan, der dieses Forum mit ungeheuren Kosten hat bauen lassen, vor seinen Katzen ganz in den Hintergrund zu treten beginnt und daß sich kein Mensch mehr um ihn kümmert.

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