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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 111
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wie man ein Venediger Glas macht

Abends zum Angelus das Glockengeläut von San Samuele, das spricht und redet stundenlang. Es kriecht über den schwarzen Kanal, obgleich in diesem Kanale Kohlblätter schwimmen; es gerät auf den kleinen Campo bei der Brücke und hallt dort endlos wider; und pocht ringsherum an jede Tür im Sprengel.

Und erzählt von allen Orienten, von Kalifen und von dem Sultan mit seinem großen, weißen Turban.

In seinem dunklen Zimmer hört Meister Gregorio dieses Sprechen und träumt. Und zwischen Wachen und Träumen versteht er, daß da etwas ruft und etwas will, und steht auf und geht ans Werk.

Er nimmt seine Tonpfeife und taucht sie in das Wasser des Waschbeckens. Das Wasser ist milchig weiß von Seife und trüb von allerlei Irdischem, und ein unklarer Tropfen bleibt an der Pfeife hängen. Den bläst der Meister langsam und kunstvoll auf zur Kugel.

Ein blauer Kosmos löst sich los und schwebt still durch den Raum, und auf seiner spiegelnden Fläche flimmert östliches Märchen. Moscheen mit hohen dünnen Minaretts; lange weiße Wände, hinter denen wohl etwas geschieht; Palmengärtchen; ein dunkles Tor, durch das ein Zug Ritter funkelnd kommt; ein großes weißes Gesicht über alledem. Und steht alles auf dem Kopfe.

Der Meister Gregorio faßt die Blase mit der Hand und schneidet mit dem Messer die obere Hälfte ab, die zerspringt. Die untere Hälfte ist nun wie ein Trinkglas anzuschaun, und Gregorio braucht nur noch das Zauberwort Abraxas zu sprechen, und das flüssige Gebilde erstarrt zu schimmerndem Glas.

Nun greift der kluge Meister in die Luft und hat da gleich zwei kleine Drächelchen gefaßt, gläsern und opak und mit Filigranwindungen in den Leibchen; die fügt er als Henkel an den Kelch; und drunter als Fuß stellt er den Adler des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit ausgebreiteten schimmernden Flügeln.

So wird ein gläsernes Gaukelwerk, während die Abendglocke von San Samuele noch nicht ausgeläutet hat und während ringsherum in den Häusern die Schellen des nächtlichen Karnevals sich zu regen beginnen.

Und ist immer noch nicht klar, ob alles das nun in Wirklichkeit geschah oder im Abendschlaf und Traum.

Jetzt aber steht das Venediger Glas im Königl. Preußischem Kunstgewerbemuseum, und der Professor W. Zarncke besieht's und schreibt in sein großes grundlegendes Werk: »Was nun die venezianischen Gläser anbetrifft, so wird sich mit ihren bizarren und unlogischen Formen ein konstruktiv und organisch empfindender Geschmack nur schwer befreunden können.«

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