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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 110
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreimal Wien

Dreimal bin ich nach Wien gekommen, in drei Perioden meines Lebens, die immer nur wenige Jahre auseinanderlagen und die mir doch jetzt so verschieden und durch solche Abgründe getrennt erscheinen, wie im Lauf der Weltgeschichte etwa die Perioden Babylon, Dreißigjähriger Krieg und Chikago. Wieviel Merkwürdiges haben wir Heutigen doch erlebt. Wir sollten etwas dankbar dafür sein.

 

Das erste Wien

Das erstemal, daß ich nach Wien kam, war bei einem internationalen Pressekongreß, ungefähr um das Jahr 1900. Das war eine üppige Zeit des Überflusses und der Hoffart, eine richtige Zeit der Fettlebe, wie wir in Berlin so schön zu sagen pflegen. In Wien bauten sie damals im Innern der Stadt die Protzenhäuser im Equitablestil, und die großen alten Paläste der Piccolominis wurden eingerissen, daß es nur so krachte, um Platz für den Aufschwung der Konfektion zu gewinnen, denn Konfektion muß sein. Stolze Fiaker trabten über die Straße, mit Leuten darin, die eben Backhendel gegessen hatten, und auf dem Ring promenierten dicke, sogenannte mollerte Damen mit Schinkenärmeln und künstlich vergrößerten Steißen, eine Mode, die uns damals als der Gipfel des Geschmacks erschien und in heftige sinnliche Erregung versetzte.

Im Kaffeehaus aber saß allnächtlich der zartgesinnte Dichter Peter Altenberg und hielt Vorträge über Abführmittel.

 

Die internationalen Pressekongresse waren eine Institution, die durchaus in diese Atmosphäre paßte. Die internationalen Pressekongresse bestanden darin, daß alle führenden Journalisten der Welt sich zusammenfanden und acht Tage lang soviel Champagner und Benediktiner tranken, bis sie unter den Tischen lagen. Am letzten Tage kamen sie dann wieder unter den Tischen hervor und hielten eine Vollversammlung ab, in der beschlossen wurde, wo man das nächste Mal zusammenkommen sollte.

Wie gesagt, ich erinnere mich nicht mehr genau an das Datum des Pressekongresses, ich weiß nur noch, daß in diesem Jahre Herr Lueger der Bürgermeister von Wien war. Herr Lueger fühlte sich wohl in dem damaligen Wien. Er war immer reich an Humor und witzigen Bemerkungen und sah auch viel gescheiter aus als auf dem Denkmal, das sie ihm jetzt am Ring gesetzt haben. Er hielt damals die Begrüßungsansprache im Abgeordnetenhause, und bei dieser Begrüßungsansprache sagte er zu uns, seinen Gästen – ich höre seine übermütige und nun lange schon verstummte Stimme noch jetzt – er sagte: »Meine Herren, wir drücken beide Augen zu und heißen Sie herzlich willkommen.« Das war ein Witz des Herrn Lueger, und die führenden Journalisten wälzten sich vor Lachen über diesen Witz und haben den Champagner des Herrn Lueger fröhlich weitergetrunken.

Gute alte Zeit, mögest du niemals wiederkehren!

 

Das zweite Wien

Das zweite Mal, daß ich nach Wien kam, war im Jahre 1922. Der Krieg war vorübergegangen, die heilsame Revolution war vorübergegangen; keine Stadt der Welt hatte so furchtbar gelitten, wie diese schönste und liebenswürdigste. So gelitten hatte sie, daß selbst die Sieger mit ihr Erbarmen fühlen mußten, und Erbarmen ist sonst der Sieger Sache nicht. Es war vorübergegangen, aber wer nun einen Zusammenbruch und ein Insichgehen erwartet hätte, der wäre fehlgegangen.

In der schönen mittelalterlichen Limburger Chronik wird von der großen Pest des Jahres 1348, dem schwarzen Tod, gesprochen, und da heißt es: Und als die Not vorüber war, da fingen die Menschen an zu tanzen und zu singen und sich des Lebens zu freuen, und die Frauen zeigten ihre Brüstlein. Genauso war es nach dem Krieg in Wien, nur daß die Frauen nicht ihre Brüstlein zeigten, sondern ihre Beinlein, was aber im Effekt auf dasselbe hinausläuft.

Während des kurzen Aufenthaltes damals in Wien bin ich nie vor drei Uhr morgens ins Bett gekommen, und wenn die Polizeistunde gekommen war, ging es in den diskreten Gemächern weiter, wo die neue Errungenschaft des Shimmys geübt wurde. Die Mädchen aber sangen ein neues Lied: »Wien, Wien, sterbende Donaustadt, die noch immer ihr reizendes Lächeln hat«, und gestorben ist Wen doch nicht. Ja, ein Wiener Autor hat sogar ein Buch geschrieben mit dem Titel »Das sterbende Wien«; dieses Buch liegt jetzt in den Antiquariaten aus und ist um einen Schilling zu haben; aber kaufen will es keiner.

 

Das dritte Wien

Jetzt, 1927, komme ich wieder und der kluge Herr Seipel regiert, der morgens mit der Straßenbahn in die Kanzlei fährt und abends noch nie zu Sacher soupieren gegangen ist. Wien arbeitet, woran man sich erst gewöhnen muß, auch sind die Backhendelfiaker weg und durch amerikanische Automobile ersetzt, die wie toll durch die Straßen jagen, so daß es für den Fremden eine Lebensgefahr ist, denn in Wien herrscht im Gegensatz zu allen anderen Hauptstädten noch die merkwürdige Sitte des Linksfahrens.

Es gibt ein Phänomen, das hier jedem Neuankommenden auffallen muß und das durchaus nicht als etwas Nebensächliches angesehen werden dürfte. Das ist die geradezu überwältigende Mehrzahl der Frauen. Vielleicht fällt es mir nur so auf, weil ich aus Spanien komme, wo man die Frau selten auf der Straße und niemals in den Lokalen sieht. Vielleicht ist es eine Folge des Krieges; aber hat der Krieg wirklich das männliche Geschlecht so gründlich ausgemerzt?

In der Kärntner Straße zu Mittag sieht man eigentlich nur noch Frauen. Hier und da ein verkümmertes männliches Individuum, das die Pakete nachtragen darf. In das Café am Graben und in das riesige Café Landtmann am Hofburgtheater wagt sich ein Mann kaum hinein. Zu Tausenden sitzen da die Schönen mit übergeschlagenen Beinen und rauchen Zigaretten. Es sieht sehr anmutig aus, und man freut sich, daß die Welt nach allem Leid sich so gewendet hat; es ist wie in einem Amazonenstaat, wo die Männer auf den Dienst der Befruchtung beschränkt sind. Nun, wir werden tun, was in unseren Kräften steht, aber wenn das so weitergeht, könnte dieser Dienst für uns Männer vielleicht zu anstrengend werden.

 

In gewissem Sinne hat die Niederlage Wien gerettet, das künstlerische Wien, daran ist kein Zweifel.

Es können keine alten Paläste mehr eingerissen werden, es ist zu teuer. Das alte Wien, das schönste, hinter der Stefanskirche bis zum Kanal, das ist gerettet. Die hohen Barockportale stehen noch, mit den schwebenden Madonnen, mit den Kardinalshüten und den schwarzen Wappen, die keiner mehr entziffern kann. Und die großen Höfe, auf denen die Hühner gackern, und die Winkel, die ganz so aussehen, als ob das Glück darinnen wohnt.

Und es blieb bestehen und gerettet das Griechenbeisel. Das Griechenbeisel ist eine winzige verbaute Kneipe, in der man Pilsner Bier trinkt. Und es heißt so, nicht aus einem fatzkigen Grunde, wie bei uns in Berlin ein Café »Romanisches Café« heißt, sondern einfach, weil es neben der griechisch-katholischen Kirche steht. Es ist noch unversehrt, das Griechenbeisel. Wäre der Krieg nicht gekommen, so hätte man es ausgebaut mit einer ionischen Säulenhalle davor.

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