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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Über Alexandria

Montaigne hat – zur Zeit der Bartholomäusnacht – Beschwerde darüber geführt, daß zu viele Bücher geschrieben würden. Und mit dem Tone des Entsetzens und Erstaunens bemerkte er: »Es gibt Bücher über Bücher!«

Teurer Montaigne, klügster aller Menschen, Sohn eines französischen Beamten und einer portugiesischen Jüdin, was würdest du sagen, lebtest du heute! Du würdest vielleicht darauf verzichten, deine Essays herauszugeben, die du ja nur für dich und deine stillen Freunde geschrieben hast.

Du lieber Gott, wir schreiben ja nichts als Bücher über Bücher.

Wir besitzen jetzt Werke, die man Literaturgeschichten nennt und die es zur Zeit von Goethe noch nicht gab, ein Zeichen, daß es auch ohne sie geht. Diese Literaturgeschichten sind so zahlreich, daß wohl schon eine Geschichte der Literaturgeschichte geschrieben worden ist oder demnächst geschrieben werden muß; und wenn dann jemand eine Kritik über dieses Werk verfaßt, so liegt die Sache so: das ist ein Buch über ein Buch, das sich mit den Büchern befaßt, die über Bücher geschrieben worden sind.

Es gibt glänzende Schriftsteller, die nie etwas anderes geschrieben haben als über etwas. Gekräuseltes Zeug, das der Wind der Zeit wegweht. Aber das Märchen von den sieben Zwergen, das vielleicht ein Autor der Eiszeit verfaßt hat, raunt und klingt durch die Jahrtausende. Darin gibt's gar nichts über; klar und einfach der Bericht des Dichters.

Ein Zufall spielte mir dieser Tage wieder einmal Goedekes Grundriß in die Hände, ein kolossales Werk, in dem nur die Titel der deutschen Dichtwerke verzeichnet sind und die Bücher, die über diese Werke geschrieben worden sind. Goethe füllt einen dicken, engbedruckten Band. Es gibt neunundsiebzig Arbeiten über Goethe und das Altertum (Goethe und Homer, und Äschylos, und Euripides, und Epicharm, und Aristoteles, und Horaz, und Vergil) und einhundertundzwölf Werke über Goethe und England. Und fast über jede dieser Arbeiten sind zwei Dutzend andere Arbeiten geschrieben worden.

Ein deutscher Schriftsteller, der noch nie einen Artikel über die Frau Rat verfaßt hat, macht sich neben seinen Brüdern geradezu verdächtig. Es muß eine geheime Vagabondage an ihm sein.

So ähnlich war es vor zwei Jahrtausenden, in der Stadt des Mazedoniers, in dem ägyptischen Alexandria. Da hockten die Literaten zu Tausenden, und einer schrieb über den anderen. Und der Philosoph Didymos verfaßte allein für sich viertausend Bände über die Grammatik.

Das alles ging in die Bibliothek und wurde katalogisiert und stand schön sauber und sicher in Reihen ... bis der Araber kam mit seiner Fackel und der große Brand aufleuchtete, nach dem eine neue Welt begann.

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