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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 109
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Es war einmal

Besichtigung von Schönbrunn

Einmal bin ich ganz allein in dem Park von Versailles gewesen. Das war an einem regnerischen Vormittag des Frühlings dicht vor dem Krieg. Ich kam von dem sogenannten großen Trianon her – kein Mensch war in all den Gärten zu sehen – und ging den langen künstlichen Teich entlang, auf dem einst die königliche Mätresse, als Amphitrite verkleidet, in goldenem Nachen gefahren war und auf dem jetzt ein paar verlassene Motorboote lagen. So kam ich zu dem linken Flügel des Schlosses, und da lag das ungeheure Gebäude in seiner kaum faßbaren Majestät da, stumm und allein.

Nicht ganz stumm, denn vor mir stand ein Fenster offen, und dort heraus tönte ein dünnes Klavierspiel, als übe jemand auf dem Instrument, vielleicht das Töchterchen des Kastellans, und nichts konnte erschütternder sein als dieses Haus der Geschichte, das da schlief in dem Spiel eines Kindes.

Damals glaubte ich nämlich noch, Versailles sei für immer eingeschlafen und tot; aber ein paar Jahre später sollte es wieder erwachen, und furchtbar genug.

 

Ich erzähle diese Erinnerung deshalb, weil es auch hier bei Wien ein verlassenes Fürstenschloß gibt, das Schloß Schönbrunn, das nach dem Plan von Versailles gebaut ist und zu lehrreichem Vergleiche Anlaß gibt. Ich bin oft in Schönbrunn draußen gewesen und wundere mich immer mehr, daß hier die elegischen Empfindungen von dort nicht kommen wollen, obgleich Schönbrunn vielleicht reicher und größer ist als der französische Rivale; aber man fühlt hier nichts anderes als den Geist freundlicher Herablassung und Popularität.

Zu Tausenden kommen nachmittags die Wiener nach Schönbrunn und gehen durch den Park nach der Menagerie – denn hier gibt es eine Menagerie, in Versailles nicht –, Kinder wimmeln und spielen auf allen Wegen, und am Eckfenster steht noch immer der gute Kaiser Franz Josef im Interimsrock und spricht zu seinem Adjutanten das berühmte tiefsinnige Wort: »Nun schaun's nur, was für Leut, was für Leut!«

 

Bitte, mir nur noch eine kurze historische Bemerkung zu gestatten, dann fangen wir gleich mit der Besichtigung des Schlosses an. Die französischen Bourbonen sowohl wie die Habsburger hatten Geliebte (das soll kein Vorwurf sein). In Versailles waren die Geliebten die Marquise von Maintenon, die Lavallière und die Marquise von Pompadour, vor denen die Könige und die Philosophen sich verneigten. Die Geliebten der Habsburger kamen vom Theater oder vom Variété und waren süße, mollerte Dinger, die immer lachten.

 

Die Besichtigung des Schlosses Schönbrunn geschieht dergestalt, daß alle Viertelstunde fünfzig Besucher durch die Räume geführt werden, am Tage manchmal zweitausend, es ist die größte Sehenswürdigkeit von Wien. Alle Käsewagen von Wien fahren in ganzen Zügen nach Schönbrunn und halten dort vor den marmornen Treppen; nur daß die Käsewagen hier nach ihrem Unternehmer Wohlgemuth-Wagen heißen, aber unser Berliner Wort Käsewagen klingt schöner und ist auch zutreffender.

 

»Dieses, meine Herrschaften«, so beginnt der Führer, »ist der blaue oder chinesische Saal. Hier hat Kaiser Karl I. der Krone entsagt und die Geschäfte abgegeben. Beachten Sie besonders hier den dicken Chinesen auf Seide gemalt. Am Tage ist das Gesicht dieses Chinesen weiß, abends aber ist es blau.« Tiefbewegt treten die Besucher an den dicken Chinesen heran und betrachten ihn genau. Er hat wirklich ein weißes Gesicht.

Dann kommen wir in das Terrassenzimmer und das rosa Zimmer, das aber gar nicht rosa ist. Aber das schönste ist das Millionenzimmer, so genannt, weil alle Verzierungen aus Dukatengold sind und eine Million Taler gekostet haben. Kaiserin Maria Theresia hat es machen lassen während des Siebenjährigen Krieges. Denn die Kaiserin Maria Theresia, das war eine wirkliche Landesmutter.

Wir halten vor dem Riesenporträt eines Kaisers in voller Figur und en face gesehen. Mit dem muß etwas los sein, denn der Führer bleibt feierlich stehen und wartet, bis alle fünfzig Besucher beisammen sind. »Das ist der Kaiser Franz I., meine Herrschaften. Bitte, beachten Sie, wenn man rechts steht, sieht der Kaiser nach rechts, und wenn man nach links herüber geht, so folgen seine Augen uns nach links.« Die fünfzig Besucher gehen alle erst nach rechts, der Kaiser sieht nach rechts; dann drängen sie sich alle nach links herüber, wahrhaftig, nun sieht er nach links. Um zu sehen, ob er es noch einmal machen wird, gehen wir alle noch einmal nach rechts zurück, und dann wieder nach links; der Kaiser Franz wackelt mit den Augen von rechts nach links. Er wird es machen, sooft wir wollen.

 

Kaiser Franz I. war überhaupt ein sehr leutseliger Herr. Einmal hörte er zu, als Beethoven auf dem Klavier spielte; nach dem Konzert ließ er sich den Künstler kommen, klopfte ihm auf die Schulter und sprach: »Herr Kapellmeister, Sie sind ja ein Tausendsassa!«

Viele schöne Porträts hängen in den Zimmern des Schlosses Schönbrunn, dunkel und still, Kaiser und Erzherzöge.

Die Habsburger waren alle prachtvolle Modelle für die Maler. Sie hatten eine angeborene Haltung und standen ruhig und fest. In silbernen Röcken und mit gebieterischen Handbewegungen, die Männer des diplomatischen achtzehnten Jahrhunderts, in dem unsere Staaten gemacht wurden und unter dessen Einfluß wir Heutigen viel mehr stehen, als wir ahnen.

»Wer ist das?« fragte ich den Kastellan vor dem Bild eines großen Mannes mit edlen, aber etwas schlaffen Zügen. »Das ist der Kaiser Franz I. von Toskana, der Mann der Maria Theresia. (In der österreichischen Geschichte gibt es zwei Kaiser Franz I.) Er war erst Herzog von Lothringen, dann schenkte er das Herzogtum Lothringen an seinen Freund, den König von Polen, und der schenkte es an den König von Frankreich, Franz aber tauschte dafür das Großherzogtum. Toskana ein, und später wurde er dann auch noch deutscher Kaiser.«

So tauschten wir in unserer Jugend Briefmarken ein. »Ich gebe dir meine blaue Kuba gegen deine grüne Peru.« Nur daß es sich bei den hohen, silbernen Herrschaften damals um Völker handelte, und daß so die Vaterländer gemacht wurden, für die man dann begeistert sterben mußte.

Das Königreich Preußen ist um kein Haar anders gemacht.

 

»Das Napoleon-Zimmer«, sagt der Führer, und nach so vielen Franzen und Josefs hören wir erschrocken auf den dunklen Klang dieses Namens. Ein Dämon hat gehaust in dem großen und doch so kleinen Schlosse; dort in der Ecke hat er geschlafen, während Tag und Nacht die Batterien grollten, die ganze Donauebene auf und ab.

Er hat dem Schloß Schönbrunn auch ein Geschenk gemacht: die beiden Obelisken vor dem Eingang mit den Adlern oben, die ihre korsischen Flügel spreizen, die sind von ihm. Die Habsburger haben damals das schöne, aber etwas unpassende Geschenk mit höflichem Lächeln angenommen, und die Obelisken stehen heute noch da. Für Schönbrunn war Napoleon kein Dämon, sondern ein Schwiegersohn.

Und nun denke man sich das alles von Wachskerzen beleuchtet, die in tausend Spiegeln flimmerten, wenn das Staatsdiner serviert war im großen Saale. Man aß von goldenen Tellern am Festtisch der Maria Theresia.

 

1442 Säle und Gemächer gibt es im Schlosse Schönbrunn, Schlafzimmer, Billardsäle, Konferenzsäle und den großen und kleinen Musiksalon, von dem Porzellanzimmer gar nicht zu reden, und 139 Küchen; aber selbstverständlich kein einziges Badezimmer. Allerdings sieht man hier und da in der Wand diskret angebrachte Tapetentüren, und die können ja vielleicht zu einem Badezimmer führen, aber ich glaube es nicht. Im achtzehnten Jahrhundert trug man Brokatkleider und brauchte deshalb nicht zu baden, und im neunzehnten Jahrhundert war es meistens auch nicht viel anders.

Die Tapetentür wird wohl eher für das mollerte Fräulein vom Theater gewesen sein, wenn es heimlich hereinschlüpfte, um Trost zu bringen.

 

Nachher gehe ich in den Zoologischen Garten, um mich zu erholen.

Wir Heutigen vertragen die Hofluft und so viele goldene Säle nicht mehr. Die Königtümer sind ja nicht nur deshalb gefallen, weil wir keine silberbestickten Röcke mehr tragen können und nicht mehr von goldenen Tellern essen mögen.

Es ist ein schöner Zoologischer Garten. Sie haben da einen jungen afrikanischen Elefanten, ein nobles Tier, das stolz und einsam auf und ab geht, in Gedanken versunken. Dieser Elefant ist in Gumaiza am Bahr el Gebel vor vier Jahren gefangen worden in einer Fallgrube.

 

Das ist der Volksgarten, den Peter Altenberg berühmt gemacht hat. Auf diesen Bänken ist er oft gesessen und hat die Beine der vierzehnjährigen Mädchen betrachtet. Dann hat er seine Schreibtafel vorgeholt und hat sie (die Beine der vierzehnjährigen Mädchen) in die deutsche Literatur eingeführt.

Bevor ich diese Reise antrat, habe ich mir auf der Bibliothek in Berlin einen Band Peter Altenberg geliehen und gelesen, um in die Wiener Stimmung zu kommen.

Und so hat die Reise mit einer Enttäuschung angefangen. Denn ach, man kann ihn nicht mehr vertragen. Alles ist kraftlos; die berühmte lässige Grazie ist Weitschweifigkeit geworden, und was uns damals als unmittelbares Fließen eines Lebens erschien, das sieht jetzt verdammt nach Affektation aus.

Wir armen Feuilletonisten überleben uns nicht. Es ist noch keinem gelungen und wird auch nie einem gelingen.

Wir sind wie die Lilien auf dem Feld, deren Gewand schöner ist als das Salomos in seiner Herrlichkeit, und die morgen in den Ofen geworfen werden.

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