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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 107
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wiener Spaziergänge

Im Park des Schlosses Belvedere sitzen die berühmten marmornen Wienerinnen, die vier Beine haben. Sie sollen Sphinx darstellen mit Frauenkopf, umfangreichen Brüsten und Löwentatzen; aber ohne Zweifel sind es die Bildnisse von wirklichen Wienerinnen, wie sie damals in der Rokokozeit persönlich hier irgendwo gelebt haben.

Es sind ganz die glatten Stirnen und die langen, manchmal etwas schiefen Augen der Wienerin; und auch ganz die umfangreichen Wiener Brüste, soweit ich über letztere unterrichtet bin.

Vor diesen Kunstwerken möchte man in der Stille stehen und sich mit ästhetischen Erwägungen beschäftigen; aber der Park ist heute überfüllt, und von draußen tönen Gesänge und lautes Rufen herein. Es ist der Erste Mai, und die neue sozialistische Religion feiert ihren neuen Feiertag.

Sie feiert ihren Feiertag genauso wie die alte Religion ihre Feiertage feiert, mit Prozessionen und weißgekleideten Mädchen mit Fahnen und Choralgesang, mit der Predigt des Priesters und den ekstatischen Zuhörern der Gemeinde; mit Kirmestrubel und mit der Hoffnung auf ein neues Reich, das jetzt aber ganz bestimmt kommen wird und muß.

Brüder, ich wünsche euch von ganzem Herzen Glück. Und wenn ihr in eurem neuen Staatswesen ebenso schöne Dinge schafft, wie die Leute in dem alten Staatswesen geschaffen haben, solche heiteren lichten Belvederen, solche Rasenflächen weit und beruhigend, wenn euch das zu schaffen gelingt, so sollt ihr gesegnet sein; denn dann sind wir ja alle einer Meinung.

 

Aber nun kann man nicht mehr über die Ringstraße zurück, so endlos lang ist der Zug der politischen Vereine. Jeder Verein trägt vor sich eine Inschrift, ich stehe am Straßenrand und zähle ihrer an hundert.

Dann habe ich mich dem Verein der Freidenker Landstraße III angeschlossen und bin mit ihm eine Viertelstunde lang demonstrierend mitmarschiert.

Ich habe mich diesen Freidenkern deshalb angeschlossen, weil ihre Inschrift die einzige war, die ich lesen konnte.

Die neunundneunzig anderen Inschriften waren tschechisch.

Die Wiener Sehenswürdigkeit, die den Wienern selbst die meiste Freude macht, ist ihr Kriegsministerium am Stubenring. Wenn die Wiener das Kriegsministerium am Stubenring erblicken, bleiben sie stehen und lachen sich schief. (Die Wiener sind so glücklich veranlagt, daß sie selbst vor einem Kriegsministerium lachen können.)

Das Kriegsministerium ist so groß, daß ein Mensch, der sich auf das Kofferpacken versteht, den ganzen Freistaat Österreich mitsamt dem Semmering darin unterbringen könnte. Und man war gerade im Begriff, es auf das Doppelte zu vergrößern, als ...

»Die Fenster da oben«, sagt mein Wiener Freund, »das sind die Prunkgemächer.« – »Prunkgemächer«, frage ich, »wozu braucht man Prunkgemächer in einem Kriegsministerium?« – »Die Prunkgemächer waren für den Franz Ferdinand, der hat da seinen Kriegsrat gehalten.« – »Kriegsrat?« frage ich. »Der Franz Ferdinand ist doch schon vor dem Kriege tot gewesen.« – »Macht nix; der Franz Ferdinand hat alleweile Kriegsrat gehalten.«

 

Da das mit der spanischen Reitschule nichts war, konnten wir ja einmal die Zimmer der kaiserlichen und königlichen Familie ansehen, die jetzt gegen ein Eintrittsgeld von fünfhundert Kronen der bürgerlichen Besichtigung zugänglich gemacht wurden.

Es sind siebenundvierzig Zimmer oder noch mehr, die Wohnung der Kaiserin Zita wird nicht gezeigt. Und jedes ist so groß, daß eine gute Vierzimmerwohnung darin Platz hätte.

Malachitvasen, Mosaiktische; und die Geschenke der lieben Vettern. Friedrich August von Sachsen schenkte dieses Porzellan, in einem Stile, der in Portierwohnungen gebräuchlich ist; und diese beiden Vasen, meine Herrschaften, sind ein Geschenk Kaiser Wilhelms II.

Wie freue ich mich, daß ich kein Kaiser bin, sonst hätte Wilhelm II mir vielleicht auch zwei solche Vasen geschenkt. Und nachher weiß man nicht, wohin damit.

Nach dem zwanzigsten Zimmer hat der Besucher genug. Diese Zimmer, in denen Atridentragödien spielten, sind von entsetzlicher Banalität. Man möchte sich heimlich drücken; aber der Führer läßt niemanden los.

Die Herrschaften sehen hier das Porträt der Kaiserin Elisabeth als Neuvermählte (erdolcht). Diese Büste ist der Erzherzog Maxümülian, der Bruder des Kaisers (erschossen), und dort seine Gemahlin (im Wahnsinn gestorben). Auf dem Bild da oben links die Erzherzogin Marie Antoniette (geköpft). Dieser Knabe ist der Erzherzog Franz Ferdinand (Bombe). Und betrachten Sie bitte die Ringe da in der Tür; da hat der Erzherzog Rudolf als Kind dran geturnt (mit der Champagnerflasche den Schädel eingeschlagen).

War das Schicksal deutlich genug? Hatte es genügend deutlich gezeigt, daß ihm das glückliche Haus Österreich auf die Nerven gegangen war?

Jedem, der nach Wien kommt, sei empfohlen, die Ausstellung des Haus-, Hof- und Staatsarchivs zu besuchen, die am Minoritenplatz eröffnet ist. Die neuen Wiener Herren haben die geheimen Kammern der Staatskunst geöffnet und alle wichtigen Dokumente ausgelegt, von der ältesten Zeit bis heute. Der Tourist tut gegen fünfzig Groschen Entree einen Einblick in die Verträge der Großmächte und in die private Korrespondenz der Potentaten.

Da liegen zum Beispiel die Briefe, die Wilhelm IL an Kaiser Franz Josef schrieb, um sein Herz über diesen Bismarck auszuschütten; er bittet den kaiserlichen Freund, den Mann nicht mehr zu empfangen, denn er sei entlassen. So schreibt der Grossist an den Geschäftsfreund: Bitte empfangen Sie den v. Maier nicht, derselbe reist nicht mehr für unsere Firma. In dem kaiserlichen Briefe, der hier unter dem Glase vor mir liegt und den ich in mein Notizbuch kopiere, heißt das so: »... den ungehorsamen Untertanen nicht zu empfangen, ehe er sich nicht mir genähert und peccavi gesagt hat«; die Worte »ungehorsamer Untertan« hat die Majestät dick unterstrichen, man hört die Feder heute noch kratzen.

Da ist der Dreibund, ganz frisch und sauber, als sei er eben unterzeichnet – er war das feste Fundament des Friedens in Europa; da der Berliner Vertrag mit den Namen Bismarck und Bülow, die sich in dem Duktus ähnlich sehen; der Friede von Prag von 1866, durch den, hurra, Österreich endlich aus Deutschland herausgeworfen wurde. Und immer tiefer in die Geschichte hinein. Maria Theresiens kinderhafte Schrift, und dann endlos die riesigen verschnörkelten Instrumente des Heiligen Römischen Reiches.

Ich liebe alte Pergamente und verwitterte Siegel und goldene Initialen und fühle mich wohl und warm in ihnen. »Und ach! enthüllst du gar ein würdig Pergamen, so steigt der ganze Himmel auf dich nieder«, sagt der Famulus Wagner, der die sympathischste Figur in Goethes bekanntem Stücke ist.

Wessen Bibliophilen-Herz lacht denn nicht, wenn er die Goldene Bulle leibhaftig vor Augen sieht?

Zwischen all den staatlichen Dokumenten kommen auch Briefe von Intellektuellen vor, von Kainz, Wagner, Grillparzer, Goethe, Kepler, Tycho de Brahe. Aber diese Intellektuellen kümmern sich nie um Politik, alle ihre Briefe beschäftigen sich mit Vorschuß, Tantiemen und Orden, das sind ihre einzigen Sorgen. Übrigens, wissen unsere Germanisten schon, daß der Großonkel Goethes ein Schuster gewesen ist? Hier liegt der Brief des Schusters Christof Justus Goethe, über den bald eine Doktordissertation geschrieben werden sollte, falls sie nicht schon längst geschrieben worden ist.

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