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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 105
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Delphi

Über dem Trümmerfeld von Delphi ragen zwei große Felsen des Parnaßgebirges auf, die aussehen wie die Gesetzestafeln Mosis. Es sei geraten, vorläufig einmal das Museum und die Archäologie beiseite zu lassen und die schöne Straße entlang zu diesen Felsen zu gehen.

Wo die beiden Tafeln aneinanderstoßen, stehen Platanen, die Agamemnon gepflanzt hat, und eine wilde Schlucht ist da, aus der von hoch oben herab ein starkes Wasser kommt. Es läuft über die Straße hinweg, wird auch in Trögen gesammelt zur Tränke des Viehs.

Man nennt dieses Wasser die Kastalische Quelle.

 

Man ist hier am Quell ganz allein und abgeschlossen, von der Straße aus unsichtbar; und ungehindert und ohne Scheu kann der Sonderling – denn wer hier steht, ist ein Sonderling –, ungehindert kann der Sonderling die Zeremonien seiner Einsamkeit zelebrieren.

Er wird sich ein Stück des Parnaß abschlagen, welches dann auf einem nordischen Schreibtisch bis an sein Lebensende ruhen dürfte. Dann wird er den Aluminiumbecher aus der Tasche ziehen, um von diesem Quell zu trinken. Das Wasser ist nicht so hart und frisch wie sonst Felsenquellen; es ist weichlich, was wohl von den langen Algen herkommt, die in dem Becken wachsen. Im Fließen und Strömen des Wassers bewegen sie sich still und schwänzeln, wie die grünen Schlangen des Märchens.

Und wer so schlau ist wie ich, der wird sich in das Gestrüpp lang hinlegen, auf die Sprache dieser Quelle lauschen, bis er einschläft an der warmen Brust von Hellas.

Als ich aufwachte und ziemlich erstaunt in den blauen Himmel blickte, siehe, da flog hoch, hoch dort oben ein Strich von Störchen dahin.

Sie flogen in reiner nordwestlicher Richtung und zogen langsam den deutschen Dörfern zu.

Dort, wo die Wasser der Quelle über die Straße ablaufen, steht eine winzige griechisch-katholische Kapelle, so groß etwa wie ein Wäschespind. Sie ist dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht, den man hier Johannes Prodromos nennt, den Vorläufer. Das Bild des Heiligen steht hinter einem Fenster und stellt ihn mit zwei Köpfen dar; den einen Kopf hat er angewachsen, da, wo wir ihn alle haben, den anderen trägt er unter dem Arm, wie einen Wirsingkohl. Beide Köpfe sind wohlgescheitelt und frisiert.

Man kann dieses Fenster öffnen, und ich öffnete es denn auch und fand dahinter eine kleine erloschene Öllampe sowie zahlreiche abgebrannte Schwefelhölzer. Denn es ist in diesem Lande Brauch, daß, wer sich mit den himmlischen Mächten gut stellen will, eine erloschene Heiligenlampe wieder entzündet. Da ich vielen Anlaß habe, mir das Wohlwollen jener Mächte zu sichern, habe auch ich meine Schwefelhölzer hervorgezogen und die Lampe angesteckt.

Und einen ganzen Nachmittag, bis zum Abend, hat das griechische Licht für meine Seele geflimmert und gezittert.

 

Dagegen sei gestanden, daß der Eindruck, den der berühmte bronzene Wagenlenker machte, nicht ganz so war, wie erwartet werden konnte.

Vielleicht weil das Werk im Museum so schauderhaft miserabel aufgestellt ist. Also man denke, sie haben ihn in dem einzigen fensterlosen Raum des Museums aufgestellt, in dem Raum hinter der Garderobe, wo Schirme und Stöcke abgelegt werden. Ins Finstere diesen erzenen Mann, der nach der hellenischen Sonne schreit, der in der hellenischen Sonne damals geblitzt hat, daß man die Hand vor die Augen halten mußte.

Auch sonst stimmt nicht alles. Gewiß, diese nervösen Hände und Füße sind das Werk eines größten Meisters. Aber die starren Augen sind zu starr, die ausgearbeiteten Wimpern geben dem Gesicht einen Zug zu großer, panoptikumartiger Wahrscheinlichkeit.

Auch sei nicht vergessen, daß wir es hier mit einem herrschaftlichen Kutscher zu tun haben. Als man ihn fand, riefen die Archäologen: das ist einer der Edlen, die bei Marathon gefochten haben. Aber nicht im geringsten! Der Edle aus Marathon stand daneben und ist verschwunden. Das hier ist ein Lakai in der vorgeschriebenen Livree, wie denn seine ganze Stellung etwas Adrettes zeigt, die korrekte Eleganz des Personals, das mit den Pferden zu tun hat.

 

Wie neben einer christlichen Kirche stets ein Wirtshaus steht, so steht neben jedem großen griechischen Tempel ein Theater. Wenn wir gebetet haben, gehen wir aufatmend herüber in den »Löwen« und trinken ein Glas Helles; wenn der Grieche sich mit Phöbus auseinandergesetzt hatte, stieg er ins Theater hinauf und sah sich den »Ion« des Euripides an.

Das delphische Theater liegt hoch oben – immer wieder dieses herrliche marmorne Halbrund, diese geistreiche Steigung der Sitzstufen –, und von ihm aus hat man den besten Blick über den Tempel.

In diesem Tempel hat die Pythia gesessen, die ein altes Weib gewesen ist. Sie saß auf dem goldenen Dreifuß über den Dämpfen des Abgrunds und lallte unverständliche Worte, die für die tiefste Weisheit galten. Ein Jahrtausend lang sind die Könige der Welt und die Gesandten aller Städte hierhergekommen und haben der alten Frau gelauscht; und sie entschied über Krieg oder Frieden und fällte die Entscheidung im Streit der Völker.

Die alte Frau war ungefähr das, was bei uns der Völkerbund ist oder der Haager Schiedsgerichtshof. Mit dem Unterschied, daß auf das alte Weib ein Jahrtausend lang alle Welt hörte, während auf den Völkerbund ..., aber was gehen mich diese zwei alten Weiber an, hier auf meiner Marmorstufe!

Stellen wir vielmehr fest, daß der Boden des Tempels heute aussieht wie ein Sieb. Überall hat man Marmorplatten ausgehoben, dort ist ein schwarzes Loch entstanden, und durch dieses schwarze Loch sind die Professoren heruntergekrochen, um nach dem pythischen Erdspalt zu suchen. Sie haben ihn nicht gefunden, und keine Dämpfe steigen mehr auf. Wie in Eleusis, so bleibt auch hier das Geheimnis gewahrt.

Die Mauer des Tempels entlang zieht sich eine dreißig Meter lange und fünf Meter hohe Inschrift: lauter kleine Buchstaben, Millionen. Man hat diese Inschrift noch nicht gelesen, weil sie zu groß ist; inzwischen wäscht der Regen sie ab, und in fünfzig Jahren wird nichts mehr zu sehen sein.

Hoffentlich hat man sie bis dahin immer noch nicht gelesen.

 

Abends gehe ich die delphische Straße entlang und nehme Abschied von Griechenland.

Die Bauern, die vom Weinberg heimkehren, kommen mir entgegen, vielleicht tausend, ein großer Zug. Jeder hat sein Eselchen bei sich oder ein paar Ziegen, und alle diese Tiere tragen Glocken, daß es endlos bimmelt.

Wundervolle Greise mit gelockten Bärten. Und jeder bietet mir den Gruß dieses heiligen Bodens,

Καλή ἑσπέρα

– schönen Abend. Und jedem erwidere ich's. Und nun warte ich still und voll Zuversicht auf die tausend schönen Abende, die mir Delphi gewünscht hat.

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