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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 103
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Theater

Ich bin seit Ausbruch des Krieges nicht mehr im Theater gewesen; seit zehn Jahren in keinem Trauerspiel, ja nicht einmal in einer Operette.

Wie das so gekommen ist, weiß ich nicht; vielleicht einfach aus Faulheit. Nur eins weiß ich genau, nämlich, daß man ohne das Theater leben kann.

Wenn ich meine dramaturgischen Bedürfnisse befriedigen will, gehe ich in ein Kino; aber es muß ein amerikanischer Film sein mit einem schönen Fräulein in Breeches, das von den Cowboys entführt wird; immer drauflos galoppiert über die Pampas.

Hier dagegen in Athen gehe ich jeden Tag in das Dionysos-Theater; an einigen Tagen bin ich sogar zweimal dagewesen.

Allerdings wird in dem Dionysos-Theater nicht mehr gespielt – das Unternehmen ist verkracht –, aber vielleicht ist es gerade deshalb so schön; in seiner Stille und Hoffnungslosigkeit.

Es empfiehlt sich, um zwei Uhr nachmittags hinzugehen. Dann hat ganz Athen zu Mittag gegessen und ist faul; und einige Überwindung kostet es schon, den weiten Weg bis zu dem Abhang der Akropolis zu machen; dafür ist man ganz allein draußen und kann sich den besten Platz aussuchen.

 

Der beste Platz im Dionysos-Theater ist das zweite Parkett links. Sich nicht auf die teuren Plätze vorn setzen! Da sieht man nichts.

Vom zweiten Parkett links liegt die Szene in richtigem Winkel da. Und wenn der Zuschauer sich langweilen sollte – auch im antiken Theater hat der Zuschauer sich manchmal gelangweilt –, so kann er über die Bühne hinweg in die Landschaft sehen, bis auf das ferne Myrtenmeer.

Die Berge, die hinter dem Meer aufragen, das ist die Landschaft Argolis.

In der Argolis aber haben die Atriden gelebt, die alle diese großen Tragödien veranstaltet haben. Agamemnon, Klytämnestra, Orest; und Elektra, die gräßliche alte Jungfer.

Bei Lichte besehen, sind diese großen Tragödien ein Haufen von Gemeinheit gewesen. Blutschande, Ehebruch, Erbschleicherei, Lüge und Mord. Aber dann ist der Dichter gekommen, er hat die Gemeinheit in den Rhythmus seiner Verse gefaßt und es hier in diesem Theater singen lassen; vor dem herrlich geschwungenen Halbkreis lauschender Marmorreihen.

Denn dadurch ist die Kunst höher als das Gesetz: das Gesetz verurteilt das Böse; die Kunst hebt den Mord mit ihren feinen Händen auf und zeigt, daß auch in ihm Ewiges war.

Die Kunst ist Gott.

 

Wohl zu bemerken, daß die erste Reihe dieses Theaters für die Geistlichkeit reserviert war. An den marmornen Orchesterfauteuils sind noch die Titel der hochwürdigen Herren und die Namen ihrer Gemeinden eingeschrieben: Priester des Zeus Eleutherios, Priester des Antinous.

Dort saßen die geistlichen Herren bei der Premiere des »Hippolytos«. Thema: die Mutter macht ihrem Sohn galante Vorschläge.

Man muß sich das in gegenwärtige Verhältnisse übersetzen. Man muß denken, daß in Reinhardts Theater auf den Sesseln der ersten Reihe angeschrieben steht: Propst von St. Hedwig; Pfarrei der Marienkirche; reserviert für den Oberkirchenrat.

So muß man es sich ausdenken, um zu merken, daß sich auf der Welt manches geändert hat.

Kein Laut ist jetzt in dieser Sonnenstunde zu hören. Die Straße schläft, die im Bogen um die Burg nach dem Areopag zieht. Manchmal kräht ein Hahn.

Ich sitze allein im Theater, wie König Ludwig II. von Bayern. Nein, noch alleiner; der König hatte die Sänger und Schauspieler da, die Wolter mit ihrem Schrei. Bei mir schreit nur der Hahn, und das genügt mir schon.

Aber dröhnt es nicht vor deinem Ohr wie das rasselnde Tatatam der dorischen Anapäste? Nur hier konnte diese Tragödie gespielt werden, die geheimnislose, die gewalttätige, hier unter dem erzenen Himmel, vor den klaren Bergen und vor dem Meer der großen Kriegsflotten. Nur hier kann sie verstanden werden.

Glattweg mache ich, auf der Marmorbank sitzend, eine Entdeckung, die Entdeckung, daß die antike Szene das Motiv der Liebe fast nicht kennt, das Motiv also, auf dem die ganze moderne Literatur aufgebaut ist. Herrschaft, Besitz, Rache, Vergewaltigung, darum ist es hier gegangen auf dieser steinernen Bühne. Mannestat, nicht schwärmerische Treue. Und alle die Weiber haben bluttriefende Arme.

Um Gottes willen: Wenn man von hier aus an Faust und Gretchen im Garten zurückdenkt! Er liebt mich, liebt mich nicht, liebt mich ...

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