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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 102
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Archäologische Notizen

Also: Penelope hat eine Krinoline getragen.

Sie war eine Mykenerin, und wir wissen heute von den Gemälden und von den geschnittenen Steinen aus Knossos her, wie die Mykenerinnen ausgesehen haben und angezogen waren.

Sie haben so ausgesehen: eine breite Krinoline – so breit wie die der Kaiserin Eugenie – mit bunten Rüschen und Volants besetzt. Die Taille sehr eng geschnürt. Ein kurzes Jäckchen, das bis zum Nabel ausgeschnitten war und die beiden strotzenden Brüste frei ließ; lange Zöpfe, wahrscheinlich künstlich gefärbt, über die Schultern nach vorn gelegt. Die zweideutig lächelnden Lippen rot geschminkt.

So trat Penelope vor die Freier, und die Freier schrien auf vor Brunst, wie jeder von uns vor Brunst aufgeschrien haben würde.

Hätte Penelope so ausgesehen, wie sie auf den Bildern Prellers aussieht, voll edler Anmut und in einem weißen Peplon, die Freier hätten nicht aufgeschrien, sondern sich hingesetzt und einen Schulaufsatz über das Thema »Die homerische Penelope, ein Muster häuslicher Tugenden und echter Gattentreue« geschrieben.

Deshalb Heil dir, deutsches Sonntagskind Schliemann, daß du, wie im Traum und allen neuesten Ergebnissen der Wissenschaft zum Trotz, uns das wahre Altertum gefunden hast; das wilde Altertum, das ganz und gar unklassische, das bunte und dämonische.

Uns gezeigt hast, daß die Antike nicht, wie heute noch Leute faseln, sich durch eine edle Einheitlichkeit ausgezeichnet hat, sondern daß sie unserer eigenen Zeit schwesterlich nahegestanden hat, in Zerrissenheit, Widerspruch, Farbe und Elend.

 

Man kann zu diesem Thema noch die zwanzig jungen Mädchen des Akropolismuseums zitieren, die aus den Urzeiten der hellenischen Geschichte zu uns gekommen sind.

Diese Mädchen lächeln alle. Es ist, kunsthistorisch gesehen, das Lächeln der Primitive. Aber ihr Lächeln ist jung, es ist ursprünglich und einfach; und hier vor diesen lachenden Kindern beginnen wir ebenso wie vor der mykenischen Penelope zu merken, daß die klassische Maske des Phidias eine Erstarrung war und eine Leerheit.

Wie die Wangen sich zusammenziehen zur Schalkhaftigkeit und zum Übermut, das steht dem Fleisch und Blut des Lebens näher als die entsetzliche Venus von Milo.

Fast allen diesen Fräuleins sind die Hände abgeschlagen. Aber gerade der schönsten und jüngsten ist die linke Hand geblieben, mit der sie ihren Jupon raffte.

Der gewissenhafte Archäologe möge abwarten, bis der amtierende Wärter woanders hinsieht, und dann diese kleine, glatte ionische Mädchenhand fassen und drücken.

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