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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 101
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Marathon

Diese Zeilen werden herumwandelnderweise auf dem Felde von Marathon geschrieben. Das Automobil, das mich hergebracht hat, liegt dort hinten eingesunken auf der Straße, und der Chauffeur sitzt darin. Ich sehe bis hierher den Zigarettenrauch, der in regelmäßigen Intervallen aus diesem Chauffeur aufsteigt.

Der Chauffeur wundert sich darüber, warum wir hier so lange liegenbleiben, wo doch gar nichts zu sehen ist. Er hat es mir schon vor der Abfahrt gesagt, daß in Marathon nichts los ist, nicht einmal ein Restaurant; man brauche nur eine halbe Stunde dazubleiben und könne zeitig am Nachmittag wieder zurück sein. Denn wir haben heute Sonntag, und in Athen ist wieder einmal großer Faschingsumzug.

Und nun läuft dieser deutsche Professor schon zwei Stunden hier herum mit seinem Notizbuch und seinem Kneifer.

 

Es ist wirklich nicht viel zu sehen.

Die Ebene von Marathon liegt zwischen der hohen Wand des pentelischen Marmorgebirges und dem Meer da, öde, still und leer. Sie ist schlecht angebaut, was mit der Dürftigkeit des Bodens entschuldigt werden kann. Kiesiges, sandiges Land mit verfrorener Wintersaat darauf, dazwischen lange Sumpfstrecken. Von dem Dorfe Marathon selbst ist nichts zu sehen; es ist bis dahin fast noch eine Stunde.

Hier und da eine Zypresse; am Strand eine zerfallene Fischerhütte; in der Ferne herumstreifend einige verwilderte Hunde, die hoffentlich in der Ferne bleiben werden.

Und in der Mitte nun, hoch und spitz, der Grabhügel der gefallenen Athener. Soros; mit dem Ton auf der zweiten Silbe; wörtlich: der Haufen.

Man hat rings um ihn herum Agaven gepflanzt, und seinen Abhang hinauf blühen Anemonen, Maßliebchen, die kleiner sind als bei uns, und der zweideutige Asphodelos, der heute, an diesem Märztag, seine weißlichen Blüten erschlossen hat.

 

Einen Augenblick der Scheu: darf dieser Totenhügel betreten und erstiegen werden? Aber schon führt geschlängelt ein kleiner Fußweg zum Gipfel; und all das ist ja so lange her, so lange her; und die Gebeine, die hier liegen, sind Element geworden wie die Erde selbst. Also den Hut ab und hinauf.

Eine Stunde lang – und eine der besten Stunden des Lebens – der Stille nachgehorcht, die über diesem ungeheuren Theater liegt. Keine bedrückende Stille, etwas Klares, Emporhebendes. Daß man die Arme weit ausbreiten möchte ...

Eine Biene summt vorbei; vom Gebirge her der stumpfe Glockenton weidender Esel; manchmal fährt der Windstoß auf mit einem Harfenton. Und so still bleibt es immer, daß vom Strande her auf einen Kilometer Entfernung die schwache Brandung des Meeres zu hören ist.

Es ist gerade Mittag, und die Sonne steht hoch über diesem Meere; sie streut Millionen von Lichtern darüber aus, die schweigend flimmern, aufblitzen und wieder verschwinden, immer an derselben Stelle. Das ist der Vorgang, den Äschylus »das unzählbare Lachen des Meeres« nennt; ein Wort, das in nördlichen Badeorten nicht verstanden werden kann.

 

Mit beiden Füßen stehen wir hier in den Daten der Geschichte drin, und nichts kann bestritten oder kritisiert werden. Jeder Historiker schreibt ein neues Werk über die Jungfrau von Orleans, und es ist immer wieder etwas anderes. Oder über die pragmatische Sanktion. Das hier, dies Marathon, ist unzweideutig und naiv wie ein Kinderbuch.

Dort am weit geschwungenen Strande lag die Flotte der Perser mit all ihren Kriegsmaschinen; Landungsmanöver, Männer bis zur Brust im Wasser, durchgehende Pferde. Drüben an den Bergen, in der Felsschlucht wartend, das kleine griechische Heer, das unser aller Sache verteidigen soll. Dann der blitzende Ansturm quer über die Ebene hinweg; kurzes Handgemenge am Wasser; der Sieg des Okzidents; und nun durch die Jahrtausende diese große Einsamkeit und der hohe Totenhügel der Helden.

Zum Greifen; hier und jetzt.

Und da faßt den verspäteten Athener das Verzücken; wenn wir nun schon einmal hier sind, dann auf und hin an das Meer, um posthum wenigstens dabeizusein in dem ewigen Strandkampf zwischen Barbarentum und Attika! Also das Notizbuch in die Tasche gesteckt, den Kneifer von der Nase herunter, den Spazierstock aus Olivenholz geschwungen und über das Feld denselben Weg, den damals die Mannschaft des Miltiades, wenn auch schneller und gewandter als ich, geeilt ist.

Weiß Gott, ich bin ein Pazifist von allen Graden, und wenn es nach mir ginge, würden alle Streitfragen der Völker feuilletonistisch erledigt, was sehr wohl möglich wäre. Aber bei Marathon hätte ich mitgefochten. Immer hineingehauen in die persischen Monokelvisagen!

 

Was diesen Gegensatz zwischen Athenern und Persern anbetrifft, so muß nun aber allerdings gesagt werden: es gehört jetzt zum guten Ton, für die Perser zu sein und gegen die Athener. Besonders die völkischen Historiker, die mit der Rassentheorie und den Langschädeln, die haben für die Perser sehr viel übrig. Mit den Athenern, die schwarze Haare hatten, weiß man weniger etwas anzufangen.

Die Athener gelten ja, bis auf weitere Forschungsergebnisse, ebenfalls für Arier; aber ihre verdächtige geistige Regsamkeit läßt vermuten, daß sie in der Rasse nicht ganz rein gewesen sind. Sie hatten eine dekadente Neigung für Kunst und für Literatur; und zwar für belletristische, nicht für fachwissenschaftliche Literatur. Sie waren Demokraten und Republikaner; sollten sie nicht etwa ...?

Ich gehe den Strand entlang, suche nach Muscheln und spinne diesen Faden weiter. Wann endlich kommt ein Geschichtsphilosoph, um uns zu beweisen, daß die Athener Juden gewesen sind. Sie sind von den Phöniziern kolonisiert worden; ihre Schrift ist aus dem Hebräischen übernommen. Und sie hatten so komische Namen: Aristoteles, Sophokeles, Perikeles ...

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