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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 100
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Agäische Meer

Samothrake. Wie gut hat der Himmel das gefügt, daß die Dinge fast immer ganz anders aussehen, als man sie sich zu Hause gedacht hat.

Denn sonst lohnte sich das Reisen ja kaum.

Für gewöhnlich dürfte der Mensch sich die griechische Inselwelt und Griechenland überhaupt als etwas Liebliches vorstellen. Milde, mäßige Hügel, sonniger Fels und schattige Höhle, für Daphnis' und Chloes Liebesspiel geeignet.

Und nun ist es ein riesenhaftes Gebirgsland. Schon wer in Patras zum ersten Male griechischen Boden betritt, erschrickt fast vor den gewaltigen Bergen, die drüben, jenseits des Golfes in Lokris, stehen.

Und diese Inseln mit den Hirtennamen, Thasos, Mytilene: schneebedeckte Bergketten. Das Samothrake hier, um das wir seit einem halben Tage im Sturm herumlavieren, das ist wie die Schweizer Jungfrau mitten in das blaue Meer gesetzt.

An der Wand dieser Berge stand im strahlenden Licht jener Zeit, die Flügel über das Meer gebreitet, die Nike, die jetzt in den Gewölben des Louvre konserviert wird.

 

Sporaden. Nun ist es aber jetzt neun Uhr abends; das Schiff neigt sich und ächzt; und wir befinden uns in den nördlichen Sporaden, die aus vielen kleinen Felseninselchen zusammengesetzt sind.

Also zunächst einmal hinauf auf das Verdeck und die näheren Umstände besehen.

Kein Mond, keine Sterne. Auch während zweier Stunden nicht ein einziger Leuchtturm, kein sicher führendes Blinklicht. Der Kapitän arbeitet sich nur mit der Kompaßnadel vorwärts. Er steht, assistiert von zwei Offizieren, in der Kommandokabine. Man hört von Zeit zu Zeit ein ruhig gesprochenes italienisches Wort.

Aber so finster ist es nicht, daß man jene Sporadeninseln nicht sehen könnte. Warum sollte man sie auch nicht sehen, wo sie doch so nahe am Schiff aufragen und sich so zackig scharf vom Nachthimmel abzeichnen? Einige liegen geduckt, klein und schwarz in der Fahrlinie; wie Meerestiere. Vielleicht sind sie eben aufgetaucht. Wenn das Schiff vorbei ist, ohne daß ihm etwas passierte, werden sie mit einem leichten Seufzer der Enttäuschung wieder untertauchen.

Manchmal wuschelt etwas weißlich im Wasser; das ist ein unterseeischer Felsen, auf den besonders gut geachtet werden muß.

Trotzdem habe ich auch an diesem Abend den Schwimmgürtel immer noch nicht anprobiert. Aber eine halbe Flasche Kognak habe ich mir der Vorsicht halber in meine Kabine bringen lassen.

 

Troas. Wir fahren die Küste der Troas entlang. Finsterer, stürmischer Tag.

Die Küste von Troas ist wüst und öde; kein Baum, kein Strauch, kein Haus. Beim Zeus, die Küste von Heringsdorf ist schöner.

Warum sind wir denn dann alle so aufgeregt? Zeigen mit den Fingern herüber? Warum lesen diese Engländer wild in ihren Büchern nach? Reißen sich die Feldstecher aus den Händen?

Etwa weil dort drüben der Trojanische Krieg geschlagen worden ist? Gott bewahre. Trojanische Kriege sind überall geschlagen worden; viele; und einer immer dümmer als der andere. Wenn man sich deshalb auf der Erholungsreise aufregen sollte ...

Nein; wir sind so erregt, weil ein Schriftsteller von Begabung dieses armselige Land da drüben zur Szene seines Genius erwählt hat.

Weil dieser Schriftsteller zum Beispiel folgenden Vorgang hierher verlegt hat:

Achill hat Hektor erschlagen und läßt die Leiche nicht beerdigen; von den Hunden soll sie draußen gefressen werden. Jetzt sitzt er abends grollend mit seinen Freunden im Zelt beim Lampenlicht.

Da hebt sich der Vorhang, und ein Greis tritt ein; Priam, der Vater des Geschändeten; und alles im Zelte wird still.

Und der alte Mann kniet vor dem Mörder des Sohnes nieder, faßt die furchtbare Hand und beginnt: »Denke an deinen Vater, Achill ...«

Deshalb. Deshalb ist dieser Boden heilig, heute noch nach fünfundzwanzig Jahrhunderten; und wird es bleiben, solange Menschen leben. Denn nicht die politische Tat, noch der wirtschaftliche Gewinn, sondern der Vers und die Bildsäule sind die gültige Leistung einer Epoche.

 

Übrigens möchte ich über den Trojanischen Krieg nichts Ungünstiges gesagt haben; es war ein gemeinverständlicher, ehrlicher Krieg.

Der Trojanische Krieg wurde wegen Helena geschlagen, die das schönste Weib jener Zeit gewesen ist, und das war ein Kriegsgrund, der Hand und Fuß hatte.

Wer mir sagt, warum der letzte Weltkrieg geschlagen worden ist, dem schenke ich zehn Drachmen.

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