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Vincente Blasco Ibañez: Sumpffieber - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/blascoib/sumpffie/sumpffie.xml
typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleSumpffieber
publisherBüchergilde Gutenberg
year1929
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid9a5dc59d
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Noch stand die Sonne sehr hoch, als der Kubaner mit steifem Segel in den Kanal einlief, an dessen einem Ufer die ganze Flotte der von Paloma so gehaßten Fischer Catarrojas festgemacht war: schwarze Särge von verschiedener Größe, alle von wurmstichigem Holz. Neben kleinen, Schuhe genannten Booten, die ihre spitzen Enden aus dem Wasser reckten, versenkten die großen Lauten mit einer Tragfähigkeit von hundert Sack Reis ihre breiten Bäuche tief in das Grün der Schlingpflanzen, während ihre ungeglätteten, stumpfen Mäste sich wie ein kahler Wald am Himmel abhoben. Zwischen dieser Flotte und dem gegenüberliegenden Ufer blieb nur eine schmale Fahrtrinne, so daß der Bug der ein- und ausfahrenden Segelboote immer wieder mit den vertäuten Barken kollidierte.

Tonet machte sein Boot vor der Hafenschenke fest und sprang an Land, wo riesige Haufen von Reisstroh lagerten. Überall kratzten, gackerten und pickten Hühner, die diesem Anlegeplatz das Aussehen eines Geflügelhofes gaben. Am Ufer waren Schiffszimmerleute mit dem Bau von Barken beschäftigt; andere Boote aus gelbem, erst kürzlich gehobeltem Holz warteten auf den Teertopf des Kalfaterers. In der Tür der Taverne saßen zwei nähende Frauen. Weiter rückwärts stand unter einem Strohschuppen die Gemeindewage mit zwei Binsenkörben an Stelle der Schalen. Eine Frau wog dort die Aale und Schleie der heimkehrenden Fischer ab und warf von dem Fang eines jeden einen Aal in den neben ihr stehenden Korb – ein freiwilliger Tribut der Bevölkerung für das Fest ihres Schutzpatrons Sankt Peter. Knarrend entfernten sich einige reisbeladene Wagen in der Richtung nach den großen Mühlen.

Tonet, der nicht wußte, was er beginnen sollte, war schon im Begriff, die Taverne zu betreten, als er hörte, wie jemand ihn beim Namen rief. Gleichzeitig hob sich hinter einem der großen Strohhaufen winkend ein Arm, vor dem das Hühnervolk erschreckt Reißaus nahm.

Als der Kubaner der Stimme nachging, sah er in die gelblichen Augen seines Freundes Sangonera. Die Hände als Kissen im Nacken und die Brust entblößt, lag er langausgestreckt im Stroh; um das blasse, vom Alkohol zermürbte Gesicht summten gierige Fliegenschwärme, ohne daß der Ruhende auch nur eine Bewegung daran verschwendete, sie zu verscheuchen.

»Was machst du da?« fragte Tonet, erfreut, sich mit ihm die Zeit vertreiben zu können.

»Nichts! Ich warte, daß der Abend kommt und mich irgendein Bekannter einladet. Mittlerweile ruhe ich aus – die beste Beschäftigung für einen Mann! Mittags gaben mir ein paar brave Fuhrleute, die im Wirtshaus aßen, einige Bissen ab und ließen mich zum Dank für meine Schnurren auch an ihrem Weinkrug lutschen. Aber kaum waren sie fort, so setzte mich der Wirt, ein Grobian wie alle seinesgleichen, vor die Tür ...«

Wohlig rekelte er sich im Stroh.

»Ich sah dich von meinem Nest aus; aber diese Kule ist so bequem, daß ich nicht aufstehen konnte. Sag mal, sind wir noch Freunde? ... Dann lade mich zu einem Gläschen ein!«

Das zustimmende Nicken Tonets siegte über Sangoneras Faulheit, und er entschloß sich, sein Lager zu verlassen. Sie tranken ihren Wein in der Taverne und setzten sich dann auf einen Bretterstapel am Ufer.

»Was soll ich in Palmar anfangen?« beklagte sich der Stromer. »Cañamels Taverne darf ich nicht betreten. Neleta, die nicht mehr weiß, woher sie stammt, hat mir ihr Haus verboten, weil – so sagt sie – zuviel Schlamm an meinen Kleidern hängt. Und in den anderen Kneipen verkehren nur arme Teufel. Da bleibt mir nichts anderes übrig, als die Dörfer abzustreifen, um wie mein Vater großmütige Menschen zu suchen.«

Tonet, dessen Trägheit den Seinen so viel Verdruß bereitet hatte, erkühnte sich, ihm Ratschläge zu erteilen:

»Aber warum arbeitest du nicht?«

Sangonera zog ein verblüfftes Gesicht.

»Was? Auch du? Du kommst mir wie die Alten in Palmar? He, warum drückst denn du dich jeden Tag bei Cañamel herum und trinkst vom Besten, anstatt deinem Vater zu helfen?«

Der Kubaner, von der Logik des Trunkenboldes in die Enge getrieben, lächelte verlegen. Aber schon wurde der Vagabund, eingedenk des Weins, den Tonet für ihn bezahlt hatte, wieder sanft. In der Stille des sonnigen Nachmittags, die nur dann und wann durch das Gegacker der Hühner unterbrochen wurde, neigte er zu Vertraulichkeiten.

»Glaube mir, Tonet, ich kann nicht arbeiten, und wenn man mich dazu zwingen würde. Die Arbeit ist ein Werk des Teufels, ein Ungehorsam gegen Gott und die schwerste aller Sünden. Nur Menschen mit verdorbener Seele, die sich mit ihrer Armut nicht abfinden können, die mit nichts als der Gier, Geld aufzuspeichern, an den morgigen Tag denken, können sich der Arbeit hingeben, durch die der Mensch sich zum Tier herabwürdigt. So zu handeln, heißt an der Barmherzigkeit Gottes zweifeln, der seine Kreaturen nicht im Stich läßt – und ich bin vor allem anderen Christ.«

Sangoneras Blick schweifte über die vom letzten Sonnenlicht purpurn gefärbte Oberfläche des Kanals. Langsam, mit einem mystischen Ausdruck, der wenig seinem nach Alkohol riechenden Atem entsprach, fuhr er fort:

»Tonet, du bist ein Dummkopf! Ich weiß mehr wie ihr alle in Palmar, denn als Sakristan habe ich die Bücher vom Vikar gelesen und fast das ganze Neue Testament auswendig gelernt. Sagt Jesus nicht von den Vögeln des Himmels: sie säen nicht, sie ernten nicht, und Gott erhält sie doch! Sagt er nicht von den Lilien auf dem Felde: sie brauchen nicht zu weben, denn Gottes Güte kleidet sie! ... Ich bin eine Kreatur Gottes und baue auf ihn. Und ich will den Herrn nicht durch Arbeit beleidigen, als zweifelte ich daran, daß mir seine Güte zur Seite steht. Nein, Tonet, ich will gerade so sein wie die Vögel vom See, wie die Blumen im Röhricht: nichts tun und auf die göttliche Vorsehung bauen. Von der Sucht nach irdischen Gütern will ich mich rein halten in dieser Welt, wo alle im Kampf ums Dasein die Fäuste zeigen, wo jeder seinen Nächsten plagt, um ihm etwas von seinem Wohlsein zu nehmen.«

»Dann laß doch den See im Stich und geh ins Kloster«, riet der Kubaner; »dahin gehörst du mit solchen Ideen.«

Sangonera jedoch protestierte hiergegen voll ehrlicher Entrüstung.

»So? ... Ich habe mich mit dem Vikar überworfen und die Sakristei für immer verlassen, weil es mir zuwider war, bei meinen Gebietern einen Geist zu sehen, der den Büchern, die sie lesen, widerspricht. Sie sind genau wie alle anderen: lüstern nach der Peseta des Nächsten, die Gedanken auf Essen und Kleidung gerichtet, das Nachlassen der Frömmigkeit bejammernd, wenn kein Geld einkommt. Ich aber habe Glauben und bin zufrieden mit dem, was ich auf meinem Weg finde. Nie fehlt mir nachts ein Strohhaufen als Lager, nie spüre ich den Hunger so stark, daß ich zusammenbreche. Der Herr stellte, als er mich am See geboren werden ließ, alle Mittel zum Leben in meinen Bereich, damit ich das Beispiel eines wahren Gläubigen geben soll.«

Tonet überkam die Lust, den alten Säufer zu verspotten.

»Und weil du so reinen Herzens bist, betrinkst du dich! Wahrscheinlich befiehlt dir Gott, von einer Taverne in die andere zu laufen, um hinterher auf allen vieren über die Dämme zu kriechen ...«

Doch auch dieser Hohn vermochte nicht den feierlichen Ernst Sangoneras zu erschüttern.

»Meine Trunkenheit bringt niemandem Schaden. Und außerdem ist der Wein etwas Heiliges ... nicht ohne Grund bedient man sich seiner beim täglichen Meßopfer! Die Welt ist schön, aber durch ein Glas Wein gesehen, erscheint sie noch lächelnder, in noch schöneren Farben. Und mit größerer Innigkeit bewundert man dann ihren Schöpfer ... Jeder ergötzt sich nach seiner eigenen Weise. Cañamel zum Beispiel stapelt Goldunzen auf, und ich jauchze wie ein kleines Kind vor Entzücken über den Glutball der untergehenden Sonne, über diese Dämmerstunde, die am See viel geheimnisvoller und schöner ist als auf dem Festland.«

Ein langes Stillschweigen folgte. Aber Sangoneras Beredsamkeit war noch nicht erschöpft.

»Unser Vikar sagt, daß der Mensch dazu verdammt ist, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen. Aber ist nicht Jesus auf die Welt gekommen, um uns von der Erbsünde zu erlösen? Um der Menschheit ein Leben wie im Paradies, frei von jeder Arbeit, wiederzubringen? ... Nur halten sich die von ihrem Hochmut verblendeten Sünder nicht an seine Worte. Jeder will besser leben als die anderen – es gibt Reiche und Arme, statt daß alle gleich wären. Jesus muß wieder auf die Welt kommen, muß die Menschen von neuem auf den guten Weg leiten. Bei dieser Wiederkehr, an die ich fest glaube, wird er sich aber nicht in den reichen, großen Städten zeigen, wie er ja auch das erstemal jene ungeheure Stadt Rom nicht besucht, sondern nur in kleinen Dörfern gepredigt hat. Und der See, über dessen Wellen Jesus zum Staunen der Jünger schritt, war sicher nicht größer und schöner als die Albufera.«

Mit einer Begeisterung, die ebensosehr von seinem seltsamen Glauben wie vom Wein herrührte, richtete er seine Blicke exaltiert zum Horizont. »Ich habe oft von ihm geträumt, und einmal, Tonet, einmal, als mich das Fieber schüttelte, sah ich sein violettes Gewand mit den starren Falten so nahe vor mir, daß ich es berühren wollte, um geheilt zu werden.« Tonet hörte ihm schon nicht mehr zu. Auf der Landstraße von Gatarroja ertönte lautes Schellengeklingel, und hinter dem Wiegehäuschen kam die rissige Wetterplane eines zweirädrigen Wagens zum Vorschein. Sangoneras scharfe Augen hatten sofort Neletas Kopf an dem Fensterchen des Fuhrwerks erkannt, was ihn veranlaßte, sich von Tonet zu verabschieden und wieder in sein Stroh zu kriechen . . . mit Cañamels hochnäsiger Frau, die ihn nicht mehr in der Taverne duldete, wollte er nichts zu schaffen haben! »Und der Großvater?« staunte Tonet, als aus der dicht am Ufer haltenden Tartana nur Neleta ausstieg.

»Er macht den Umweg über Saler, wo er bei einer Witwe noch einige Fischleinen billig erstehen will. Von dort kehrt er nachts mit irgendeinem Boot direkt nach Palmar heim.«

In beider Augen lag derselbe Gedanke: eine Rückfahrt zu zweien! Zum erstenmal ein Zusammensein fern von jedem neugierigen Blick! Und beide wurden blaß angesichts einer tausendmal ersehnten Gefahr, die sich jetzt plötzlich und unvermutet einstellte. Doch ein sonderbares Schamgefühl ließ sie den Augenblick ihrer Abfahrt hinauszögern, als fürchteten sie die Glossen der Leute im Hafen, die sie in Wirklichkeit kaum beachteten. Mit Hilfe des Kutschers schichtete Tonet die dicken Bündel Garn am Bug des Boots zu einem gelben Haufen, von dem der starke Geruch frisch gedrehten Hanfes aufstieg.

Neleta bezahlte den Fuhrmann. »Kommen Sie gut heim!« rief er, als er peitschenknallend fortrollte. Doch noch immer traf sie keine Anstalten, das Boot zu betreten.

»Es wird Zeit, wenn wir noch etwas von dem Wind haben wollen«, mahnte der Kubaner mit heiserer Stimme und half ihr zu einem Sitz am Fuß des Mastes.

Das Segel rauschte hoch; langsam glitt die Barke in der ersterbenden Brise den Kanal entlang.

Im letzten Abendlicht zogen die Hütten vorbei mit ihren Girlanden von Netzen, die auf den Rohreinfriedigungen trockneten, ab und zu auch alte Wasserräder, deren vermorschtes Holz die Fledermäuse zu umflattern begannen. Am Uferrande schleppten Fischer mittels des am Gürtel befestigten Seils mühsam ihre Boote vorwärts.

»Guten Abend«, grüßten sie.

»Guten Abend!«

Und wieder Stille. Wieder hörte man nichts als das Glucksen des von der Barke geteilten Wassers und das Gequake der Frösche. Immer mehr wichen die Ufer auseinander, weite Strecken Röhricht vorschiebend, das im Dämmerlicht wie die Wipfel eines versunkenen Waldes hin und her wogte. Noch ein kurzes Stück trieb sie die einschlafende Brise. Um sich herum sahen sie nur noch Wasser; Neleta und Tonet waren in der Albufera. Ganz ruhig lag der See, dessen sanftes Opal den letzten Glanz der bereits hinter den fernen Bergen verschwundenen Sonne widergab. Vereinzelt begann das Gefunkel der Sterne den tiefviolett gefärbten Himmel zu durchbrechen, und wie Schemen zeichnete sich an den Grenzen der Wasserfläche die schlaffe, reglose Leinwand der großen Barken ab. Tonet barg das Segel und griff zur Stange.

»Soll ich dir helfen?« fragte Neleta. »Staken kann ich auch; du weißt doch, wie wir als Kinder in fremden Booten ausrissen, um die Kanäle zu durchstöbern?«

»Ruhig ...«, verwies er sie.

Doch Neleta schwieg nicht. Sie fühlte sich bedrückt von dieser Stille, in der sich ihre Blicke flohen, als fürchteten sie, die Gedanken zu verraten. Weit, sehr weit vor ihnen hob sich wie ein phantastischer, nie erreichbarer Strand die gezackte Linie der Dehesa.

»Erinnerst du dich noch an die Nacht, die wir dort verbrachten, Tonet? An unsere große Angst und den friedlichen Schlaf? Mir ist unser Abenteuer noch so frisch in der Erinnerung, als hätten wir es gestern erlebt.« Ihre Stimme war ruhig, doch das Lachen klang gemacht. Als ihr Begleiter stumm blieb, drehte sie, stutzig geworden, den Kopf. Jetzt erst bemerkte sie, wie seine Blicke, unruhig flackernd, an ihren kleinen, gelben Schuhen hingen und an den Beinen, die das hochgerutschte Kleid freigab. Hastig zog sie es hinunter, doch ihr Lächeln verschwand. Ein harter Ausdruck lag um ihren zusammengekniffenen Mund, und zwischen den fast geschlossenen Augen zog sich eine tiefe Falte, die von ihrem Bemühen sprach, Herr über sich zu bleiben.

Nur langsam kamen sie weiter. Es war eine überaus saure Arbeit, die Albufera mit dem schwer beladenen Boot zu durchqueren. Andere Barken, die als einziges Gewicht nur den Mann trugen, der sie stakte, flogen schnell wie Pfeile an ihnen vorbei und verloren sich in dem stetig dunkler werdenden Zwielicht.

Über eine Stunde hatte Tonet sich gequält, bald mit der Stange auf dem harten Muschelboden abgleitend, bald im Tang steckenbleibend, und sein keuchender Atem bewies, wie sehr ihn diese nicht mehr gewohnte Strapaze angriff. Wäre er allein gewesen, so hätte er sich lang ausgestreckt, um auf Wind zu warten oder auf ein Boot, das willig war, ihn ins Schlepptau zu nehmen. Aber Neletas Gegenwart weckte seinen Ehrgeiz, und ohne im Staken innezuhalten, wischte er immer häufiger mit dem Ärmel sein schweißbedecktes Gesicht ab.

»Komm zu mir und verschnaufe dich ein bißchen. Es ist doch gleichgültig, ob wir eine halbe Stunde früher oder später ankommen.«

In Neletas Stimme schwang ein Ton mütterlicher Zärtlichkeit. Sie rutschte auf ihrem Bündel zur Seite, um ihm Platz zu machen.

Unbeweglich ruhte die Barke, und die Nacht, der nur wenige, im Wasser zitternde Sterne eine spärliche Helle gaben, wurde lebendig von geheimnisvollen Stimmen. Vom Meer kommende Wolfsbarsche verfolgten die kleinen Fische, bei deren regelloser Flucht die schwarze Wasserfläche in einem beständigen Tschap-Tschap zerriß. Aus einem nahen Röhricht jammerten ängstliche Krickenten, und Seenachtigallen schmetterten ihre endlosen Skalen. Inmitten dieses von Geräuschen und Gesängen belebten Schweigens träumte Tonet, daß die Zeit nicht weitergegangen wäre, daß er wieder als Junge auf einer Waldlichtung säße, neben sich die Gefährtin seiner Kindheit, die Tochter einer Aalhändlerin. Jetzt hatte er keine Furcht; nur verschüchterte ihn der berauschende Duft, der von ihrem Körper ausging und ihm wie schwerer Wein zu Kopf stieg.

Ohne zu wagen, Neleta in die Augen zu sehen, schlang er einen Arm um ihre Taille. Fast im gleichen Augenblick spürte er die Liebkosung einer weichen Hand, die kühlend über seine heiße Stirn strich.

Den Kopf hebend, sah er dicht vor sich zwei leuchtende Augen, die das Licht eines fernen Sterns widerspiegelten; an der Schläfe fühlte er das Schmeicheln von Neletas blondem Haar, das ihren Kopf wie eine Aureole umgab. Das starke Parfüm, von dem ihre Kleidung wie durchtränkt zu sein schien, drang bis ins Innerste seines Seins.

»Tonet! Tonet!« murmelte sie mit vergehender Stimme.

Ganz wie damals in der Dehesa! ... Aber jetzt waren sie keine Kinder mehr; die Unschuld, mit der sie sich aneinandergedrängt hatten, um Mut zu schöpfen, war verschwunden. Und als sie sich nach so vielen Jahren von neuem umarmten, fielen sie, alles vergessend, auf die hänfenen Garnbündel, mit dem Wunsch, nie wieder aufzustehen.

Wie verlassen blieb die Barke mitten auf dem See liegen, ohne daß sich die leichteste Silhouette über ihrem Rande abzeichnete.

Langgedehnt erklang ein Lied heimkehrender Fischer. Sie stakten durch das dunkle, von Gemurmel erfüllte Wasser und ahnten nicht, daß ganz nahe, eingelullt vom Gezwitscher der Seevögel, in der Stille der Nacht sich Eros, der Beherrscher der Welt, auf den Planken einer Barke wiegte.

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