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Vincente Blasco Ibañez: Sumpffieber - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleSumpffieber
publisherBüchergilde Gutenberg
year1929
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Tonets Stellung in Cañamels Etablissement änderte sich vollständig. Nun war er nicht mehr ein Gast: er war des Hausherrn Sozius, der beim Betreten der Taverne mit hochmütiger Miene dem Gezischel von Neletas Feindinnen Trotz bot.

Wenn er jetzt den ganzen Tag dort verbrachte, so geschah das, um das große Geschäft zu besprechen. Ungeniert betrat er die Privatwohnung oder sprang zum Zeichen, wie sehr er sich zu Hause fühlte, über den Schanktisch und setzte sich neben Cañamel. Häufig verkaufte er, wenn das Ehepaar ins Innere des Hauses gerufen wurde, inzwischen die Waren aus dem kleinen Kramladen, wobei er unter dem Gelächter seiner Freunde Stimme und Gesten von Onkel Paco nachahmte.

Der Wirt war mit seinem Sozius zufrieden.

»Ein ausgezeichneter Junge!« äußerte er sich in Tonets Abwesenheit zu den Stammgästen. »Falls er fortfährt, sich gut zu führen und hinter der Arbeit her ist, wird er es unter meiner Protektion noch weit, sehr weit bringen.«

Auch der alte Paloma kam häufiger als bisher zur Taverne. Eine lärmende Auseinandersetzung in der stillen Hütte noch am Abend der Verlosung hatte bewirkt, daß sich die Familie in zwei Lager teilte. Toni und Borda fuhren weiter an jedem Morgen zu der kleinen Lagune, wo sie den Kampf mit dem See fortsetzten, während Tonet mit seinem Großvater den Weg zur Kneipe nahm, um mit Cañamel über das bevorstehende Unternehmen zu beratschlagen, bei welcher Gelegenheit letzterer immer wieder die Großzügigkeit rühmte, mit der er auf das Geschäft eingegangen war.

»Ich riskiere mein Geld, ohne zu wissen, wie der Fischfang ausgehen wird, und begnüge mich mit der Hälfte vom Gewinn. Wie machen es hingegen die fremden Geldverleiher an der Küste? Gute Hypotheken und Wucherzinsen!« Sein ganzer Haß gegen diese Eindringlinge, die grimmige Rivalität in der Kunst, den Nächsten auszubeuten, vibrierte in seinen Worten. »Und wer sind diese Leute, die sich allmählich des ganzen Landes bemächtigen?... Franzosen! Mit zerrissenen Schuhen sind sie ins Valencianische gekommen, und nicht einmal ihr eigenes Geld verleihen sie. Zu Hause nehmen sie es zu vier und fünf Prozent auf, um es hier zu zwanzig auszuleihen. Feines Geschäft! Dazu schmuggeln sie noch Pferde über die Pyrenäen, die sie unseren Bauern auf Abzahlung verkaufen, doch so, daß die Käufer niemals endgültige Besitzer werden. So etwas ist Diebstahl, eines Christenmenschen unwürdige Räuberei!«

Der alte Paloma, den es unausgesetzt wurmte, daß sein eigener Sohn sich in Schulden gestürzt hatte, um Land bebauen zu können, pflichtete ihm bei. »Ja, ja! Die kleinen Bauern sind nichts anderes als Sklaven! Die ganze Ernte geht an den Franzosen, der ihnen Geld geliehen hat, und an den Engländer, von dem sie Dünger auf Kredit nehmen. Nur um den Fremden die Tasche zu füllen, rackern sie sich ab. Und dabei gibt es genug Aale im See ...«

In Wirklichkeit waren es fast ausschließlich Paloma und der Schankwirt, die sich über das Geschäft berieten, denn Neleta und Tonet saßen derweile hinter der Theke und betrachteten sich mit Augen, die zu ihrer harmlosen Plauderei wenig paßten. So war es nicht verwunderlich, daß die Wein oder Öl einkaufenden Kundinnen, während sie anscheinend stumpfsinnig zusahen, wie die letzten Tropfen aus dem Trichter in die Flasche liefen, die Ohren spitzten, um einige Brocken der Unterhaltung zu erlauschen.

Auch der Großvater, den solche Vertraulichkeit beunruhigte, nahm sich Tonet vor. »Haben die Samaruca und andere böse Zungen recht, die von heimlichen Beziehungen zwischen dir und Neleta reden? Oho, Tonet – das würde unserem Geschäft übel bekommen!«

Aber der Enkel brauste auf ... und dem Alten blieb nichts übrig als zu schweigen, obgleich seine Furcht, daß diese Freundschaft zu einem schlechten Ende führen möchte, nicht gewichen war.

In dem engen Raum hinter dem Schanktisch glaubte sich Tonet an Neletas Seite im Paradies. Er tauschte mit ihr allerhand Kindheitserinnerungen aus; er erzählte ihr seine Erlebnisse in den fernen Ländern, und wenn sie schwiegen, fühlte er neben diesem Frauenkörper, dessen Wärme ihn durch die Kleider hindurch zu streicheln schien, jene Trunkenheit, wie er sie damals im nächtlichen Walde kennengelernt hatte. Blieb er zum Abendessen bei Cañamel, so holte er bisweilen eine Ziehharmonika – außer den Strohhüten seine einzige von Kuba mitgebrachte Habe –, spielte zum Entzücken der Gäste schmachtende Habaneras oder sang Guajiras, süße Verse, die vom Zephir, von Harfen und von Herzen zart wie Gujavas sprachen und deren weicher kubanischer Akzent Neleta betörte. Die Augen halb geschlossen, legte sie sich weit zurück, als wollte sie den schweren Druck auf ihrer Brust erleichtern.

Am Tage nach solchen Serenaden folgten der schönen Wirtin Blicke Tonet überallhin, während er von Tisch zu Tisch gehend seine Freunde begrüßte.

Der Kubaner erriet den Grund.

»Du hast von mir geträumt, nicht wahr? ... Und ich von dir! Die ganze Nacht sah ich dich, so wirklich, daß ich die Hände ausstreckte, um dich zu fassen.« Nach diesem gegenseitigen Geständnis kehrte die Ruhe bei ihnen ein – eine Ahnung sagte ihnen, daß sie sich ungeachtet aller Hindernisse eines Tages angehören würden.

Im Dorf durften sie an keinerlei Intimität denken, denn ganz Palmar überwachte sie tagsüber, und außerdem verließ der kränkliche Cañamel kaum das Haus. Gelegentlich pfiff er zwar, von einem Drang nach Tätigkeit erfaßt, seiner alten Hündin Centella und ruderte in einem kleinen Boot nach dem nächsten Röhricht, um Wasserhühner zu schießen. Doch bald kehrte er hustend zurück und ließ nicht nach, über die Feuchtigkeit zu stöhnen, bis ihm Neleta Kopf und Hals mit wollenen Tüchern umwickelte und heißen Tee eingab. Deutlich verrieten ihre Mienen dann die Geringschätzung für diesen Ehemann!

Der Sommer ging zu Ende, und es war Zeit, sich ernsthaft mit den Vorbereitungen zum Fang zu befassen; bereits besserten die Inhaber der anderen Plätze vor ihren Hütten die großen Netze aus, die zum Absperren der Kanäle dienten. Der alte Paloma mahnte ungeduldig, die notwendigen großen Mengen Garn zu kaufen und im Knüpfen erfahrene Frauen anzustellen, da die aus früheren Geschäftsverbindungen Cañamels übriggebliebenen Netze für die Sequiota nicht ausreichten.

Das beste Garn war das für die Hochseefischerei am Strande von Cabañal hergestellte, und so kam man eines Abends bei einem gemeinsamen Essen überein, daß es Paloma als erfahrener Kenner aussuchen sollte, jedoch in Begleitung Cañamels, der die Bezahlung selbst vorzunehmen wünschte in der Befürchtung, sonst betrogen zu werden. Aber etwas später, in dem glückseligen Zustande der Verdauung, dachte der Wirt mit Schrecken an den nächsten Tag. Bei Morgengrauen aufstehen ... aus dem warmen Bett im feuchten Nebel untertauchen ... den See durchqueren und dann zu Lande über Valencia nach Cabañal ... Und diese ganze Strecke noch einmal auf dem Heimwege! Cañamels aufgedunsener, durch den Mangel an Bewegung schlapp gewordener Körper erschauerte schon im voraus vor Entsetzen. Dieser Mann, der vormals einen großen Teil seines Lebens in der Welt umhergewandert war, hatte in dem Schlammboden Palmars so tief Wurzel geschlagen, daß ihm die Idee, einen ganzen Tag unterwegs sein zu müssen, Beklemmungen verursachte.

Der Hang nach Ruhe ließ ihn seine Dispositionen ändern.

»Ich bleibe hier, um die Taverne zu beaufsichtigen. Dafür fährt Neleta mit; es versteht doch niemand besser zu feilschen als die Frauen. Nachmittags kann euch Tonet im Hafen von Catarroja erwarten, um das Garn auf sein Boot zu laden.«

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