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Vincente Blasco Ibañez: Sumpffieber - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleSumpffieber
publisherBüchergilde Gutenberg
year1929
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Als Paloma auf die weitere Erziehung seines Enkels Verzicht leistete, atmete dieser auf.

Der Bruch mit dem Großvater bedeutete die Rückkehr zu seiner alten Behaglichkeit. Kein Aufstehen mehr vor dem Morgengrauen, keine Arbeit mehr auf dem See, bis die Nacht einbrach! Der ganze Tag gehörte ihm in diesem Dorf, wo es, solange die Sonne am Himmel stand, keine Männer gab außer dem Pfarrer, dem Lehrer und dem Zollwächter, der seinen martialischen Schnauzbart und seine rote Alkoholnase am Ufer spazierenführte.

Einige Male begleitete Tonet seinen Vater nach den Feldern von Saler. Aber beim Anblick der Männer, die sich unter den glühenden Sonnenstrahlen abmühten, die mit geschwollenen Beinen im Wasser arbeiteten, empörte sich seine Faulheit. Nein, nimmermehr würde er Reis bauen! Lieber Zollwächter werden, um an der Küste im Sande zu liegen, oder Gendarm mit gelbem Lederzeug und weißem Kragen wie die, welche bisweilen, aus der fruchtbaren Huerta von Ruzafa kommend, im Dorf auftauchten.

Frei vom Joch der Arbeit, knüpfte Tonet mit seinen Freunden wieder an. Es gab da in den Nachbarhütten zwei besonders gute Kameraden: Neleta und Sangonera.

Die Mutter des Mädchens – einen Vater hatte es nicht – war eine alte Fischhändlerin, die gegen Mitternacht ihre für den Markt in Valencia bestimmten Körbe auf das reguläre Frachtboot, den sogenannten Aalwagen, lud. Wenn die Arme am Spätnachmittag ihre schlaffe, überquellende Fettleibigkeit nach Palmar zurückgeschleppt hatte, ganz erschöpft von der täglichen Fahrt, dem Feilschen und den Streitigkeiten in der Fischhalle, begab sie sich zur Ruhe, um mit den Sternen wiederaufzustehen, und da ihr dieses anormale Leben nicht erlaubte, sich um ihre Tochter zu bekümmern, wuchs Neleta ohne andere Fürsorge auf als die der Nachbarn. Am meisten nahm sich Tonets Mutter des Kindes an, gab ihm, so oft es kam, zu essen und behandelte es wie ein zweites Töchterchen. Doch das Mädchen war weniger gefügig als Borda und begleitete lieber Tonet auf seinen Streifzügen, als bei stundenlangem Stillsitzen die verschiedenen Knüpfarten der Netze zu erlernen.

Sangonera trug denselben Spitznamen wie sein Vater, der bekannteste Säufer der Albufera; ein altes Männchen, das der Alkohol vieler Jahre ausgelaugt zu haben schien. Seit er Witwer geworden war, hatte er sich dem Trunke ergeben, und die Leute, die ihn jede Sorte Alkohol mit wilder Gier schlürfen sahen, tauften ihn »Blutegel« – ein Beiname, den er nie wieder los wurde.

Ganze Wochen verschwand er aus Palmar. Dann und wann vernahm man, daß er durch die Dörfer des Festlandes vagabundierte, die reichen Bauern von Catarroja und Masanasa anbettelte und seine Räusche in ihren Strohmieten ausschlief. Blieb er einige Zeit in seinem Heimatdorfe, so kamen nachts die ausgelegten Fischnetze abhanden; die mit Aalen gefüllten Reusen leerten sich, bevor ihre Eigentümer sie einholten, und mehr als eine Frau schrie zum Himmel, wenn sie beim Zählen das Fehlen einer Ente feststellen mußte. Der Zollwächter hustete vernehmlich und beäugte Sangonera so aus der Nähe, als wollte er ihm seinen gewaltigen Schnurrbart in die Augen stoßen. Doch der Trunkenbold beteuerte seine Unschuld, wobei er aus Mangel an gewichtigeren Bürgen die Heiligen als Zeugen seiner Makellosigkeit anrief. Und um den schrecklichen Vertreter des Gesetzes zu beschwichtigen, den man oft genug an seiner Seite hatte zechen sehen, obgleich er außerhalb der Tavernen nie einen Freund wiedererkannte, unternahm Sangonera von neuem eine mehrwöchige Reise nach dem anderen Ufer der Albufera.

Der Sohn verweigerte bei diesen Ausflügen seine Begleitung. In einer Art Hundehütte geboren, wohin sich nie ein Stück Brot verirrte, war er von klein auf genötigt, sich wegen der Beschaffung seiner Nahrung den Kopf zu zerbrechen, und fand es praktischer, sich von seinem Vater möglichst fern zu halten, damit er den Ertrag seiner listigen Beutegänge nicht mit ihm zu teilen brauche.

Wenn die Fischer sich zu Tisch setzten, sahen sie an der Tür einen melancholischen Schatten immer wieder vorbeistreichen, der schließlich – den Kopf gesenkt und den Blick nach oben wie ein junger, angriffsbereiter Stier – an einem Türpfosten haftenblieb. Es war Sangonereta, Diminutiv für Sangonera = Blutegelchen. der gewissermaßen seinen Hunger mit einer heuchlerischen Miene von Scham und Schüchternheit wiederkäute, während in den Augen des kleinen Spitzbuben die Gier blitzte, sich alles, was er sah, anzueignen.

Diese Erscheinung verfehlte bei den Familien niemals ihren Eindruck. Armes Bürschchen! ... Und hier einen halb abgenagten Knochen, dort ein Stück Schlei oder eine Brotkruste im Flug ergatternd, füllte er bei diesem Wandern von Tür zu Tür sein Bäuchlein. Sah er die Dorfköter nach wütendem Gebell allesamt nach einer Taverne rennen, so rannte Sangonereta gleichfalls – ahnte er doch, daß Jäger aus Valencia gekommen waren, um sich die berühmte Paella schmecken zu lassen; und wenn die an dem kleinen Tisch der Taverne sitzenden Fremden sich zwischen zwei Bissen mit Fußtritten des Drängens der zutraulichen Hunde erwehren mußten, erschien zu ihrer Hilfe plötzlich ein zerlumpter Bengel, dem es dank des Eifers, mit dem er die ganze Meute verjagte und dank seines bettelnden Lächelns schließlich gelang, sich zum Herrn der in der Pfanne verbliebenen Reste zu machen. Ein Zollwächter hatte ihm eine alte Mütze geschenkt, der Gemeindediener die Hose eines im Röhricht ertrunkenen Jägers. Seine Füße waren stets nackt, doch ebenso kräftig, wie seine Hände, die nie ein Ruder oder eine Stange angerührt hatten, schwach waren.

Schmutzig, hungrig, mit den Fingern jeden Augenblick unter die fettige Mütze fahrend, um sich wütend zu kratzen, genoß er bei dem kleinen Volk ein großes Ansehen. Tonet, der bei weitem Stärkere, hätte ihn mit Leichtigkeit verprügeln können, erkannte aber nichtsdestoweniger Sangoneras Überlegenheit an und befolgte alle seine Weisungen. Es war das Prestige dessen, der sich allein, ohne fremde Hilfe, zu erhalten vermag. Mit Bewunderung, in die sich ein gut Teil Neid mischte, sahen seine Kameraden, wie er vollkommen unabhängig, ohne jegliche Pflichten dahinlebte; und sie, die zu Hause für das geringste Vergehen ein paar derbe väterliche Ohrfeigen erhielten, fühlten sich mehr als Mann, wenn sie diesen Strolch begleiteten, der alles als ihm gehörig betrachtete, aus allem Nutzen für sich zu ziehen wußte und keinen vergessenen Gegenstand in den Booten am Kanal liegen sehen konnte, ohne sich seiner nicht umgehend zu bemächtigen. Den Bewohnern der Luft, die ihm leichter zur Beute fielen als diejenigen des Wassers, hatte er offenen Krieg erklärt. Mit sinnreichen Mitteln eigener Erfindung stellte er den Sperlingen nach, diesen »Moriscos«, die die Albufera verseuchen und von den Reisbauern wie die Pest gefürchtet werden. Doch seine beste Jagdzeit war der Sommer, wenn er die Fumarells, die kleinen Möwen des Sees, im Netz fing.

Palomas Enkel half ihm bei diesem Unternehmen. »Wir machen das Geschäft halb und halb«, sagte Tonet ernst, und die beiden lagen am Ufer stundenlang auf der Lauer, um rechtzeitig an dem Bindfaden zu ziehen. Hatten sie einen guten Vorrat beisammen, so nahm Sangonera – ein kühner Reisender – den Weg nach Valencia, auf der Schulter das Netz, in dem die weißbrüstigen Fumarells verzweifelt mit den dunklen Flügeln schlugen. Sein gellender Ruf: »Vogelhändler! Vogelhändler!« in den Straßen unweit des Fischmarktes rief schnell die Stadtjungen herbei, die all die kleinen Möwen kauften und sie dann mit einer Schnur am Bein an den Straßenecken fliegen ließen.

Bei der Rückkehr gab es Hader zwischen den Teilhabern und Abbruch der geschäftlichen Beziehungen. Denn Sangonera verweigerte jede Abrechnung. Tonet mochte seinen Freund noch so sehr verprügeln – unmöglich, aus dem Spitzbuben auch nur einen Maravedi herauszuholen. Trotz allem suchte Tonet, beherrscht durch die Verschlagenheit des kleinen Gauners, ihn doch immer wieder in seiner zerfallenen, türlosen Hütte auf, wo er während der meisten Monate die Nächte allein verbrachte.

Als Sangonera ins zwölfte Jahr ging, ließ er nach und nach den Verkehr mit den alten Kumpanen einschlafen. Sein Parasiteninstinkt riet ihm, die Kirche zu frequentieren als sichersten Weg, sich Eingang ins Pfarrhaus zu verschaffen. In einem Dorfe wie Palmar war der Cura ebenso arm wie der erste beste Fischer, doch Sangonera gelüstete es nach dem Messewein, den er in der Taverne viel hatte loben hören. Überdies aber kam ihm an den Sommertagen, wenn der See in der Sonnenglut zu kochen schien, die kleine Kirche mit ihrem durch die grünen Fenster sickernden Dämmerlicht, den kalkgeweißten Wänden und dem roten Ziegelsteinpflaster, das die Feuchtigkeit des sumpfigen Bodens ausdünstete, wie ein verzaubertes Paradies vor.

»Ah, dieser Taugenichts!« meinte Paloma, der den wasserscheuen Jungen nicht leiden mochte. »Da hat er sich ja den richtigen Beruf erwählt!«

Begab sich der Cura nach Valencia, so trug ihm Sangonera das in ein großes Taschentuch gehüllte Wäschebündel zum Fährboot und lief noch eine Zeitlang am Ufer mit, um sich mit einer Rührseligkeit zu verabschieden, als sollte er ihn nie wiedersehen. Der Pfarrköchin ging er flink zur Hand, sammelte Brennholz im Walde, holte Trinkwasser aus den Quellen, die vom Seeboden aufsprudelten, und fühlte die Schauer einer naschhaften Katze, wenn er ganz allein in dem stillen Zimmerchen, das als Sakristei diente, die Reste von des Pfarrers Tisch vertilgen konnte. Frühmorgens aber, am Seil der kleinen Turmglocke, die das Dorf weckte, überkam ihn der ganze Stolz seines Standes. Ja sogar die Schläge, mit denen der Herr Pfarrer seinen Fleiß anfeuerte, dünkten ihn Merkmale einer Auszeichnung, die ihn über seine Kameraden emporhob.

Bisweilen allerdings wich das Streben, seine Tage im Schatten der Kirche zu verbringen, einer gewissen Sehnsucht nach dem früheren Bummelleben. Dann suchte er Neleta und Tonet auf, und wieder streiften sie an den Kanälen entlang bis zum Anfang der Dehesa, die seinen Gefährten das Ende der Welt bedeutete.

An einem Herbstnachmittage beauftragte sie Tonets Mutter, ihrer lärmenden Spiele in der Hütte müde, am Walde Brennholz für den Winter zu sammeln.

Willig setzten sich die drei Kinder in Marsch. Die Dehesa blühte und duftete wie ein Garten. Von einer fast sommerlichen Sonne geliebkost, standen die Büsche voll von Blüten, über denen summende Insekten wie goldene Knöpfe aufblitzten. Die hundertjährigen Pinien neigten sich mit majestätischem Rauschen, und unter ihren Kuppeln lag ein süßes Zwielicht, ähnlich dem einer riesengroßen Kathedrale. Manchmal flimmerte zwischen zwei Stämmen ein Sonnenstrahl auf, als bräche er durch die Laden eines Fensters.

Tonets und Neletas bemächtigte sich jedesmal, wenn sie in den Wald eindrangen, dieselbe Erregung. Sie hatten Angst, ohne zu wissen, warum. Waren sie nicht in dem Zauberschloß eines unsichtbaren Riesen, der sich von einem Moment zum anderen zeigen konnte?

Sie folgten den gewundenen Pfaden, bald verborgen unter den dichten, sich über ihren Köpfen wiegenden Büschen, bald aufwärtssteigend zu einer Düne, von deren Höhe sie durch die Säulenreihen der Bäume den ungeheuren Spiegel des Sees erblickten, mit kleinen Flecken besät – Fischerbarken, nicht größer als Fliegen.

Die Füße der Kinder glitten auf dem feuchten Humusboden aus. Beim Geräusch ihrer Schritte, bei einem leisen Ausruf erbebte das Gebüsch unter dem tollen Lauf unsichtbarer Tiere. Es waren Kaninchen, die davonjagten. Und verschwommen ertönten aus weiter Ferne die Glocken der am Meere weidenden Herden.

Die Stille und der Duft dieses heiteren Nachmittags machte die Kinder trunken. Wenn sie sonst den Wald an Wintertagen betraten, bedrückte das kahle Buschwerk, der kalte, vom Meere blasende Ostwind, der ihre Hände erstarren ließ, der ganze traurige Anblick der Dehesa im grauen Licht eines bedeckten, trüben Himmels sie derart, daß sie eiligst am Waldesrande ihr Reisigbündel zusammenlasen, um sofort wieder nach Palmar zu flüchten.

Doch an diesem Tage gingen sie vertrauensvoll vorwärts mit dem brennenden Verlangen, den ganzen Wald zu durchstreifen, und kämen sie auch bis zum Ende der Welt ...

Sie schritten von Überraschung zu Überraschung. In dem instinktiven Wunsch der Frau, sich zu schmücken, brach Neleta, statt Holz zu sammeln, Myrtenzweige für ihr loses Haar. Dann band sie aus Pfefferminz und anderen blütenbedeckten Kräutern, deren durchdringender Geruch ihnen die Sinne nahm, Sträuße für ihre Begleiter, während Tonet ihr einen Kranz aus Glockenblumen aufs Haar setzte.

»Neleta«, lachte er, »jetzt siehst du just so aus wie die gemalten Engelköpfchen am Altar unserer Kirche!«

Sangonera aber schnüffelte gierig nach etwas Nützlichem, etwas Brauchbarem in dieser leuchtenden, duftenden Natur. Er kaute die wilden, roten Vogelkirschen, und mit einer Kraft, die ihm nur der leere Magen verleihen konnte, riß er kleine Palmen aus der Erde, um aus ihren fleischigen Hüllen die zarten süßen Blätter auszuschälen.

Auf den Lichtungen, tiefgelegenen Plätzen, wo die winterliche Überschwemmung keine Bäume wachsen ließ, gaukelten vielfarbene Schmetterlinge. Libellen, wie eine Fee angetan, mit silbernen Flügeln, smaragdenem Rücken und goldener Brust lockten die Kinder kreuz und quer, wenngleich Dornen und die scharfen Schilfblätter in ihre nackten Füße stachen. Begeistert von der Schönheit des Waldes stürmten sie weiter. Auf den Fußpfaden entdeckten sie prächtige bunte Raupen – zu Leben erwachte Blüten –, die sich wellenförmig weiterbewegten. Staunend nahmen sie diese seltsamen Wesen zwischen ihre Finger, gaben sie wieder frei und legten sich auf den Bauch, um gespannt zuzuschauen, wie die dicken Raupen sich langsam im Moos verkrochen.

Dem Zufall folgend, waren sie, ohne auf die Veränderung in der Landschaft zu achten, immer tiefer in das Dickicht der Niederung vorgedrungen, bis sie plötzlich gewahr wurden, daß ein fast abendliches Dämmerlicht sie umgab. Und immer näher ertönte ein unaufhörliches Brüllen ... das Brüllen des gegen die andere Seite der Dünenkette anbrandenden Meeres.

Die Pinien wuchsen nicht mehr gerade und stolz wie auf der Seite des Sees. Ihre Stämme waren verrenkt, verdreht, ihre Zweige von seltsamem Weiß, ihre Kronen gegen den Boden geneigt. Alle standen sie schräg nach der gleichen Richtung gebeugt, als führe in der stillstehenden Luft des Nachmittags eine unhörbare Windsbraut über sie dahin ... Zur Zeit der großen Stürme marterte der Seewind diesen Teil des Waldes und hatte ihm einen grausigen Anblick gegeben.

Die Kinder wichen zurück – diesen Winkel der Dehesa hatten sie als wildesten und gefahrvollsten schon erwähnen hören. Das tiefe Schweigen ringsum und die Unbeweglichkeit des Strauchwerks machte ihnen Angst: hier krochen die großen, von den Waldaufsehern verfolgten Schlangen; hier weideten die fürchterlichen Stiere, die sich von den Herden getrennt hatten und deren sich die Jäger mit groben Salzladungen erwehren mußten. Sangonera, ein besserer Kenner der Dehesa als seine Gefährten, übernahm es, sie nach dem See zurückzuführen, aber die jungen Palmen lockten ihn immer wieder abseits, bis auch er die Richtung gänzlich verlor. Der Abend brach an. Neleta erschrak vor dem sich ständig mehr verdüsternden Walde. Die beiden Jungens jedoch lachten. War der Pinienwald nicht wie ein großes Haus, in dem es genau wie in der Hütte schon vor Sonnenuntergang dunkel wurde? Draußen hingegen blieb es noch gut eine Stunde hell. Warum also eilen? ... Und um sie zu beruhigen, brachte ihr Tonet die zartesten Schößlinge.

Jetzt aber kam wirklich die Nacht ... Die Viehglocken waren verstummt, und sogar Sangonera meinte, daß es Zeit sei, die Dehesa zu verlassen.

»Aber erst noch etwas Holz sammeln«, mahnte Tonet, »sonst setzt es zu Hause was!«

In großer Hast rafften sie dürres Reisig zusammen; dann machten sie sich, jeder mit einem mageren Bündelchen, auf den Heimweg.

Minuten ... und sie tappten in vollkommener Dunkelheit. Nach der Seite, wo sie die Albufera vermuteten, schimmerte wie der Schein einer verlöschenden Feuersbrunst noch ein roter Glast, doch im Walde zeichneten sich Stämme und Büsche nur als tiefere Schatten auf einem schwarzen Hintergrunde ab. Auch Sangonera, der nicht mehr wußte, wohin er ging, verlor seine Sicherheit. Nach einem Fußpfad suchend, zwängten sie sich durch Dornengestrüpp, das ihre Beine blutig riß. Plötzlich schrie Neleta auf und stürzte – sie war über den Stumpf einer dicht am Boden abgehauenen Pinie gestolpert. Leise schluchzend, als fürchtete sie, durch lautes Weinen die das Dunkel bevölkernden schrecklichen Tiere herbeizuziehen, jammerte sie über ihren verletzten Fuß.

»Lassen wir diese Suse, die nichts als heulen kann, doch einfach zurück«, äußerte Sangonera, worauf ihm Tonet ganz ungeheuerliche Prügel in Aussicht stellte, falls er es sich einfallen lassen sollte, sich heimlich zu drücken. Den Boden abtastend, kamen sie langsam weiter, bis endlich das Gestrüpp sich zu lichten schien.

»Sangonera, jetzt können wir einen Pfad finden!« rief Tonet seinem Gefährten, der vorausmarschierte, mit frischem Mut zu.

Ein Brechen von Zweigen, ein Rauschen auf der Flucht gestreiften Buschwerks war die einzige Antwort.

»So ein Lump!« wütete Tonet. »Anstatt dir zu helfen, macht er sich davon!« Allein geblieben, ohne die Findigkeit des Vagabunden, die ihnen unentbehrlich schien, schwand den beiden Kindern mit einem Schlage der Rest von Kaltblütigkeit. Neleta weinte, alle Vorsicht vergessend, so laut, daß der stille Wald von ihrem Schluchzen widerhallte. Diese maßlose Angst ließ Tonets Energie wieder aufleben. Er legte seinen Arm um die Schulter der bebenden Kleinen, er stützte sie, er sprach ihr gut zu und bat sie, ihm zu folgen, ohne selbst zu wissen, wohin.

Eine lange Weile standen sie so: sie krampfhaft schluchzend – er bemüht, sich über das Grauen vor dem Unbekannten hinwegzusetzen.

Etwas Glitschiges, etwas Eisiges strich dicht an ihnen vorbei und peitschte ihre Wangen – vielleicht eine Fledermaus; und diese Berührung, die sie schaudern ließ, riß sie aus ihrer lähmenden Untätigkeit. In irrsinniger Hast liefen sie weiter, fielen, verwickelten sich in Ranken, stießen sich an Bäumen – bebend vor den Geräuschen, die ihre Flucht zu hetzen schienen. Beide litten unter demselben Gedanken, verbargen ihn aber instinktiv vor dem andern, um die Angst nicht zu vergrößern: die Erinnerung an Sancha spukte in ihren Köpfen. Sämtliche Legenden, die sie abends, geborgen am sicheren Feuer der Hütte, hatten erzählen hören, lebten in ihrer Phantasie wieder auf, und wenn sie mit ihren Händen gegen einen Stamm streiften, glaubten sie die schuppige, kühle Haut riesiger Schlangen zu berühren. Das Geschrei der Wasserhühner im fernen Röhricht des Sees klang ihnen wie der klagende Ruf von Menschen, die man mordete. Und dazu weckte ihr wahnwitziger Lauf quer durchs Gebüsch in der dunklen Moos- und Krautdecke allerlei geheime Wesen, die ebenfalls unter dem Rascheln der trockenen Blätter flohen.

So kamen sie zu einer großen Lichtung, ahnungslos, an welcher Stelle des endlosen Waldes sie sich befanden. Über ihnen breitete sich gleich einer ungeheuren, über die schwarzen Baummassen gespannten Leinwand der tiefblaue, lichtgesprenkelte Himmel aus.

Die beiden Kinder machten halt auf dieser hellen, ruhigen Insel. Ihnen mangelte die Kraft weiterzugehen, und in quälender Furcht vor dem unergründlichen Wald, der sich ringsum wie eine Woge von Schatten bewegte, setzten sie sich ins Gras – engumschlungen, als würde durch den Kontakt ihrer Körper ihre Zuversicht gestärkt. Neleta weinte nicht mehr; von Schmerz und Müdigkeit überwältigt, lehnte sie den Kopf an die Schulter ihres Freundes, während Tonet nach allen Seiten spähte. Mehr als dem Düster im Walde mißtraute er dieser dämmerigen Helle, in der er von einem Moment zum anderen die Silhouette eines wilden Tieres zu sehen glaubte. Der Ruf des Kuckucks zerriß das Schweigen; die Frösche in einem nahen Pfuhl, die bei ihrem Kommen verstummt waren, nahmen ihre Melodie wieder auf; ein Gewimmel dunkler Pünktchen, summten beharrliche, unerträgliche Moskitos um die beiden Köpfchen.

Allmählich gewannen die Kinder ihre Ruhe zurück. Der Platz war gar nicht so schlecht ... konnten sie die Nacht nicht hier verbringen? ... Die Wärme ihrer aneinandergepreßten Körper gab ihnen neues Leben; sie vergaßen die Furcht und die wilde Flucht durch den Wald.

Über den Pinien, meerwärts, begann ein weißlicher Schimmer den Himmel zu bleichen. Die Sterne schienen zu verlöschen, in einer Woge von Milch zu ertrinken. Erregt durch das Geheimnis, das der Wald verhüllte, verfolgten die beiden mit innerer Unruhe diese Erscheinung – nicht anders, als müßte jemand, in einen Nimbus von Licht gehüllt, zu ihrer Hilfe herbeifliegen ... Die Zweige der Pinien hoben sich mit ihrem Nadelgespinst ab wie schwarze Federzeichnungen auf einem glänzenden Grunde. Etwas Blitzendes tauchte nach und nach über den Baumkronen auf. Zuerst war es eine gebogene Linie, ähnlich einer Augenbraue aus Silber; dann ein blendender Halbkreis, und endlich ein enormes Gesicht in der weichen Farbe des Honigs, dessen leuchtendes Haar die benachbarten Sterne umschwebte. Der Mond schien den beiden Kindern zuzulächeln, die ihn mit der Verehrung kleiner Wilder betrachteten.

Bei dem Erscheinen dieses pausbäckigen Antlitzes veränderte sich der Wald. Die Binsen der Lichtung blitzten wie metallene Stäbe; am Fuße eines jeden Baumes lag ein unruhiger, schwarzer Fleck, und der Busch schien zu wachsen, sich zu verdoppeln mit den Schattenbäumen, die sich auf dem beleuchteten Boden ausbreiteten. Jetzt begannen auch die Buxquerots, die scheuen Nachtigallen des Sees, denen die Freiheit über alles geht, die sterben, sobald der Käfig sie umschließt, auf allen Seiten der Lichtung zu singen, und sogar die Moskitos summten sanftmütiger in dem lichtdurchtränkten Raum.

Die Kinder fingen an, ihr Abenteuer angenehm zu finden.

Neleta fühlte keine Schmerzen mehr am Fuß und sprach leise ins Ohr ihres Gefährten. Ihr frühreifer Instinkt des Weibes, ihre List – die List eines verlassenen, vagabundierenden Kätzchens – machten sie Tonet überlegen.

»Laß uns im Walde bleiben, ja? Wenn wir morgen früh ins Dorf zurückkehren, denken wir uns etwas aus, um unser Ausbleiben zu erklären. Natürlich muß Sangonera der Schuldige sein. Willst du? ... Was sehen wir hier nicht alles! ... Und dann schlafen wir wie Mann und Frau.«

In ihrer Unschuld schauerten sie bei diesen Worten zusammen, drängten sich dann aber noch enger aneinander, als folgten sie einem Gebot ihrer Zärtlichkeit, die Wärme ihrer Körper zu verschmelzen.

Tonet wurde von einer seltsamen, unerklärlichen Trunkenheit ergriffen. Nie hatte für ihn der Körper seiner Kameradin – so oft beim rüden Spiel geprügelt – diese süße Wärme gehabt, die in seine Adern einzudringen schien und ihm zu Kopf stieg wie der Wein, den ihm der Großvater in der Taverne erlaubte. Er blickte vage vor sich hin, aber in Wirklichkeit war seine ganze Aufmerksamkeit auf Neletas Köpfchen an seiner Schulter gerichtet, auf diesen Mund, dessen Hauch seinen Hals wie eine Samthand koste. Beide verstummten, und ihr Schweigen erhöhte den Zauber. Neleta öffnete ihre grünen Augen, auf deren Grund der Reflex des Mondes einen Tautropfen schuf, rutschte ein wenig hin und her, um die beste Lage zu finden, und schloß sie wieder.

»Tonet ... Tonet! ...« murmelte sie schon halb im Traum und schmiegte sich noch dichter an ihn.

Wie spät war es? ... Der Junge merkte, wie seine Lider sich senkten, weniger schwer von Schlaf als von dem rätselhaften Rausch, der ihn lähmte. Von allem Murmeln des Waldes vernahm er nur das Summen der Moskitos, die als dunkles Wölkchen über ihren Gesichtern schwirrten – Gesichter der Kinder vom See, deren Haut Sonne und Wind hart macht.

Es war ein sonderbares Konzert, das sie einwiegte und weich über die ersten Wogen des Schlafs gleiten ließ. Da kreischten einige wie schrille Violinen, die schneidende Note ins Unendliche verlängernd; andere, ernsthafter, modulierten eine kurze Skala, und die beleibtesten, die ganz dicken brummten dumpf vibrierend wie tiefe Kontrabässe oder ferne Schläge einer Uhr.

Am nächsten Morgen weckte sie die Sonne, die heiß auf ihrer Stirn brannte, und der Hund eines Flurhüters. Knurrend fletschte er seine Zähne dicht vor ihren Augen.

Sie befanden sich fast am Ausgang der Dehesa, und der Heimweg nach Palmar war kurz.

Tonets Mutter, die immer Nachsichtige und Traurige, lief, um sich für eine qualvolle Nacht zu entschädigen, mit einem Stock in der Hand auf ihren Sprößling zu, den trotz seiner Behendigkeit ein paar Schläge erreichten. Auch Neleta erhielt als eine Art Vorschuß auf das Strafgericht, das ihr bei der Rückkehr ihrer Mutter gewiß war, etliche derbe Ohrfeigen.

Seit diesem Streich nannte das ganze Dorf in stummer Übereinkunft Tonet und Neleta »das Brautpaar«, und die beiden – wie für immer durch die Nacht des unschuldigen Zusammenseins verbunden – liebten sich, ohne es sich durch Worte zu sagen; für sie war es selbstverständlich, daß einer dem anderen gehörte.

Dieses Abenteuer bezeichnete das Ende ihrer Kindheit. Das fröhliche Umhertollen, das sorglose Dasein ohne Pflichten hörte auf. Neleta teilte das Leben ihrer Mutter: Nacht für Nacht fuhr sie mit den Aalkörben nach Valencia, von wo sie erst am nächsten Nachmittage zurückkehrte. Und auch Tonet, der sie nur noch abends einen Augenblick zu sehen bekam, mußte sich plagen.

Der sonst so gutmütige Vater stellte jetzt, da sein Sohn herangewachsen war, dieselben Ansprüche wie früher der alte Paloma, und Tonet wurde wie ein resigniertes Tier zur Arbeit geschleppt. Toni, dieser zäh an seinem Vorhaben festhaltende Held, war unerschütterlich in seinen Entschlüssen: während der Reisaussaat und der Ernte mühte sich der Junge auf den Feldern von Saler ab, den Rest des Jahres fischte er mit seinem Vater, bisweilen auch mit dem Großvater, obwohl der unausgesetzt gegen das verflixte Pech wetterte, daß solche Bummler in seiner Familie geboren wurden.

Ein wenig fühlte sich Tonet auch durch Langeweile zur Arbeit angetrieben. Was sollte er im Dorf, das tagsüber niemanden beherbergte, mit dem er sich die Zeit hätte vertreiben können? ... Neleta verkaufte ihre Aale in Valencia, und seine alten Kameraden, gleich ihm dem Kindesalter entwachsen, mußten ihren Vätern beim Fischen an die Hand gehen. Blieb noch Sangonera; aber dieser Schlingel schlug in Erinnerung an die furchtbaren Prügel, mit denen ihm Tonet die Flucht aus dem Walde heimgezahlt hatte, einen weiten Bogen um seinen früheren Kumpan.

Dem Tunichtgut war es gelungen, endgültig als Diener im Pfarrhaus aufgenommen zu werden, und die zerfallene Hütte, durch deren Dach der Regen wie auf freiem Felde fiel, gewährte nur noch seinem Vater dann und wann Unterschlupf.

Der alte Sangonera hatte jetzt einen Beruf. Wenn er nicht betrunken war, widmete er sich der Jagd auf die Fischottern, die, jahrhundertelang erbittert verfolgt, kaum noch ein Dutzend zählten.

Als er eines Tages auf einer Uferböschung seinen Wein verdaute, hatte er das Wasser in kleinen Strudeln aufwallen und große Luftblasen aufsteigen sehen. Irgend etwas huschte dort unten herum und suchte die Reusen ab ... Mit einem Satz stand Sangonera im Wasser, trieb ein dunkles Tier auf und hetzte ihm nach, bis er nahe genug kam, um es mit seinem Knüppel zu erschlagen.

Es war die berühmte Lludria, von der man heute in Palmar wie von einem phantastischen Tier sprach, die aber einstmals den See in solcher Menge bevölkerte, daß sie, die Netze zerreißend, den Fischfang beinahe unmöglich machte.

Der Vagabund hielt sich für den ersten Mann der Albufera. Auf Grund alter Gesetze – genau verzeichnet in den dicken, vom Schöffen verwahrten Folianten – war die Fischergenossenschaft in Palmar verpflichtet, für jede ihr vorgezeigte Fischotter einen Duro zu zahlen.

Der Alte nahm seine Prämie in Empfang. Aber damit nicht zufrieden, entschloß er sich zu einer Triumphfahrt rings um das Ufergestade des Sees, um in allen Ortschaften seine Beute zu zeigen. Dieses Tier war ein Schatz! ... Überall rief man ihn; keine Taverne gab es, wo man ihn nicht mit offenen Armen empfing.

»Hereinspaziert, Väterchen Sangonera! Laß uns mal dein Biestchen sehen!« Und Sangonera, der sich erst mit einigen Glas Wein traktieren ließ, wickelte ganz verliebt aus einer wollenen Decke das weiche Körperchen, gestattete auch, das Fell zu bewundern und mit der Hand zu streicheln – »aber schön vorsichtig, he!«

Niemals hatten den kleinen Sangonera, als er zur Welt kam, die Arme seines Vaters mit solch behutsamer Zärtlichkeit gehalten. Aber die Tage vergingen; die Leute bekamen es satt, die Lludria zu bestaunen. Nicht einmal ein Gläschen billigen Schnaps war sie ihnen noch wert! Ja, aus den Tavernen wurde der Alte wie ein Pestkranker hinausgeworfen, da seine verwesende Fischotter einen entsetzlichen Gestank ausströmte. Da fand er das Mittel, noch einen letzten Gewinn aus dem lieben Tierchen herauszuholen, indem er es an einen Ausstopfer in Valencia verkaufte. Hinfort aber erklärte er der ganzen Welt, daß er nunmehr erkannt hätte, wozu er wahrhaft berufen sei: zum Otternjäger.

Mit dem Eifer eines Menschen, der dem Glück nachjagt, begab er sich auf die Suche nach einer anderen. Sowohl die Prämie der Fischergenossenschaft als auch die acht Tage Essen und Trinken nach Herzenslust hafteten unauslöschlich in seinem Gedächtnis. Nur ließ sich die zweite Fischotter leider nicht fassen. Bisweilen glaubte er, sie in den entlegensten Kanälen zu sehen; aber sofort verbarg sie sich, just, als hätten alle zu ihrer Familie Gehörigen von dem neuen Berufe Sangoneras Kenntnis erhalten. Seine Verzweiflung trieb ihn, sich a conto der in Aussicht stehenden Ottern zu betrinken, und schon hatte er mehr als zwei durch seine Gurgel laufen lassen, als Fischer ihn nachts in einem Kanal fanden. Ertrunken! Auf dem schlüpfrigen Schlamm ausgeglitten und in seinem Rausch nicht fähig, wieder hochzukommen, war er im Wasser geblieben – für ewig auf der Jagd nach seiner Lludria.

Sein Tod brachte keinerlei Veränderung für seinen Sohn. Die Vikare von Palmar, wohin versetzt zu werden, einer Strafe gleichkam, folgten sich; doch er blieb. Mit dem ärmlichen Kirchlein übernahm jeder neue Pfarrer auch Sangonera wie einen für den Gottesdienst unentbehrlichen Gegenstand. Im ganzen Dorf verstand nur er, bei der Messe zu dienen. In seinem Gedächtnis war die Liste sämtlicher in der Sakristei aufbewahrter Ornate verzeichnet, zugleich mit der genauen Anzahl ihrer Risse, gestopften Stellen und Mottenlöcher, und im Bestreben, sich seinem Herrn angenehm zu machen, zeigte er sich so willig, daß jede Anordnung desselben im Moment ausgeführt wurde. Der Gedanke, daß er als einziger Sohn Palmars nicht auf dem See herumstakte und nachts auf dem Wasser lag, ließ ihn, von Hochmut gebläht, auf alle anderen herabsehen.

Früh am Sonntag war er es, der mit dem Kreuz der Rosenkranzprozession voranschritt. Zwei Reihen von singenden Männern, Frauen und Kindern folgten langsam der einzigen Dorfstraße und zogen, damit die Zeremonie noch länger dauere, weiter über die Uferdämme bis zu den entlegenen Hütten. In dem halben Lichte des werdenden Tages blitzten die Kanäle wie Platten von dunklem Stahl, die Wölkchen über dem See färbten sich rot, und von den Strohdächern der Fischbehälter flogen Schwärme von Morisken auf, die, ihres Daseins und ihrer Freiheit froh, mit lustigem Piepsen die monotone, melancholische Weise der Gläubigen beantworteten.

»Erwache, Christ!« sang der Rosenkranz durchs Dorf.

Ein drolliger Ruf! Denn alle Bewohner, klein und groß, gingen in der Prozession, und in den leeren Anwesen erwachten nur bellende Hunde und Hähne, deren sonorer Schrei die traurige Melodie übertönte wie ein Trompetenstoß, der das neue Licht und die Freude eines weiteren Tages begrüßt.

Tonet, wie die anderen der Prozession folgend, erfaßte ein grimmiger Zorn, wenn er seinen alten Kameraden allen voran – fast ein General – an der Spitze marschieren sah, das Kreuz hochgereckt, als trüge er eine Fahne. »Ah, dieser Bandit! Wie der es verstanden hat, sich das Leben nach seinem Belieben einzurichten!...«

Inzwischen lebte er selbst vollkommen abhängig von seinem immer ernsteren und immer weniger mitteilsamen Vater, der im Grunde ein guter Mensch war, dessen hartnäckiger Fanatismus für die Landarbeit jedoch bis zur Grausamkeit gegen die Seinen ausartete. Schlechte Zeiten! Die Felder von Saler gaben nicht zwei gute Ernten hintereinander, so daß die Wucherer, zu denen Toni seine Zuflucht genommen hatte, den größten Teil des Ertrages einheimsten. Auch in der Fischerei wandte sich das Glück von den Palomas ab: beim Verlosen der Plätze durch die Genossenschaft holten sie sich stets die minderwertigsten Stellen. Obendrein siechte die Mutter dahin, verzehrte sich langsam wie eine Kerze – ohne anderes Licht als den krankhaften Glanz ihrer Augen.

Das Leben war traurig für Tonet. Keine ausgelassenen Streiche mehr, die das Dorf in Aufregung versetzten; kein Verhätscheln durch Nachbarinnen, die ihn den hübschesten Jungen von Palmar nannten. Und auch keine Vorzugsstellung mehr unter seinen Kameraden, um am Tage der Verlosung die Nummern aus dem Ledersack der Genossenschaft zu ziehen. Jetzt war er ein Mann; doch während er früher als verwöhntes Kind dem ganzen Hause seinen Willen auferlegt hatte, wurde er nun kommandiert und bedeutete ebensowenig wie Borda. Bei der geringsten Auflehnung hob sich drohend die schwere Faust seines Vaters, ganz im Sinne des alten Paloma, der laut lachend erklärte, daß man nur auf diese Art die Leute auf den richtigen Weg brächte.

Beim Tode seiner Schwiegertochter schien die frühere Zuneigung zu seinem Sohn im Herzen des Greises wieder zu erwachen. Mit dem Verschwinden dieses fügsamen, all seine Marotten meist stumm ertragenden Geschöpfes fühlte er um sich eine Leere und suchte Halt bei Toni. Wohl war der ungehorsam; doch nie wagte er, ihm offen zu widersprechen.

Wie in alten Zeiten fischten sie gemeinsam und gingen auch wohl für ein Weilchen zusammen ins Wirtshaus, während Borda mit der frühreifen Energie unglücklicher Kreaturen die Hausarbeit besorgte.

Neleta wurde ebenfalls zur Familie gehörig angesehen. Ihre Mutter konnte den Markt in Valencia nicht mehr besuchen. Die Feuchtigkeit der Albufera schien bei ihr bis in das Mark der Knochen eingesickert zu sein, und die beklagenswerte Frau saß mit gelähmtem Körper in ihrer Hütte, stöhnend vor rheumatischen Schmerzen und machtlos, ihren Unterhalt zu verdienen. Wenn das, was ihnen die übrigen Fischhändlerinnen aus ihren Körben schenkten, nicht genügte, um Neletas Hunger zu stillen, lief sie zu Palomas Hütte, wo sie, die Autorität der Älteren betonend, der kleinen Borda half. Immer fand sie eine freundliche Aufnahme, denn Tonis steter Kampf gegen das Elend ließ ihn großmütig allen helfen, denen es noch schlechter ging.

Neletas Beziehungen zu Tonet nahmen allmählich einen mehr geschwisterlichen Charakter an. Der Junge kümmerte sich nicht viel um sie. Ihrer Treue glaubte er sicher zu sein. Wen hätte sie auch lieben können?... Durfte sie überhaupt einem anderen Aufmerksamkeit schenken, nachdem das ganze Dorf sie für Verlobte hielt?... Und er behandelte Neleta, die schön wie eine seltene Blume in der Misere heranwuchs, mit einer Ungezwungenheit, als wären sie schon verheiratet. Manchmal verstrich eine Woche, ohne daß er sich mit ihr beschäftigte.

Andere Sachen steckten ihm im Kopf, diesem Fant, der als feschester Bursche von Palmar galt. Stolz auf seinen Ruf, vor nichts und niemand Angst zu haben, raufte er bei jeder Gelegenheit, wobei er noch stets Sieger geblieben war. Sogar ein Fischer von Catarroja, ein brutaler Draufgänger, mußte vor Tonets Fitora flüchten. Sein Vater krauste die Stirn, wenn er hörte, daß es wieder einmal blutige Köpfe gegeben habe; Paloma hingegen lachte, für einen Moment mit seinem Enkel ausgesöhnt. Am meisten imponierte dem Alten, daß Tonet eines Tages den Flurhütern die Stirn zu bieten wagte und unter ihren Augen mit seinen gewilderten Kaninchen abzog.

»Arbeiten kann er nicht«, meinte der Großvater, »aber von meinem Blut ist er!«

Sobald dieser Grünschnabel, der noch nicht achtzehn Jahre war und dennoch dem Dorf so viel zu reden gab, aus dem Boot stieg, suchte er seine Lieblingsstätte auf, ein neues Etablissement, von dem die ganze Albufera viel Wesens machte. Im Gegensatz zu anderen Kneipen, Hütten mit niedrigem, verräuchertem Dach, ohne anderes Luftloch als die offene Tür, war Cañamels Taverne ein wirkliches Haus. Wie ein Wunderwerk erhoben sich seine blaubemalten Backsteinmauern und das rote Ziegeldach über die Armseligkeit der strohbelegten Hütten. Von den beiden Türen führte die eine zum Kanal, die andere zur Dorfstraße. Und der Raum zwischen diesen Türen wurde nie leer von Reisbauern und Fischern, die teils an der Theke im Stehen tranken, dabei wie hypnotisiert die beiden Reihen roter Fässer betrachtend, teils auf grasgepolsterten Schemeln vor den schmalen Tischen saßen, um endlose Partien Brisca und Truque zu spielen.

Der Luxus dieser Taverne bildete den Stolz ihrer Kunden. Die Wände waren bis in Mannshöhe mit valencianischen Fliesen bedeckt, über denen sich bunte, phantastische Landschaften hinzogen, und vom Gebälk hingen Schnüre von Rotwürstchen, Hanfschuhe und Bündel rauher, gelber Seile, wie sie die großen Barken zum Takelwerk benutzten.

»Muß dieser Dicke Geld haben!...« sagten alle bewundernd.

Er war Gendarm auf Kuba gewesen, dann Zollwächter in Spanien. Später, vom Geschick nach Algier verschlagen, war er während mancher Jahre dort so ziemlich jedem Gewerbe nachgegangen. Ein kluger Mann!...

Nie hatte man in Palmar so guten Wein getrunken wie bei ihm. Alles überhaupt in diesem Hause war vom besten. Jeder Kunde wurde freundlich empfangen, und über die Preise konnte man nicht klagen.

Dieser Cañamel stammte nicht aus Palmar, nicht einmal aus dem Valencianischen, sondern aus einer fernen, sehr fernen Gegend, wo man reines Spanisch spricht. Als er in seiner Jugend den Zollwächterdienst in der Albufera versah, hatte er ein armes und häßliches Mädchen aus Palmar geheiratet, dem zuliebe er sich mit den Ersparnissen seines vom Zufall abhängig gewesenen Lebens in ihrem Heimatdorfe niederließ. Seine Frau war krank, verbraucht durch die allzu vielen Reisen, die sie unablässig von ihrem ruhigen, abgeschiedenen Winkel am See träumen ließen.

»Ah, so ein Gerissener!« ereiferten sich die übrigen Wirte vom Dorf, die ihre Kundschaft zu Cañamel abschwenken sahen. »Als ob man nicht wüßte, warum er den guten Wein so billig verkaufen kann! Was ihn am wenigsten interessiert, ist doch seine Taverne!...«

Cañamel lächelte nur gütig, wenn man ihm solche Äußerungen hinterbrachte: »Schließlich müssen wir ja alle von irgend etwas leben!«

Seine Intimsten wußten, daß diese Nachreden einer Berechtigung nicht entbehrten. Die Taverne spielte allerdings keine wesentliche Rolle; sein Hauptgeschäft begann erst sehr spät, nach Feierabend. Nicht umsonst war er Zollwächter gewesen und kannte jeden Strand! In düsteren Nächten wurden irgendwo an der Meeresküste Bündel abgesetzt, von einem Schwarm schwarzer Schatten in Empfang genommen und quer durch die Dehesa bis zum Seeufer fortgeschafft. Dort füllten sich die großen Barken, die »Lauten« der Albufera, die bis hundert Sack Reis laden können, mit Tabakballen, um dann langsam im Dunkel der Lagune zu verschwinden. Und am nächsten Morgen – nichts gesehen, nichts gehört!

Als Mannschaft für diese Expeditionen erkor Cañamel die Verwegensten unter den Kunden seiner Taverne; und trotz seiner Jugend wurde Toni dank seines Mutes und seiner Verschwiegenheit mehrere Male durch das Vertrauen des Schankwirts geehrt. Solch nächtliche Arbeit konnte einem zuverlässigen Manne zwei oder drei Duros Verdienst einbringen, die aber, in Wein und Schnaps umgesetzt, schnell wieder in Cañamels Hände zurückkehrten. Und dabei äußerten diese Tröpfe, wenn sie sich am folgenden Tage der Gefahren einer Unternehmung erinnerten, bei der sie selbst die erste Rolle gespielt hatten, noch in bewunderndem Ton: »Hat dieser Cañamel Courage im Leibe!«

Alles ging wunderschön. Seine alten Freunde in Algier sandten pünktlich ihre Ladungen, und an der Küste waren die meisten Zollwächter infolge seiner gewichtigen Händedrücke blind. Kurz, trotz der außerordentlichen Generosität, mit der Cañamel alle Mäuler stopfte, die ihm schaden konnten, blühte das Geschäft derart, daß er sozusagen über Nacht vermögend wurde. Nach Ablauf des ersten Jahres konnte er schon Reisfelder kaufen, und im oberen Stockwerk der Taverne verfügte er über einen Sack voll Silbergeld – um Hilfesuchenden mit Darlehen aus der Not zu helfen.

Ebenso schnell wuchs sein Ansehen. Im Anfang hatte man ihm wegen des weichen, honigsüßen Akzents, mit dem er sich nur mühsam auf valencianisch ausdrückte, den Spitznamen Cañamel gegeben. Als er dann reich wurde, nannten ihn die Leute – doch ohne den Spitznamen zu vergessen – Paco, wie er es nach den Worten seiner Frau in seiner Heimat gewohnt gewesen war, und ärgerlich fuhr er jedesmal hoch, wenn man ihn wie alle übrigen Franciscos im Dorf Quico anzureden sich erkühnte.

Beim Tode seiner Frau, der Gefährtin seiner schlechten Tage, versuchte deren jüngere Schwester Samaruca, eine häßliche Fischerwitwe von herrschsüchtigem Charakter, sich, von der ganzen Verwandtschaft begleitet, als Herrin in der Taverne zu installieren. Alle umschmeichelten sie Cañamel mit der Zuvorkommenheit, die einem reichen Verwandten gebührt, und betonten, wie schwierig es für einen Mann sei, allein einer Taverne vorzustehen. Doch Cañamel, der die böse Zunge seiner Schwägerin fürchtete und dem es vor der Möglichkeit graute, daß sie nach dem noch warmen Platze ihrer Schwester trachten könnte, setzte sie, dem Skandal ihres Gezeters Trotz bietend, vor die Tür. Für die Aufwartung in der Taverne genügten ihm zwei alte Frauen, die hinfort die scharfen Knoblauch- und Pfeffersoßen zubereiteten und den Schanktisch säuberten, auf dem das ganze Dorf die Ellenbogen durchscheuerte.

Der Fesseln ledig, kritisierte Cañamel jetzt die Ehe. Für einen Mann von seinem Vermögen gab es überhaupt nur eine Konvenienzheirat mit einer Frau, die über einen noch größeren Geldbeutel verfügte als er selber ... Und abends lachte er beifällig über die Worte Palomas, der – überaus beredt, sobald er von Frauen sprach – alle seine Vergleiche von den Vögeln der Albufera ableitete.

»Die Weiber! ... Eine schlimme Pest! Die undankbarsten und vergeßlichsten Kreaturen der Schöpfung! Seht euch doch nur die armen Collvèrts vom See an. Immer sind sie zusammen mit dem Weibchen, und wenn der Jäger eins herunterholt, umflattert das dämliche Männchen, anstatt zu flüchten, so lange die Stelle, wo seine Gefährtin stürzte, bis der Jäger auch ihm ein Ende macht. Fällt aber das Männchen, so huscht das Weibchen, ohne den Kopf zu drehen, munter davon, als wenn nichts passiert wäre, um sich baldigst einen anderen zu suchen ... Cristo! So sind sie alle, einerlei, ob sie Federn oder Unterröcke tragen.«

Tonet verbrachte jede Nacht beim Kartenspiel in der Taverne, ungeduldig den Sonntag erwartend, an dem er auch den ganzen Tag dort weilen konnte. Ihm war es ein Genuß, unbeweglich an einem der kleinen Tische zu sitzen, die Weinkanne in Armweite und vor sich ein Häuflein Maiskörner als Spielmarken. Wie schade, daß er nicht reich wie Cañamel, sich dieses Herrenleben immer gönnen konnte! ... Er raste beim Gedanken an die mühselige Arbeit im Boot, die am nächsten Tage auf ihn lauern würde, und seine Passion für ein Faulenzerdasein nahm derartig zu, daß der Wirt den Drückeberger, der sich die Ballen mit solch sichtlicher Unlust auflud, überhaupt nicht mehr zur Teilnahme an den nächtlichen Expeditionen aufforderte.

Oh, dieser Ekel vor einem Leben ohne anderen Horizont als den See! ... So oft er konnte, fuhr Tonet, den Zorn seines Vaters mißachtend, zur Küste und streifte die Dörfer nach den Burschen ab, mit denen er zur Zeit der Reisernte Freundschaft geschlossen hatte. Einige Male ging er auch nach Valencia mit dem Vorsatz, dort zu bleiben, aber der Hunger trieb ihn wieder nach Hause. In der Stadt hatte er aus nächster Nähe gesehen, daß es Menschen gab, die ohne Arbeit lebten, und er verwünschte seinen Unstern, wie eine Amphibie in einem Landstrich von Schilf und Schlamm bleiben zu müssen, wo der Mensch von Kindesbeinen an sich in einen Kahn vergräbt, diesen ewigen Sarg, ohne den er sich nicht bewegen kann.

Ein Heißhunger nach Vergnügen erwachte in dem Burschen. Er spielte in der Taverne, bis Cañamel ihn um Mitternacht hinaussetzte; er hatte sämtliche Getränke, die in der Albufera ausgeschenkt wurden, erprobt, einschließlich des reinen Absinths, den die Jäger aus Valencia mit dem übelriechenden Seewasser zu mischen pflegten, und mehr als einmal folgte ihm nachts der strenge Blick des Vaters, wenn er mit dem unsicheren Schritt und dem röchelnden Atemholen des Berauschten sein Lager in der Hütte aufsuchte. Der Großvater gab seiner Entrüstung offen Ausdruck:

»Ganz in der Ordnung, daß ihm der Wein schmeckt. Wir liegen ewig auf dem Wasser, und da muß ein guter Kahnfischer den Bauch warm halten. Aber zusammengemischte Getränke? ... So fing der alte Sangonera an!«

Nichts war von Tonets früherer Zuneigung zurückgeblieben. Er schlug Borda, für ihn nichts als ein unterwürfiges Tier, und wenn er Neleta überhaupt der Aufmerksamkeit würdigte, so erweckten ihre Worte bei ihm nur ein ungeduldiges Brummen. Dem Vater gehorchte er wohl noch, doch mit einer Miene, daß dieser heroische Arbeiter erbleichte und seine mächtigen Fäuste krampfte, als möchte er ihn in Stücke zerreißen. Der Bursche verachtete das ganze Dorf, diese elende, für Hunger und Mühsal geborene Herde, aus deren Reihen er um jeden Preis ausscheiden mußte; und zeigten heimkehrende Fischer stolz ihre mit Aalen und Schleien gefüllten Körbe, so reizte ihn das nur zum Lachen. Beim Vorübergehen am Pfarrhause sah er des öfteren auf der Schwelle Sangonera, der, im Augenblick den Büchern sehr zugetan, in die Lektüre einer religiösen Schrift vertieft war.

»Dieser Einfaltspinsel! ...« zischte Tonet. »Als wäre an den Büchern, die ihm der Vikar leiht, etwas gelegen!«

Ah, er selbst, er wollte leben, wollte alles Süße mit einem Schlage genießen! Und er bildete sich ein, daß alle Bewohner der reichen Dörfer jenseits des Sees und der großen, lärmenden Stadt ihm einen Teil der Lust und Wonnen raubten, die ihm rechtmäßig zustanden.

Wenn in Anbetracht der hohen Löhne, zu deren Zahlung die Eigentümer wegen Arbeitermangels genötigt waren, aus allen Enden der Provinz Tausende zur Reisernte nach der Albufera strömten, söhnte er sich vorübergehend mit dem Leben in diesem Winkel der Welt aus. Er sah neue Gesichter und fand neue Freunde unter diesen fröhlichen Gesellen, die, ihre Sichel in der Hand und den Wäschesack auf der Schulter, von einem Ort zum andern wanderten, arbeiteten, solange die Sonne am Himmel stand, um zu zechen, sobald die Nacht hereinbrach.

Diese Leute mit unruhiger Vergangenheit sagten ihm zu. Auch fand er ihre Erzählungen viel interessanter als die alten, am Holzfeuer der Hütten geraunten Geschichten. Einige der Männer waren in Südamerika gewesen und sprachen, dort durchgemachtes Elend vergessend, von diesen fernen Ländern wie von einem Paradies, wo jeder im Golde schwimmt. Andere schilderten ihren langen Aufenthalt in den wildesten Gegenden von Algier, am Saum der Wüste, wohin zu flüchten sie ein Messerstich gezwungen hatte, manchmal auch ein Raub, dessen ihre Feinde sie »fälschlich« beschuldigten. Und Tonet, ganz Ohr, glaubte in der kleinen, fauligen Brise der Albufera den exotischen Hauch dieser Märchenländer zu verspüren, sah in dem Blitzen der Tavernenfliesen ihre fabelhaften Reichtümer.

Das Band zwischen ihm und den Landstreichern wurde so eng, daß er sie nach beendigter Ernte auf ihren wüsten Orgien durch alle dem See benachbarten Dörfer begleitete – ein irrsinniger Zug von Taverne zu Taverne mit nächtlichen Serenaden vor gewissen Fenstern, der meist mit einer allgemeinen Rauferei endete, wenn das Geld knapp wurde und sich Diskussionen entspannen, an wem die Reihe war zu zahlen.

Eine dieser Exkursionen erlangte eine Berühmtheit in der Albufera. Sie dauerte eine Woche, während der Toni seinen Sohn in Palmar nicht zu sehen bekam. Man wußte nur, daß die Ruhestörer wie losgelassene wilde Tiere tobten, daß sie in Sollana einen Polizisten halbtot geprügelt und daß sich in Sueca zwei dieser Nichtsnutze bei einem Streit gegenseitig den Schädel eingeschlagen hatten. Schon nahm die Gendarmerie die Verfolgung dieser tollen Horde auf.

Eines Abends benachrichtigte man Toni, daß sein Sohn soeben bei Cañamel eingetroffen sei, in schlammigen Kleidern, als wäre er in einen Kanal gefallen, die Augen entzündet von der achttägigen Kneiperei. Stumm wie immer machte sich der Vater auf den Weg.

Tonet, der Mittelpunkt der Schankstube, trank mit dem Durst des Trunkenen; um ihn herum ein aufmerksames Publikum, bei dem der Bericht über die Missetaten seiner Bande Lachsalven entfesselte.

Ein Schlag von Tonis Hand zertrümmerte den Weinkrug, den sein Sohn zum Munde führte, und ließ dessen Kopf auf die Schulter fliegen. Ebenso bestürzt über den Schlag wie über das plötzliche Erscheinen seines Vaters duckte Tonet sich sekundenlang. Doch dann flackerte in seinen Augen ein trübes, unlauteres Licht. »Niemand schlägt mich ungestraft ... auch du nicht!« Damit stürzte er auf seinen Vater los.

Aber es war eine gewagte Sache, gegen diesen ernsten Giganten zu revoltieren, der in seinen Armen die Energie von mehr als dreißig Jahren Kampf gegen die Misere aufwies. Ohne die Lippen zu öffnen, hemmte er Tonets Anspringen durch eine Ohrfeige, die den Burschen zum Taumeln brachte, und schleuderte ihn fast gleichzeitig mit einem Fußtritt zur Wand, wo er wie ein Sack über einen Spieltisch fiel.

So schreckenerregend war der wortlose Zorn dieses Riesen, daß sämtliche Männer ihn umringten und festzuhalten suchten. Als die Ruhe wieder eintrat, befand sich Tonis Sohn nicht mehr unter den Anwesenden. Die Arme in Verzweiflung erhoben, war Tonet geflüchtet. Man hatte ihn geschlagen . . . ihn, den jeder fürchtete ... man hatte ihn geschlagen vor den Augen von ganz Palmar!

Tage verstrichen, ohne eine Nachricht von ihm zu bringen. Dann erfuhr man durch Fischhändler, daß er in der Kaserne von Monte-Olivete saß und in nicht allzulanger Zeit nach Kuba eingeschifft werden würde. Er hatte sich anwerben lassen. Als er, in ohnmächtiger Wut nach Valencia entflohen, sich in den Kneipen nahe der Kaserne herumdrückte, auf der das Fähnchen für den Überseedienst wehte, hatten die Leute, die dort aus- und eingingen – auf den Moment ihrer Einschiffung wartende Freiwillige und pfiffige Werber –, ihm zu diesem Entschluß verholfen.

Sein Vater wollte im ersten Augenblick Einspruch erheben: der Junge war noch nicht zwanzig Jahre alt, durfte also nach den Gesetzen nicht angenommen werden. Außerdem handelte es sich hier um den einzigen Sohn der Familie. Aber mit gewohnter Härte ließ ihn der Großvater auf diese Idee verzichten.

»Das Beste, was ihm passieren kann. Hier wächst er krumm! Die da werden es schon fertigbringen, ihn gerade zu richten. Und wenn er sterben sollte – ein Tunichtgut weniger!«

Borda war die einzige, die nach Monte-Olivete fuhr, um ihm schluchzend seine Wäsche und soviel Kleingeld zu bringen, wie sie sich ohne Wissen des Vaters hatte verschaffen können. Kein Wort trug er ihr für Neleta auf; der Bräutigam schien sie vergessen zu haben.

Zwei Jahre vergingen, ohne daß er ein Lebenszeichen von sich gab. Eines Tages jedoch erhielt der Vater einen Brief, der mit dramatischen Phrasen anfing und in dem Tonet in falscher Sentimentalität um Verzeihung bat. Dann berichtete er von seinem Leben. Er war jetzt Gendarm in Guantánamo und hatte es gut. Doch der ganze Brief atmete die Aufgeblasenheit und Überhebung eines Mannes, der mit der Waffe in der Hand die Gegend abstreift und Furcht und Respekt einflößt. »Meine Gesundheit«, endete das Schreiben, »ist vorzüglich; nicht die kleinste Krankheit, seit ich landete. Wer in unserer Lagune groß wird und ihr Schlammwasser trinkt, ist von vornherein überall akklimatisiert.«

Es folgte der kubanische Unabhängigkeitskrieg, und Borda weinte in einem Winkel der Hütte, wenn wirre Nachrichten über die sich in der Ferne abspielenden Kämpfe eintrafen. Im Dorf trugen schon zwei Frauen Trauer; und marschierten die jungen Leute zur Auslosung, so jammerten ihre Familien, als sollte man sich nie wiedersehen.

Aber Tonets Briefe wirkten beruhigend. Er führte als Korporal eine berittene Guerrilla Kleine Streifschar. und schien von seinem Leben sehr befriedigt. Mit liebevoller Genauigkeit beschrieb er seine Ausrüstung – Uniform aus gestreifter Baumwolle, großer Panamahut und kurze Lackstiefel; an der Hüfte ein Machete und über dem Sattel der Mauserkarabiner.

»Keine Sorge! Dieses Leben paßt für mich: gute Löhnung, viel Bewegung und enorme Freiheit. Es lebe der Krieg!«

Und man erriet von weitem den großmäuligen Soldaten, der gern Mühsal, Hunger und Durst auf sich nimmt, um dafür von monotoner, vulgärer Arbeit befreit zu sein, um außerhalb der Gesetze normaler Zeiten zu leben, um ohne Furcht vor Strafe töten und alles, was er sieht, als sein eigen betrachten zu können – überall und allem seinen Willen auferlegend unter dem Schutz der harten Forderungen des Kriegs.

Dann und wann fragte auch Neleta nach dem Ergehen ihres Verlobten. Ihre Mutter war gestorben. Sie lebte jetzt bei einer ihrer Tanten, verdiente sich aber ihr Brot in Cañamels Taverne, wo sie an den Tagen aushalf, an denen der Wirt bevorzugte Gäste erwartete und viele Schüsseln Reis à la Valencia zubereitet werden mußten.

Wenn sie sich in der Hütte der Palomas einfand, hörte sie mit niedergeschlagenen Augen Borda zu, die ihr Tonets letzten Brief vorlas. Ihre Neigung für ihn schien erkaltet zu sein, seit er ohne ein Wort des Abschieds fortgefahren war. Sandte der Korporal ihr am Ende seines Briefes einen Gruß, so murmelte sie lächelnd ein »Grasies!«; aber weder äußerte sie jemals den Wunsch, daß er bald heimkommen möge, noch begeisterte sie sich für seine Luftschlösser: »ich werde wohl mit den Offiziersgalons nach Palmar zurückkehren ...

Neletas Gedanken kreisten um andere Dinge. Sie war das schönste Mädchen weit und breit geworden; zierlich, mit einer hellblonden Haarmähne, die auf ihrem Köpfchen eine Krone aus verblichenem Altgold bildete, und einer durchsichtig weißen, von feinen Äderchen durchzogenen Haut, wie man sie nie bei Frauen von Palmar gesehen, deren schuppige, metallisch glänzende Epidermis eine entfernte Ähnlichkeit mit den Seeschleien besaß. Die Augen waren hellgrün, schimmernd wie zwei Tropfen des Absinths, den die Jäger von Valencia tranken.

Immer häufiger fand sie sich in Cañamels Hause ein, nicht mehr, um nur bei besonderen Gelegenheiten Hilfe zu leisten. Allmählich putzte und scheuerte sie dort den ganzen Tag, servierte hinter der Theke und beaufsichtigte am Herd die britzelnden Pfannen. Bei Anbruch der Nacht aber ging sie, von ihrer Tante abgeholt, zu deren Hütte – möglichst auffällig für die feindselige Verwandtschaft Cañamels, die schon zu tuscheln begann, ob Neleta wohl die Sonne an der Seite ihres Herrn aufgehen sähe.

Cañamel konnte nicht mehr ohne sie auskommen. Dieser Witwer, der bisher ruhig mit seinen alten Mägden gelebt und ständig seine Mißachtung der Frauen ausposaunt hatte, war unfähig, dem Liebreiz dieses Geschöpfes zu widerstehen, das ihn mit katzenartiger Anmut umstreifte. Den armen Cañamel verwirrten die grünen Augen dieses Kätzchens, dessen Geschicklichkeit immer wieder einen Anlaß herbeizuführen verstand, der ihn ihre verborgenen Reize ahnen ließ. Und Blicke wie Worte wiegelten in dem überreifen Schankwirt die Keuschheit mehrerer Jahre auf.

Den Kunden entgingen nicht die gelegentlichen Schrammen und blauen Flecke auf seinem Gesicht, und sie lachten über die konfusen Erklärungen, die er vorbrachte. Bisweilen polterten auch die Möbel in den Privatzimmern, oder ein wütender Stoß erschütterte die dünnen Zwischenwände ... »Wetten, daß er mit einem neuen Kratzer zum Vorschein kommt?«

Dieser Kampf mußte ein Ende nehmen. Neleta wußte zu gut, was sie wollte, um nicht über diesen Schmerbauch zu triumphieren, der bei ihrer Drohung, nicht mehr in die Taverne zu kommen, zitterte. Und trotzdem man damit gerechnet hatte, brachte die Ankündigung von Cañamels Heirat Palmar in Aufregung. Seine Schwägerin ging, grobe Beschimpfungen ausspeiend, von Tür zu Tür, und überall standen die Frauen in Grüppchen beisammen. »Diese Scheinheilige! Wie listig sie zu Werke gegangen ist, um den reichsten Mann der Gegend zu fischen!«

Als Neleta durch ihre Heirat rechtmäßige Herrin der Taverne geworden war, zeigte sie weder Hoffart, noch suchte sie sich an den Gevatterinnen zu rächen, die sie während der Zeit ihrer Dienstbarkeit verleumdet hatten. Alle behandelte sie freundlich; nur errichtete sie die Barriere des Schanktisches zwischen sich und den Besucherinnen, um Vertraulichkeiten zu verhindern. Die Hütte der Palomas betrat sie nicht mehr. Kaufte Borda etwas bei ihr ein, so sprach sie zu ihr wie zu einer Schwester, und dem alten Paloma schenkte sie den Wein in einem extra großen Glase, wobei sie sich den Anschein gab, als vergäße sie seine kleinen Zechschulden. Toni kam überhaupt nicht mehr zur Taverne; aber wenn sich ihre Wege kreuzten, grüßte sie den in seine Gedanken versunkenen Mann mit dem Respekt einer Tochter, die ihren Vater heimlich verehrt, trotzdem er sie nicht anerkennen will. Ihre Taverne leitete sie, als hätte sie niemals etwas anderes getan: mit einem Wort wußte sie die Trinker zur Ruhe zu bringen, und ihre weißen Arme – immer in kurzen Ärmeln – zogen die Gäste von allen Ufern der Albufera herbei.

Im Gegensatz zu Neleta trat bei Cañamel nach der Hochzeit ein gewisser Verfall ein. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er nichts zu tun. Die Zeiten waren dem Schmuggel nicht günstig – die Überwachung der Küste lag jetzt in der Hand von jungen, diensteifrigen Zolloffizieren, die keine Konterbande duldeten –, und mit der Taverne fand sich Neleta besser ab als er selbst. So hielt Cañamel die Zeit für gekommen, krank zu werden, was, wie Paloma versicherte, eine Zerstreuung für Reiche ist.

Der Alte wußte besser als irgend jemand anders, wo das Übel des Schankwirts steckte.

»Die Bestie der Verliebtheit, die jahrelang, solange er nur an Geldverdienen dachte, schlief, ist jetzt bei Cañamel erwacht!«

Und wirklich stand er weiter so in Neletas Bann wie früher, als sie bei ihm diente. Der Glanz ihrer grünen Augen, ein Lächeln, die Berührung ihrer Arme beim Gläserfüllen am Schanktisch genügte, damit er den Kopf verlor. Nur gab es jetzt keine Schrammen mehr für Cañamel, und die Gäste nahmen keinen Anstoß daran, wenn beide die Theke verließen.

Doch Cañamel beklagte sich über seltsame Beschwerden, während Neleta von Tag zu Tag kräftiger, frischer, blühender wurde, gerade, als fiele das langsam zergehende Leben des Mannes über sie wie ein stärkender Regen. »Die Rasse der Cañamels«, kommentierte Paloma diesen Zustand mit komischem Ernst, »wird sich derart vermehren, daß sie ganz Palmar füllt!« Indessen vergingen die Jahre, ohne daß Neleta Mutter wurde, ungeachtet ihres inbrünstigen Sehnens. Sie wünschte sich ein Kind, um ihre geschickt eroberte Position zu sichern und dadurch den erbschaftslüsternen Verwandten der ersten Frau »eins in die Schnauze zu geben«. Jedes halbe Jahr machte im Dorf die Neuigkeit die Runde, daß sie guter Hoffnung wäre – ein Grund für alle Frauen, bei ihren Einkäufen in der Taverne die junge Frau mit inquisitorischer Gründlichkeit zu prüfen; wußten sie doch die Bedeutung eines solchen Ereignisses in dem Kampf der schönen Wirtin mit ihren Widersacherinnen vollauf zu würdigen. Aber jedesmal zerrann die Hoffnung. Die schlimmsten Gerüchte züngelten bei solcher Gelegenheit auf. Samaruca und ihr Anhang raunten von dem einen oder anderen Reisplantagenbesitzer, der sich von der Besichtigung seiner Felder in dem Wirtshaus ausruhte; von irgendeinem Jäger aus Valencia; ja, sogar von dem Leutnant der Zollwächter, weil dieser bisweilen, der Einsamkeit in Torre Nueva überdrüssig, sein Pferd vor Cañamels Taverne anband. An alle dachte man, nur nicht an den mehr als je von unersättlicher Leidenschaft beherrschten, kränklichen Schankwirt. Neleta lächelte über diese Redereien. Sicherlich, sie liebte ihren Gatten nicht, und manch einer von den Gästen wäre ihr lieber gewesen; aber sie besaß die Klugheit der egoistischen, mit Überlegung handelnden Frau, die die Ruhe einer aus Eigennutz geschlossenen Ehe nicht für Treulosigkeiten aufs Spiel setzt.

Eines Tages kam die Kunde, daß sich Tonet in Valencia befände. Der kubanische Krieg war beendigt; die Bataillone wurden, ohne Waffen, mit dem traurigen, niedergeschlagenen Ausdruck einer kranken Herde in den Häfen ausgeschifft. Hungergestalten, Fieberschatten – gelb wie jene Kerzen, die man nur bei Trauerfeiern verwendet –, denen jedoch gleich einem Stern auf dem Grunde eines Brunnens der Wille zu leben in den hohlen Augen blitzte. Sie kehrten heim, untauglich zur Arbeit, fast alle verurteilt, noch vor Ablauf eines Jahres im Schoße ihrer Familien zu sterben, die einen Mann gegeben hatten und einen Schemen zurückerhielten.

Tonet wurde in Palmar mit begeisterter Neugierde aufgenommen. Er war der einzige aus dem Dorf, der wiederkehrte. Und wie er wiederkehrte!... Vollkommen ausgemergelt durch die letzten Kriegswochen, denn er gehörte zu denen, die die Blockade von Santiago aushalten mußten. Aber abgesehen davon, schien er noch ziemlich robust zu sein, und die alten Basen bewunderten neben seiner schlanken Taille die martialische Haltung, die er am Fuß des rachitischen Olivenbaums auf dem Marktplatz anzunehmen wußte, wo er, den Schnurrbart zwirbelnd, seine große Sammlung der feinsten Panamahüte zur Schau stellte – das einzige Hab und Gut, das er aus dem Kriege heimbrachte. Und allabendlich drängten sich in Cañamels Taverne die Leute, um seine Erzählungen von da unten zu hören.

Er prahlte nicht mehr mit seinen Bravourstückchen als Guerrillero, sondern sprach nur noch von den Yankees in Santiago de Cuba, sehr langen, sehr handfesten Kerlen, die enorme Portionen Fleisch aßen und Filzhüte trugen. Darauf beschränkte sich seine Beschreibung. Die riesige Statur der Feinde war der einzige in seiner Erinnerung haftengebliebene Eindruck. Und lautes Gelächter ertönte, als Tonet erzählte, wie ihm aus Mitleid über seine Lumpen einer dieser Giganten auf dem Wege zur Einschiffung eine Hose geschenkt hatte; eine Hose, so groß, daß sie wie ein Segel um ihn herumflatterte. Neleta, hinter der Theke, blickte ihn derweile unverwandt an. Ihre grünen Augen waren ausdruckslos; kein Fünkchen flammte in ihnen auf, doch sie trennten sich nicht einen Augenblick von Tonet, als wollten sie das Bild dieser kriegerischen Gestalt in sich aufsaugen, so verschieden von allen anderen um sie herum und in nichts an den Jungen erinnernd, der vor zehn Jahren ihr Verlobter gewesen war.

Cañamel aber lud in einem Anfall von Patriotismus – zudem begeistert über den außerordentlichen Zulauf von Gästen, den Tonet ihm verschaffte – den heimgekehrten Krieger zu einem Glas nach dem andern ein.

Auf Schritt und Tritt gab Sangonera, der jetzt zu seinem Kindheitsgefährten bewundernd aufschaute, Tonet das Geleit. Sangonera war nicht mehr Sakristan. Der Hang des Vaters zum Wein und Landstreichertum wurde auch in dem Sohn übermächtig, und der Vikar, der unziemlichen Schnurren müde, die sein Diener verübte, wenn er im angesäuselten Zustand bei der Messe amtierte, hatte ihn aus der Kirche gejagt. Übrigens wichen, wie Sangonera unter dem Lachen aller ernsthaft versicherte, seine Ansichten auch zu sehr von denen des Pfarrers ab!

In voller Jugend durch ständigen Trunk gealtert, verlumpt und schmutzig, überließ er sich wie als Kind ganz dem Zufall, schlief wieder in seiner Hütte und zeigte überall, wo man trank, seine hagere Asketenfigur, deren Schatten nur als schmaler Strich auf den Boden fiel.

Tonets Protektion brachte ihm Nutzen. Sangonera war es, der als erster in der Taverne von Kuba erzählt haben wollte – wohl wissend, daß sich gleich nachher die Gläser füllen würden.

Dem einstigen Korporal sagte dieses Leben des Müßiggangs und des Angestauntwerdens nicht wenig zu. Palmar dünkte ihn ein Ort der Wonne, wenn er sich an die Nächte erinnerte, die er, den Magen von Hunger geschwächt, in den Laufgräben verbracht hatte, und an die beschwerliche Überfahrt in dem mit krankem Fleisch beladenen Schiff, das Leichen über das Meer aussäte. Nach einem Monat dieser köstlichen Existenz hielt sein Vater es für richtig, mit ihm in der stillen Hütte ernsthaft zu reden.

»Es ist Zeit, an deine Zukunft zu denken. Ich habe etwas vor, wobei ich dich, meinen einzigen Sohn, gern beteiligt sehen möchte. Die Señora in Valencia, deren Reisfelder in Saler ich so lange in Pacht hatte, hat mir ein großes Terrain am See geschenkt, Hanegas Flächenmaß. 1 Hanega = 400 Quadratklafter. und Hanegas ... Der einzige Mißstand ist, daß der ganze Boden unter Wasser steht und viele Bootsladungen Erde aufgeschüttet werden müssen.

Aber, zum Teufel, nur nicht verzagen! Auf dieselbe Art und Weise sind alle Felder der Albufera geschaffen worden – die besten Reispflanzungen von heute deckte vor fünfzig Jahren der See. Und zwei gesunde, energische Männer ohne Angst vor Arbeit können Wunder verrichten. Besser so, als auf unseren schlechten Plätzen fischen oder fremden Boden bebauen!«

Das Neue dieses Unternehmens war es, das Tonet reizte. Auf einen Vorschlag, die besten Felder in nächster Nähe Palmars zu bewirtschaften, würde er vielleicht mit einer Grimasse geantwortet haben. Aber die Idee gefiel ihm: den See zu bekämpfen, Wasser in Ackerland zu verwandeln, dort zu ernten, wo sich jetzt die Aale zwischen Sumpfpflanzen hin und her schlängelten. Überdies sah er in seinem leichtfertigen Denken nur die Resultate, ohne die gewaltige Arbeit in Betracht zu ziehen. Und im Geiste verpachtete er schon seine eigenen Reisfelder, um sich als reicher Mann dem Nichtstun hinzugeben. Vater und Sohn machten sich ans Werk, unterstützt von Borda, die stets den besten Willen zeigte für alles, was zum Wohlergehen der Familie beitrug. Mit dem Großvater durfte man nicht rechnen. Dieser neue Plan hatte ihn in die gleiche finstere Stimmung versetzt wie vor Jahren, als sein Sohn sich zum erstenmal der Landwirtschaft zuwandte.

»Noch ein Attentat gegen die Albufera ... und von den Meinigen! Ah, diese Banditen! ...«

Tonet begann mit dem momentanen Eifer aller willensschwachen Menschen. Am liebsten hätte er diesen Seewinkel, wo sein Vater Reichtum zu finden hoffte, auf einen einzigen Schlag ausgefüllt. Vor Tagesgrauen stakten er und Borda fort, um Erde zu suchen, die sie dann in einer Fahrt von mehr als einer Stunde zu der ausgedehnten Fläche toten Wassers brachten, deren Grenzen Schlammdämme andeuteten.

Die Arbeit war hart, erdrückend – eine Aufgabe für Ameisen. Nur Toni, der unermüdliche Arbeitssklave, konnte es wagen, sich ihr ohne andere Hilfe als die Arme seiner Kinder zu unterziehen.

Sie gelangten durch die breiten Kanäle, die in die Albufera münden, bis zu den Häfen von Catarroja und Saler, und wo es ging, rissen sie mit breiten Gabeln große Schlammklumpen vom Grund los, Stücke von gallertartigem Torf, der einen unerträglichen Geruch verbreitete. Diese Brocken ließen sie am Ufer trocknen, und wenn die Sonne alles in weißliche Schollen verwandelt hatte, beluden sie ihre Nachen, die zu einem Konvoi aneinandergebunden wurden: nach einer Stunde unaufhörlichen Stakens verschluckte die Lagune scheinbar ergebnislos den Berg so mühsam gesammelter Erde. Drei- oder viermal am Tage sahen die Fischer die geschäftige Familie wie Mücken über die blanke Oberfläche des Sees huschen. Tonets Energie jedoch entsprach nicht der Größe der Aufgabe. Nachdem der Enthusiasmus des ersten Moments verpufft war, sah er nur noch die Monotonie dieser Arbeit und kalkulierte mit Schrecken, wie viele Monate, vielleicht sogar Jahre, zur Vollendung des Werks notwendig sein mochten. Er dachte an die Mühe, die die Gewinnung jedes einzelnen Erdklumpens kostete, und bebte vor Ärger, wenn das nach dem Versenken der Ladung wieder klar gewordene Wasser stets denselben tiefen Grund zeigte, ohne den kleinsten Höcker, als entschlüpfte die ganze Erde durch irgendein verborgenes Loch.

Und so begann er, dieser Fronarbeit den Rücken zu kehren. Das Wiederauftreten alter, aus dem Kriege stammender Leiden vorschützend, blieb er zu Hause. Aber sobald sein Vater und Borda fort waren, eilte er nach dem kühlen Winkel bei Cañamel, wo es niemals an Mitspielern zum Truque fehlte. Mehr als höchstens zwei Tage in der Woche arbeitete er nicht.

Schon regten sich wieder die Lästerzungen angesichts der Pünktlichkeit, mit der Tonet sich in der Taverne einstellte. Stets setzte er sich der schönen Wirtin gegenüber. Neleta unterhielt sich zwar weniger mit ihm als mit den anderen Kunden; wenn sie jedoch von der Handarbeit in ihrem Schöße aufsah, suchte ihr Blick instinktiv den früheren Verlobten.

Cañamels Schwägerin erörterte die Angelegenheit mit jedermann.

»Die beiden sind einig, das merkt doch ein Blinder! Dieser Trottel von Cañamel! ... Das ganze von meiner Schwester zusammengekratzte Vermögen werden sie kleinkriegen.«

Wenn skeptische Zuhörer einwandten, daß in einer Taverne, die ständig voll von Gästen sei, doch jede Gelegenheit zu einer Annäherung mangelte, zeterte die erboste Harpyie:

»Gelegenheit? Die suchen sie sich außer dem Hause. Diese Neleta ist zu allem fähig, und Tonet ein Erzfaulpelz, dem es gerade paßt, sich aushalten zu lassen.«

Der Schankwirt, der von diesen üblen Nachreden nichts wußte, behandelte Tonet wie seinen besten Freund. Er war stets bereit, mit ihm Karten zu spielen, und zankte seine Frau aus, wenn sie den Korporal nicht mit Wein traktierte. Nichts las er in Neletas seltsam glänzenden Augen, nichts in dem ironischen Blick, mit dem sie solchen Tadel aufnahm.

Aber der Dorfklatsch sickerte durch bis zu Tonis Ohren, und eines Abends zog dieser seinen Sohn hinaus vor die Hütte, wo er mit der Resignation des vom Kampf gegen das Schicksal erschöpften Mannes auf ihn einsprach:

»Du willst nicht arbeiten? ... Gut. Strafen kann ich dich nicht mehr wie früher. Also werde ich mein Werk allein fortsetzen, und wenn ich dabei krepieren sollte ... Doch ich bin nicht willens, ruhig zuzusehen, daß du Neleta nachstellst. Geh zu irgendeiner Taverne, aber nicht zu Cañamels!«

Tonet protestierte heftig.

»Lügen! Verleumdungen dieser bösartigen Samaruca, die Neleta mit ihrem Haß verfolgt. Bei dem Gedächtnis meiner Mutter: ich habe Neleta mit keinem Finger angerührt, sie nicht mit dem kleinsten Wörtchen an unsere frühere Verlobung erinnert.«

Der Vater lächelte trüb. Er zweifelte nicht an Tonets Worten. Mehr als das, er hatte die Überzeugung, daß alles nur auf Verleumdungen beruhte. Doch er kannte das Leben.

»Bis jetzt waren es nur Blicke; aber durch das ständige Zusammensein wird dieses gefährliche Spiel in Schande enden. Vergiß nicht, daß du der Sohn eines ehrenhaften Mannes bist, der wenig Glück in seinen Geschäften hat, dem indes niemand etwas Schlechtes vorwerfen kann. Cañamel ist dein Freund, und ihn zu betrügen wäre nicht allein Sünde, sondern eine Niederträchtigkeit, die eine Kugel verdiente.«

Sein Ton wurde so gütig, so feierlich, daß er Eindruck auf Tonet machte. »Neleta ist reich, während du nichts hast. Also wird man glauben, daß du ihr nachstellst, um ohne Arbeit leben zu können. Und lieber will ich meinen einzigen Sohn tot sehen, als mit solcher Schande beladen.«

Die Stimme des stets so selbstbeherrschten Mannes bebte vor Erregung.

»Tonet! Mein Junge! ... Denk an deine Familie! Denk an die Palomas, deren Name alt ist wie Palmar. Arbeiter ohne Glück, aber unfähig, einen Verrat zu begehen! Laß uns ruhig unser Elend tragen, und wenn wir uns auf unserer letzten Fahrt bis zum Fuß von Gottes Thron hinaufgestakt haben, können wir dem Herrn aus Mangel an anderen Verdiensten unsere schwielenbedeckten Hände zeigen ... und eine Seele frei von jedem Verbrechen.«

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