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Vincente Blasco Ibañez: Sumpffieber - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleSumpffieber
publisherBüchergilde Gutenberg
year1929
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid9a5dc59d
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Die Hütte des alten Paloma stand am äußersten Ende von Palmar. Eine große Feuersbrunst, bei der das halbe Dorf in Flammen aufging, hatte sein ursprüngliches Aussehen vollkommen verändert. Rapide waren die Strohhütten zu Asche geworden, und da in Zukunft ihre Besitzer ohne Furcht vor Feuer leben wollten, errichteten sie auf den ausgeglühten Baustellen Gebäude aus Ziegelsteinen, wobei viele ihre bescheidenen Mittel erschöpften, denn der Transport über den See verteuerte das Material erheblich. So bedeckte sich der abgebrannte Teil Palmars mit kleinen Häusern, deren Fassaden rosa, grünen oder blauen Anstrich zeigten, während der Rest des Dorfes den früheren Charakter bewahrte: hohe, vom First nach beiden Seiten rund ausbuchtende Dächer, als hätte man umgekehrte Barken auf die Lehmmauern gestülpt.

Von dem kleinen Kirchplatz bis nahe zur Dehesa standen die Häuschen wie vom Zufall gesät wirr durcheinander, eines möglichst weit vom anderen entfernt, im Gedanken an einen etwaigen neuen Brand.

Palomas Hütte war die älteste. Sein Vater hatte sie erbaut zu einer Zeit, als es in der ganzen Albufera kein menschliches Wesen gab, das nicht vor Fieber zitterte.

»Damals«, erzählte der Alte, »reichte das Dickicht bis an die Wände der Hütten. Die Hühner verschwanden unmittelbar vor der Haustür, und wenn sie nach Wochen wieder auftauchten, rannte hinter ihnen ein Gefolge flaumiger Kücken her. In den Kanälen machte man Jagd auf Fischottern, doch die Bevölkerung am See war so spärlich, daß die Fischer nicht wußten, was sie mit ihrem Fang beginnen sollten. Valencia lag am Ende der Welt, von wo nur bisweilen der Marschall Suchet kam, den König José zum Herzog von Albufera ernannt hatte, zum Herrn über Wald und See mit all ihren Reichtümern.«

Weiter wie bis zur Person des Marschalls reichten die Kindheitserinnerungen des alten Paloma nicht zurück. Noch glaubte er ihn vor sich zu sehen mit seinem wirren Haar und dem breiten Backenbart, angetan mit einem grauen Überrock, während Männer in prunkhaften Uniformen seine Flinten luden. Der Marschall benutzte zur Jagd das Boot von Palomas Vater, und der am Bug kauernde Junge betrachtete ihn voll staunender Bewunderung, wenngleich er manchmal auch über das Kauderwelsch lachen mußte, in dem der große Heerführer den Rückstand des Landes beklagte oder die Ereignisse im spanisch-englischen Kriege – für die Albufera ein vages Ereignis – kommentierte. Einmal fuhr der Knirps mit seinem Vater nach Valencia, um dem Herzog von Albufera einen Aal von ungewöhnlicher Größe zu verehren. Lachend empfing sie der Marschall, dieses Mal in großer, von Goldstickereien strotzender Uniform, neben der seine Offiziere wie Satelliten seines Glanzes wirkten. Als Paloma mit dem Tode seines Vaters Besitzer der Hütte und zweier Boote wurde, gab es keine Herzöge von Albufera mehr, sondern Landvögte, die im Namen des Königs regierten – ausgezeichnete Señores, die niemals zum See kamen und den Fischern freie Hand ließen, sowohl aus der Dehesa zu holen, was ihnen beliebte, als auch alles Federwild im Röhricht zu jagen. Das waren die guten Zeiten! Und wenn der Alte mit seiner knarrenden Stimme in Cañamels Taverne von ihnen erzählte, kroch über den Rücken der Jugend ein Schauer der Begeisterung. Man fischte und jagte zu gleicher Zeit, ohne Angst vor Feldhütern oder Strafen. Kehrten die Leute abends heim, so sah man außer Dutzenden von Kaninchen – mit Frettchen im Walde gefangen – auch noch Körbe voll Fisch und Bündel aufgeschnürter Wasservögel. Alles gehörte dem König, und der König war weit fort.

Wie hatte sich das geändert! Jetzt gehörte die Albufera dem Staate – wer mochte nur dieser Señor sein? –, jetzt gab es Jagdpächter im Wald und auf dem See, und die kleinen Leute konnten keinen Schuß abgeben oder ein Stück Holz auflesen, ohne daß sofort der Feldhüter mit dem Bandelier über der Brust und dem angeschlagenen Karabiner erschien.

Paloma hatte die Vorzugsstellung seines Vaters zu bewahren verstanden. Er war der erste Kahnfischer des Sees, und keine große Persönlichkeit kam zur Albufera, der er nicht bei einer Fahrt durch die Röhrichtinselchen alles Sehenswerte im Wasser und am Lande zeigte. Von der jungen Isabella II. wußte er zu erzählen, deren weite Röcke das ganze Heck des geschmückten Bootes füllten; von ihrer strammen Büste, die sich bei jedem Ruck des fortgestakten Kahnes bewegte. Und wie lachten die Leute, wenn sie an seine Fahrt mit der Kaiserin Eugenie dachten! Sie am Bug, schlank, im kurzen Rock, schußbereit für die Vögel, die in dicken Schwärmen von gewandten Treibern aufgescheucht wurden – am Heck der Schelm von Paloma mit seiner alten Flinte zwischen den Beinen. In einem phantastischen Spanisch machte er die hohe Dame auf die von ihr außer acht gelassenen Collvèrts aufmerksam:

»Eure Majestät ... aufgepaßt! Von hinten kommt Ihnen ein Grünkragen rein!«

Alle Herrschaften stellte er zufrieden. Frech, ja, und grob wie nur ein Sohn der Lagune; doch die seiner Zunge mangelnde Lobhudelei steckte in seiner Flinte – einer ehrwürdigen Waffe mit so vielen Reparaturen, daß man nicht mehr wußte, was an ihr eigentlich von der ursprünglichen Fabrikation noch vorhanden war –, denn der alte Paloma schoß wundervoll. Wollte er einem mittelmäßigen Schützen schmeicheln, so stellte er sich hinter ihn und feuerte im selben Moment; so präzise, daß der Knall beider Flinten verschmolz und die hohe Persönlichkeit beim Fallen des Wildes über ihre eigene Geschicklichkeit erstaunte, während der Fischer in ihrem Rücken den Mund boshaft verzog.

Die meiste Freude machte dem Alten die Erinnerung an den General Prim, den er in einer stürmischen Nacht über den See gebracht hatte, damals, in den Zeiten des Unglücks. Die Häscher des Königs suchten schon in nächster Nähe Valencias, und der General mußte nach einem vergeblichen Versuch, die Garnison der Stadt aufzuwiegeln, im Arbeiterkittel die Flucht ergreifen. Paloma führte ihn in seinem Boot bis ans Meer. Als er nach Jahren den General wiedersah, war aus dem Flüchtling der Chef der Regierung und Spaniens Abgott geworden. Wenn er die Politik satt hatte, ließ er zuweilen Madrid im Stich, um auf dem See zu jagen, wobei ihn Paloma, nach dem gemeinsamen Abenteuer keck und äußerst familiär, wie einen Schuljungen abkanzelte, sobald ein Schuß danebenging. Für Paloma gab es keine Granden, nur gute und schlechte Schützen. Und als der Nationalheros wieder einmal vorbeischoß, wurde der Fischer so wütend, daß er ihn duzte:

»Du Sch...general! Sollte man glauben, daß du all diese großen Dinge in Marokko getan hast? ... Paß jetzt auf! Paß auf und lerne!«

Der glorreiche Schüler lächelte; Paloma aber zog, fast ohne zu zielen, ab ... Klatschend fiel eine Ente ins Wasser.

Diese Anekdoten verschafften dem Alten ein ungeheures Prestige unter den Leuten am See. Was hätte nicht aus ihm werden können, wenn er den Mund aufgetan haben würde, um von seinen Kunden etwas zu erbitten! ... Ihn aber befriedigte das Leben, das er führte, trotzdem es sich, je älter er wurde, immer härter und schwieriger gestaltete. Kahnfischer, nichts als Kahnfischer! ... Menschen, die Reisfelder bebauten, verachtete er. Das waren Landleute! – ein Wort, das für ihn die schwerste Beleidigung bedeutete.

Stolz darauf, ein Mann des Wassers zu sein, folgte er lieber im Boot den endlosen Windungen der Kanäle, als diese Umwege durch einen Fußmarsch abzukürzen, und betrat aus freien Stücken keinen anderen Erdboden als den der Dehesa; auch diesen nur, um heimlich ein paar Kaninchen zu schießen. Am liebsten hätte er im Boot, das ihm dasselbe war wie der Auster die Schale, auch noch gegessen und geschlafen.

Am vollkommenen Glück, wie ein Vogel im Röhricht zu leben mit einem Nest auf irgendeinem Inselchen, hinderte ihn die Familie. Sein Vater, der die Hütte, das Werk seiner Hände, nicht verlassen sehen wollte, zwang ihn zur Heirat, und der Wasserstrolch mußte fortan mit seinesgleichen leben, unter einem Strohdach schlafen, seinen Anteil für den Unterhalt des Pfarrers bezahlen und dem Alkalden der Insel gehorchen, einem Mann – wie er sagte – ohne jedes Schamgefühl, der die Protektion der großen Herren in Valencia suchte, um sich von der Arbeit zu drücken.

Von seiner Frau bewahrte er nur ein vages Bild. Viele Jahre hatte sie neben ihm gelebt, ohne andere Erinnerungen zu hinterlassen als die an ihre Geschicklichkeit im Netzestopfen und ihre hübsche Haltung beim Kneten des wöchentlichen Brotteigs, den sie an jedem Freitag nach der runden weißen Kuppel des am äußersten Ende der Insel stehenden Backofens schleppte, der aussah wie ein afrikanischer Ameisenhaufen.

Sie hatten viele Kinder gehabt, sehr viele, aber mit Ausnahme eines einzigen waren alle »zu gelegener Zeit« gestorben: bleiche, kränkliche, blutlose Wesen, von fieberschauernden Eltern gezeugt, die einzig der Wunsch nach Wärme zusammenführte. Die einen, geschwächt durch die einseitige, fade Fischnahrung, starben an Auszehrung; andere fielen in die nahen Kanäle und ertranken.

Nur der Jüngste klammerte sich zäh genug ans Leben, um allen Fiebern standzuhalten, saugte gierig die paar Tropfen Milch, die die schlaffen Brüste eines immer kranken Körpers geben konnten.

Paloma fand diese Todesfälle logisch und unerläßlich. Man mußte dem Herrn danken, daß er sich der Armen erinnerte! War es nicht widerlich zu sehen, wie sich die im Elend lebenden Familien vermehrten? ... Ohne die Güte Gottes, der von Zeit zu Zeit diese Pest von Kindern klärte, hätte der See nicht alle ernähren können, hätte einer den anderen auffressen müssen ...

Als die Mutter starb, übernahm der kleine siebenjährige Toni ihre Arbeit. Nicht minder umsichtig und arbeitsam wie sie, kochte er das Essen, bastelte an schadhaften Stellen der Hütte und holte sich Rat bei den Nachbarinnen, damit der Vater das Fehlen einer Frau nicht bemerken sollte – alles mit schwerem Ernst, als hätte das unentwegte Bemühen, die Mutter zu ersetzen, jeglichen Frohsinn ausgelöscht.

Unter einem Berg von Netzen ganz verborgen, folgte er dem Vater zum Boot, und Paloma blickte stolz auf seinen kräftigen Jungen, der behende die Reusen einholte oder das Boot über den See stakte.

»Ein Kerl wie kein zweiter!« meinte Paloma zu seinen Freunden. »Sein Körper rächt sich jetzt für alle früheren Krankheiten.«

Die Frauen von Palmar lobten vor allem seine guten Sitten. Weder beteiligte sich Toni an dem Unfug der jungen Leute in den Tavernen, noch gesellte er sich zu den Burschen, die nach beendigtem Fischfang hinter irgendeiner Hütte auf dem Bauch lagen, um stundenlang ein schmuddeliges Kartenspiel zu mischen.

Stets willig zur Arbeit, bereitete Toni seinem Vater nicht den geringsten Verdruß. Paloma, der mit niemandem gemeinsam fischen konnte, weil er bei der kleinsten Unaufmerksamkeit mit den Fäusten auf seinen Kameraden losging, fand an Toni niemals etwas zu tadeln. Mehr noch! Gar häufig sah der Alte, wenn er im Begriff war, eine Anweisung zu geben, daß sein Sohn, die Absicht erratend, schon Hand ans Werk gelegt hatte.

Als Toni ein Mann geworden war, vollzog sich in der Seele seines Vaters trotz seiner Vorliebe für das Vagabundieren auf dem Wasser und trotz fehlenden Familiensinns dasselbe wie einst beim Großvater. Was sollten zwei Männer allein in der einsamen Hütte? ... Es stieß ihn ab, seinen Sohn, diesen robusten Burschen, das Feuer anblasen und Essen kochen zu sehen, und nicht ohne Gewissensbisse blickte er auf die kurzen, behaarten Hände mit den eisernen Fingern, die Töpfe scheuerten und Fische schuppten.

An den langen Winterabenden glichen sie zwei auf eine wüste Insel verschlagenen Schiffbrüchigen. Kein Wort fiel zwischen ihnen, kein Lachen erklang, keine Frauenstimme heiterte sie auf. In der Mitte der düsteren Hütte glühte zu ebener Erde der Herd: ein kleines viereckiges Loch, eingefaßt von Ziegelsteinen. Ihm gegenüber eine alte Anrichte, auf deren rissigen Fliesen armseliges Geschirr stand, und zu beiden Seiten die wie die ganze Hütte aus Lehm und Rohr erbauten, nur mannshohen Innenwände von zwei Zimmern. Darüber gähnte das rußige Strohdach, geschwärzt von dem Herdrauch vieler Jahre, dem sich kein anderes Abzugsloch bot als eine Öffnung am First.

Von den Sparren herab hing das wasserdichte Zeug von Vater und Sohn für nächtliche Fahrten: die steifen, schweren Hosen und die Jacken, durch deren Ärmel ein Knüppel gesteckt war – grobe, gelbe Leinwand, die die vielen Einreibungen mit öl glänzend gemacht hatte. Der durch das Loch im Dach hineinpfeifende Sturm schaukelte die seltsamen Puppen, deren fettige Außenseite die rote Herdglut widerspiegelte, und es schien, als hätten sich die beiden Bewohner der Hütte an ihren Balken aufgehängt.

Paloma langweilte sich. Er schwatzte gern, und in der Taverne konnte er nach Herzenslust fluchen und mit den andern Fischern räsonieren; zu Hause jedoch wußte er nicht, was er sagen sollte. Seine Worte verloren sich in einem erdrückenden, respektvollen Schweigen, denn der untertänige Sohn hatte nie etwas zu entgegnen. Der Alte pflegte dies beim Wein auf seine Weise zu erklären:

»Ein guter Junge, aber immer stumm – gar nicht wie ich! Meine Verstorbene muß mich irgendwie betrogen haben.«

Eines Tages wandte er sich an Toni mit der gebieterischen Miene des spanischen Vaters, der bei seinen Kindern keinen eigenen Willen anerkennt und über ihre Zukunft beschließt, ohne sie um ihre Meinung zu befragen.

»Du mußt heiraten! Im Hause fehlt eine Frau.«

Und Toni nahm diesen Befehl ebenso auf, als hätte der Alte ihn beauftragt, das große Boot klar zu machen, um in Saler einen Jäger aus Valencia abzuholen:

»Gut! Ich werde das so bald wie möglich in Ordnung bringen.«

Und während Toni auf eigene Faust suchte, machte sein Vater alle Gevatterinnen Palmars zu Mitwisserinnen dieser Absicht.

»Mein Junge wünscht sich zu verheiraten. Alles, was ich besitze, wird sein: die Hütte, das große Boot mit dem neuen Segel sowie das alte, das noch besser läuft; zwei Kähne und ein Haufen Netze. Dabei ist der Kleine arbeitsam, brav und dank einer guten Nummer bei der Auslosung frei vom Militärdienst. Schließlich keine große Partie, aber immerhin auch nicht nackt wie eine Pogge im Schlamm! Und für die Mädchen, die es in Palmar gibt ...«

Der Alte spuckte aus und blickte verächtlich auf die Töchter des Dorfs, unter denen sich zweifellos seine künftige Schwiegertochter befand. Nein, viel Staat war mit diesen Seejungfrauen nicht zu machen! Ihre in dem fauligen Wasser der Kanäle gewaschene Wäsche roch nach Schlamm; dürftiges, von der Sonne gebleichtes Haar beschattete ihre mageren, rotgebrannten Gesichter, und in den Augen blitzte das Fieber, durch den Genuß des Seewassers ständig erneut. Ihr eckiges Profil, ihre gleitende Schlankheit und der Geruch ihrer Wäsche gaben ihnen eine gewisse Ähnlichkeit mit den Aalen, als wären durch die gleichförmige, monotone Ernährung einer ganzen Serie von Generationen in ihnen schließlich die Merkmale dieses Tieres festgelegt, das ihr Hauptnahrungsmittel bildete.

Toni wählte eine von ihnen: irgendeine – diejenige, bei der seine Schüchternheit auf die wenigsten Hindernisse stieß. Und nach der Hochzeit gab es wieder jemanden in der Hütte, mit dem der Alte sprechen oder schelten konnte. Ah, dieses Wohlgefühl für ihn, als seine Worte nicht mehr im Leeren hängenblieben, als die Schwiegertochter sich seinen unwirschen Forderungen widersetzte ...

Leider aber stellte sich mit diesem Behagen gleichzeitig ein Verdruß ein. Sein Sohn schien die Traditionen der Familie vergessen zu haben; er mißachtete den See, und im September ließ er bei Beginn der Reisernte das Boot im Stich und wurde Schnitter wie manche andere, denen Palomas tiefste Entrüstung galt.

»Diese Feldarbeit ziemt sich nur für die Fremden«, erklärte er seinem Sohn; »die Kinder des Sees sind frei von solcher Sklaverei, denn nicht umsonst hat der Herr uns neben dieses Wasser gesetzt, das ein Segen Gottes ist. Das Wasser ernährt uns, und es ist eine Schande, bis zum Bauch im Schlamm zu stehen, Blutegel an den Beinen, den Rücken von der Sonne geröstet, um einige Ähren zu ernten, die zu guter Letzt nicht für uns bestimmt sind. Willst du wirklich ›Landmann‹ werden? ...«

Und der Alte legte in diese Frage das ganze Entsetzen, die ganze riesengroße Bestürzung, als hätte man ihm davon gesprochen, daß – etwas genau so Unerhörtes – die Albufera eines Tages trockenliegen könnte.

Zum erstenmal in seinem Leben wagte Toni, sich seinem Vater zu widersetzen:

»Den Rest des Jahres werde ich gern fischen. Aber jetzt, wo infolge meiner Heirat die Ausgaben sich vergrößern, wäre es eine Torheit, den reichlichen Tagelohn zu verschmähen, vor allem, weil man mich wegen meiner starken Arme besonders gut bezahlt. Man muß die Zeiten nehmen, wie sie kommen. Täglich vermehren sich die Reisfelder an den Ufern des Sees; Arme werden reich, und ich bin nicht der Dummkopf, beiseitezustehen.«

Knurrend schickte sich der alte Fischer in diese Umwälzung der Gepflogenheiten des Hauses. Die Verständigkeit und der Ernst seines Sohnes nötigten ihm Respekt ab, doch als er am Kanalufer seine alten Kameraden traf, machte er seinem Unmut Luft.

»Die werden die ganze Albufera so umformen, daß in einigen Jahren sie niemand mehr erkennt! Bei Sueca haben sie jetzt eiserne Apparate in kleinen Häuschen aufgestellt und ... wupp! kommt der Rauch aus dem hohen Schornstein. Die guten alten hölzernen Wasserräder sollen alle durch Höllenmaschinen ersetzt werden, die das Wasser mit einem Lärm von tausend Teufeln fortschleudern. Ein Wunder, wenn nicht die ganzen Fische aus Ärger über diese Neuerungen den Weg zum Meere nehmen! ... Überall will man anpflanzen, überall wirft man Erde und immer mehr Erde in den See. Viel Zeit bleibt mir ja nicht mehr, aber paßt auf: ich werde es noch erleben, daß der letzte Aal aus Mangel an Platz uns an der Enge von Perello zuschwänzelt und im Meer verschwindet! Und Toni mitten unter diesen Piraten! Mein Sohn, ein Paloma, als Landmann! ...«

Und der Alte schüttelte sich, als sähe er einen Spuk.

Die Zeit verging. Seine Schwiegertochter schenkte ihm einen Enkel, einen Tonet, den der Großvater nachmittags oft zum Kanalufer heruntertrug, wobei er die Pfeife fürsorglich in eine Ecke seines zahnlosen Mundes schob, damit der Rauch den Kleinen nicht belästige. Ein verteufelter Bengel, dieser Kleine, und hübsch! ... Die dürre, häßliche Schwiegertochter war genau wie seine Verstorbene, wie alle Frauen seiner Familie: stets brachten sie Kinder zur Welt, die ihren Vätern in nichts glichen.

Am Wasser zeigte der Großvater seinen Freunden, die immer spärlicher wurden, das Enkelkind und orakelte über die Zukunft.

»Der gehört zu uns und wird kein anderes Haus haben als sein Boot. Und bevor alle Zähne heraus sind, soll er staken können!«

Aber bevor alle Zähne heraus waren, trat ein Ereignis ein, das Paloma nie und nimmer erwartet hätte. In der Taverne sprach man davon, daß Toni von einer Dame in Valencia einige Reisfelder nahe bei Saler in Pacht genommen hatte, und als der Alte, sobald er abends seinen Sohn zu Gesicht bekam, von diesem Gerücht erzählte, mußte er entsetzt feststellen, daß Toni das Verbrechen keineswegs leugnete.

»Wann ist ein Paloma je abhängig gewesen?« brauste der Fischer auf. »Immer lebte die Familie frei, wie es Kindern Gottes, die etwas auf sich halten, zukommt, und suchte sich ihren Unterhalt im Wasser und in der Luft. Als Herren hatten wir nur den König oder den Franzmann, die einen nicht drückten und deren Grandezza zu ertragen war. Aber Pächter einer städtischen Modenärrin? ... Ihr, jahraus, jahrein, den größten Teil vom Verdienst abliefern? ... Oh, la la! Ich werde diese Dame sofort aufsuchen, um den Vertrag rückgängig zu machen. Die Palomas ducken sich vor niemanden, solange es noch etwas im See gibt, das man zum Munde führen kann – und wären es Frösche!«

Noch größer jedoch wurde seine Bestürzung, als er bei seinem Sohn auf unvorhergesehenen Widerstand stieß. Toni, der sich die Sache reiflich überlegt hatte, war entschlossen, nicht nachzugeben.

»Was sind wir? ... Bettler, die gleich Wilden in ihrer Hütte hausen und wie Verbrecher vor den Flurhütern flüchten müssen, wenn sie mal etwas anderes als Fisch in ihrem Topf sehen wollen! Und dieses Elend kommt von den Vätern auf die Söhne, als wären wir für ewig an den Schlamm der Albufera gebunden – stumpfsinnig, ohne jegliches Streben, geht es uns wie der Kröte, die sich im Röhricht glücklich dünkt, weil sie am Wasserspiegel Insekten findet.

Nein, ich lehne mich dagegen auf! Ich will nicht einzig und allein arbeiten, um zu essen, sondern auch, um Ersparnisse zu machen. Man muß sich nur die Vorteile des Reisanbaus vor Augen führen: kleine Anstrengungen und großer Verdienst! Wo gibt es das sonst auf der Welt? ... Im Juni wird gesät, im September geschnitten. Ein wenig Dung und ein wenig Arbeit – im ganzen drei Monate! Nach der Ernte besorgt der Regen den Rest; das Wasser des Sees steigt, bis es die Felder bedeckt. Mit dem Verdienst in der Tasche fischt man die anderen Monate, um die Familie zu ernähren. Kann man sich mehr wünschen? ... Der Großvater hat nach einem Hundeleben nichts weiter erreicht, als diese Hütte zu bauen, in der wir ständig geräuchert werden, und du, Vater, konntest keine Kruste für dein Alter erübrigen.

Läßt du mich nach meinem Belieben arbeiten, so wird mein Junge mal Reisfelder besitzen, die man nicht übersehen kann, und sich vielleicht auf unserem Grund und Boden das schönste Haus von Palmar erheben.«

Der Alte war leichenblaß geworden und starrte auf die schwere, in der Ecke lehnende Stange zum Staken. Es zuckte ihm in den Händen, Toni mit einem Hieb den Kopf zu zertrümmern, wozu er sich nach solchem Frevel gegen die väterliche Autorität durchaus berechtigt fühlte. Aber er sah die Schwiegertochter, das Enkelkind auf dem Arm, und diese beiden Wesen schienen seinen Sohn zu erhöhen, auf das gleiche Niveau mit ihm selbst zu heben. Toni war ein Vater! Zum erstenmal legte er sich Rechenschaft ab, daß er nicht mehr den Jungen von früher vor sich hatte, der am Kochtopf stand und unter dem grimmigen Blick des Vaters die Augen niederschlug.

»Gut«, brüllte er los, doch bei dem Gedanken, daß er ihn nicht mehr schlagen konnte, vor Wut zitternd. »Jeder geht seiner Wege – der eine zum See, der andere zum Schollenhacken! Und da ich zu alt bin, um mit meinem Gliederreißen auf dem Wasser zu schlafen, werden wir weiter gemeinsam in der Hütte leben. Aber im übrigen kennt keiner den anderen mehr! Ah, wenn mein Vater, Suchets Bootsführer, den Kopf aufrichtete und die Schande der Familie sähe! ...«

Das erste Jahr war für Paloma voll von unaufhörlicher Qual. Kehrte er abends heim, so fand er neben den Fischereigeräten allerlei landwirtschaftliche Werkzeuge, ja, stolperte eines Tages sogar über einen von Toni zur Reparatur mitgebrachten Pflug. Ein mitten in der Hütte liegender Drache hätte keine schlimmere Wirkung hervorrufen können ...

Alle diese blinkenden Stahle verursachten ihm ein Gefühl von Kälte und Ingrimm. Wenn er eine Sichel ein paar Schritte entfernt von seinen Netzen liegen sah, tat er so, als ob die gekrümmte Klinge ganz allein loszumarschieren vermöchte, um seine Garne zu zerschneiden, und beschimpfte die Schwiegertochter wegen ihrer Nachlässigkeit.

»Wirf sie 'raus, weit fort, diese ... diese ... Ackerbaugeräte«, keuchte er. »So etwas in der Hütte der Palomas, die keinen anderen Stahl kannten als die Klinge zum Öffnen der Fische! Sollte man nicht vor Wut platzen?«

Zur Saatzeit, wenn die trockene Erde umgelegt wurde und Toni, nachdem er den ganzen Tag mit gemieteten Pferden gepflügt hatte, schweißbedeckt heimkehrte, umstrich ihn der Vater boshaft schnüffelnd, um dann zur Taverne zu stürzen, wo seine Kameraden aus den guten alten Zeiten, das Glas in der Hand, vor sich hindösten.

»Caballeros, eine große Neuigkeit! Mein Sohn riecht nach Pferd ...«

»Hi, hi, hi«, lachten die Greise. Ein Pferd auf der Insel Palmar! Die Welt stand auf dem Kopf.

Abgesehen von solchen Entladungen bewahrte Paloma sein frostiges, abgesondertes Verhalten gegenüber der Familie seines Sohnes. Erst bei Einbruch der Nacht erschien er mit einigen zappelnden Aalen im Netz in der Hütte, worauf ein Stoß mit dem Fuß die Schwiegertochter aufforderte, ihm Platz am Herde zu machen. Denn seine Mahlzeiten bereitete er sich selbst. Manchmal rollte er die Aale zusammen, um sie mit einem Stäbchen zu durchbohren und geduldig von allen Seiten über der Flamme zu rösten; andere Tage kochte er in seinem geflickten Topf ein paar riesige Schleie oder bereitete ein Gemengsel aus Zwiebeln und Aalen, das für die halbe Einwohnerschaft genügt haben würde.

Die Gefräßigkeit teilte dieser kleine, dürre Greis mit allen bejahrten Söhnen der Albufera. Er kannte eigentlich nur eine einzige richtige Mahlzeit, abends, bei der Rückkehr vom Fischfang, und am Boden sitzend, den Topf zwischen den Knien, verbrachte er ganze Stunden damit, wie eine alte Ziege den Mund hin und her zu schieben und derartige Portionen zu verschlingen, daß man sich wunderte, wie ein menschlicher Magen sie aufnehmen konnte.

Er aß das seinige – das, was er tagsüber gefangen hatte, ohne sich um seine Kinder zu kümmern, ohne ihnen etwas aus seinem Topfe anzubieten. Mochte sich jeder mästen nach seiner Arbeit! Und seine Äuglein blitzten schadenfroh, wenn er auf dem Familientisch nichts gewahrte als eine Schüssel Reis.

Toni ließ seinen Vater gewähren, und die Isolierung zwischen dem halsstarrigen Alten und den Seinen blieb bestehen. Das einzige Band war Tonet, der öfters, vom Duft des Topfes angezogen, näher schlich.

»Nimm, du armes Kind! Nimm!« sagte der Großvater mitleidig, als sähe er den Kleinen im tiefsten Elend, und freute sich, wie der den fetten Happen vertilgte.

Bisweilen spürte Paloma frühmorgens einen Abenteuerkitzel. Dann stakte er mit einem seiner Busenfreunde nach einem versteckten Ort der Dehesa, wo sie auf dem Bauch lange Stunden im Dickicht verharrten, bis sie sicher waren, daß kein Feldhüter sich in der Nähe befand. Zwei Schüsse knallten; zwei Kaninchen verschwanden unter dem Kittel – und Hals über Kopf rannte man zum Boot, um draußen vom See aus die nutzlos suchenden Männer mit dem Bandelier auszulachen.

»Das soll mir mal einer von den jungen Burschen nachmachen! ...« plusterte er sich in der Taverne abends beim Braten auf, zu dem seine Kameraden den Wein spendeten.

Und wenn bei solchem Fest ein paar Vorsichtige vom Gesetz und von den Strafen sprachen, reckte Paloma die durch Jahre und Staken gekrümmte Brust.

»Die Flurhüter sind Strolche, die sich anstellen lassen, weil sie die Arbeit verabscheuen. Und diese Herren Jagdpächter? ... Diebe, die alles für sich haben wollen. Die Albufera gehört uns Fischern! Wären wir in einem Palast geboren, so würden wir Könige sein. Zu irgendeinem Zweck hat der liebe Gott uns also hier zur Welt kommen lassen. Alles andere sind Lügen, von den Menschen erfundene Lügen.«

Dann wies er auf den Enkel, den er heimlich mitgeschleppt hatte:

»Den erziehe ich; doch so, daß er nicht auf die Abwege seines Vaters gerät. Mit der Flinte umgehen und den Grund des Sees kennen wie ein Aal, das will ich ihm beibringen, damit nach meinem Tode wieder ein Paloma da ist, um die großen Jäger zu führen.«

Der Groll des Alten gegen seinen Sohn blieb wach. Er verschmähte es, die scheußlichen Äcker zu sehen, die jener bebaute, aber seine Gedanken umkreisten sie ständig, und er lächelte in diabolischer Lust, als er erfuhr, daß es mit der Pflanzung schlecht stand. Salpeter war während des ersten Jahres in die Felder eingedrungen, gerade im Moment, als der Reis Körner ansetzte, und fast die ganze Ernte ging verloren. Immerhin rührten die traurigen Mienen sowie der sichtbare Mangel, den die Familie litt, Paloma so weit, daß er seine Stummheit brach, um dem Sohn zu raten. Hatte Toni sich jetzt überzeugt, daß er zum Landmann nicht geboren sei? ... Die Feldarbeit sollte man den Leuten überlassen, die von alters her sich damit befaßten, die Erde auszuweiden ... Ein Paloma gehörte aufs Wasser!

Doch Toni antwortete mit einem schlechtgelaunten Brummen, worauf der Alte wieder in seinen schweigenden Haß verfiel. Ah, der Dickkopf! ... Und von Stund' an wünschte er den Feldern seines Sohnes jedes nur erdenkliche Mißgeschick als einzigstes Mittel, den hochmütigen Starrsinn zu brechen. Zu Hause stellte er keinerlei Fragen, doch wenn sein Boot die großen, von Saler kommenden Barken kreuzte, erkundigte er sich stets nach dem Aussehen von Tonis Feldern.

Die gegen Ende des Sommers einsetzenden wolkenbruchartigen Gewitter ließen ihn mit Behagen ein stetes Steigen des Wasserspiegels beobachten. Nur so weiter! ... Auf den Knien sollte sein Sohn den Schlüssel zum Fischkasten mit dem brüchigen Strohdach erbitten, um essen zu können!

Zu Tonis Glück gingen die boshaften Wünsche des Alten nicht in Erfüllung. Es kamen gute Jahre; in der Hütte begann ein gewisser Wohlstand zu herrschen, und der beherzte Reisbauer träumte von der Möglichkeit, eines Tages eigene Felder zu bewirtschaften, für die er nicht mehr den größten Teil vom Erlös der Ernte in Valencia abzuliefern hätte.

Mittlerweile verbrachte der heranwachsende Tonet Tag für Tag mit dem Großvater auf dem Wasser, während seine Mutter traurig in der Hütte allein saß und voll Angst an ihre noch einsamere Zukunft dachte. Hätte sie doch mehr Kinder gehabt! So inbrünstig hatte sie eine Tochter von Gott erbeten! Aber die Tochter kam nicht, konnte nach des alten Paloma Versicherung auch nicht kommen, weil die Nachbarinnen, die ihr bei Tonets Geburt beistanden, sie so arg zugerichtet hätten, daß »nichts an der richtigen Stelle geblieben war«. Tatsächlich sah sie immer krank aus, farblos wie Papierbrei, und konnte sich nur unter starken Schmerzen längere Zeit auf den Füßen halten. Doch um den Männern nicht lästig zu fallen, schluckte sie ihre Seufzer und Tränen still hinunter.

Toni kannte die sehnsüchtigen Wünsche seiner Frau; der Gedanke, ein Mädchen im Hause zu haben, das der Kranken zur Hand gehen konnte, gefiel ihm. So machten beide eine Reise nach Valencia, wo sie sich im Findelhaus ein sechsjähriges Kind, ein scheues, häßliches Tierchen, aussuchten. Es hieß Visanteta, aber mit der unbewußten Grausamkeit des Volkes nannte es in Palmar jedermann Borda, Findling. als sollte nur ja seine Herkunft nicht in Vergessenheit geraten.

Paloma grunzte ärgerlich: »Ein hungriger Mund mehr!« Tonet fand diese Kleine, an der er alle seine Launen auslassen konnte, sehr nach seinem Geschmack. Zärtlichkeit brachte nur die immer schwächer werdende Mutter dem Mädchen entgegen. Die Kranke gab sich der Illusion hin, eine eigene Tochter zu haben, und nachmittags, wenn die Sonne auf die Tür fiel, setzte sie Borda in den Eingang, um sorgsam ihr gut eingeöltes, widerspenstiges Haar glatt zu bürsten.

Wie ein lebhaftes, gehorsames Hündchen trottete Borda fröhlich durch die Hütte, fand sich mit aller Mühsal ab und ertrug geduldig jede Bosheit Tonets. Mit äußerster Anstrengung ihrer kleinen Arme schleppte sie den Wasserkrug, der fast so groß war wie sie selbst, vom Kanal bis zur Hütte. Zu jeder Stunde trabte sie zum Dorf, um Besorgungen für ihre neue Mutter zu machen, und erdreistete sich bei Tisch nie, den Löffel in den Topf zu stecken, ehe die anderen ihre halbe Mahlzeit hinter sich hatten. Den alten Paloma mit seiner Schweigsamkeit und seinen wilden Blicken fürchtete sie sehr. Nachts schlief sie, da das eine Zimmer von dem Ehepaar, das andere von Tonet und seinem Großvater besetzt war, neben dem Herd auf dem Lehmboden, dessen Feuchtigkeit noch durch das Segeltuch, das ihr als Bett diente, hindurchdrang.

Ihre einzigen Erholungsstunden waren nachmittags, wenn die Männer noch auf dem See oder auf den Feldern arbeiteten. Dann saß sie neben ihrer Mutter auf der Schwelle, half Segel nähen oder Netze knüpfen, und beide schwatzten dabei vergnüglich mit den Nachbarinnen, mitten in dem großen Schweigen der einsamen, krummen, moosbedeckten Straße, in der die Hühner hin und her liefen und die Enten schnatternd der Sonne das feuchte Weiß ihrer Flügel entgegenbreiteten.

Tonet ging jetzt nicht mehr zur Dorfschule, dieser vom Magistrat der Stadt Valencia unterhaltenen moderigen Baracke, in der Knaben und Mädchen den Tag mit dem Ableiern des Abc und dem Singen von Litaneien verbrachten. Er war beinahe schon ein richtiger Mann, wie sein Großvater feststellte, indem er ihm die Armmuskeln befühlte und auf die Brust klatschte. Gern folgte Tonet dem Alten auf seinen Wasserexpeditionen, und wie ein flüchtiger Blitz schoß er in einem der kleinen Nachen Palomas durch die Kanäle. Kamen Jäger von Valencia, so unterstützte er den Großvater beim Bedienen der Segel und sprang, wo die Durchfahrten eng wurden, ans Ufer, um das Boot mit der Leine weiterzuziehen.

Er lernte die Fischerei mit der Harpune kennen: das Abstreifen des Sees im Dunkel der langen Winternächte, vom Sonnenuntergang bis zur Morgendämmerung. Am Bug gab Tonet Obacht auf die hell wie eine Fackel brennenden Reiserbündel, von denen ein großer Blutfleck auf das Wasser fiel; achtern handhabte der Großvater die Fitora, eine eiserne Gabel mit zackigen Spitzen. Bis zum Grunde des Sees stieg das Licht hinunter. Man sah das Bett der Muscheln, die am Boden wuchernden Pflanzen – diese ganze geheimnisvolle, tagsüber unsichtbare Welt. Betrogen und geblendet von dem roten Schimmer, kamen die Bewohner des Sees herbei, und jeder Stich der Fitora holte einen großen, verzweifelt mit dem Schwanze schlagenden Fisch.

Hieran schloß sich die Unterweisung in der Jagd. Die Flinte des Großvaters, ein uralter Vorderlader, der sich durch seinen Knall von allen anderen Waffen der Albufera unterschied, machte Tonet zwar anfänglich gehörige Schwierigkeiten, denn Paloma pfropfte so starke Ladungen hinein, daß die ersten Schüsse den Jungen beinahe umwarfen. Allmählich jedoch verstand er, das »alte Biest« zu beherrschen und die Wasserhühner zur Zufriedenheit des Großvaters herunterzuholen.

Aber nach dem ersten Jahr dieser rauhen Erziehung nahm Paloma eine unverhüllte Lässigkeit bei seinem Schüler wahr. So sehr diesem auch Fischen und Schießen behagte, so wenig konnte er sich damit befreunden, vor Morgengrauen aufzustehen, den ganzen Tag zu staken oder mit dem Tau um den Leib zu treideln. Außerdem fing der Großvater an, sich anspruchsvoll und tyrannisch zu zeigen. Als er sah, daß der Junge das Boot geschickt führen konnte, gestattete er ihm nicht mehr, nach Belieben auf dem See zu bummeln, sondern belegte ihn schon frühmorgens mit Beschlag. Ohne selbst Hilfe zu leisten, ließ er den Enkel die großen Reusen einholen und wieder auslegen, und wenn die Zeit der Heimfahrt gekommen war, lagerte sich der Alte bequem im Boot, während Tonet schwitzend und keuchend stakte.

»Ah, solch ein Drückeberger!« ulkten vorbeifahrende Fischer. »Hat's behäbig wie der Pfarrer!«

Worauf Paloma ihnen mit dem Ernst des Meisters zur Antwort gab:

»So lernt man! Das ist die Schule meines Vaters ...«

Allmählich meinte Tonet den See fast zu hassen. Wie ein Heimwehkranker blickte er nach den weißen Hütten Palmars, die sich über den dunklen Linien des Röhrichts abhoben. Wo waren die glücklichen Jahre, als er ohne eine andere Pflicht als den Schulbesuch durch die Dorfgasse schlenderte? Als alle Nachbarinnen seiner Mutter zu solch hübschem Jungen gratulierten? ...

Dort war er Herr seines Lebens gewesen. Die kranke Mutter hatte für seine Streiche nur ein blasses Lächeln, und Borda ließ sich alles mit der Sanftmut des untergeordneten Wesens gefallen, das den Starken bewundert. Die sich zwischen den Hütten tummelnden Kinder erkannten ihn als ihren Chef an, dem sie allesamt längs des Kanals folgten, um empört schnatternde Enten mit Steinen in die Flucht zu treiben.

Paloma sah klar: was sein Enkel haßte, mit einem instinktiven Widerwillen, der seine Energie lähmte, war die Arbeit. Vergeblich sprach ihm der Alte von dem großen Fischzuge, den sie am nächsten Tage im Heimlichen Loch, im Pottwinkel oder sonstwo machen würden. Kaum ließ er Tonet aus den Augen, so war der auch schon verschwunden, um mit anderen Dorfbuben den Wald zu durchstreifen oder, neben den Stamm einer Pinie hingestreckt, stundenlang den Vögeln in den runden Baumkronen zu lauschen und sich an dem Wiegen der Schmetterlinge und der bronzefarbenen Hummeln über den Waldblumen zu ergötzen.

Drohungen fruchteten nichts. Als der Großvater zu Prügeln seine Zuflucht nehmen wollte, brachte sich Tonet wie ein kleines wildes Tier in Sicherheit und suchte Steine zu seiner Verteidigung. Und der Alte ergab sich in sein Schicksal, wie ehedem den See wieder allein zu befahren.

Sein ganzes Leben hatte er gearbeitet; auch sein Sohn war, wenn auch irregeleitet durch eine Liebe zur Landwirtschaft, ein fanatischer Arbeiter. Wem glich also nur dieser kleine Lump, der halbe Tage unbeweglich in der Sonne hocken konnte wie eine Kröte am Rande der Rieselgräben?

Alles hatte sich in dieser Welt geändert, aus der Paloma nie herausgekommen war. Die Tradition ging unter. Aus den Söhnen der Kahnfischer wurden Sklaven der Erde: die Enkel hoben Steine auf gegen ihre Großväter; den See durchkreuzten mit Kohle beladene Barken; die Reisfelder dehnten sich nach allen Seiten aus, stießen, das Wasser verschluckend, in den See vor und fraßen große Lichtungen in den Wald. Oh, Herr des Himmels! Besser wäre es schon, zu sterben, als der Vernichtung einer Welt beizuwohnen, die er für ewig gehalten hatte.

Alleinstehend im Kreise der Seinigen, ohne andere Zuneigung als die tiefe Liebe für sein Mütterchen, die Albufera, besichtigte und kontrollierte er sie jeden Tag.

Man fällte keine Pinie im Walde, ohne daß er es nicht sofort – oft auch von der Mitte des Sees aus – bemerkt hätte. »Wieder eine! ...« Und die Lücke, die der gefällte Baum im dichten Zweigwerk der Bäume hinterließ, schmerzte ihn wie der Anblick eines Grabes. Er verfluchte die Pächter der Albufera, diese unersättlichen Diebe. Gewiß, auch die Leute von Palmar stahlen ihr Brennholz im Walde. Doch sie begnügten sich mit dem Gestrüpp, mit den entwurzelten, abgestorbenen Stämmen, während diese unsichtbaren Herren, deren Vorhandensein sich nur durch die Karabiner ihrer Flurhüter und allerlei faules Gewäsch von Gesetzen kundtat, mit größtem Gleichmut die Ahnen des Waldes niederschlugen, diese Giganten, die ihn als winzigen Knirps am Bug eines Kahnes gesehen hatten, die bereits riesige Stämme waren, als sein Vater, der erste Paloma, in einer wilden, fast unberührten Albufera mit einem Knüppel die am Ufer wimmelnden Schlangen erschlug. Tiere, sicher sympathischer als die heutigen Menschen!

Vergrämt verkroch er sich in die abgelegensten Winkel des Sees ... solche, zu denen die Ausbeutungslust ihren Weg noch nicht gefunden hatte.

Der Anblick eines alten Wasserrades regte ihn auf, und gerührt betrachtete er das schwarze, wurmstichige Holz, die verbeulten Röhren, trocken, voll Stroh, aus dem die Ratten, sobald sie sein Nahen gewahrten, truppweise davonstoben. Ruinen einer heute toten Albufera! Erinnerungen – wie er – an eine bessere Zeit.

Wenn er ausruhen wollte, fuhr er zu Sanchas Pampa, zu den Lagunen mit der Gallertoberfläche und den hohen Binsen. Und vor den Augen die düstere grüne Landschaft, in der das Gestrüpp unter den Ringen des sagenhaften Ungetüms noch zu knacken schien, freute er sich bei dem Gedanken, daß noch etwas existierte, das der Gier der modernen Menschen entgangen war, unter denen sich, ach! auch sein Sohn befand.

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