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Vincente Blasco Ibañez: Sumpffieber - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/blascoib/sumpffie/sumpffie.xml
typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleSumpffieber
publisherBüchergilde Gutenberg
year1929
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120206
projectid9a5dc59d
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Seine wilde Fahrt war kurz. Als er auf die offene Albufera hinausglitt, erblickte er vor sich einige Barken, hörte Rufe von denen an Bord und suchte sich zu verbergen – schamrot wie ein Mensch, der sich nackt den Blicken Fremder ausgesetzt sieht.

Die Sonne verbrannte seine Augen; die endlose Weite des Sees bereitete ihm Angst. Er hatte Verlangen nach einem dunklen Winkel, nichts zu sehen, nichts zu hören ...

Und abdrehend, steuerte er in ein Röhricht hinein.

 

Nicht weit. Der Bug fuhr auf; und der Mann warf sich, den Kopf in den Händen vergraben, auf den Boden seines Boots.

Lange Zeit blieben die Vögel stumm; jedes Geräusch im Rohr erstarb, als schwiege das im Dickicht verborgene Leben aus Schreck über dieses wilde Stöhnen, dieses stoßweise Ächzen.

Der Elende weinte. Aufgerüttelt aus dem Stumpfsinn, der ihn in völliger Empfindungslosigkeit erhalten hatte, sah er sein Verbrechen vor sich, als hätte er es eben erst begangen. Gerade als er wähnte, die Erinnerung an seine Freveltat auslöschen zu können, ließ das Geschick sie wieder aufleben, warf sie zurück unter seine Augen – und in welcher Form!

Die Gewissenspein weckte in ihm die Instinkte des Vaters.

Dieses dem See überlassene Wesen war die Frucht seiner Leidenschaft; dieses Fleisch, jetzt ein Tummelplatz für Blutegel und Würmer, war sein Fleisch und Blut! ...

Die Ungeheuerlichkeit seines Verbrechens erdrückte ihn. Keine Entschuldigungen mehr, keine Ausflüchte wie sonst, um sich selbst sein Tun zu verhehlen! Er war ein Lump, nicht wert, weiter zu leben, ein trockener Zweig am Baum der Palomas, der – wohl rauh und kantig – immer aufrecht und stark, immer gesund gewesen war. Der schlechte Zweig mußte verschwinden. Der Großvater verachtete ihn mit Recht. Sein Vater tat gut daran, ihn abzuschütteln ... Sogar Borda mit ihrer schimpflichen Herkunft hatte mehr von den Palomas in sich als er.

Was hatte er in seinem ganzen Leben getan? Nichts! Sein Wille zeigte sich nur stark, um die Arbeit zu fliehen. Dieser einfältige Tropf von Sangonera war ein besserer Mensch als er; denn während Sangonera, allein in der Welt, ohne Familie, mit der süßen Unbekümmertheit der Vögel untätig dahinlebte, ohne Bedürfnisse in seiner harten Vagabundenexistenz, verzehrte er selbst sich, die Pflicht scheuend, in heißer Gier nach Wohlleben, wollte reich sein, folgte krummen Pfaden, mißachtete den Rat seines Vaters, der die Gefahr erkannte – und von unwürdiger Trägheit stürzte er schließlich ins Verbrechen! ...

Noch eine andere, blutigere Wunde peinigte den Unglücklichen. Sein Selbstbewußtsein als Mann litt grausame Qualen. Er sah in der Ferne die Vergeltung: die Zwangsarbeit, vielleicht – wer konnte es wissen? – den Galgen. Gut, er lehnte sich nicht dagegen auf. Doch dann wenigstens als Strafe für etwas, das dem Starken entspricht, für einen Kampf mit dem anderen, für einen Totschlag Auge in Auge ... Aber ein neugeborenes Kindchen umbringen, das keine andere Verteidigung hat als sein Weinen? Vor der Welt bekennen, daß er, der ehemalige Guerrillero, vor dem die Männer sich duckten – daß er, um zum Verbrecher zu werden, nur gewagt hatte, sein eigenes Kind zu ermorden? ...

Er weinte, weinte bitter, gemartert durch sein Gewissen wie durch die Scham über seine feige Niederträchtigkeit.

In diesem düsteren Brüten blitzte wie ein heller Punkt ein Gedanke auf, der ihn in etwas mit sich selbst versöhnte.

Nein, im Grunde war er nicht schlecht, nur schwach. Die wahre Schuldige war Neleta, die, stärker als er, ihn unterjochte, deren eiserner Wille den seinen untergrub. Wäre er doch nie diesen Augen gefolgt, die ihm bei der Rückkehr von Kuba sagten: »Nimm mich! Ich bin reich, der Traum meines Lebens ist erfüllt – nur du fehlst mir noch!« Ah, diese Verführerin, diese habgierige Frau mit der Maske der Liebe, die sein Führer wurde zum Verbrechen!

Ein roter Schleier fiel vor Tonets Augen, und mitten in seiner Reue stieg in ihm Mordlust auf, das Begehren, diejenige zu töten, die er jetzt als seine schlimmste Feindin ansah.

Wozu aber ein neues Verbrechen? ...

Hier in der Einsamkeit, fern jedem Blick, fühlte er sich besser. Hier wollte er bleiben – für immer.

Vielleicht verbreitete sich zu dieser Stunde schon in Palmar die Kunde von dem fürchterlichen Fund. Der Großvater würde nichts sagen, warum jedoch sollte dieser Fremde aus Valencia schweigen? Man würde nachforschen, eine Untersuchung vornehmen, die Gendarmen von Ruzafa senden. Diese Blicke! ... Ah, sie würden ihn in die Enge treiben – bis zum Geständnis. Und wenn er es fertigbringen sollte, sich herauszureden, was dann? ... Zu Neleta zurück? ...

Nein! Es war alles zu Ende!

Tonet weinte nicht mehr.

Mit einer letzten, höchsten Willensanstrengung riß er sich los von seinem qualvollen Grübeln.

Am Bug lag Cañamels Flinte. Tonet betrachtete sie mit ironischem Lächeln. »Wie würde der lachen, wenn er mich jetzt sähe! ...«

Und zum ersten Male gebrauchte der im Schatten des Schankwirts gemästete Parasit etwas von dem, was er usurpiert hatte, für eine gute Tat.

Ganz ruhig, automatisch, streifte er die rechte Sandale ab und schleuderte sie weit fort. Dann spannte er beide Hähne der Flinte, knöpfte seine Bluse auf und beugte sich nach vorn, bis seine Brust auf der Mündung des Doppellaufs lag.

Der nackte Fuß glitt sacht am Kolben hoch, auf der Suche nach dem Abzug. Plötzlich dröhnten zwei Schüsse, so daß auf allen Seiten die Vögel des Dickichts in tollem Schrecken davonflatterten.

 

Der alte Paloma kehrte erst spätabends nach Palmar zurück. Er hatte seinen Jäger, der so rasch wie möglich vom See fort wollte, in Saler abgesetzt. Der friedliche Bürger, Vater einer zahlreichen Nachkommenschaft, schwor, daß er nie wiederkommen würde.

»Bei zwei Jagdausflügen zwei böse Ereignisse! Die Albufera birgt für mich nur grausige Überraschungen, und die zweite hat mir den Rest gegeben. Ich bin sicher, daß ich mich zu Hause sofort zu Bett legen muß.«

Er selbst riet dem Alten dringend absolute Verschwiegenheit an:

»Daß Ihnen kein Wörtchen entschlüpft! Wir haben nichts gesehen ... Sagen Sie auch dem armen Jungen, dem Tonet, der sich vor lauter Schreck davonmachte, er soll den Mund halten. Der See hat sein Geheimnis wieder verschluckt, und es wäre töricht, davon zu sprechen, da man doch weiß, wie die Justiz Unschuldigen den Kopf heiß macht, wenn sie dumm genug sind, sie anzurufen. Ehrbare Leute sollten jeden Kontakt mit den Vertretern des Gesetzes vermeiden...«

Und der würdige Señor stieg in Saler nicht eher in seine Kutsche, bis ihm Paloma, der immer nachdenklicher wurde, mehrere Male hoch und heilig versprochen hatte, daß er stumm sein würde.

Als der Alte bei Einbruch der Nacht in Palmar landete, machte er am Kanalufer die beiden Boote fest, mit denen sie am Morgen ausgefahren waren. Dann betrat er die Taverne.

Neleta, allein hinter ihrem Schanktisch, suchte mit ihren Augen nach Tonet. Paloma verstand die Frage in ihrem Blick.

»Erwarte ihn nicht«, sagte er bitter. »Er kommt nicht wieder!«

Und mit auffälliger Betonung erkundigte er sich, ob sie sich besser fühle.

Die Wirtin zuckte zusammen; sie erriet, daß er ihr Geheimnis kannte.

»Aber ... und Tonet?« stammelte sie mit gepreßter Stimme.

Der Alte sah von ihr fort, als fürchtete er, ihr Anblick könnte ihm seine erzwungene Ruhe rauben.

»Tonet wird nie wiederkommen. Er ist geflohen. Weit, weit fort in ein Land, aus dem man nicht zurückkehrt. Das Beste, was er tun konnte ... So ist alles in Ordnung und bleibt verborgen.«

»Und Sie? ... Und Sie? ...« keuchte Neleta.

Paloma schlug sich mit der Faust auf die Brust.

»Ich werde schweigen. Unser Name, seit Jahrhunderten geachtet, soll nicht wegen eines Liederjans und wegen einer Hündin durch den Dreck gezogen werden.«

Doch dann brach seine Erbitterung durch.

»Weine, du Canaille! Weine! Dein ganzes Leben müßtest du weinen, weil du meine Familie zugrunde gerichtet hast. Behalte dein Geld! Ich bin keiner von denen, deren Schweigen man erkaufen kann ... Und wenn du wissen willst, wo dein Liebster ist, so brauchst du nur den See anzuschauen. Die Albufera, unser aller Mutter, wird das Geheimnis so getreulich bewahren wie ich.«

Erschüttert hörte Neleta diese Enthüllung. Aber ihre ungeheure Bestürzung hinderte sie nicht, den Greis, von dessen Schweigen ihre Zukunft abhing, mit argwöhnischen Augen zu mustern.

»Du kannst deinen Reichtum genießen! Ich werde schweigen ...«, wiederholte er nochmals.

*

Grausig war die Nacht in der Hütte der Palomas. Bei dem dürftigen Schein der kleinen Lampe saßen sich Großvater und Vater gegenüber und sprachen mit dem Ernst von Männern, die sich, durch die Verschiedenheit ihrer Veranlagung getrennt, nur unter dem Druck des Unglücks näherkommen können.

Der Alte gebrauchte keinerlei Schonung, um seinen Sohn zu informieren.

»Ich habe den Jungen tot aufgefunden. In der Brust zwei Schüsse, lag er im Schlamm neben seinem Boot. Die Füße guckten aus dem Wasser heraus.«

Toni zwinkerte kaum mit den Lidern. Nur seine Lippen preßten sich krampfhaft aufeinander, und die Hände ballten sich zur Faust.

Doch aus dem dunklen Winkel, in dem sich die Küche befand, kam ein Wehruf, durchdringend, schneidend ...

»Ruhig, Kleine!« gebot der Alte herrisch.

»Schweig, Borda!« sagte der Vater.

Und die Unglückliche schluchzte leise vor sich hin, gehemmt durch diese beiden Männer mit eisernem Willen, die auch unter den schwersten Schicksalsschlägen die Fassung nicht verloren.

In großen Zügen erzählte der Großvater jetzt die Vorgänge: das Erscheinen Centellas mit ihrer gräßlichen Beute, Tonets Flucht, dann – in trüber Ahnung – seine eigene Durchsuchung des Dickichts nach der Rückkehr von Saler, und endlich die Entdeckung des Leichnams.

»Das andere habe ich erraten. Ich dachte an Tonets rätselhaftes Verschwinden am Vorabend der großen Jagd, an Neletas blasses, leidendes Aussehen seit damals, und da reimte ich mir alles zusammen: die heimliche Entbindung und die Beseitigung des Kindes.«

Der Alte fühlte sich erleichtert, als er sein Geheimnis losgeworden war.

»Von Neleta«, fuhr er entrüstet fort, »die den Jungen zum Verbrechen trieb, um ihr Geld zu behalten, von dieser geilen Hündin will ich nicht sprechen. Was mich empört, ist Tonets niederträchtige Feigheit. Erst tötet er dieses unschuldige Wurm, und dann aus Angst vor den Folgen sich selbst. Anstatt einzustehen für seine Tat, schießt sich dieser ›Señor‹ zwei Ladungen Blei in die Brust, weil es leichter ist zu verschwinden, als die Strafe zu erleiden ... Wie immer, hat er sich auch diesmal den bequemsten Weg gesucht. Cristo, was für Zeiten! Was für eine Jugend!«

Sein Sohn hörte stumm zu. Unbeweglich saß er da, den Kopf tief gesenkt, als wären die Worte seines Vaters ebenso viele Schläge, die ihn für immer niederschmetterten.

Borda jammerte von neuem.

»Ruhe! Ich sagte: Ruhe!« gebot Toni.

In seiner grenzenlosen, stummen Pein konnte er es nicht ertragen, daß andere sich Erleichterung durch Tränen verschafften, die ihm versagt waren. Endlich sprach er. Seine Stimme bebte nicht, doch sie war verschleiert durch den rauhen Klang der Erregung.

»Dieser schimpfliche Tod ist das würdige Ende seines verpfuschten Lebens. Ich habe es ihm vorausgesagt, daß es schlimm endigen würde. Für den, der arm geboren wird, ist Trägheit ein Verbrechen. So hat es Gott geregelt, und damit muß man sich abfinden ... Aber ach! er ist mein Sohn ... Fleisch von meinem Fleisch!«

Seine unbeugsame Rechtschaffenheit, die lautere Geradheit des Ehrenmannes, die nichts Beklagenswertes in der Katastrophe sah, befand sich in Zwiespalt mit seinem Herzen – ein ungeheurer Schmerz wühlte in seiner Brust, als hätte man ihm ein Teil seines Innersten herausgerissen und den Aalen der Albufera zur Atzung hingeworfen.

»Ich will ihn noch ein letztes Mal sehen, hörst du, Vater? Ich will ihn noch einmal in den Armen halten wie früher als kleinen Buben, wenn ich ihm erzählte, daß sein Vater arbeitete, um ihn zum Herrn vieler, vieler Reisfelder zu machen ...

Vater! ... Vater!« bat er mit erstickter Stimme. »Wo ist er?«

»Laß die Sachen, wie sie der Zufall geordnet hat«, versetzte der Greis erbost. »Es ist ein Wahnsinn, etwas daran ändern zu wollen. Nur keinen Skandal und keinen Versuch, den Schleier zu lüften! ... So wie es ist, ist es gut: nichts kann entdeckt werden! Wenn die Leute Tonet nicht mehr sehen, werden sie glauben, daß er Abenteuer sucht wie damals, als er nach Kuba ging. Der See bewahrt sein Geheimnis. Jahre können vergehen, ehe jemand an dem Fleck vorbeikommt, wo der Leichnam liegt, und die Pflanzen der Albufera werden alles bedecken. Geben wir aber seinen Tod bekannt, so will jeder mehr erfahren; die Justiz wird sich einmengen, wird die Wahrheit ausfindig machen, und anstatt eines verschwundenen Paloma, dessen Schande wir allein kennen, gibt es einen ehrlosen Paloma, der Selbstmord beging aus Angst vor Zuchthaus oder Galgen.

Nein, Toni, laß ab! Für die kurze Zeit, die mir noch bleibt, mußt du den Willen deines Vaters respektieren. Meine letzten Tage darfst du nicht durch Schande verbittern. Ich will mit den anderen Fischern ruhig mein Glas trinken und ihnen ohne Scham ins Auge sehen können.«

Ärgerlich über Bordas trostloses Schluchzen, fuhr er das Mädchen an:

»Willst du die Nachbarn aufmerksam machen und uns alle ins Unglück stürzen? ...«

Die Nacht war endlos, schwer von tragischem Schweigen. Die Dunkelheit der Hütte schien sich noch zu verdichten, als wenn die schwarzen Flügel des Unheils ihren Schatten auf sie würfen.

Mit dem Egoismus des Greises, der seine Ruhe haben will, schlief der Großvater auf seinem kleinen, grasgepolsterten Stuhl, während die unnatürlich weit geöffneten Augen seines Sohnes starr auf die gleitenden Schatten gerichtet waren, die das flackernde Licht der offenen Lampe auf die Wand malte.

Es kam ein Moment, in dem Toni, wie aus einem Schlaf erwachend, jählings auffuhr. Er ging zur Tür, öffnete sie und schaute nach den Sternen: Mitternacht war vorüber. Und der Frieden der Nacht schien in ihn einzudringen und seinen Entschluß zu festigen.

Er rüttelte den Alten so lange, bis der erwachte.

»Vater ... Vater!« flehte er. »Wo liegt er?«

Der Großvater war wütend. »Laß mich in Ruhe! Ich will schlafen!«

Doch Toni bettelte weiter.

»Denk daran, daß es dein Enkel ist. Jeden Augenblick stelle ich mir vor, wie er dort im Morast liegt, im Wasser fault, von Tieren benagt wird, ohne Grab, das selbst die Elendesten bekommen, sogar Sangonera, der keinen Vater besaß. Oh! Sein Leben lang sich schinden, damit der einzige Sohn es einmal besser hat, und ihn dann preisgeben wie einen toten Hund, den man in die Albufera wirft! Vater, das darf nicht sein! Das ist grausam! ... Ich würde nie den Mut haben, auf dem See zu fahren – immer müßte ich denken, daß mein Boot vielleicht über die Leiche meines Kindes glitte ... Vater ... Vater!« drängte er, den halb eingeschlafenen Alten von neuem schüttelnd.

Der alte Fischer machte eine Bewegung, als wolle er zuschlagen. »Was? ... Noch einmal soll ich nach dieser Memme fahren? Soll noch einmal den Schlamm umrühren auf die Gefahr hin, unsere Schande öffentlich zu machen? ... Zum Teufel, laß mich schlafen!«

»Ich werde allein hinfahren«, beharrte Toni, »nur nenne mir um Gottes willen die Stelle. Wenn nicht, bin ich fähig, solange ich lebe den See zu durchstöbern – und sollten auch die Leute das Geheimnis erfahren.«

Ein Weilchen grübelte der Alte. Endlich sagte er:

»Im Dickicht von Bolodro. Du wirst Mühe haben, ihn zu finden.«

Und er schloß die Augen und lehnte den Kopf zur Seite, um den Schlaf fortzusetzen, aus dem er am liebsten nie wieder aufgewacht wäre.

Toni gab Borda ein Zeichen. Sie nahmen außer ihren Spaten auch die dreizackigen Gabeln zum Fang der großen Fische, steckten eine Laterne an und durchquerten das stille Dorf, um sich am Kanal einzuschiffen.

Während der ganzen Nacht fuhr der schwarze Kahn mit der Laterne am Bug im Röhricht umher – ein roter Stern, der durch die hohen Stengel irrte.

Kurz vor dem Morgengrauen erlosch das Licht. Nach Stunden mühseliger Suche hatten sie die Leiche entdeckt, noch genau so, wie sie vom Großvater gefunden wurde: den Kopf im Schlamm vergraben, die Füße aus dem Wasser ragend, die Brust eine zerfetzte, blutige Masse.

Als der Vater seinen Dreizack in diesen weichen Körper stieß, um ihn mit schier übermenschlicher Anstrengung aus dem saugenden Schlamm zu ziehen und ins Boot zu heben, glaubte er, seine eigene Brust zu durchbohren.

Dann kam die lange Fahrt, während der sie ängstlich wie Verbrecher, die überrascht zu werden fürchten, nach allen Seiten umherspähten. Borda stakte schluchzend am Bug, der Vater half ihr am Ende des Bootes – und zwischen diesen beiden starren Figuren, deren Silhouette sich schwarz von der verschwommenen Helle der Sternennacht abzeichnete, streckte sich die Leiche des Selbstmörders.

Sie legten am Rande von Tonis Feldern an, diesem künstlichen Boden, den ihre nimmermüden Arme Korb für Korb mit irrsinniger Hartnäckigkeit aufgeschüttet hatten.

Behutsam, als wäre er ein Kranker, der erwachen könnte, trugen sie den Körper an Land, um unverzüglich ein Grab auszuschaufeln. Noch vor einer Woche hatten sie Erde von allen Enden des Sees hierhergeschafft – jetzt hoben ihre Spaten dieses Erdreich aus, damit es die Schande der Familie verberge.

Der Tag brach an, als sie den Leichnam in das flache Grab legten, in das von überall Wasser hineinsickerte. Ein kaltes, bläuliches Licht ergoß sich über die Albufera und gab ihrer Oberfläche den harten Glanz des Stahls. Am grauen Himmel zogen im dreieckigen Zuge die ersten Vogelschwärme.

Zum letztenmal sah Toni seinen Sohn an. Dann drehte er ihm den Rücken, als schämte er sich der Tränen, die seine Augen endlich von der unerbittlichen Starre erlösten.

Sein Leben war zu Ende. So viele Jahre Kampf mit dem See, in denen er wähnte, ein Vermögen zu sammeln, während er in Wirklichkeit – ahnungslos – das Grab seines Sohnes vorbereitete!

Er stampfte mit dem Fuß auf diese Erde, die das Beste, das Wesentlichste seines Lebens einschloß. Erst hatte er ihr seinen Schweiß, seine Kraft, seine Hoffnungen gewidmet; jetzt, da er sie nur noch zu befruchten brauchte, überlieferte er ihr, sein Werk beschließend, sein eigen Fleisch und Blut, den Sohn, den Erben.

Die Erde würde ihre Mission erfüllen: wie ein Meer kupferroter Ähren würde der Reis über Tonets Grab aufschießen. Aber er? ... was blieb ihm in der Welt zu tun übrig?

Der Vater weinte angesichts der Öde, der Leere seines Daseins; angesichts der Einsamkeit, die bis zum Tode seiner wartete – monoton, endlos, glatt wie dieser See, der vor seinen Augen schimmerte, ohne eine Barke, die seine Eintönigkeit unterbrochen hätte.

Und während Tonis Schluchzen wie ein Schrei der Verzweiflung die Stille des jungen Tages zerriß, beugte sich in seinem Rücken Borda – vor dem Mysterium des Todes zum erstenmal das Geheimnis ihres Lebens zu enthüllen wagend – tief hinab über das fahle Antlitz zu einem Kuß unendlicher Liebe, einer Liebe ohne Hoffnung.

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