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Vincente Blasco Ibañez: Sumpffieber - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleSumpffieber
publisherBüchergilde Gutenberg
year1929
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Tag begann für den Sangoneras Fähigkeiten anvertrauten Jäger mit großen Unannehmlichkeiten.

Schon in der Frühe mußte dieser wackere Bürger zum Herrichten seines Standes die Hilfe einiger vorbeifahrender Bootsführer erbitten, die über den neuen Beruf des Vagabunden herzlich lachten.

Mit der Schnelligkeit, welche die Gewohnheit verleiht, trieben sie in den schlammigen Grund der Albufera drei Pfähle, auf die sie die riesige Bütte setzten. Dann umsäumten sie diesen Unterschlupf mit Schilf, ein grünes Inselchen gestaltend, dem sich die Vögel voll Vertrauen nähern konnten; und um die Täuschung noch zu vervollständigen, wiegten sich einige Dutzend Korkenten rundherum auf dem Wasser.

Sangonera, sehr zufrieden, daß er der ganzen Arbeit entgangen war, lud seinen Jäger ein, in die Bütte zu steigen.

»Ich werde etwas abseits bleiben, damit die Vögel nicht stutzig werden. Sobald Sie genug Enten geschossen haben, brauchen Sie nur zu rufen. Ich komme dann mit dem Boot, um sie aus dem Wasser zu fischen. Viel Glück, Don Joaquin!«

Er sprach so demütig und zeigte so viel guten Willen, sich nützlich zu erweisen, daß der Ärger des gutmütigen Don Joaquin über den Drückeberger verrauchte.

»Schön, schön! Und damit dir die Zeit nicht lang wird, kannst du ein wenig von meinem Proviant kosten. Meine Frau hat mir genug für eine Reise um die Welt mitgegeben.« Dabei wies er auf drei sorgfältig verschlossene Töpfe, einen Korb mit Früchten und einen stattlichen Weinschlauch. Sangoneras Schnute zitterte vor Aufregung, als er sah, daß dieser Schatz am Bug des Bootes, der ihn bereits seit dem vergangenen Abend in Versuchung führte, seinem Ermessen anvertraut war.

Wahrhaftig, dachte der Vagabund, Tonet hat mich nicht bemogelt. Bei dem Dicken geht's einem gut!

Laut sagte er: »Besten Dank, Don Joaquin! Da Sie mich so freundlich zum Kosten eingeladen haben, werde ich mir mal ein Häppchen erlauben, um die Zeit totzuschlagen. Nur ein ganz kleines Häppchen.«

In Rufweite vom Anstand des Jägers machte Sangonera halt und hockte sich im Boot nieder.

Es war hell geworden. Überall auf der Albufera hörte man Schüsse, deren Knall durch das Echo des Sees noch verstärkt wurde. Kaum konnte man am grauen Himmel die Vogelschwärme erkennen, die von dem Knattern erschreckt hochgingen. Doch sobald sie, das Wasser suchend, ein wenig tiefer flogen, fiel ein Hagel von Blei über sie her.

Als Don Joaquin allein in seinem Unterschlupf zurückblieb, konnte er sich einer gewissen Bangigkeit nicht erwehren. Er sah sich isoliert mitten auf der Albufera, in einer gewichtigen Bütte, deren einzigen Halt ein paar Pfosten bildeten, und wagte nicht, sich zu rühren, aus Angst, sein Wasserkatafalk könnte kippen. Sanfte, kleine Wellen plätscherten an die Holzwand, in Höhe seines Kinns – ein ständiges Tschap-Tschap, bei dem es ihm gruselte.

»Wenn dieser Trog versinkt«, murmelte Don Joaquin zaghaft vor sich hin, »dann kann sich mein Bootsführer noch so sehr beeilen – mit all dem Gewicht von Flinte, Patronengurt und den hohen Stiefeln liege ich längst im Schlamm vergraben.«

Während seine im Reisstroh der Bütte steckenden Beine unter einem peinigenden Jucken brannten, erstarrten die Hände infolge der kalten Morgenluft und des eisigen Kontaktes mit der Flinte. Das nannte man Vergnügen! ... Und die Vögel? Wo blieben denn diese famosen Vögel, die seine Freunde angeblich dutzendweise herunterholten? ...

Es gab einen Augenblick, in dem er sich hastig umwandte und zitternd vor Erregung die Flinte an die Backe riß. Sie waren da!

Unbekümmert schwammen sie ganz nahe bei seinem Stand. In ganzen Schwärmen hatten sie sich eingefunden, als er seinen Gedanken nachhing.

»Nur hinhalten ... jeder Schuß sitzt!«

Doch als er abdrücken wollte, erkannte er die Lockvögel aus Kork, die er aus Mangel an Routine vergessen hatte. Er senkte die Flinte und warf unwillkürlich einen schnellen Blick in die Runde, als fürchtete er, den spottlustigen Augen seiner Bekannten zu begegnen.

Von neuem gab er sich der Erwartung hin.

Auf was, zum Teufel, schossen nur diese Jäger, deren Flinten die Ruhe des Sees unausgesetzt störten? ...

Kurz nach Sonnenaufgang konnte Don Joaquin endlich seine jungfräuliche Waffe abfeuern. Drei Vögel strichen dicht über der Oberfläche hin. Der neugebackene Nimrod drückte auf diese Enten ab, die ihm in seiner Aufregung ungeheuerlich erschienen ... wahre Adler! Der erste Schuß wies keinen weiteren Erfolg auf, als daß sie ihren Flug noch mehr beschleunigten. Aber sofort hinterher knallte es zum zweiten Male: eine Ente überschlug sich, die Flügel zusammenlegend, und fiel aufs Wasser, wo sie regungslos liegenblieb.

Don Joaquin richtete sich mit solchem Ungestüm auf, daß die Bütte ins Schwanken geriet. In diesem Augenblick fühlte er sich allen Männern überlegen und bewunderte den wilden Heldengeist, den er nie in sich vermutet hatte.

»Sangonera! ... Bootsführer!« schrie er mit überschnappender Stimme.

»Eine! ... Wir haben eine! ...«

Vom Boot antwortete ein unverständliches Grunzen.

»Fein!« Sangoneras vollgestopfter Mund ließ die Worte kaum durch. »Wenn mehr da sind, werde ich sie holen.«

Stolz auf seine Tat, verschwand der Jäger wieder hinter seiner Schilfgardine. Jetzt war er sicher, daß er allein genügte, um mit dem ganzen Federwild des Sees aufzuräumen! Schuß folgte auf Schuß, und immer mehr berauschte er sich an dem Pulvergeruch, an der Lust zu vernichten. Ohne sich um Entfernungen zu kümmern, begrüßte er mit seiner Flinte alle Vögel, die in Sicht kamen, mochten sie auch hoch in den Wolken fliegen.

»Cristo! Das ist wirklich ein Vergnügen!«

Und bei diesem blind wütenden Geknatter traf sein Blei sogar manchmal eine unglückselige Ente, die – den sicheren Schützen bisher entkommen – hier als ein Opfer des Verhängnisses fiel.

Derweile verharrte Sangonera unsichtbar auf dem Boden des Bootes.

Was für ein Tag, großer Gott! ... Der Erzbischof von Valencia hatte es in seinem Palast nicht besser als er hier auf dem Stroh, einen ordentlichen Kanten Brot in der Hand und den Topf zwischen den Beinen. Ihm sollte keiner die Leckerbissen in Cañamels Taverne rühmen! Ein elender Fraß, über den höchstens arme Leute die Augen aufreißen können ... Nur die Señores aus der Stadt verstanden, sich was Gutes anzutun!

Er hatte mit der Musterung der drei imposanten Töpfe angefangen, die säuberlich mit starker Leinwand bedeckt und oben zugebunden waren. Welchen zuerst in Angriff nehmen? ... Er erwählte einen, auf gut Glück. Doch sobald er ihn öffnete, zog sich seine Nase bei dem Geruch von Kabeljau in Tomaten lüstern zusammen.

Santisima! Das hieß kochen können! ... Der Kabeljau lag beinahe zergangen in der roten Tomatensoße – so zart, so appetitlich, daß Sangonera beim ersten Bissen einen Nektar zu schlucken glaubte, dessen Aroma den Wein in den Meßkännchen, der ihn während seiner Sakristanzeit zu oft verlockt hatte, weit überflügelte.

»An den hier halte ich mich! Warum noch die anderen aufmachen?«

Und den duftenden Topf zwischen die Beine klemmend, begann er ohne Hast zu essen, mit der Ruhe des Feinschmeckers, der viel Zeit vor sich hat und weiß, womit er sie ausfüllen wird. Enorme Bissen füllten seinen Mund und blähten seine Backen. Regelmäßig wie die Räder einer Maschine arbeiteten seine Kinnladen, während die starr auf den Topf gerichteten Augen dessen Tiefe erforschten und die Anzahl der Reisen kalkulierten, die seine jedesmal mit einem neuen Stückchen Brot bewaffnete Hand noch machen müßte, um alles in seinen Mund zu überführen.

Von Zeit zu Zeit entriß er sich dieser Beschaulichkeit – ein ehrenhafter Mensch, ein gewissenhafter Arbeiter darf auch beim Vergnügen seine Pflichten nicht vergessen –, schaute über den Bordrand nach draußen, und wenn sich Vögel näherten, so verkündigte er freudig:

»Don Joaquin! Von Palmar her! ... Don Joaquin! Von Saler her!«

Nachdem er den Jäger über das Kommen der Vögel belehrt hatte, fühlte er sich von dieser Arbeit derart ermüdet, daß er einen langen Zug aus dem Weinschlauch nahm, ehe er den stummen Dialog mit dem Kabeljau in Tomaten wieder anknüpfte.

Drei Enten waren von Don Joaquin heruntergeholt worden, als Sangonera den Topf beiseitestellte, an dessen Rändern unten noch einige kärgliche Reste klebten. Der Vagabund vernahm den Mahnruf seines Gewissens: ein Bissen mußte doch wenigstens für den Patron bleiben! So barg er den wieder sorgsam verschlossenen Topf unter dem Bug, um gleich, von Neugierde getrieben, den zweiten zu öffnen.

Herr im Himmel! Welche Überraschung! Schweinsrücken und saftige Würstchen mit den schönsten Zutaten; alles kalt, jedoch mit einem wunderbaren Fettgeruch, der Sangonera erschütterte. Wie lange hatte sein an das fade Fleisch der Aale gewöhnter Magen nicht mehr das Gewicht solch kräftiger Gerichte gespürt! ... Wäre es nicht eine Respektlosigkeit gegen den Patron, den zweiten Topf nicht zu probieren? Bedeutete das nicht, daß er, der Hungerleider, kein Verständnis besaß für die guten Sachen, die man in Don Joaquins Küche brutzelte? Und wegen eines Happens mehr oder weniger würde der sich nicht erbosen!

Von neuem machte es sich Sangonera auf dem Boden des Bootes bequem, den zweiten Topf zwischen den Knien. Wollüstig dehnte er sich beim Schlucken der Bissen und schloß die Augen, um ihr langsames Hinuntergleiten zum Magen noch besser würdigen zu können.

»Was für ein Tag, was für ein herrlicher Tag!«

Es schien ihm, als äße er zum erstenmal an diesem Morgen. Verächtlich streifte sein Blick den unter den Bug geschobenen Topf. Jenes Ragout dort – der reine Betrug für den Magen! Es war gut als Zeitvertreib, um die Kinnladen zu amüsieren ... Das Richtige stand jetzt vor ihm: fette Würstchen und ein Schweinsrücken, der auf der Zunge zerschmolz mit einem solch delikaten Nachgeschmack, daß der Mund unaufhörlich einen neuen Bissen verlangte, ohne je genug zu haben.

Als Sangonera bemerkte, mit welcher Leichtigkeit sich der zweite Topf leerte, drängte es ihn, seinen Verpflichtungen aufs genaueste nachzukommen. Ohne seinen Kiefern Ruhe zu gönnen, lugte er nach allen Seiten aus, um mehr zu brüllen als zu schreien:

»Von Saler her! ... Von Palmar her!«

Damit sich kein Pfropfen in seiner Kehle bildete, ließ er den Weinschlauch kaum eine Minute in Frieden. Er trank; trank immer mehr von diesem Wein, der viel, viel besser war als der von Neleta ausgeschenkte, und die rote Flüssigkeit schien seinen Appetit noch zu reizen, schien neue Höhlen in seinem bodenlosen Magen zu erschließen. Seine Augen blitzten in seliger Trunkenheit, das Gesicht bekam eine bläulichrote Färbung, geräuschvolle Rülpse erschütterten ihn vom Kopf bis zu den Füßen.

»He? Und? ... Wie geht's dir denn, mein Lieber?« fragte er seinen Magen und gab ihm kleine freundschaftliche Kläpse.

Er sah die Albufera rosig gefärbt. Der Himmel von einem leuchtenden Blau öffnete sich ihm zu demselben süßen Lächeln, das ihn an jenem Abend auf dem Heimwege zur Dehesa geliebkost hatte. Nur eins sah er schwarz, düster gähnend wie ein leeres Grab: den Topf zwischen seinen Beinen. Nichts war in ihm zurückgeblieben, nicht der kleinste Rest!

Einen Moment saß er starr vor Schreck. Aber dann mußte er über seinen maßlosen Appetit lachen, und um über seine Gewissensbisse hinwegzukommen, saugte er eine ganze Weile am Weinschlauch.

Lustig kichernd dachte er, was man in Palmar wohl zu seiner Leistung sagen würde. Und mit dem Wunsch, im Dorf damit protzen zu können, daß er nichts von Don Joaquins Proviant ungeprüft gelassen hätte, lüftete er die Leinwand des dritten Topfes.

»Allmächtiger! ...«

Eingepfercht zwischen die irdenen Wände des Gefäßes zwei Kapaune mit goldgelber Haut! Zwei anbetungswürdige Kreaturen des lieben Herrgotts, deren Keulen an den Rumpf geschnürt waren! Zwei runde, weiße Brüste wie die einer Señorita!

»Und sollte Don Joaquin nachher eine Ladung Blei auf mich loslassen – wenn ich da nicht Hand anlege, bin ich kein Mann!« murmelte Sangonera.

Seit den Zeiten der gemeinsamen Wilddieberei mit Tonet hatte er kein Geflügel mehr gekostet. Aber ein Vergleich zwischen jenen zähen, sehnigen Seevögeln und diesen Leckerbissen erhöhte noch den Genuß. Andächtig kaute er das zarte, weiße Fleisch, ließ die knusperige Haut zwischen den Zähnen krachen, während das Fett an den Mundecken herabtriefte.

Er aß wie ein Automat, eigensinnig darauf versessen zu schlucken und zu schlucken, den Blick ängstlich, als gälte es eine Wette, auf das gerichtet, was noch auf dem Boden des Topfes lag.

Kindliche Gelüste kamen ihm: die Lust zu lärmen, Allotria zu treiben. Und flugs griff er in den Fruchtkorb und warf mit Orangen nach den Vögeln, die hoch über ihm dahinstrichen.

In seinem Herzen wallte eine warme Zärtlichkeit auf für Don Joaquin, dem er diese ganze Glückseligkeit verdankte – er hätte ihn neben sich haben mögen, um ihn zu umarmen. Mit ruhiger Unverfrorenheit duzte er ihn, und ohne daß auch nur ein einziger Vogel am Horizont sichtbar gewesen wäre, tobte er fortgesetzt:

»Schieß, Dickerchen! ... Schieß! ... Sie beißen dich ja ...«

Umsonst spähte der Jäger nach allen Seiten. Nicht eine Feder war zu sehen. »Bist du verrückt geworden?« rief er Sangonera zu. »Sammle lieber die Enten, die hier auf dem Wasser liegen!«

Doch sein Bootsführer kauerte sich wieder nieder, ohne zu gehorchen.

»Zeit genug! Erst müssen noch viel mehr daran glauben!«

Da der Weinschlauch nichts mehr hergab, entkorkte Sangonera nunmehr die Flaschen und kostete bald den Rum, bald den reinen Absinth, wobei die sonnenbestrahlte Albufera sich für ihn allmählich verdunkelte und seine Beine an dem hölzernen Boden festgenietet zu sein schienen.

Mittags rief Don Joaquin, hungrig und voll Verlangen, aus dem Gefängnis der engen Bütte befreit zu werden, nach seinem Bootsführer.

Der Vagabund, dessen Kopf auf dem Bord ruhte, blickte starr zu seinem Herrn hinüber und wiederholte unausgesetzt: »Ich komme sofort ... ich komme sofort! ...« – aber er rührte sich nicht. Erst als der Jäger, ganz rot von all dem Schreien, auf ihn anlegte, taumelte er hoch, suchte überall die Stange, die unmittelbar neben seiner Hand lag, und stakte langsam näher. Don Joaquin sprang ins Boot. Endlich konnte man die eingeschlafenen Beine dehnen! Auf sein Geheiß begann Sangonera, die erlegten Enten aus dem Wasser zu fischen. Doch mit welch merkwürdig tastenden Bewegungen streckte dieser Bootsführer seinen Arm aus ... als ob er die Vögel nicht sähe! Auch warf sich sein Oberkörper dabei so ungestüm vorwärts, daß er ein paarmal über Bord gefallen wäre, wenn der Patron nicht zugegriffen hätte.

»Verdammter Tölpel!« knurrte der Valencianer. »Du bist wohl betrunken?«

Sehr schnell wurde ihm die Antwort, als er unter Sangoneras stupidem Glotzen seinen Proviant examinierte. Die Töpfe leer, der Weinschlauch schlaff und welk, die Flaschen geöffnet! Vom Brot fanden sich ein paar Krusten vor, und den Fruchtkorb konnte man über dem Wasser umkippen, ohne Angst haben zu müssen, daß etwas herausfiele.

Don Joaquin gelüstete es, seinem Bootsführer mit dem Kolben näherzukommen; aber als dieser erste Zorn verebbt war, betrachtete er ihn maßlos verblüfft.

»Dieses Gemetzel hast du allein angerichtet? ... Eine nette Art, fürwahr, Kosthäppchen zu nehmen! Wo hast du das alles gelassen, du Freßsack? ... In einem Menschenmagen ist doch gar nicht soviel Raum!«

Sangonera antwortete nicht. Er stöhnte nur leise:

»Au, Don Joaquin! ... Ich bin krank! Sehr krank!«

O ja! Er war krank. Man brauchte nur sein gelbes Gesicht anzusehen, seine Augen, die sich vergeblich bemühten, offen zu bleiben, seine Beine, die unter ihm zusammenknickten.

Während der aufgebrachte Jäger noch die Hand hob, um ihm eine Ohrfeige zu geben, fiel Sangonera plötzlich zu Boden, die Nägel in den Gürtel verkrallt, als wollte er sich den Bauch aufreißen. Wild bäumte sich der Leib in einer Kurve hoch; qualvolle Konvulsionen verzerrten sein Gesicht, und die Augen wurden gläsern.

Don Joaquin blickte ratlos umher, und von neuem stellte er fest, daß ein Jagdausflug zur Albufera eine sehr verdrießliche Sache sei. Nach einer halben Stunde des Fluchens, als er sich schon dazu verurteilt glaubte, selbst nach Saler zurückstaken zu müssen, erbarmten sich seiner vorüberfahrende Bauern, die auf dem freigegebenen Teil des Sees jagten.

Hilfsbereit, wie die Leute auf dem Lande sind, hoben sie Sangonera in ihren Kahn, während einer von ihnen sich zu Don Joaquin gesellte, wofür ihm dieser gern erlaubte, unterwegs von seiner Flinte Gebrauch zu machen. Spätnachmittags sahen die Frauen Palmars, daß man den Vagabunden wie einen Sack am Ufer des Kanals auslud.

»Ah, dieser Tunichtgut! ... Wieder total betrunken!« riefen sie empört.

Doch die braven Männer, die ihn auf ihren Schultern nach seiner elenden Hütte trugen, schüttelten ernst den Kopf. Nein, nein, es war nicht allein Trunkenheit! Wenn der Strolch dieses Mal mit dem Leben davonkam, besaß er wirklich eine Bärennatur!

Sie schilderten alle Einzelheiten dieser ungeheuren Magenüberladung, die den Tod herbeiführen konnte, und die Leute staunten mit offenem Munde ... doch nicht ohne ein anerkennendes Lächeln – war es doch einer der Ihrigen, der dies vollbracht hatte.

Armer Sangonera! Die Kunde von seiner Erkrankung verbreitete sich schnell im Dorf, und die Frauen gingen in Grüppchen zu seiner trostlosen, bisher verfemten Baracke. Mit starren Augen und wachsgelbem Gesicht lag Sangonera in wilden Zuckungen auf dem Stroh und erbrach ekelhaft riechende Flüssigkeiten mit halbgekauten Speisen.

»Wie geht's, Sangonera?« erkundigten sich die Gevatterinnen von der Tür aus.

Keine Antwort! Nur ein Ächzen, ein Stöhnen! Und der Kranke, den diese Prozession an seiner Tür belästigte, drehte ihnen den Rücken zu. Andere Frauen, kühner, traten ein, betasteten niederkniend seinen Unterleib und fragten, wo es ihn schmerze. Dann diskutierten sie über die geeignetsten Mittel, suchten auch gewisse alte Frauen auf, deren Tränklein bei den Dorfbewohnern in größerem Ansehen standen als die Rezepte des Arztes.

Nichts konnte Sangonera den Ernst seines Zustandes besser enthüllen als diese angelegentliche Fürsorge. Er erriet die Gefahr, als er sich von denselben Frauen betreut fand, die am Tage vorher seiner gespottet hatten und ihre Männer und Söhne auszankten, wenn sie mit einem solchen Liederjan zusammensaßen.

»Armer Junge! Armer Junge!« hörte er sie alle murmeln.

Und mit der Selbstverleugnung, deren nur die Frau angesichts des Unglücks fähig ist, drängten sie sich um ihn, sprangen über die widerliche Brühe, die in dicken Strahlen aus seinem Munde brach. Sie wußten Bescheid: er hatte einen »Knoten« in den Eingeweiden! Unter mütterlichem Schmeicheln brachten sie ihn dazu, seine vom Krampf aufeinandergepreßten Kinnladen zu öffnen, um ihn alle Arten wunderbarer Mixturen schlucken zu lassen, die er nach einem Weilchen seinen wohlwollenden Pflegerinnen wieder vor die Füße warf.

Erst spätabends verließen sie ihn – das Abendessen zu Hause mußte angerichtet werden. Und der Kranke blieb hilflos in seiner Ecke, unbeweglich unter dem trüben Licht eines Lämpchens, das die Frauen in einen Mauerspalt gestellt hatten. Die Hunde aus dem Dorf schnupperten an der Tür, betrachteten ihn eingehend und liefen heulend von dannen.

Während der Nacht waren es die Männer, die die Hütte besuchten. In Cañamels Taverne sprach man viel über das Ereignis, und die Kahnfischer wollten ihn noch einmal sehen.

Mit wankendem Schritt – denn die meisten hatten sich auf Kosten ihrer Jagdherren betrunken – erschienen sie am Eingang.

»Sangonera ... Kleiner! Geht's besser?«

Aber sofort wichen sie zurück, angeekelt von dem Gestank dieses Bettes voller Unrat, in dem sich der Kranke wälzte. Einige, die sich einen brutalen Scherz nicht versagen konnten, luden ihn ein, bei Cañamel zum letzten Male mit ihnen zu trinken. Sangonera jedoch schloß die Augen und fiel von neuem in seine nur von Erbrechen und Krämpfen unterbrochene Apathie.

Um Mitternacht blieb der Vagabund endgültig allein, von allen verlassen. Tonet wollte seinen alten Kumpan nicht sehen. Er war zur Taverne zurückgekehrt nach einem langen Schlaf in seinem Boot – einem tiefen, verdummenden Schlaf, manchmal brüsk hochfahrend aus einem schweren Alpdrücken und wieder eingelullt durch das monotone Geknatter der Schüsse, die in seinem Hirn als endloses Donnerrollen widerhallten.

Als er die Kneipe betrat, war er betroffen, daß Neleta vor den Fässern saß – weiß wie Kalk, aber ohne die geringste Unruhe in ihren Augen, ganz, als läge eine friedliche Nacht hinter ihr. Woher nahm die Frau nur diese Energie? ... Sie tauschten einen Blick des Einverständnisses, wie Schurken, die sich durch das Band der Mitschuld noch enger verbunden fühlen.

Eine lange Weile verging, ehe sie ihn zu fragen wagte, wie er seinen Auftrag ausgeführt hätte. Und leise, mit niedergeschlagenen Augen, als wären die Blicke des ganzen Dorfes auf ihn gerichtet, antwortete er:

»Ich habe es an einem sicheren Ort gelassen. Niemand wird es entdecken können!«

Nach diesen rasch gewechselten Worten blieben beide stumm, nachdenklich: sie hinter dem Schanktisch, er auf einem Schemel nahe der Tür; den Rücken Neleta zugekehrt, auf der Flucht vor ihren Augen. Ein ungeheures Gewicht lastete auf ihnen, und sie fürchteten zu sprechen, denn das Echo ihrer Stimme schien die Erinnerungen an die verflossene Nacht wieder aufleben zu lassen. Sie waren heraus aus dieser schlimmen Klemme, es drohte ihnen keine Gefahr mehr! Schwach und krank, brachte Neleta es fertig, auf ihrem Posten zu bleiben, so daß niemand argwöhnen konnte, was sich nachts zugetragen hatte. Und trotzdem fühlten sich die Liebenden plötzlich weit voneinander entfernt – etwas zwischen ihnen war für immer zerbrochen. Die Leere, die das Verschwinden dieses kaum gesehenen Kindchens hinterließ, vergrößerte sich mehr und mehr, um zu einem Abgrund zu werden, der die beiden Elenden auf ewig trennte. Sie wußten, daß in Zukunft jeder Blick, den sie wechselten, sie an ihr Verbrechen erinnern würde, und Tonets Verstörtheit wuchs noch bei dem Gedanken, daß Neleta das wahre Schicksal ihres Kindes nicht kannte.

Bei Einbruch der Dunkelheit füllte sich die Taverne mit Bootsführern und nach ihren Höfen zurückkehrenden Bauern, die stolz ihre zusammengebündelten Krickenten und Wasserhühner vorwiesen. Welch herrliche Jagd! ... Alle hatten Durst, und alle wußten sie irgendein Stückchen von besonderem Jagdglück oder besonders guten Treffern zu erzählen. Um von seinen Gedanken loszukommen, ging Tonet von Gruppe zu Gruppe, saß bald an diesem, bald an jenem Tisch und stieß mit jedem Gaste an. Vielleicht würde ihm die Trunkenheit Vergessen bringen! Und er trank und trank. Und selbst seine Freunde staunten: so ausgelassen hatte man den Kubaner lange nicht gesehen!

Jetzt erschien auch der alte Paloma.

»Heilige Himmelskönigin! ...« Forschend hefteten sich seine kleinen Augen auf Neleta. »Wie du aussiehst! ... Bist du krank?«

Die Wirtin sagte irgend etwas von heftigen Kopfschmerzen, die sie nicht hätten schlafen lassen, wozu der Alte, der ihre schlechte Nacht mit dem unerklärlichen Ausreißen seines Enkels in Verbindung brachte, spöttisch mit den Augen zwinkerte. Dann aber wandte er sich von ihr zu Tonet.

»Du Lümmel! Schämst du dich nicht über dein würdeloses Benehmen? Nur einem Taugenichts wie dir kann es einfallen, Sangonera zum Bootsführer zu bestellen!«

Tonet entschuldigte sich so gut er konnte und schwor bei allen Heiligen, das nächste Mal seine Pflicht getreulich zu erfüllen.

Durch dieses Versprechen ein wenig milder gestimmt, fuhr der Großvater fort:

»Ich habe Don Joaquin zu einer Jagd in den Dickichten bei Palmar eingeladen. Er kommt in der nächsten Woche, und dann wollen wir ihn alle beide begleiten. Vergiß aber nicht wieder, daß man die Herren aus Valencia zufriedenstellen muß, damit sie der Albufera treu bleiben. Was würde sonst aus den Leuten am See? ...«

In dieser Nacht betrank sich Tonet und blieb, statt nach Neletas Schlafzimmer hinaufzugehen, schnarchend neben dem Ofen sitzen. Keiner der beiden suchte den anderen, eher schienen sie einander zu fliehen und eine gewisse Erleichterung im Alleinsein zu finden.

Auch am nächsten Abend war Tonet berauscht. Alkohol brauchte man, um das Gewissen einzuschläfern und zum Schweigen zu bringen!

Über Sangoneras Befinden gelangten neue Nachrichten zur Taverne: er war rettungslos verloren. Die Frauen, die ihn auch weiter noch besuchten, nachdem die Männer ihre Alltagsverrichtungen wieder aufgenommen hatten, erkannten die Unzulänglichkeit ihrer Mittel gegen eine Krankheit, deren Natur die weisen Gevatterinnen auf ihre Art erklärten:

»Das Speiseknäuel, das seinen Magenmund verstopft, beginnt zu verfaulen. Man braucht ja nur zu sehen, wie der Bauch dadurch aufschwillt.«

Als der Arzt von Sollana auf seiner wöchentlichen Visite nach Palmar kam, führte man ihn gleich zu Sangoneras Hütte. Doch auch er schüttelte den Kopf. Was war da zu tun! ... Ein Fall von Appendizitis mit tödlichem Ausgang, die Folge einer maßlosen Überladung.

Und im Dorfe sprach man nur noch von Appendizitis; besonders den Frauen machte es Vergnügen, dieses Wort, das sie sehr komisch fanden, möglichst oft anzuwenden.

Auch der Vikar glaubte, daß es nun an der Zeit sei, sich in die Hütte dieses Renegaten Sangonera zu begeben. Niemand verstand es wie Don Miguel, die Leute so geschwind und so ohne Umschweife fürs Jenseits abzufertigen.

»Heda!« rief er schon an der Tür. »Bist du ein Christ?«

Sangonera öffnete seine Augen weit vor Staunen. Er kein Christ? ... Empört über des Pfarrers Frage, blickte er empor, um in inniger, hoffnungsvoller Verzückung das Stückchen vom blauen Himmel zu betrachten, das durch die nackten Dachsparren zu sehen war.

»Gut! Dann also, unter Männern, keine Lügen! Beichte – denn du mußt sterben«, fuhr Don Miguel fort. »Klipp und klar: sterben! Verstanden?«

Wahrlich, dieser Pfarrer vom Karabiner sprach mit seiner Herde nicht um die Sache herum! ...

Über die Augen des Vagabunden huschte der Schreck. Sein Dasein voller Elend erschien ihm jetzt in all dem Zauber grenzenloser Freiheit. Er sah den See und seine leuchtenden Wasser, die rauschende Dehesa mit ihren Dickichten und der Überfülle ihrer duftenden Waldblumen, sah alles – bis zu dem Schanktisch von Cañamels Taverne, vor dem er früher so oft träumte und durch die Gläser hindurch das Leben in rosiger Farbe erblickte ... Und all das sollte er verlassen? ... Dicke Tränen begannen aus seinen Augen zu rollen. Aber was half's? – die Todesstunde nahte. In einer besseren Welt würde er das himmlische Lächeln erblicken, das Lächeln unendlichen Erbarmens, dessen er an jenem Abend am See teilhaftig geworden war.

Und plötzlich beichtete er ganz ruhig zwischen Erbrechen und Krämpfen dem Priester seine Mausereien bei den Fischern – so viele, daß er sie nur in Bausch und Bogen angeben konnte. Doch mit seinen Sünden enthüllte er gleichzeitig seinen Glauben: seine Hoffnung auf Christus, der von neuem kommen würde, um die Armen zu retten, ... und die seltsame nächtliche Begegnung am Seeufer.

»Sangonera!« unterbrach ihn rauh der Vikar. »Keine Flausen! ... Die Wahrheit sage jetzt. Nichts als die nackte Wahrheit.«

Die Wahrheit hatte er schon gesagt. Seine ganze Sünde bestand im Grunde nur in seiner Scheu vor der Arbeit, von der er glaubte, daß sie im Widerspruch stände zu Gottes Geboten. Ein einziges Mal hatte er sich darein ergeben, zu sein wie die anderen, seine Arme in fremdem Dienst zu gebrauchen und so mit dem Reichtum und Wohlleben in Berührung zu kommen. Und diese Inkonsequenz mußte er, ach! mit seinem Leben zahlen.

Sämtliche Frauen Palmars waren gerührt über diesen Lebensabschluß des Vagabunden. Seit seiner Flucht aus der Sakristei hatte er wie ein Heide gelebt, aber er starb als guter Christ. Die Natur seiner Krankheit erlaubte ihm nicht, den Leib des Herrn zu empfangen, und der Vikar begnügte sich damit, die letzte Ölung zu erteilen, wobei Sangonera in einem heftigen Brechanfall Don Miguels Sutane arg beschmutzte.

Die Hütte betraten jetzt nur noch ein paar ältere Frauen, die es sich, von einem Gefühl der Aufopferung getrieben, zur Pflicht machten, allen Sterbenden zur Seite zu stehen. Der Geruch drinnen wurde unerträglich; die Leute sprachen entsetzt von Sangoneras Agonie. Seit dem vergangenen Tage brach er keine Speisereste mehr aus – es war etwas Schlimmeres; und die Nachbarinnen hielten sich die Nase zu, wenn sie sich vorstellten, wie er auf dem Strohlager mitten im Kot lag.

Er starb am dritten Tage.

Von den wohlhabenden Frauen Palmars fühlten die, die eifrig zur Kirche gingen, ein zärtliches Mitleid für diesen Unglücklichen, der nach einem sündhaften Leben sich mit dem Herrn ausgesöhnt hatte. Er sollte würdig die letzte Reise antreten. Bis nach Valencia fuhren sie, um alles vom Schönsten einzukaufen, wofür sie eine Summe ausgaben, die Sangonera bei Lebzeiten nie gesehen hatte.

Man kleidete ihn der Sitte gemäß in ein religiöses Ordensgewand und legte ihn in einen Sarg mit silbernen Beschlägen. Dann zog das ganze Dorf vor der Leiche vorbei. Seine alten Kumpane rieben sich die vom Alkohol geröteten Augenlider und unterdrückten mühsam das Lachen beim Anblick ihres Freundes, der, mit einer Kutte angetan, so sauber in dem weißen Sarg der Jungfräulichen ruhte. Sogar sein Abschied hier unten schien noch ein Ulk zu sein. Adios, Sangonera! Hinfort würden die Netze nicht mehr geleert werden, bevor die Besitzer sie aufholten; nie mehr würde er sich wie ein trunkener Heide mit den Blumen der Dämme umwinden!

Er hatte frei und glücklich gelebt, ohne die Mühsal der Arbeit, und hatte es verstanden, in die andere Welt mit dem Luxus eines Reichen zu gehen – immer auf Kosten anderer.

Um Mitternacht setzte man den Sarg in den »Aalkarren«, mitten zwischen die Fischkörbe, und der Sakristan mit dreien seiner Freunde beförderten die Leiche zum Friedhof.

Tonet legte sich nicht klare Rechenschaft ab über den Tod seines Kameraden. Er lebte in Nebeln, unaufhörlich trinkend, die Zunge gelähmt sowohl durch Alkohol als auch durch die Angst, zu viel zu sagen.

»Sangonera ist gestorben! Dein dickster Freund!« berichtete man ihm in der Taverne.

Er antwortete, indem er sich ein frisches Glas einschenkte, mit einem Brummen, während die Stammgäste sein Schweigen dem Kummer um den Toten zuschrieben.

Neleta, bleich und verstört, als wenn ständig ein Phantom vor ihren Augen erschiene und wieder erschiene, suchte ihren Liebsten vom Trinken abzuhalten.

»Tonet, nicht mehr!« bat sie sanft.

Und sie erschrak über die Geste der Empörung, des dumpfen Zorns, mit der der Betrunkene opponierte. Sie erriet, daß ihre Herrschaft über diesen Willen verschwunden war. Manchmal sah sie in seinen Augen sogar Haß aufzüngeln – die Feindseligkeit des Sklaven, der entschlossen ist, den Kampf mit seinem früheren Bedrücker aufzunehmen und ihn zu erdrosseln.

Ohne Neleta zu beachten, füllte er sein Glas aus allen Fässern der Taverne. Übermannte ihn dann der Schlaf, so streckte er sich, gleichgültig wo, in irgendeinem Winkel des Hauses aus, während Centella mit der instinktiven Zärtlichkeit der Hunde ihm Gesicht und Hände leckte.

Tonet wollte nicht, daß seine Gedanken erwachten. Sobald der Rausch sich zu verflüchtigen begann, erfaßte ihn eine peinigende Unruhe. Wenn die Schatten eintretender Gäste sich auf dem Boden abzeichneten, hob er erschreckt den Kopf, als befürchtete er das Auftauchen eines Wesens, das seinen Schlaf mit eisigen Schauern störte. Und von neuem mußte er trinken, unablässig trinken, um nicht aus diesem Zustande der Vertierung herauszukommen, der seine Empfindungen abstumpfte und seine Seele einschläferte. Durch die Schleier der Trunkenheit, die sein Denken einhüllten, erschien ihm alles fern, vage, verwischt. Er glaubte, daß viele Jahre vergangen seien seit jener Nacht auf dem See, der letzten seines Daseins als Mann, der ersten eines Schattenlebens, das er mit einem von Alkohol verdunkelten Hirn durchtastete.

Eines Tages überraschte ihn der Großvater in diesem Stumpfsinn.

»Morgen erwarte ich Don Joaquin. Hältst du nun dein Wort und kommst mit?«

Auch Neleta redete ihm freundlich zu:

»Seit einer Woche hast du die Taverne nicht verlassen. Fahr mit, die frische Luft wird dir gut tun.«

Das alte Jagdfieber brach bei dem Kubaner durch. Sollte er etwa für immer den See meiden? ...

Den Rest des Tages beschäftigte er sich damit, Patronen zu füllen und die schöne Flinte Cañamels zu putzen – Jagdvorbereitungen, welche die um ihn herumtollende Hündin mit fröhlichem Bellen begrüßte.

Früh am nächsten Morgen kam der alte Paloma mit seinem Gönner Don Joaquin – wieder im Schmuck seiner prächtigen Ausrüstung – zu einem schnellen Imbiß nach der Taverne. Ein wenig später brachen alle drei auf.

Tonet fuhr voran, die Centella wie eine Galionfigur am Bug seines leichten Boots. Dicht hinter ihm stakte der Großvater seine Barke, in der Don Joaquin verwundert die Flinte des Alten untersuchte, diese berühmte Waffe mit tausend Reparaturen, von der man am See so viel zu erzählen wußte. Als sie aus dem Kanal heraus waren und in die Albufera vorstießen, sah Tonet, daß das zweite Boot nach links abdrehte.

»Wohin?« rief er seinem Großvater zu.

»Wohin anders als zum Bolodro!« antwortete der Alte. Und zu Don Joaquin gewandt, erklärte er: »Der Bolodro ist das größte Dickicht bei Palmar. Da gibt's mehr Wasserhühner als an irgendeinem anderen Fleck der Albufera.«

Tonet hingegen wollte geradeaus fahren, zu den Röhrichtinseln in der Mitte des Sees, und zwischen den beiden entspann sich eine heftige Diskussion, bei welcher der Großvater jedoch seinen Willen durchsetzte. Unlustig, resigniert mit den Schultern zuckend, mußte Tonet der Barke folgen.

Nach einer scharfen Fahrt liefen sie in einen schmalen, von hohem Rohr eingefaßten Wasserarm ein. Schilf und Binsen wucherten durcheinander, und üppige Schlingpflanzen mit weißen und blauen Glöckchen zogen überall ihre Girlanden über diesen Wasserwald, dem die ineinander verstrickten Wurzelknäuel des Röhrichts ein Aussehen von Festigkeit gaben. Auf dem Grunde der Wasserstraße zeigte sich eine seltsame Vegetation, die bis zur Oberfläche emporstieg, und bisweilen wußte man nicht, ob die Boote auf dem Wasser schwammen oder über grüne, von einer dünnen Kristallschicht bedeckte Felder glitten.

In diesem Winkel der Albufera, der im Sonnenlicht noch wilder aussah, herrschte die tiefste Stille. Dann und wann nur der Schrei eines Vogels im Dickicht oder ein leises Quirlen des Wassers, das die Gegenwart von dem im Schleim des Grundes verborgenen Gewürm verriet.

»Tonet, treib uns das Wild zu!« befahl der Alte.

Der Kubaner stakte fort, und ein Weilchen hörte man noch, wie er gegen das Rohr schlug, um die Vögel aufzuscheuchen.

Mehr als zehn Minuten brauchte er für seine Runde um das ganze Dickicht. Als er zur Barke des Großvaters zurückkehrte, feuerte Don Joaquin eifrig auf die verängstigten, aus ihren Schlupfwinkeln vertriebenen Vögel, die, sobald sie den quer durch das Dickicht gehenden Wasserarm erreichten, einen Moment vor dieser gefährlichen Lichtung zögerten, sie aber schließlich teils fliegend, teils schwimmend dennoch durchkreuzten, wobei das Blei des Jägers sie erwischte.

In diesem engen Raum konnte kein Schuß fehlgehen, und Don Joaquin empfand die Genugtuung eines sicheren Schützen, als er sah, mit welcher Leichtigkeit er das Wild erlegte. Centella war ständig im Wasser, um die Vögel, meist noch lebend, stolz zu apportieren. Auch Palomas Flinte feierte nicht. Er verfolgte seine alte Taktik, der Eitelkeit seiner Gönner zu schmeicheln: ging ein Schuß des Valencianers vorbei, so knallte es unmittelbar darauf in seinem Rücken – dieses Mal mit Erfolg –, doch der Alte wußte seinem Jagdgast stets plausibel zu machen, daß es sein Verdienst gewesen wäre.

Jetzt schwamm eine schöne Krickente hindurch. Aber so schnell auch beide schossen, sie verschwand im Schilf.

»Getroffen ist sie; ein paar Federn flogen«, rief Paloma.

Don Joaquin schnaufte ärgerlich.

»Was für ein Pech! Sie wird im Röhricht verenden, ohne daß wir sie finden können.«

»Such, Centella! ... Such!« befahl Tonet der Hündin.

Willig warf sie sich ins Dickicht, und man hörte an dem knackenden Rohr, wo sie sich ihren Weg bahnte.

»Sie bringt die Ente!« sagte der Kubaner mit Überzeugung. Doch der Großvater zeigte sich etwas ungläubig.

»Centella gehört wie ich zum alten Eisen. Als Cañamel sie kaufte, war sie ihr Gewicht in Gold wert. Aber jetzt kann man ihrer Nase nicht mehr blindlings vertrauen.«

»Du wirst es ja sehen!« lächelte Tonet.

Bald nahe, bald ferner erklang im Morast das Plätschern der Hündin, dem die Jäger in der Stille des Morgens mit angespannter Aufmerksamkeit folgten. Minuten vergingen, bis sie mit mutlosem Aussehen und traurigen Augen, nichts im Maul tragend, zum Vorschein kam.

Der Alte lachte triumphierend. Was hatte er gesagt? ... Tonet bekam, weil er glaubte, sich lächerlich gemacht zu haben, einen roten Kopf. Er drohte der Hündin mit der Faust, um sie vom Boot abzuhalten.

»Such! ... Such!« herrschte er das arme Tier an.

Wieder verschwand Centella im Rohr, doch das Wedeln ihrer Rute verriet keine Zuversichtlichkeit.

»Sie findet die Ente!« versicherte Tonet nochmals. »Ich habe sie schwierigere Sachen ausführen lassen.«

Von neuem knackte das Rohr, von neuem plätscherte es im Wasser, aber man konnte erkennen, daß Centella planlos umherirrte, ohne Vertrauen zu ihrer Arbeit. Einige Male streckte sie den Kopf durch die Binsen heraus, um ihn sofort wieder zurückzuziehen, wenn sie die Faust ihres Herrn sah und sein »Such!« hörte, das wie eine Drohung klang. Schließlich entfernte sie sich immer mehr, so daß die Jäger nicht das kleinste Geräusch vernahmen.

Plötzlich fuhr Tonet hoch. Centella gab Laut, nochmals und nochmals, weit fort.

»Nun?« lachte er. »Es kann etwas dauern, aber es entgeht ihr nichts.«

Wieder schlug die Hündin an, verzweifelt, doch ohne näher zu kommen. Der Kubaner pfiff.

»Hierher, Centella! Hierher!«

Man hörte wieder ihr Plätschern, Rohr knackte, und schließlich erschien, mühselig schwimmend, die Hündin mit einem Gegenstand im Maul.

»Hierher, Centella!« rief Tonet nochmals.

Dicht an der Barke des Großvaters schwamm sie vorbei – und der Alte hob die Hand vor die Augen, als hätte ihn ein Blitz geblendet.

»Heilige Mutter Gottes!« ächzte er, während die Flinte zu Boden polterte.

Und jetzt sprang Tonet auf, mit irrem Blick, am ganzen Leibe zitternd. Neben seinem Boot sah er ein Leinwandbündel und darin etwas Fahles, Gallertartiges, das von Blutegeln wimmelte; ein aufgedunsenes Köpfchen, schwärzlich, unförmlich, mit zwei leeren Augenhöhlen und einem herabbaumelnden Augapfel: alles das so ekelhaft, so entsetzlich riechend, daß er glaubte, im vollen Sonnenlicht das Wasser sich verdunkeln, jählings Nacht sich auf den See herabsenken zu sehen.

Mit beiden Armen hob er die Stange. Und so fürchterlich war der Schlag, daß der Schädel der Hündin krachte wie brechendes Holz. Aufheulend versank das arme Tier samt seiner Beute in dem gurgelnden Wasser.

Dann blickte er mit den Augen eines Wahnsinnigen seinen Großvater an, der nichts verstand von dem, was vorging – dann den armen, schreckerstarrten Don Joaquin, und instinktiv die Stange ins Wasser tauchend, floh er davon schnell wie ein Pfeil, als hätte das Phantom der Gewissensqual, das seit einer Woche schlief, Gestalt angenommen ... als jagte es hinter ihm her, mit unerbittlichen Nägeln seinen Rücken zerfleischend.

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