Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Vincente Blasco Ibañez: Sumpffieber - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/blascoib/sumpffie/sumpffie.xml
typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleSumpffieber
publisherBüchergilde Gutenberg
year1929
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120206
projectid9a5dc59d
Schließen

Navigation:

Als Tonet zwei Tage verbracht hatte, ohne die Taverne zu besuchen, wurde es ihm bewußt, wie sehr er Neleta liebte.

Vielleicht trug zu seiner Verzweiflung auch der Verlust des sorglosen Wohllebens bei, dieses Überflusses, in den er wie in eine Woge von Glück untergetaucht war. Doch vor allem vermißte er den Reiz der heimlichen Liebschaft, die perverse Lust, seine Geliebte in Gegenwart ihres Gatten und der Gäste zu liebkosen – auf die Gefahr hin, dabei ertappt zu werden.

Aus Cañamels Hause verjagt, wußte er nicht, wohin er gehen sollte. Wohl versuchte er, in den anderen Kneipen von Palmar heimisch zu werden, erbärmlichen Hütten mit weiter nichts als einem armseligen Fäßchen, wo nur Leute verkehrten, die wegen zu großer Rückstände Cañamels Taverne meiden mußten. Aber sehr rasch flüsterte er von diesen Stätten wie ein Nabob, der sich durch Zufall in eine Kaschemme verirrt hat.

So strich er zwecklos in der Umgebung des Dorfes herum, ging nach Saler, Perello, dem Hafen von Catarroja – irgendwohin, um die Zeit totzuschlagen. Ja, dieser Faulpelz stakte stundenlang über den See, ohne ein anderes Vorhaben, als mit einem Bekannten eine Zigarre zu rauchen.

Die Langeweile brachte ihn so weit, daß er sein Leben änderte.

War es nicht besser, dem Vater zu helfen, statt wie ein wildes Tier im Käfig ruhelos von einem Ende der Albufera zum anderen zu schweifen? ... Und vom nächsten Tage ab machte er sich mit dem vorübergehenden Schwung der Trägen daran, Schlamm aus den Kanälen herauszuholen.

Toni wußte seinem Sohne Dank für diese Besserung. Sein Blick wurde heller, und er fand ein paar freundliche Worte.

»Alles ist so gekommen, wie ich es dir voraussagte. Du hast dich nicht wie ein Paloma benommen, und es war sehr bitter für mich, hören zu müssen, daß du auf Kosten des Schankwirts lebtest und obendrein noch seine Frau verführtest ...«

Wieder legte Tonet Verwahrung ein: »Das letzte ist eine Verleumdung!«

»Um so besser! Ich freue mich jedenfalls, daß die Sache hinter dir liegt. Jetzt heißt es: arbeiten und ehrenhaft sein! Wenn meine Lagune sich in Felder verwandelt und man sieht, daß die Palomas Säcke und Säcke Reis ernten, kannst du dir unter allen Mädchen am See eine Frau aussuchen, denn einem Reichen sagt man nicht nein!«

Angefeuert durch diese Worte, warf sich Tonet mit wahrer Wut auf die Arbeit, so daß die arme Borda es bei ihm schwerer hatte als bei seinem Vater. Das Mädchen keuchte unter der Last der gewichtigen Körbe, krümmte sich bei der sauren Arbeit, ihren vollbeladenen Kahn über den See zu staken – für Tonet schaffte sie nie genug! Trotzdem zeigte sie frohe Augen, und wenn sie abends mit lahmen Gliedern das Essen zubereitete, blickte sie dankbar nach diesem verlorenen Sohn, dank dessen Umkehr das Gesicht des Vaters allmählich den gequälten Ausdruck verlor.

Aber der Wille des Kubaners erlahmte. Nach einem Monat ständiger Arbeit hatte er sie satt. Wohl war der größte Teil der Lagune schon aufgefüllt; es blieben jedoch tiefe Löcher, die ihn zur Verzweiflung brachten – unverstopfbare Trichter, in die das weggedrängte Wasser zurückzuströmen schien, um langsam und stetig an der Erde ringsum zu nagen. Überdies widerte ihn, den an die Leckerbissen in Cañamels Hause Gewöhnten, die magere Küche Bordas an, mit der sein Vater sich zufrieden gab.

Und dann der Großvater! War es nicht empörend, wie er bei Cañamel ein- und ausging, als sei nichts passiert? ... Dort aß er zu Mittag, dort aß er zu Abend und schien sich vortrefflich mit dem Dicken zu verstehen. Für den Enkel hatte er, wenn sie sich abends in der Hütte zu Gesicht bekamen, keinen Gruß, geschweige denn ein freundliches Wort. Und solch eine Behandlung ihm, dem eigentlichen Herrn der Sequiota?

»Die beiden haben sich verständigt, um mich übers Ohr zu hauen«, grübelte Tonet. »Wer weiß, ob die ganze Wut Cañamels nicht den Zweck verfolgte, mich auszuschalten, damit sie größere Profite machen können!«

Und mit der Gier des Bauern, der in Geldsachen weder Gefühle noch Familienbande kennt, stellte er eines Abends den Großvater, als der sich zum Fang einschiffen wollte.

»Warum habe ich, dem die Sequiota gehört, schon seit langer Zeit keinen Centimo mehr gesehen? Ich weiß wohl, daß der Fang dieses Mal nicht so einträglich ist wie in den früheren Jahren; aber daß ihr trotzdem gute Duros einnehmt, erfuhr ich von den Aufkäufern. Also bitte: glatte Rechnung. Gebt mir, was mir zusteht – oder ich suche mir weniger habsüchtige Partner.«

Der alte Paloma, überzeugt, daß es sein gutes Recht sei, über die ganze Familie mit despotischer Autorität zu herrschen, verspürte nicht übel Lust, den Enkel mit der Stange zu bearbeiten. Aber dann gedachte er der Schwarzen, die Tonet im fernen Lande massakriert hatte. Carajo! Solch einen Mann schlägt man nicht, auch wenn er zur Familie gehört ... Außerdem jagte ihm die Drohung, sich nach anderen Partnern umsehen zu wollen, einen nicht gelinden Schreck ein. So verschanzte er sich hinter die Moral.

»Ich gab dir kein Geld, weil ich deinen Charakter kenne – Geld in den Händen junger Leute ist ihr Verderb. Du würdest es entweder vertrinken oder mit den Taugenichtsen verspielen, die in den Spelunken von Saler ihre Zeit bei den Karten vergeuden. Wenn ich es für dich aufbewahre, erweise ich dir damit einen großen Dienst. Wer anders als du wird denn nach meinem Tode alles erben? ...«

Doch Tonet ließ sich nicht durch Hoffnungen erweichen. Und nach drei Tagen hartnäckigen Handelns mußte sich der Greis eines Abends dazu bequemen, mit schmerzlicher Miene einen von Duros prallen Beutel aus seinem Gürtel hervorzuholen.

»Nimm, du Jude! ... Du schlechter Kerl! ... Ist es durchgebracht, so hol dir mehr. Nur keine Skrupel, und wenn du deinen Großvater ins Grab ärgern solltest! Mein Los kenne ich jetzt: als alter Mann wie ein Sklave arbeiten, damit der Señor gute Tage hat!«

Nach diesem Auftritt schien auch das letzte Fünkchen Zuneigung für den Enkel ausgelöscht.

Als der Kubaner Geld in seiner Tasche fühlte, kehrte er nicht mehr in die Hütte seines Vaters zurück. Mit Jagen wollte er sich die Langeweile vertreiben, wollte ein Leben führen, bei dem die Büchse für den Unterhalt sorgte. Er begann es mit dem Kauf einer guten Flinte, da die ehrwürdigen Schießeisen zu Hause ihm nicht zusagten. Und dann verband er sich mit Sangonera, den man ebenfalls aus Cañamels Taverne verbannt hatte.

Der Vagabund war ein tüchtiger Kumpan, der von Nutzen sein konnte. Zudem besaß er ein Unterkommen, das – zwar schlimmer als eine Hundehütte – bei schlechtem Wetter als Zufluchtsort immerhin in Frage kam.

»Ich bin der Jäger, du bist der Hund!« machte Tonet aus. »Alles gehört uns gemeinsam: Essen und Wein. Ist es dir recht?«

Sangonera zeigte sich hocherfreut. Auch er würde zum Unterhalt beisteuern. Er wußte mit geschickter Hand die Reusen zu leeren und sie wieder hübsch ordentlich an Ort und Stelle auszulegen, nicht wie die gewissenlosen Langfinger, die nicht allein – wie es Palmars Fischer ausdrückten – die Seele stahlen, sondern auch noch den Körper mitgehen hießen; mit anderen Worten: den Fisch und das Netz. Tonet würde für Fleisch und er für Fisch sorgen. Abgemacht!

Wochenlang führten beide in der Dehesa ein primitives Dasein, wie es ganz Tonets Neigungen entsprach, der während seiner friedlichen Lebensweise in Palmar oft nicht ohne Melancholie an seine Kriegsjahre auf Kuba zurückgedacht hatte, an die unbegrenzte und gefahrvolle Freiheit des Guerrillakriegers, der – beständig den Tod vor Augen – weder Hindernisse noch Schranken kennt und mit dem Karabiner in der Hand seine Wünsche erfüllt, ohne irgendein Gesetz gelten zu lassen.

In einem versteckten Winkel des Waldes bauten sie sich eine Laubhütte. Meldete sich der Hunger, so erlegten sie ein paar Kaninchen oder wilde Tauben; fehlte es ihnen an Geld für Wein und Patronen, so machte Tonet mit der Flinte einen Rundgang und brachte an einem Vormittag so viel Wildbret zusammen, daß Sangonera Mühe hatte, es zum Verkauf nach Saler oder Catarroja zu schleppen, von wo er mit vollem Weinschlauch zurückkam. Die Schüsse aus Tonets Flinte, die unverschämt in der ganzen Dehesa knallten, waren eine stete Herausforderung gegen die Flurhüter, deren stillem Einsiedlerleben sie ein Ende bereiteten.

Doch während Tonet jagte, lag Sangonera wie ein Hund auf der Lauer, und sobald er die Feinde nahen sah, mahnte ein leiser Pfiff den Kameraden, sich zu verstecken. Desungeachtet stieß der Enkel des alten Paloma verschiedentlich direkt mit der Nase auf seine Verfolger, denen er bei solcher Gelegenheit energisch seinen Willen kundtat, in der Dehesa zu bleiben. Eines Tages schoß ein Flurhüter auf ihn, aber Sekunden später hörte der Mann als drohende Antwort eine Kugel an seinem Kopf vorbeipfeifen. Verlorene Mühe, den alten Guerrillero einschüchtern zu wollen! Weder Gott noch Teufel fürchtete dieser Taugenichts! Er schoß ebenso gut wie sein Großvater, und wenn die Kugel, die so dicht am Gegner vorbeiflog, ihn nicht traf, so lag das einzig und allein daran, daß sie als Warnung gemeint war. Und die Flurhüter, von denen jeder für eine zahlreiche Familie sorgte, kamen schließlich mit dem frechen Wilderer zu einem stummen Vergleich: knallte seine Flinte, so stellten sie sich, als hätten sie sich in der Richtung verhört, und liefen nach der falschen Seite.

Sangonera, der bisher überall Verprügelte und von allen Türen Verwiesene, fühlte sich jetzt stark als Tonets Kamerad, und kam er nach Saler, so blickte er die Leute unverschämt an, wie ein kleiner Kläffer, der auf den Schutz seines Herrn zählt. Als Dank für diese Protektion verdoppelte er seine Wachsamkeit. Wenn dann und wann auf einer Streife begriffene Gendarmen vorüberkamen, schien der Vagabund sie zu wittern.

»Tonet! ... Die Tricornios!« warnte er, fast noch ehe sie in Sicht waren.

So oft die gelben Bandoliere und die Dreimaster aus schwarzem Lackleder in der Umgebung der Dehesa auftauchten, flüchteten Tonet und Sangonera auf die Albufera. In einem kleinen Nachen des alten Paloma schlüpften sie von Röhricht zu Röhricht, um Enten zu schießen, die Sangonera, daran gewöhnt, sogar im Winter ins Wasser zu gehen, mühelos an Bord beförderte.

Die dunklen Sturmnächte – vom Großvater wie eine Himmelsgunst ersehnt, da sie den großen Fang brachten – überstanden die beiden in Sangoneras Behausung, zusammengekrochen in einer Ecke, wo der Regen, der durch die klaffenden Löcher im Dach prasselte, sie nicht erreichte.

Tonet war hier nur zwei Schritte von seinem Vater entfernt; doch vermied er ihn zu sehen, so sehr fürchtete er dessen ernsten, traurigen Blick. Borda hingegen kam heimlich, um ihres Bruders Wäsche zu wechseln und ihm diese Fürsorge angedeihen zu lassen, deren allein eine Frau fähig ist. Erschöpft von dem harten Tagewerk, besserte das Mädchen beim Schein einer Laterne die Lumpen der beiden Strolche aus, ohne daß je ein Wort des Vorwurfs laut wurde.

Blieben die Kumpane nachts unter sich, so teilten sie, während sie fleißig der Flasche zusprachen, sich ihre intimsten Gedanken mit. Tonet, den Sangoneras Beispiel an unausgesetztes Trinken gewöhnt hatte, konnte die Last seines Geheimnisses nicht allein tragen und enthüllte dem Kameraden seine Liebesbeziehungen zu Neleta.

»Das ist eine Schlechtigkeit«, tadelte der Vagabund im ersten Augenblick.

»Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib!«

Doch gleich darauf dem Gefühle der Dankbarkeit gegen Tonet nachgebend, fand er in seiner groben Kasuistik des ehemaligen Sakristans nicht nur Entschuldigungsgründe, sondern sogar Rechtfertigungen.

»Eigentlich habt ihr ja ein gewisses Recht, euch zu lieben. Wenn ihr euch erst nach Neletas Heirat kennengelernt hättet, würden eure Beziehungen eine riesengroße Sünde bedeuten. Aber ihr habt schon in euren Kindertagen zusammen gespielt, ihr seid verlobt gewesen ... folglich ist der wahre Schuldige Cañamel, der sich ungerufen zwischen euch gedrängt hat. Also verdient er sein Schicksal.«

In der Erinnerung an die zahllosen Male, die ihn der Schmerbauch vor die Tür gesetzt hatte, lachte Sangonera schließlich ganz beglückt über dessen eheliches Mißgeschick.

Wenn dann kein Wein mehr vorhanden und das Licht des Laternchens fast heruntergebrannt war, begann Sangonera, die Augen vor Trunkenheit geschlossen, seine wirren Glaubensergüsse.

Tonet, dem dieses Geschwätz nichts Neues mehr bedeutete, schlummerte darüber ein, ohne hinzuhören, während durch das vom Sturm geschüttelte Strohdach der Hütte Regenschauer prasselten. Aber Sangonera zauderte nicht, seinen Freund zu wecken, und näher zu ihm hinkriechend, flüsterte er ihm in geheimnisvollem Ton seine Hoffnungen ins Ohr:

»Die guten Zeiten nahen! ER ist schon in der Welt. Ich habe ihn gesehen, wie ich dich jetzt sehe, und mit einer Hand von unnatürlicher Kälte hat er mich armen Sünder berührt.«

Und wohl zum zehnten Male berichtete er über die seltsame Begegnung am Ufer der Albufera.

»Von Saler kam ich, mit einem Paket Patronen für dich. Da überfiel mich auf dem sich am Seeufer hinschlängelnden Wege eine tiefe Erregung, als näherte sich etwas, das meine Kraft lähmte. Meine Beine versagten – ich fiel zu Boden mit dem einen Wunsch, zu schlafen, zu vergehen, nicht mehr zu erwachen.«

»Weil du besoffen warst«, grunzte Tonet.

Aber Sangonera widersprach.

»Oh, nein! An jenem Tage trank ich sehr wenig. Der Beweis ist, daß ich wachblieb, obwohl ich mich nicht rühren konnte. Der Nachmittag ging zu Ende. Die Albufera schimmerte violett; über den fernen Bergen färbten den Himmel blutrote Wogen, und aus diesem Leuchten löste sich die Gestalt eines Mannes, der auf dem Wege näherschritt ... der neben mir stehenblieb. Ein Mann mit sanftem, traurigem Blick, weichem Bart und langem Haar. Sein Gewand war weiß, etwas Ähnliches wie eine Tunika oder eine sehr lange Bluse. Auf dem Rücken trug er ein riesiges, scheinbar sehr schweres Gerät, über das ich mir nicht klar wurde – vielleicht ... Tonet, wer weiß es! vielleicht das Werkzeug zu einem neuen Tode, der die Menschheit nochmals erlösen soll ... Er beugte sich über mich, und das ganze Licht der Dämmerung vereinigte sich in seinen Augen. Seine Hand, deren eisige Kälte mich von den Haarwurzeln bis zu den Hacken erschauern ließ, strich über meine Stirn. Mit sanfter Stimme murmelte er einige fremde, wohllautende Worte, die ich nicht verstehen konnte, und ging dann lächelnd weiter, während ich infolge der unbeschreiblichen Erschütterung in tiefen Schlaf fiel, aus dem ich erst Stunden später in dunkler Nacht erwachte.

Ich habe ihn niemals wiedergesehen; aber ER war es – ganz sicher, Tonet. Er ist in die Welt zurückgekehrt; um sein durch die Menschen gefährdetes Werk zu retten, geht er von neuem auf die Suche nach den Armen, den Einfachen, den elenden Fischern an den Seen. Ich aber, ich gehöre zu seinen Auserwählten, sonst hätte mich seine Hand nicht berührt.«

Und mit der ganzen heißen Inbrunst, die ihm sein Glaube verlieh, rief der Vagabund: »Daher, Tonet, bin ich fest entschlossen, dich zu verlassen, sobald die süße Erscheinung sich wieder zeigt.«

Tonet, schlecht gelaunt, weil sein Schlaf gestört worden war, knurrte ihn grob an:

»Willst du endlich den Mund halten? ... Wie oft habe ich dir schon gesagt, daß die ganze Geschichte weiter nichts ist als das Hirngespinst eines Betrunkenen! Wärst du nüchtern gewesen, wie es sich gehört, wenn man dich auf Besorgungen ausschickt, so hättest du gesehen, daß dieser geheimnisvolle Mann der italienische Scherenschleifer war, der zwei Tage in Palmar die Messer und Scheren in Ordnung brachte und der sein Schleifrad unterwegs auf dem Rücken trug.«

Sangonera verstummte, nicht weil sein Glaube erschüttert war, sondern weil er die harte Faust seines Beschützers fürchtete. In der Stille aber revoltierte er gegen Tonets vulgäre Erklärungen. Oh, man würde schon noch sehen! ... So verging für sie der Winter: Sangonera, gewiegt von überspannten Hoffnungen; Tonet mit seinen Gedanken bei Neleta, die er nie zu Gesicht bekam, denn gelegentlich seiner Besuche in Palmar wagte er nicht, sich Cañamels Haus zu nähern.

Dieses Fernsein, das sich Monate verlängerte, ließ in seiner Erinnerung das vergangene Glück zu trügerischer Größe anwachsen. Neletas Bild füllte seine Augen. In dem Kreis von Wasser und Schlamm, in dem sich sein Leben abspielte, konnte er sich nicht bewegen, ohne auf etwas zu stoßen, das ihn an sie gemahnte. Er sah sie im Walde, wo sie sich als Kinder verirrten – er sah sie auf dem See, wo sie sich in der süßen Stille der Nacht einander gaben. Gepeinigt von der Enthaltsamkeit, die sein gesundes Leben in freier Luft noch fühlbarer machte, hatte er unruhige Träume, und Sangonera hörte ihn nachts, fauchend wie ein brünstiges Tier, nach Neleta rufen.

Und eines Tages fühlte Tonet, dem diese Leidenschaft den Verstand raubte, daß er sie um jeden Preis sehen müsse. Cañamel, dessen Kränklichkeit zunahm, war zur Stadt gefahren, und in der Mittagsstunde, während der die Stammgäste sich in ihren Häusern aufhielten, betrat der Kubaner resolut die Taverne.

Als die Wirtin ihn auf der Schwelle bemerkte, stieß sie einen leisen Schrei aus, wie beim Anblick eines vom Tode Auferstandenen. Ihre Augen leuchteten freudig auf, um sich aber gleich darauf zu verdüstern – die Vernunft behielt den Sieg. Neleta senkte den Kopf mit harter, unzugänglicher Miene. »Geh, geh! ...« murmelte sie. »Willst du mich zugrunde richten?«

Sie zugrunde richten, er! ... Diese Annahme bekümmerte ihn derartig, daß er keine Widerrede wagte. Instinktiv wich er zurück, und so rasch er auch seine Schwäche bereute – schon befand er sich auf der Plaza, fern der Taverne. Er unternahm keinen neuen Versuch. Wenn seine unterdrückte Leidenschaft ihn zu ihr treiben wollte, wirkte die Erinnerung an die schroffe Art ihrer Zurückweisung sofort erkältend. Es war endgültig alles aus. Cañamel, über den er sich früher lustig gemacht hatte, war zu einem unüberwindlichen Hindernis geworden.

Der Haß gegen Neletas Mann brachte ihn dazu, seinen Großvater zu quälen. Alles, was er diesem abnehmen konnte, bedeutete – so redete er sich ein – eine Einbuße für Cañamel. Geld! Geld wollte er haben! ... Das wäre das Richtige, bei der Sequiota schön zu verdienen und den wahren Eigentümer zu vergessen! Die ständigen Forderungen führten zu Auseinandersetzungen zwischen Großvater und Enkel, die nur durch ein Wunder nicht in Schlägen endigten. Die alten Fischer am Kanalufer erstaunten jedenfalls über die Geduld, mit der der Alte immer wieder Tonet zu überzeugen suchte.

»Wir haben ein schlechtes Jahr erwischt. Obendrein ist Cañamel sehr krank und überhaupt nicht mehr mit ihm auszukommen. Manchmal ist mir die ganze Sache so über, daß ich wünsche, das Jahr wäre zu Ende und die neue Verlosung fände statt. Der Teufel soll ein Unternehmen holen, das so viele Unannehmlichkeiten mit sich bringt. Mein alter Grundsatz bleibt der beste: jeder fische für seine eigene Rechnung! Gemeinschaftliches Geschäft? ... Nicht mit der eigenen Frau!«

Gelang es Tonet, aus dem Alten einige Duros herauszupressen, so pfiff er wohlgemut seinem treuen Sangonera, und beide wanderten von Kneipe zu Kneipe bis nach Valencia, wo sie in den Spelunken der Vorstädte einige Tage schlemmten, bis die leeren Taschen sie zur Rückkehr nach der Albufera zwangen.

Gelegentlich dieser Zwiste mit seinem Großvater hatte Tonet auch allerlei über Cañamels Krankheit erfahren. Sie lieferte Palmar einen ergiebigen Gesprächsstoff – war doch der Schankwirt, dessen Gefälligkeit fast jeder in einem Moment der Verlegenheit in Anspruch nahm, die erste Person im Dorf. Sein Leiden verschlimmerte sich, und alle, die es bisher für pure Einbildung des Dicken gehalten hatten, mußten zugeben, daß seine Gesundheit wirklich ruiniert war.

Jeden Tag klagte er mehr, ohne den Sitz des Übels genau angeben zu können. Der heimtückische Rheumatismus, das natürliche Produkt dieses Sumpfbodens, verschärft durch den Mangel an jeglicher Bewegung, ging in diesem mächtigen Körper um, wo er Versteck spielte mit den heißen Breiumschlägen und den Hausmitteln, die ihn in diesem närrischen Wettrennen nie erreichen konnten. Morgens stöhnte der Wirt über seinen Kopf, abends über seinen Bauch oder die angeschwollenen Glieder. Am schlimmsten waren die Nächte – oft sprang er aus dem Bett und öffnete mitten im Winter das Fenster, weil seinen Lungen die Luft mangelte.

Einmal glaubte er seine mysteriöse Krankheit demaskiert zu haben.

»Jetzt weiß ich, wo diese Spitzbübin sitzt!« meinte er hocherfreut. »Jetzt habe ich sie! Wenn ich viel esse, wird die Atemnot größer; auch spüre ich dann heftigen Brechreiz. Also sitzt sie im Magen.«

Und gleich begann er an sich herumzudoktern, hierbei die Weisheit des alten Paloma rühmend, der schon längst vor dem reichlichen Essen und Trinken gewarnt hätte.

Auch spazierte er jetzt häufiger ins Dorf, und bei diesen Gängen traf er bisweilen seine schreckliche Schwägerin Samaruca.

»Einmal in seinem Leben hat er doch Schamgefühl gezeigt!« hatte sie über ihren Schwager geurteilt, als sie die Kunde von Tonets Verbannung erfuhr. Da es ihr vor Neleta nicht geheuer war, lauerte sie Cañamel außerhalb der Taverne auf, um sich mit übertriebenem Interesse nach seinem Befinden zu erkundigen und über seine Torheit zu jammern.

»Nach dem Verlust der Seligen hättest du allein bleiben müssen. Aber nein, du wolltest den Jugendlichen spielen und nahmst dir ein junges Küken! Jetzt hast du die Bescherung: Ärger und Krankheit! Die Folgen dieser Dummheit zeigen sich jetzt in deinem Körper, und verhüte der Himmel, daß sie dich das Leben kosten!«

Sprach ihr Cañamel von seinem kranken Magen, so fixierte ihn die boshafte Gevatterin mit einem bestürzten Blick, als zuckte in ihrem Hirn ein Gedanke auf, über den sie selbst erschreckte.

»Ist es wirklich ein Magenleiden? ... Man wird dir doch nicht etwas eingegeben haben, um dich für immer loszuwerden? ...« fragte sie, und in ihren Augen lag eine so deutliche, so gehässige Anklage gegen Neleta, daß es ihrem Schwager in den Händen juckte, sie zu verprügeln.

»Mach dich fort, du Biest! Schon die arme Selige sagte, daß sie dich mehr als den Teufel fürchtete.«

Wütend drehte er ihr den Rücken.

Eine solche Ruchlosigkeit bei Neleta zu argwöhnen! ... Niemals war sie so gut zu ihm, so fürsorglich gewesen. Wenn er aus der Zeit, als Tonet sich mit schweigender Zustimmung seiner Frau zum Herrn der Taverne aufgeworfen hatte, noch etwas Groll bewahrte, so richtete sich dieser jetzt nicht mehr gegen Neleta, die alle Obliegenheiten im Hause im Stich ließ, um nur für ihren Gatten zu sorgen.

Sie zweifelte auch an den Fähigkeiten des ambulanten Arztes, der unentwegt, als wüßte er nichts von anderen Medikamenten, Chinin in allerdings reichlicher Menge verschrieb.

Ungeachtet aller Einsprüche ihres Mannes kleidete sie ihn wie ein kleines Kind vom Kopf bis zum Fuß an, wobei jedes einzelne Wäsche- oder Kleidungsstück stöhnende Proteste des Rheumatikers hervorrief, und brachte ihn nach Valencia, damit er dort von einigen berühmten Ärzten untersucht würde.

Das Ergebnis war stets dasselbe: nichts als Rheumatismus, aber ein ungemein schwerer Rheumatismus, der sich nicht an einer bestimmten Stelle festgesetzt hatte, sondern den ganzen Organismus verseuchte. Auch die Verordnung lautete immer gleich. Er sollte sich Bewegung machen, körperlich arbeiten, und vor allem den Alkohol meiden – man sah ihm doch den Schankwirt an, der gern mit seinen Gästen bechert!

»Und keine Exzesse! Auch darin maßhalten!« Und die Ärzte begleiteten mit bedeutsamen Augenzwinkern diese letzte, halblaut gegebene Anweisung, die sie in Gegenwart seiner Frau nicht klarer formulieren mochten.

Von plötzlicher Energie beseelt, fuhr Cañamel mit seiner Neleta heim. Zu allem war er bereit – er wollte sich Bewegung machen, um dieses Fett loszuwerden, das seine Knochen umwucherte und auf seinen Lungen lastete; wollte Bäder nehmen; wollte seiner Frau, die mehr verstand als er, gehorsam sein. Doch kaum betrat er die Taverne, so sackte sein Wille zusammen. Das Wohlbehagen völligen Nichtstuns kroch in ihm auf; wieder vertrödelte er seine Tage am Ofen, blickte mit leerem Hirn ins Feuer und pichelte mit, wenn seine Freunde ihm zutranken.

»Von einem Mal mehr wird man nicht gleich sterben!«

Wenn ihn Neleta streng anschaute und wie einen kleinen Jungen herunterputzte, erschöpfte sich der Koloß in demütigen Entschuldigungen.

»Ich darf doch meine Kunden nicht schlecht behandeln; als Wirt habe ich Rücksichten auf meine Gäste zu nehmen. Zu allererst das Geschäft und dann erst die Gesundheit!«

Mitten in diesem Verfall, während sein Wille ohnmächtig daniederlag, während sein Körper von Schmerzen geknebelt wurde, schien seine sinnliche Begierde zu wachsen und in einem Maße, daß sie ihn jederzeit heiß wie Feuer zwickte. Neletas Hingabe gewährte ihm eine gewisse Linderung – es war wie ein Peitschenhieb, der sein ganzes Wesen erschütterte, nach dem sich aber seine Nerven anscheinend beruhigten.

»Du wirst dich umbringen!« zankte seine Frau. »Denk an die Vorschriften der Ärzte!«

Aber Onkel Paco stotterte dieselben Worte, mit denen er seine Gläschen entschuldigte:

»Von einem Mal mehr wird man nicht gleich sterben!«

Sie gab nach, indes in ihren Katzenaugen ein bösartiger Blitz aufzuckte, als sei ihr diese Liebe, die das Ende eines Lebens beschleunigte, ein seltsamer Genuß.

Für den stöhnenden Cañamel bildete das wollüstige Begehren die einzige Zerstreuung, den ständigen Gedanken in seiner qualvollen Unbeweglichkeit. Nachts litt er im Bett an Erstickungsanfällen, und in einem Armstuhl erwartete er, mühsam wie ein Asthmatiker röchelnd, am offenen Fenster das Morgengrauen. Bei Tage fühlte er sich etwas besser, und wenn er es satt bekam, seine Beine vor dem Feuer zu rösten, ging er schwankenden Schrittes ins Innere des Hauses.

»Neleta! ... Neleta!« rief er in einem ängstlichen Ton, der seiner Frau seine Bitte verriet.

Mit resignierter Miene überließ sie ihrer Tante den Platz hinter dem Schanktisch, um mehr als eine Stunde unsichtbar zu bleiben, worüber die Stammgäste, für die es in Cañamels Hause keine Heimlichkeiten gab, verständnisinnig schmunzelten.

Der alte Paloma, der, je mehr sich das gemeinsame Unternehmen seinem Ende zuneigte, desto weniger Respekt vor seinem Partner bekundete, sagte ganz offen:

»Wie geile Hunde auf der Straße treiben sie's.«

Und Samaruca erklärte überall, daß man im besten Zuge wäre, ihren Schwager zu morden.

»Neletas alte Tante ist eine Hexe, und die beiden haben Paco sicher etwas eingegeben, das seinen Verstand verwirrt. Wahrscheinlich Verführungspulver! Wie könnte der arme Mensch sonst so toll hinter ihr her sein, ohne jemals genug zu bekommen! Jeden Tag verliert er einen weiteren Fetzen seiner Gesundheit! ... Gibt es denn keine Gerechtigkeit auf Erden, um dieses Verbrechen zu strafen?«

Cañamels Zustand rechtfertigte das Getuschel. Sogar an den heißen Sommertagen sahen ihn die Gäste in eine Manta gehüllt am Herd kleben, auf dem der Fischreis schmorte. Ungehindert setzten sich dicke Brummer auf seinen Kopf. Seine Lippen nahmen eine bläuliche Farbe an; die schlaffen, aufgedunsenen Backen waren gelb wie Wachs, und um die herausquellenden Augen lagen breite schwarze Ringe, in denen sie zu versinken schienen. Eine enorme Masse von Fett, ein Phantom mit zitternden Gliedern, dessen Gegenwart den Gästen die Laune verdarb! Der alte Paloma kam nicht mehr zur Taverne. Der Wein schmeckte ihm sauer beim Anblick dieses Jammerbündels, und als sein Geschäft mit Cañamel beendet war, siedelte er in eine andere Kneipe über, wohin ihm seine Freunde nachfolgten.

Neleta drängte ihren Mann, sich der von den Ärzten empfohlenen Badekur zu unterziehen.

»Später ... später! Im nächsten Monat«, antwortete der Kranke, unfähig, sich von seiner Frau und diesem Winkel zu trennen, mit dem sein Leben verkettet zu sein schien.

Erst das enorme Anschwellen der Fußknöchel – eine Erscheinung, die die Ärzte in Valencia vorausgesagt hatten – riß Cañamel aus seiner Betäubung, und gehorsam fügte er sich Neletas Bestimmung, nach Ruzafa zu fahren. Wie alle Wohlhabenden von Palmar hatten sie dort, wo man über die Ärzte und Apotheken Valencias verfügen konnte, für den Fall einer schweren Erkrankung ein Häuschen gemietet.

Von der Tante seiner Frau begleitet, brachte Cañamel vierzehn Tage in Ruzafa zu. Doch kaum ging die Anschwellung ein wenig zurück, so kehrte er heim. War das ein Leben ... fern von seiner Neleta? In Ruzafa fühlte er die Kälte des Todes, wenn auf seinen Ruf statt seiner Frau das verrunzelte Gesicht der Tante erschien.

Zu Hause verfiel er sofort in die alten Gewohnheiten, und von neuem hörte man in der Taverne sein ewiges Wehklagen.

Aber Anfang Oktober mußte er wieder nach Ruzafa, diesmal in schlimmerem Zustande. Die Geschwulst griff jetzt auch auf seine ohnedies schon vom Rheumatismus entstellten Beine über, die monströse Formen annahmen, wahre Elefantenbeine wurden und die er, auf irgend jemand gestützt, mühselig nachschleifte.

Die Tante war frühmorgens im »Aalkarren« schon vorausgefahren, um das Häuschen in Ordnung zu bringen, während Cañamel, von seiner Frau bis ans Ufer geleitet, in der Postbarke nachkam.

Als Neleta abends die Taverne verriegelt hatte und zu Bett ging, meinte sie auf der Kanalseite einen Pfiff zu hören, den sie schon seit ihrer Kindheit kannte. Sie öffnete ein Fenster, um nachzusehen. Er war es! Stand da traurig wie ein Hund, der leise hofft, daß man ihn einläßt.

Die Wirtin schloß das Fenster und legte sich nieder. Welche Narrheit! Glaubte Tonet wirklich, sie sei so dumm, in einem Moment der Leidenschaft ihre ganze Zukunft aufs Spiel zu setzen? Abwarten! Vielleicht nahte das Glück, wenn man es am wenigsten erhoffte!

In Tonets Leben gab es eine neue Umwälzung. Wieder führte er sich gut, wieder lebte er in der väterlichen Hütte und arbeitete auf den Feldern, die dank der Zähigkeit des Vaters fast die ganze Lagune verdrängt hatten. Mit dem abenteuerlichen Leben in der Dehesa war es vorbei. Die Gendarmen von Ruzafa bedachten sie zu häufig mit Streifen, und diese schnurrbärtigen Gesellen mit dem Inquisitorengesicht hatten ihn wissen lassen, daß sie den ersten Flintenschuß, den er unter den Pinien abfeuerte, mit einer Mauserkugel beantworten würden.

Der Kubaner beherzigte diese Ankündigung. Die Männer mit dem gelben Lederzeug glichen nicht den Flurhütern; sie waren durchaus fähig, ihn am Fuße eines Baumes tot liegenzulassen! ... Dann ein Stück Papier mit dem Rapport – und die ganze Sache war erledigt!

Daher erhielt Sangonera den Abschied, worauf er sein fahrendes Leben wieder aufnahm, sich im Rausch mit Blumenkränzen schmückte und überall am See die geheimnisvolle Erscheinung suchte, die ihm Tag und Nacht vor Augen stand.

Tonet selbst hing die Flinte in der Hütte seines Vaters auf und schwor, daß er sein früheres Leben auf tiefste bereute. Seine Worte klangen so aufrichtig, daß Toni seinen Sohn umarmte – zum erstenmal seit der Rückkehr von Kuba.

Traurigkeit war es, die Tonets Willen stärkte. Er hatte gesehen, wie Neleta ihr Fenster öffnete, dann wieder schloß. Sie mußte ihn erkannt haben – und dennoch war sie stumm geblieben? ... Also blieb ihm nichts mehr zu hoffen, blieb ihm nur noch die Liebe der Seinigen. Immer enger schloß er sich seinem Vater und Borda an, teilte ihre Hoffnungen wie ihre Mühen und beglückte sie durch sein Betragen; denn selten nur trank er ein Glas Wein, und die Abende verbrachte er in Gesellschaft des Vaters, dem er Geschichten von Kuba zum besten gab.

Borda strahlte.

»Der arme, liebe Junge! Ihr ahnt nicht, wie gut er im Grunde ist! Und welche Freude er dem Vater bereitet!« lobte sie ihn, wenn sie mit einer Nachbarin sprach.

Ganz plötzlich ließ Neleta die Taverne im Stich, um nach Ruzafa zu fahren. So groß war ihre Hast, daß sie die Postbarke nicht abwarten wollte, sondern den alten Paloma rief, damit er sie mit seinem kleinen Boot in Saler oder dem Hafen von Catarroja oder sonst irgendeinem Ort an der Küste absetze, von wo sie Ruzafa erreichen konnte.

Cañamel ging es sehr schlecht, aber nicht das nahm Neleta so schwer. Vormittags hatte die von Ruzafa herbeigeeilte Tante ihr Neuigkeiten erzählt, die sie hinter ihrem Schanktisch zu Stein werden ließen. Seit vier Tagen befand sich die Samaruca in Ruzafa, als Verwandte im selben Hause installiert, und mit ihr ein Neffe, den sie wie ein eigenes Kind liebte – derselbe Bursche, der in der Nacht der Serenaden von Tonet mißhandelt wurde. Anfänglich hatte die gutmütige Pflegerin in ihrer Herzenseinfalt dazu geschwiegen – es waren ja schließlich Verwandte Cañamels – und warum den Kranken dieser Zerstreuung berauben? Aber dann hörte sie zufällig vor zwei Abenden, wie Samaruca ihrem Schwager beteuerte, daß Tonet seit der Abreise des Wirts jede Nacht in die Taverne schlüpfe.

»Außerdem« – als sie dies erzählte, zitterte die Alte vor Furcht – »kamen gestern zwei von Samaruca und ihrem Neffen geführte Herren ins Haus, von denen der eine mit gedämpfter Stimme Fragen an Cañamel richtete und der andere schrieb. Sicher hat das etwas mit dem Testament zu tun.«

Bei dieser Nachricht offenbarte sich Neleta so, wie sie wirklich war. Ihre kleine Mimosenstimme mit dem süßen Tonfall wurde rauh, die Augen funkelten, über ihre Haut lief eine grünliche Welle.

»Carajo!« fluchte sie, genau wie irgendeiner der bei ihr verkehrenden Fischer. »Damit mir das passiert, habe ich Cañamel geheiratet? ... Deshalb ertrage ich diese endlosen Quälereien und zwinge mich, sanft und liebreich zu sein?«

Ihr erster Impuls war, mit den Fäusten auf ihre Tante loszugehen, die in letzter Stunde erst den Mund auftat, wenn es vielleicht schon kein Mittel mehr gab, dem Unheil zu steuern. Aber sich bewußt werdend, daß sie hiermit nur kostbare Zeit verlieren würde, zog sie es vor, zum Boot des alten Paloma zu rennen. Sie selbst half ihm beim Staken. Nur rasch, rasch aus dem Kanal hinaus und das Segel setzen!

Spät nachmittags brach sie wie ein Orkan in das kleine Häuschen in Ruzafa ein. Samaruca erbleichte bei ihrem Anblick und wich unwillkürlich in der Richtung zur Tür zurück; doch ehe sie sich in Sicherheit bringen konnte, versetzte ihr Neleta eine schallende Ohrfeige. Schon lagen sich die beiden Frauen, stumm vor Wut, in den Haaren; sie zerrten sich durch das Zimmer, stießen gegen die Wände, warfen die Stühle um, ohne daß die in das Haar der Gegnerin verkrallten Finger nachgaben.

Samaruca war stark – die Gevatterinnen Palmars bangten vor ihr –, aber Neleta verbarg unter der Süße ihres Lächelns und der Sanftheit ihrer Stimme die Gewandtheit einer Schlange. Außer sich vor Grimm biß sie in die Backe ihrer Feindin, daß das Blut hervorquoll.

»Was gibt's denn?« plärrte nebenan die Stimme Cañamels, den der Lärm erschreckte. »Was geht dort vor?«

Der Arzt, der sich gerade zur Untersuchung bei ihm befand, trat aus dem Krankenzimmer, und mit Unterstützung von Samarucas Neffen gelang es ihm, die beiden Frauen zu trennen, wobei er selbst gehörig zerkratzt wurde. An der Tür drängten sich die Nachbarinnen. Sie bewunderten die blinde Erbitterung, mit der die Frauen kämpften, und lobten den Mut der kleinen Blonden, die Tränen vergoß, weil sie sich nicht weiter »Luft machen« konnte.

Samaruca floh, mit ihr der Neffe. Die Haustür wurde verschlossen, und Neleta betrat, die Haare zerwühlt und rote Nagelspuren im Gesicht, das Zimmer ihres Mannes.

Cañamel war eine Ruine. Das Ödem breitete sich, wie der Arzt sagte, jetzt auch im Bauch aus; die Lippen zeigten die fahlblaue Färbung eines Leichnams. Er wirkte noch riesiger, wie er, den Kopf zwischen die Schultern eingezogen, im Sessel saß, das Opfer einer Schlafsucht, die er nur auf Kosten großer Anstrengung zu überwinden vermochte. Er fragte nicht mehr nach der Ursache des Lärms, den er bereits vergessen zu haben schien, aber beim Anblick seiner Frau verzog sich sein Fettgesicht zu einem kleinen, frohen Lächeln:

»Es geht mir sehr schlecht, Neleta ... sehr schlecht!«

Er konnte sich nicht mehr bewegen. Versuchte er sich hinzulegen, so fehlte ihm der Atem, und man mußte trachten, ihn so schnell wie möglich wieder hochzuheben, damit er nicht erstickte.

Neleta traf alle Vorbereitungen für einen längeren Aufenthalt. Ah, Samaruca sollte sie nicht mehr zum besten haben! Sie würde Paco nicht mehr aus den Augen lassen, bis er gesund genug war, mit ihr ins Dorf zurückzukehren! ... Aber im Grunde glaubte sie selbst nicht an die Möglichkeit, daß er die Ufer der Albufera noch einmal wiedersehen könnte. Auch die Ärzte hielten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berge: Cañamel litt an einem kardialen Rheumatismus, der Asystholie – eine Krankheit, gegen die man machtlos war! Das Herz konnte in irgendeinem Augenblick unvermutet aussetzen und so das Ende herbeiführen.

Neleta wich Tag und Nacht nicht von ihrem Gatten. Ihre Gedanken beschäftigten sich unablässig mit dem in ihrer Abwesenheit verfaßten Dokument. Cañamels Lethargie versetzte sie in helle Wut – sie wollte wissen, was er, von der verfluchten Samaruca inspiriert, diesen beiden Herren diktiert hatte, und wiederholt schüttelte sie ihn, um ihn aus seinem Dämmerzustand zu wecken.

Doch wenn ihr Paco sich sekundenlang ermunterte, antwortete er stets das gleiche:

»Ich habe über alles aufs beste verfügt. Wenn du dich gut führst und wenn du mich so liebst, wie du es oft genug geschworen hast, brauchst du nichts zu befürchten!«

Zehn Tage später starb er in seinem Sessel, vom Asthma erstickt, ungeheuerlich aufgeschwollen.

Neleta fand kaum Zeit zu weinen. Etwas anderes nahm sie ganz und gar in Anspruch. Als der Sarg versunken war und sie die Beileidsbezeigungen des Trauergeleites überstanden hatte, eilte sie zum Notar, um sich über das Testament ihres Gatten zu unterrichten.

Und sie erfuhr, daß Cañamel, wie er es in seinen letzten Augenblicken bekräftigte, alles bestens geordnet hatte.

Er setzte Neleta als einzige Erbin ein, ohne irgendwelche Legate oder Sondervermächtnisse zu machen. Sollte sie sich aber wiederverheiraten oder durch ihr Benehmen beweisen, daß sie Liebesbeziehungen zu einem Mann unterhielte, so fiel die Hälfte des Vermögens an seine Schwägerin und die übrigen Verwandten seiner ersten Frau.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.