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Alexander Lange Kielland: Sultan - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorAlexander L. Kielland
booktitleMeisternovellen nordischer Autoren
titleSultan
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080505
projectid23680b2e
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I.

Fräulein Thyra trat ans Sprachrohr und rief:

»Sind Sultans Koteletts noch nicht bald fertig?«

»Sie stehen zum Abkühlen im Fenster; sobald sie gut sind, bringt Stine sie rauf« – also tönte Jungfer Hansens Stimme aus der Küche herauf.

Sultan hatte es gehört, ging ruhig hin und legte sich auf den Kaminteppich.

»Er versteht viel besser als ein Mensch«, pflegte der Großhändler zu sagen.

Am Frühstückstisch saß außer den Familienmitgliedern noch ein alter Feind Sultans – der einzige, den er hatte. Aber der Rechtskandidat Wiggo Hansen war so vielen Dingen hier in der Welt feind, und seine bissige Zunge war in ganz Kopenhagen wohlbekannt.

In dieser Familie hatte er sich nach vieljährigem freundschaftlichen Verkehr eine besondere Offenherzigkeit zugelegt: und wenn er schlechter Laune war, was immer der Fall war, ließ er seine Bosheit schonungslos an allem und allen aus.

Namentlich dem Sultan saß er fortwährend auf dem Nacken.

»Dieses große, gelbe Biest«, pflegte er zu sagen, »wird hier gehätschelt und getätschelt und mit Braten und Karbonade gefüttert, während so manches Menschenkind sich um ein Stück trockenes Brot in die Finger beißen muß.«

Hier war indes der wunde Punkt, und der Kandidat hätte sich hüten sollen, daran zu rühren. Sobald jemand Sultan mit einem Worte zu nahekam, das nicht unbedingt Bewunderung war, bekam er von der ganzen Familie einen vereinten Blick, und der Großhändler hatte dem Kandidaten sogar offen heraus gesagt, eines schönen Tages könnte er leicht mal ernstlich böse werden, wenn er von Sultan nicht in passendem Tone sprechen wollte.

Fräulein Thyra aber haßte den Kandidaten deshalb geradezu: und obgleich Waldemar jetzt erwachsen war – jedenfalls schon Student –, so machte er sich doch immer noch ein Vergnügen daraus, dem Kandidaten die Handschuhe aus der Tasche zu stehlen und sie Sultan zum Zerreißen zu übergeben.

Ja sogar die gnädige Frau, die doch so mild und süß wie Teewasser war, mußte den Kandidaten zuweilen vornehmen und ihn ernstlich tadeln: wie er's nur übers Herz bringen könne, so böse von dem süßen Tier zu sprechen.

Das alles verstand Sultan sehr wohl; aber er verachtete den Kandidaten und nahm keine Notiz von ihm. Er ließ sich dazu herbei, die Handschuhe zu zerreißen, weil das seinem Freunde Waldemar nun einmal Freude machte; im übrigen aber tat er, als sähe er den Kandidaten gar nicht.

Als die Koteletts kamen, verspeiste Sultan sie still und diskret. Er zermalmte die Knochen nicht, sondern nagte sie ganz sauber ab und leckte den Teller aus.

Dann ging er zum Großhändler und legte seine rechte Tatze auf dessen Knie.

»Mahlzeit – Mahlzeit, alter Knabe!« rief der Großhändler gerührt; er wurde jeden Morgen wieder gerührt, sooft sich das wiederholte.

»Du kannst Sultan doch nicht alt nennen, Papa«, sagte Student Waldemar etwas überlegen.

»Na – weißt du! – er hat nun bald seine acht Jahre auf dem Nacken.«

»Ja aber, lieber Mann,« sprach die Frau milde, »ein Hund von acht Jahren ist doch noch kein alter Hund.«

»Nicht wahr, Mama!« rief Waldemar eifrig: »du stimmst mir bei, – ein Hund von acht Jahren ist noch kein alter Hund.«

Und im Nu war die ganze Familie in zwei Parteien geteilt – in zwei sehr eifrige Parteien, die mit einem unaufhaltsamen Wortstrom darüber zu debattieren anfingen, ob man einen Hund von acht Jahren einen alten Hund nennen könne oder nicht. Man wurde auf beiden Seiten warm; und obgleich alle wieder und wieder unverändert und gleichzeitig ihre Meinung aussprachen, so sah es doch nicht danach aus, als ob es zu einer Einigkeit kommen würde, nicht einmal, als die alte Großmutter von ihrem Stuhl auffuhr und absolut von dem Leibmops der hochseligen Königin-Witwe erzählen wollte, den sie die Ehre gehabt habe, von der Straße her zu kennen.

Aber mitten in den unlenkbaren Wortwirbel kam eine Stockung, als einer auf die Uhr sah und rief: »Der Dampfer!« Alle standen auf; die Herren, die nach der Stadt mußten, stürzten davon; die ganze Gesellschaft zerstreute sich in alle Winde, und die Frage, ob man einen Hund von acht Jahren einen alten Hund nennen könne oder nicht, blieb ungelöst.

Nur Sultan rührte sich nicht. Er war diesen Familienlärm gewohnt, und die ungelösten Fragen interessierten ihn nicht. Er ließ seine klugen Augen über den verlassenen Frühstückstisch gleiten, senkte seine schwarze Schnauze auf die mächtigen Tatzen und schloß die Augen zu einem kleinen Frühstücksschlummer. Solange man hier draußen auf dem Lande war, gab es auch nicht viel anderes zu tun als essen und schlafen.

Sultan war ein echter, dänischer Rassenhund aus dem Zoologischen Garten; seinen Bruder hatte sogar der König gekauft, was allen, die im Hause verkehrten, ausdrücklich erzählt wurde.

Aber trotzdem hatte er eine ziemlich harte Jugend gehabt; denn seine ursprüngliche Bestimmung war gewesen, Platzhund zu werden draußen auf den großen Kohlenlagern des Großhändlers in Kristianshafen.

Dort führte sich Sultan musterhaft auf. Des Nachts wild und rasend wie ein Tiger, war er tagsüber so still und freundlich, ja demütig, daß der Großhändler auf ihn aufmerksam wurde und Sultan vom Platzhund zum Stubenhund beförderte.

Und eigentlich erst von diesem Augenblick an entwickelte das edle Tier all seine Vollkommenheiten.

Von Anfang an hatte es eine eigene bescheidene Art, an der Tür stehen zu bleiben und den, der hineinging, demütig anzublicken, so daß es ganz unmöglich war, ihn nicht in den Salon mit hineinschlüpfen zu lassen. Und dort fand er sich bald zurecht, anfangs unter dem Sofa, später aber auf dem weichen Teppich vor dem Kamin.

Und je mehr die übrigen Mitglieder der Familie seine seltenen Eigenschaften schätzen lernten, um so weiter avancierte Sultan, so daß der Kandidat Hansen behauptete, er wäre der eigentliche Herr im Hause.

Und allerdings hatte er jetzt in seinem ganzen Auftreten etwas, das deutlich zu erkennen gab, daß er sich der Stellung, die er einnahm, wohl bewußt war. Er blieb nicht mehr demütig an der Tür stehen, sondern ging selbst voraus, sobald jemand öffnete. Und wurde ihm nicht sofort geöffnet, wenn er scharrte, so erhob sich das mächtige Tier auf die Hinterbeine, legte die Tatzen auf die Türklinke und öffnete sich selbst.

Als er dies Kunststück zum erstenmal machte, rief die Hausfrau entzückt: »Ist er nicht reizend? – Ganz wie ein Mensch, nur viel besser und treuer.«

Das war auch die Meinung der anderen im Hause, daß Sultan besser sei als ein Mensch. Und jeder von ihnen schien gewissermaßen etwas von seinen eigenen Sünden und Schwächen loszuwerden durch diese bewundernde Verehrung des edlen Tieres; und jedesmal, wenn einer mit sich selbst oder mit anderen unzufrieden war, erhielt Sultan die allervertraulichsten Mitteilungen und die heiligsten Versicherungen, daß er doch schließlich der einzige sei, auf den man sich verlassen könne.

Wenn aber Fräulein Thyra enttäuscht von einem Balle kam oder ihre beste Freundin treulos ein schrecklich großes Geheimnis verraten hatte, dann warf sie sich weinend über Sultan: »Nun hab' ich nur noch dich, Sultan! Außer dir gibt es niemand – niemand – niemand auf Erden, der mich lieb hat. Nun sind wir beide ganz allein in der weiten, weiten Welt. Du aber wirst deine arme, kleine Thyra nicht verraten – das mußt du mir geloben, Sultan!« – und dann weinte sie, daß es über Sultans schwarze Nase hinuntertropfte.

Deshalb war es auch nicht zu verwundern, daß Sultan im Hause mit einer gewissen Würde auftrat. Aber auch auf der Straße konnte man's ihm ansehen, er fühlte sich sicher, und war stolz darauf, Hund zu sein in einer Stadt, in der die Hunde die Macht haben.

Wenn man auf dem Lande wohnte, pflegte Sultan im allgemeinen wöchentlich nur einmal mit in die Stadt zu gehen, um alte Bekannte zu beschnuppern. Hier draußen auf dem Lande lebte er ausschließlich seiner Gesundheit: badete, wälzte sich in den Blumenbeeten und ging dann in die Zimmer, um sich an den Möbeln, den Damen und schließlich an dem Kaminteppich trocken zu reiben.

Für den übrigen Teil des Jahres aber stand ihm ganz Kopenhagen zur Verfügung und er verfügte über die Stadt mit der größten Verwegenheit.

Was war das für ein Genuß, zu Beginn des Frühlings, wenn auf den öffentlichen Plätzen, die kein menschlicher Fuß betreten durfte, das Gras zu sprießen anfing, mit einigen guten Freunden auf und ab und rings im Kreise herum zu rennen, daß die Grasbüschel hoch in die Luft flogen.

Oder wenn die Leute des Gärtners zum Mittagessen nach Hause gegangen waren, nachdem sie sich den ganzen Vormittag mit den seinen Blumen und Büschen beschäftigt hatten, – wie amüsant war es da nicht, so zu tun, als grabe man nach Maulwürfen: die Schnauze mitten im Blumenbeet in die Erde zu stecken, zu prusten und zu blasen und dann die Erde mit den Vorderbeinen aufzugraben: ein wenig innezuhalten, dann die Schnauze wieder hineinzustecken, zu blasen und nun die Erde aus allen Kräften aufzugraben, bis das Loch so tief war, daß ein einziger kräftiger Stoß mit den Hinterbeinen einen ganzen Rosenstock mit Wurzeln und Erdreich hoch, hoch in die Luft schleudern konnte.

Wenn Sultan nach einer solchen Tat in der warmen Frühlingssonne still mitten auf dem Rasen lag und die Menschen im Staub oder Schmutz bescheiden um den Rasenplatz herumkeuchen sah, dann wedelte er sich in aller Stille selbst mit dem Schwanze an.

Und dann die großen Raufereien in den Anlagen und rings um das Pferd auf dem Neumarkt. Von dort ging's im Sturm naß und beschmutzt hinauf über die Östergade zwischen Menschenbeinen hindurch, wobei er sich an Röcken und Herrenhosen rieb, alle Damen und Kinder umrannte, bald in einen Hofraum stürzte, die Hintertreppe hinauf einer Katze nach, bald Schrecken und Verwirrung verbreitete, indem er einem alten Feinde, den er traf, an die Gurgel fuhr – oder bisweilen konnte sich Sultan auch dadurch amüsieren, daß er unmittelbar vor einem kleinen Mädchen, das für seine Mutter einen Gang machte, stehen blieb, dem Kinde die schwarze Nase gerade ins Gesicht stieß und dann aus vollem Rachen brüllte: wau – wau – wau!

Dann mußte man die Kleine sehen! Das Gesicht wurde blau, die Arme hingen steif herunter, es trippelte mit den Füßen, konnte aber keinen Angstschrei hervorbringen.

Aber die erwachsenen Damen auf der Straße schalten sie und sagten:

»Bist du ein kleines Närrchen! Wie kannst du vor solch einem schönen, prächtigen Hunde Angst haben! Er wollte ja nur mit dir spielen; schau, wie groß und prachtvoll er ist, willst du ihn nicht streicheln?«

Aber das wollte die Kleine unter keiner Bedingung: und als sie dann zur Mutter nach Hause kam, steckte das Schluchzen ihr noch in der Kehle. Aber weder ihre Mutter noch der Doktor konnte später begreifen, warum das muntere, frische Kind bei dem geringsten Schreck blau und steif wurde und keinen Laut hervorbringen konnte.

Indes all diese Belustigungen waren blaß und zahm im Vergleich zu den grandes cavalcades d'amour, und bei diesen war Sultan immer einer der ersten. Sechs, acht, zehn, zwölf große gelbe, schwarze und rote Hunde mit einem langen Gefolge von kleinen und ganz kleinen, die so zerbissen und beschmutzt waren, daß man kaum sehen konnte, was es für Geschöpfe waren, aber trotzdem alle sehr mutig, die Schwänze hocherhoben und vor Eifer ganz außer Atem, obgleich sie gar keine andere Chance hatten, als von neuem Prügel zu bekommen und im Schmutz gerollt zu werden – und dann in wildem Galopp durch Straßen und Gärten, über Märkte und Blumenbeete, raufend und heulend, blutig und beschmutzt, mit heraushängenden Zungen, – aus dem Wege Menschen und Kinderwagen, Platz für der Hunde Kampf und Liebe – so rasten sie wie die Aasgaardsschar durch die unglückliche Stadt.

Von den Menschen auf den Straßen achtete Sultan niemand außer den Polizisten. Denn mit seinem scharfen Verstande hatte er längst eingesehen, daß die Polizei dazu da war, ihn und seine Mithunde gegen die mancherlei Übergriffe der Menschen zu schützen. Deshalb blieb er immer wohlwollend stehen, wenn er einen Polizisten traf, um sich hinter dem Ohr krauen zu lassen. Besonders wohlwollend war er gegen einen guten, dicken Freund, den er oft oben in Aabenraa traf, wo Sultan seit vielen Jahren eine Liaison hatte. –

Wenn der Polizeidiener Frode Hansen eine Kellertreppe hinaufstieg, was er sehr oft tat, denn er war ein gemütlicher Bursche, den zu einem Glase Bier einzuladen ein Vergnügen war, dann hatte sein Gesicht viel Ähnlichkeit mit der aufgehenden Sonne; denn es war rund und rot, warm und strahlend.

Aber wenn er dann in voller Figur auf dem Trottoir stand und einen strengen Blick die Straße hinauf und hinunter warf, um zu untersuchen, ob irgendeine übelgesinnte Person gesehen, wo er hergekommen war, dann tauchte eine Erinnerung auf an etwas, das wir als junge Menschen in der Physik studierten und das wir, glaub ich, den Ausdehnungskoeffizienten nannten.

Denn wenn man den tiefen Einschnitt betrachtete, den sein starker Gurt vorn und hinten und zu beiden Seiten machte, erhielt man unwillkürlich den Eindruck, in dem Magen des Polizisten Frode Hansen müsse solch ein Koeffizient sitzen, mit dem außerordentlich starken Drange, sich auszudehnen.

Und die Leute, die ihm begegneten – besonders wenn er gerade seinen starken Bierschlucken hatte –, wichen ängstlich einen Schritt auf die Seite. Denn sollte es mal passieren, daß der Koeffizient da im Innern über den starken Gurt siegte, so würden die Stücke, und vor allem die Bauchschnalle, mit einer Gewalt herumfliegen, daß sie sogar Spiegelscheiben zertrümmerten.

Im übrigen war es nicht gefährlich, Frode Hansen nahezukommen; er galt sogar für einen der unschädlichsten Polizisten. Äußerst selten machte er irgendwelche Anzeige. Trotzdem war er bei seinen Vorgesetzten gut angeschrieben. Denn wenn von anderen erst etwas gemeldet war, brauchte man bloß Frode Hansen zu fragen; er konnte über alles mögliche immer die eine oder andere Aufklärung geben.

Auf diese Weise ging es ihm gut in der Welt; ja er war beinahe beliebt in Aabenraa und weiter unten in der Wagenmacherstraße, und selbst Frau Hansen fand zuweilen Mittel und Wege, ihn zu einem Glase Bier einzuladen.

Und sie hatte doch nicht viel zu verschenken. Arm und dem Trunk ergeben, hatte sie genug zu tun, um sich mit ihren beiden Kindern durchzuschlagen. Was nicht so zu verstehen ist, als ob Frau Hansen gearbeitet oder versucht hätte, sich vorwärts oder gar emporzuarbeiten. Wenn es nur für die Miete reichte und dann noch ein wenig für Kaffee und Branntwein übrigblieb, so hegte sie weiter keine Illusionen.

In Wirklichkeit ging – selbst in Aabenraa – die allgemeine Meinung dahin, daß Frau Hansen eine Vettel war. Und wenn man sie fragte, ob sie Witwe sei, pflegte sie zu antworten: »Ja, sehen Sie – das kann man so leicht nicht wissen.«

Die Tochter zählte etwa fünfzehn Jahre; der Sohn war ein paar Jahre jünger. Auch in bezug auf diese beiden war die allgemeine Meinung in und bei Aabenraa die, daß ein ärgeres Geschwisterpaar in dieser Gegend selten aufgewachsen sei.

Waldemar war ein kleiner, bleicher, schwarzäugiger Bursche, glatt wie ein Aal, voller Bosheit und List, mit einem Gesicht wie Fensterleder, das in einer Sekunde die wildeste Frechheit mit der schafsartigsten Unschuld vertauschen konnte.

Auch von Thyra war weiter nichts Gutes zu sagen, als daß sie anscheinend ein hübsches Mädchen zu werden versprach. Aber es wurden schon allerhand häßliche Geschichten von ihr erzählt, und sie trieb sich zu sehr verschiedenen Zwecken überall in der Stadt umher.

Frau Hansen wollte diese Geschichten niemals hören; sie schlug sie in den Wind. Ebensowenig achtete sie auf den Rat der Nachbarn und Freundinnen: die Kinder sich selbst zu überlassen – sie wären wirklich verkommen genug dazu – und lieber ein paar Aftermieter zu nehmen, die bezahlten.

»Nein – nein!« antwortete Frau Hansen, »so lange sie bei mir eine Art Heim haben, kriegt sie die Polizei doch nicht ganz in die Klauen und sie kommen auch nicht vollständig abseits.«

Dieser Wunsch, daß die Kinder nicht vollständig abseits kommen sollten, war in ihrem bißchen Gehirn der letzte Punkt geworden, um den sich alles sammelte, was nach einem Leben wie dem ihrigen von einer Mutter übriggeblieben war.

Und darum plackte sie sich weiter, schalt und schlug die Kinder, wenn sie zu spät nach Hause kamen, machte ihnen das Bett zurecht und gab ihnen ein wenig zu essen und fesselte sie so an sich – in der Art, wie es nun einmal war.

Gar manches hatte Frau Hansen in ihrem Leben versucht: und alles hatte sie von Stufe zu Stufe immer weiter heruntergebracht: vom Dienstmädchen zur Aufwärterin, dann herunter an der Waschfrau vorbei zu dem, was sie jetzt war.

Früh am Morgen, ehe es hell wurde, kam sie mit einem schweren Korbe an jedem Arm über die Knippelsbrücke nach der Stadt. Aus den Körben guckten Kohlblätter und gelbe Rüben heraus, so daß man glauben konnte, sie machte ein Geschäft daraus, bei den Bauern draußen auf Amager Gemüse einzukaufen, um es in Aabenraa und da herum wieder zu verkaufen.

Trotzdem war es nicht ein Gemüsehandel, den Frau Hansen betrieb, sondern ein kleiner Kohlenhandel. Sie betrieb ihn halb im geheimen und in kleinen Portionen für Leute, die so arm waren wie sie selbst.

Auf diesen augenscheinlichen Widerspruch achtete man in Aabenraa nicht; nicht einmal der Polizist Frode Hansen schien an Frau Hansens Geschäft etwas auffallend zu finden. Wenn er ihr des Morgens begegnete, wie sie mit den schweren Körben angeschleppt kam, konnte er im Gegenteil ganz freundlich fragen: »Nun – liebe Frau Hansen, waren die Rüben heute billig?«

Und war sein Gruß weniger freundlich, so wurde er später am Tage mit einem Glase Bier traktiert.

Dies war eine ständige Ausgabe für Frau Hansen. Sie hatte noch eine andere. Jeden Abend kaufte sie ein großes Stück Wiener Brot mit Zucker darauf. Sie aß das nicht selbst; auch für die Kinder war es nicht bestimmt: niemand wußte, was sie damit machte, und es achtete auch niemand sonderlich darauf.

War keine Aussicht auf ein Glas Bier, so führte Polizeidiener Frode Hansen seinen Koeffizienten die Straßen auf und ab mit großer Würde spazieren.

Begegnete er dann Sultan oder einem seiner Freunde unter den Hunden, so blieb er immer lange stehen, um ihn hinter dem Ohr zu krauen. Und wenn er dann die große Ungeniertheit beobachtete, mit der die Hunde sich auf der Straße aufführten, so war es ihm ein wahres Vergnügen, sich mit Strenge auf ein unglückliches Menschenkind zu stürzen und seinen vollen Namen nebst Adresse zu notieren, weil es sich gestattet hatte, irgendeinen Papierfetzen in den Rinnstein zu werfen.

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