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Sturmwolken

Hans Hoffmann: Sturmwolken - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSpätglück / Sturmwolken
authorHans Hoffmann
year1917
firstpub1901
publisherVerlag des Volksbildungsvereins
addressWiesbaden
titleSturmwolken
pages31
created20150927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hans Hoffmann

Sturmwolken

Erzählung

 

Verlag des Volksbildungsvereins zu Wiesbaden
1917

 

Ein unermüdlicher Arbeiter war er dieser Novemberwind; was er that, that er gründlich. Sein Pensum aber war nach allem Anschein, mit dem Stückchen Erde, das ihm übergeben war, glatten Tisch zu machen und alles, was darauf wächst und kreucht und fleucht, flottweg ins Haff hineinzublasen. Großes jährliches Reinmachefest mit gediegenem Ausfegen und Staubwischen.

Mit ungeheuer langatmigen Stößen kam er dahergeprescht; diese platte Ebene war ihm noch lange nicht eben genug, er mußte noch tüchtig mit seiner Sturmwalze darüber hinfahren. Leicht war die Sache nicht, das mußte er bald einsehen; die Häuser zum Beispiel der kleinen Stadt standen noch alle in voller Höhe dar; nur von einigen Schweineställen war das Dach abgehoben, ein unbeträchtlicher und unreinlicher Erfolg; mit den liederlich umhergestreuten Dachziegeln hatte er schließlich auch nur Aerger, denn es erwies sich als ganz unthunlich, sie aus den Straßen hinaus bis ins Haff zu fegen. Mit den dürren Blättern der Bäume war das allerdings besser gelungen: wie zuversichtlich hatte das bunte Laub noch vor einigen Tagen im 21 Altweibersommersonnenschein an den Zweigen gehangen, und wie sah es nun in diesen Zweigen aus! Alles glatt und reinlich, und statt des wüsten Rauschens ließen die kahlen Ruten nur noch ein Pfeifen und dünnes Heulen vernehmen. Das war in Ordnung. Und noch mehr: das abgerupfte Laub war in der That vollzählig ins Haff hineingewirbelt, und man konnte nun recht ermessen, wie groß das Haff doch ist, denn von all den Millionen Blättern, die es verschluckt hatte, vermischt mit allerlei kleinem Reisig und Stroh und wer weiß was sonst noch für Straßenunrat, war auch nicht die geringste Spur mehr auf seinen schäumenden Wellen zu erblicken. Diese Arbeit war besorgt, gründlich besorgt. Dagegen leisteten die Bäume selbst zum größten Teil einen starrköpfigen Widerstand. Allerdings sahen sie mit ihrem jammervoll zerzausten, immer nach einer Richtung gepeitschten Gezweige, mit ihrem Schwanken und Zappeln und Beugen genau so aus, als ob sie verzweiflungsvoll nichts anderes erstrebten, als sich ohne Säumnis kopfüber ins Haff zu stürzen: in Wahrheit fiel das aber keinem einzigen ein. Doch, einem einzigen wohl, und zwar einer riesigen Pappel am äußersten Uferrande, der man sonst ihrem kernhaften Wuchse nach wohl kaum einen Setbstmordgedanken zugetraut hätte, die that einen Krach und dann ein kurzes greuliches Knarren, Quietschen, Knirschen, Knattern – und der dicke Stamm war kunstgerecht abgedreht und sauste mit seiner ganzen mächtigen Krone ins Wasser; und es hörte sich an, als ob die Spritzwellen ein wildes Gelächter erhöben, wie sie das prachtvolle Spielzeug in ihre Gewalt kriegten. Und bald genug hatten sie es so weit hinausgeschleppt, daß an kein Wiederbringen zu denken war; das gute Holz war Strandgut für die Bewohner der jenseitigen Küste. Die anderen Bäume längs der Flußmündung aber 22 hielten sich dafür um so zäher, wie angstvoll auch der Anblick ihres unaufhörlichen fürchterlichen Ringens war.

Der Novemberwind war indessen noch mit mannigfachen anderen Aufgaben beschäftigt: zunächst mit der Wolkenjagd. Das schien eine leichte Mühe, denn die großen Dunstgebilde rasten mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit über den Himmel dahin, wie eine gehetzte Elefantenherde anzusehen, dick, schwer und schwarz, in groben Massen, zwischen denen sich hier und da durch schroffe Risse ein Stück grellblauen Himmels hindurchdrängte. Nein, schwer war die Arbeit, diese wüsten Gestalten zu hetzen, nicht, aber sie war ohne Ende, hoffnungslos. Immer neue Massen wälzten sich heran aus dem schwarzen Wetterloch im Südwesten, strichweise flüchtige Regengüsse oder Hagelschauer verspritzend, um fern über dem Haff sich wieder in eine schwarze Wand zu verdichten und in ihr zu verschwinden; gleich Schwärmen vorweltlicher Riesenzugvögel mit kohlenfarbenem Gefieder kamen sie, immer neue und immer neue Haufen, unerschöpflich, immer wieder neu wachsend von Stunde zu Stunde, von Tage zu Tage; man konnte glauben, sie hätten die Sturmesfahrt rund um die Erde inzwischen vollbracht und rückten nun höhnisch trotzend von neuem an, die Kraft und Geduld des jagenden Windes endlich zu ermüden. Der aber packte die neuen Ankömmlinge wie ihre Vorläufer mit unverwüstlicher Wut, und warf sie über die platten Wiesenflächen hinaus auf das Haff.

Das Haff selbst aber war es, das dem Winde schließlich am allermeisten zu schaffen machte, mehr sogar noch als die breitwogige Ostsee draußen hinter den Küsteninseln. Denn wo das Meer eine einzige gewaltige Woge bildet, die hoch anspringt gleich einem langmähnigen weißen Rosse, da wirbeln und hüpfen auf dem Haff zehn kleine Schaumköpfe wie eine Meute gieriger Hunde, die in Jagdwut übereinander 23 selbst herfallen und durcheinander kollern und dazu den Schnee in so dichten Flocken aus dem Pelz schütteln, daß die Luft über ihnen erfüllt ist von dem weißen Wirbel. Und der Wind wehrte sich von der flachen Höhe des Ufers aus gewaltig gegen die weißen Hunde, die wider ihn aufkeuchten; einen nach dem anderen warf er zurück und jagte sie mit Peitschenhieben ins Weite hinaus; aber sie kamen wieder, sie kamen alle wieder mit ungesättigter Gier und zischten am Wiesenrand in die Höhe und suchten ihn zu erstürmen oder hinwegzuschlingen; und der heulende Kampf des Sturmes gegen ihre Massen war ewig sieghaft und ewig hoffnungslos.

Am wütendsten stand der Kampf um die steinerne Mole, die das Land weit ins Haff hinausreckt wie eine höhnische Zunge, in welche die Hunde sich hundertfältig zerrend verbissen.

Ein Mann stand auf dem Molenkopf und hielt Ausschau über das Wasser, indem er von Zeit zu Zeit ein langes Fernrohr ans Auge setzte. Er fühlte das dröhnende Schüttern unter seinen Füßen, aber er kümmerte sich nicht mehr darum als um das Plätschern einer Dachtraufe, sondern stand breitbeinig und stramm auf seinem Posten. Der Wind gebärdete sich wie rasend über den zudringlichen Gegenstand, der selbst auf dieser letzten kleinen Ebene so frech in die Höhe ragte, und er riß mit solchem Ingrimm daran, daß jenem sein langes rotwollenes Halstuch wie ein Wimpel weit hinauszappelte; sonst aber vermochte er ihm nichts anzuhaben, an dem gelben Oelmantel und der Oelkappe glitt er immer wieder ab, und es war ganz unmöglich, den aufrechten breitbeinigen Kerl ins Haff hineinzubefördern.

Der feste Kerl war August Ruhnke, Kanal- und Leuchtturmwärter; als Nebengeschäft betrieb er die Rettung Schiffbrüchiger. Das letztere war nicht sehr einträglich, obgleich 24 sich der einzelne Fall gut bezahlt machte; aber das Angebot war nicht beträchtlich, der Leuchtturm machte die Einfahrt gar zu bequem. Doch kam es immerhin vor, daß ein schwer beladener Ziegelkahn noch zu guter Letzt wie ein Bleiklumpen in den Grund ging und nur noch die Mastspitze kläglich gen Himmel streckte. Da hingen dann die armen Leute an den Tauen und schrieen jämmerlich, bis August Ruhnke mit dem Rettungsboot kam und sie einpackte, ehe sie völlig steifgefroren waren und ins Wasser fielen. Das kam vor, wie gesagt, und machte sich dann bezahlt; aber doch nicht häufig; zwei bis drei Dutzend gediegener Menschenleben mochte er bis jetzt etwa anzukreiden haben, dazu eine alte Katze und ein halbjähriges Kind und einen flügellahmen Star, den sich ein Kahnschiffer gezähmt und zuletzt auf der Schulter glücklich über Wasser gehalten hatte.

Uebrigens hatte dieser Ruhnke eine sonderbare Angewohnheit: zu jedem Menschen, den er solcher Art von Geschäfts wegen gerettet hatte, faßte er hinterher sogleich eine erstaunliche Liebe und Zärtlichkeit, ganz ohne Ansehen der Person; so ungefähr wie eine junge Mutter das neugeborene ungestalte Geschöpf liebt, von dem sie noch nichts weiß, als daß sie um seinetwillen Not und Gefahr bestanden, auch so gleichsam von Geschäfts wegen. Er konnte nichts dafür, so wenig wie eine Mutter, das Gefühl kam ganz von selbst, und er dachte nicht weiter über seine Berechtigung, Nutzen oder Schädlichkeit nach; sondern er that einfach, was junge Mütter thun, er fütterte, wärmte und pflegte seine Schützlinge, so gut und so lange, als sie es sich gefallen ließen, beschenkte sie nachher zum Abschiede mit allem, was er entbehren konnte und noch einigem mehr, und war sehr traurig, wenn sie frisch und gesund davongingen und selbstverständlich niemals wiederkamen.

25 Nur die Katze hatte dem unsteten Seeleben ganz entsagt und war dageblieben; auch der Starmatz versuchte dasselbe, kam aber nicht weit damit, weil die Katze ihn auffraß, ehe er sich recht als Haustier eingewöhnt hatte. Der Hausherr seinerseits aber hatte sich schon so an ihn gewöhnt, daß er ihn nicht mehr entbehren mochte und sich ein neues Exemplar anschaffte, um dessen Leben er mit der Katze die leidenschaftlichsten Kämpfe ausfocht, bis er schließlich siegte oder die Katze klug war und nachgab, hauptsächlich wohl, weil sie stets in einem Zustande so vollkommener Sättigung erhalten wurde, daß sie nicht einmal einen Vogel mehr herunterwürgen konnte.

August Ruhnke also stand und spähte aus; das weite Haff war leer; das wenigstens hatte der Wind zu stande gebracht, die liederlich umirrenden Schiffe zu verjagen und seine beste Fläche tadellos rein zu fegen.

Aber nein; da fand sich doch zuletzt noch ein hüpfender Gegenstand über dem brodelnden Schaumkessel; und es war noch dazu ein recht winziges Ding von einem Boot. Wegen der weißen Farbe des Segels war es nur schwer von dem Schaum abzuheben, aber ein geübtes Auge, wie es Ruhnke besaß, vermochte seinem flüchtigen Laufe dennoch zu folgen. Und es war ein Schauspiel für ein Seemannsauge!

Mit einer ganz tollen Geschwindigkeit schoß das Bootchen dahin; es schien auf den äußersten Schaumfasern der Wellenkämme zu schweben. In prachtvollen Zickzacklinien kreuzte es gegen den Wind an, sein Ziel war die Flußmündung; es war ein Hochgenuß, zu sehen, wie sicher es die Wendungen ausführte: das schien ein anmutiges Spiel und war doch in Wahrheit ein handfestes Stück Arbeit, das seinen Mann forderte.

August Ruhnke stampfte mit dem Fuße auf. »Eine 26 niederträchtig schöne Boot!« knurrte er. »Nichtswürdig schön! Mit dem Ding da lauf ich bei solchem Südwest an dem besten Dampfer vorbei. Eine Boot ist das, eine Boot! Und die fährt so'n Hund, so'n niederträchtiger Hund! Georg, du Hund!«

Er ballte die Faust gegen das Segel hin und wollte sich ingrimmig abkehren; aber die fachmännische Freude ließ sich durch den Groll nicht unterdrücken, er konnte doch nicht anders, als den Siegeslauf des Schiffchens mit stillem Entzücken weiter verfolgen. Aber der Zorn brach dazwischen immer wieder durch und entriß ihm immer gesteigerte Flüche und Verwünschungen.

Und leider, er hatte Grund genug zu Groll und Zorn, der arme August; es war ein lange aufgespeicherter, zusammengepreßter Haß, der hier zum Ausbruch kam. Der schöne Georg! Jawohl, in dem Namen lag es, davon nahm alles seinen Anfang. Einen schönen Menschen hat jeder gern und fördert ihn mit Vergnügen, und so kommt ihm das Glück von selber; denn die lebendigen Menschen sind es schließlich, die das Schicksal machen. Und der kluge Georg hätte er ebensogut heißen können, von Jugend auf – und weder den einen noch den anderen Namen hatte August je für sich in Anspruch nehmen können; that es auch wirklich nicht. Das Schlimme war nur, daß sie doch immer Nachbarskinder waren und eng nebeneinander aufwuchsen; da war die schmerzende Vergleichung nicht abzuweisen. Er mußte ja täglich an dem Nebenhause vorübergehen, und das schien ihm allemal mit selbstgefälligem Spotte zuzurufen: O August, was bist du für ein breitmäuliger, plumper, dummer, armseliger Bengel! Da sieh dir meinen Georg an: ja, das ist etwas. Und aus dem wird etwas. Paß auf! Aber du armer Wurm – du hast kein Glück! Verlaß dich drauf!

27 Und richtig, so war es auch gekommen. Was war August Ruhnke? Gerade zum Vollmatrosen hatte er es gebracht als Seefahrer, und als er eben trotz alles stillen Grauens vor solchen Dingen ernstlich an das Steuermannsexamen dachte, fiel er auf hoher See von der Raa und ruinierte sich so gründlich, daß er fortan ein Hinkebein blieb und für den Seedienst unbrauchbar geworden war. Er mußte froh sein, daß er den Posten als Kanal- und Zollwächter erhielt und so in jungen Jahren vom Schicksal in den Winkel gestellt wurde. Da hockte er nun in Dumpfheit auf seinem Inselchen eine halbe Stunde vor der Stadt und hatte zu seiner Erheiterung nichts als das Recht, von Zeit zu Zeit einmal einem kümmerlichen Kahnfriedel das bißchen Leben zu retten.

Von seinem Leuchtturm aber und der Mole aus konnte er gerade hinübersehen nach der großen Ziegelei am Haff mit dem ewig rauchenden Schornstein, den schönen roten Gebäuden und den zahlreichen Haffkähnen, die dort in dem eigens für sie gegrabenen kleinen Hafen luden: und die ganze Herrlichkeit hatte niemand anders als der schöne Georg unter sich! Der saß dort in seinen jungen Jahren schon in glänzender Stellung als Werkführer und zählte unbezweifelt zu den Vornehmen im Städtchen. Ja, er war umworben und gefeiert wie kein anderer – nämlich von den lieben Weiberchen. Du lieber Gott, man redete ja viel über ihn und seine Abenteuer und klatschte ihn in Grund und Boden, aber was schadete ihm das? Er blieb doch schließlich immer obenauf, und die Frauenzimmer in ihrer Herzensgüte ließen ihn die kleinen Sünden nicht zu herbe büßen, sondern liefen ihm nur desto emsiger nach. Und, Hand aufs Herz, wer wäre da der Tugendbold gewesen, die guten Geschöpfe durch 28 Schroffheit und Kälte zu kränken? Der schöne Georg jedenfalls nicht.

Diese Umstände hätten ja nun allenfalls schon genügen können, in der Brust des vom Glück Zurückgesetzten jenes ausgleichende Gerechtigkeitsgefühl zu erzeugen, das wir bei unseren Mitmenschen Neid zu nennen pflegen; indessen solcher Neid, wennschon zu stiller böser Stunde einmal in Augusts Seele geboren, kam doch nie zu rechtem Wachstum; blieb ein zahmes kleines Hausneidchen, wie es jedem Christenmenschen zu ruhiger Beschäftigung gegönnt ist als ein mäßig knurriger Schoßmops, der niemanden heftig anbellt, noch weniger ans Beißen denkt. Augusts Seele ruhte in sich behäbig wie in einer Hängematte; mochte auch das Schifflein seines Schicksals einmal heftiger schwanken, sie spürte davon nur eine gesänftigte Rückwirkung.

Ueberdies gab es zwei Glücksgüter, die ihm das Geschick als eine Entschädigung hingeworfen hatte und deren Besitz seinen Neid satt und zahm machte. Das eine davon war Luise Torgelow, das andere sein eigengebautes Rettungsboot.

Luise Torgelow war die eheliche Tochter des Schenkwirts Torgelow, der am Bollwerk dicht neben der Brücke eine beliebte Matrosenkneipe hielt. Diese Luise war hübsch, sehr hübsch, und da sonst nichts im Wege stand, verliebte sich August Ruhnke langsam in sie und offenbarte ihr endlich seine Willensmeinung, sie zu heiraten. Sie erwies sich als nicht abgeneigt, ihn zu nehmen, und ihr Vater erst recht nicht, sie ihm zu geben; denn immerhin war August ein situierter Mann und für eine Schenkwirtstochter schon etwas ganz Beträchtliches.

So weit war alles in Ordnung, als eines Tages der schöne Georg auf den Einfall kam, die kleine Torgelow'sche 29 Wirtschaft zu besuchen; standesgemäß war das eigentlich nicht für ihn, aber er hatte gehört erstens, daß Vater Torgelow einen merkwürdig guten Sherry einzuschmuggeln verstand, und zweitens hatte er noch etwas anderes gehört. Und das andere fand er so richtig wie das eine; und es ergab sich, daß seit dieser Zeit Luisens Neigung, des Kanalwärters Ehefrau zu werden, merklich geringer geworden war; zum mindesten machte sie allerlei Ausflüchte und sprach nicht gern von der Hochzeit, wenn sie auch im übrigen noch mit ihm ging. Er merkte die Veränderung wohl; aber was sollte er thun? Er schwieg und nannte nur im stillen den schönen Georg einen Hund.

Da war aber der zweite Gegenstand, das Rettungsboot, sein Trost und sein Stolz; denn es hatte in Wahrheit in der ganzen bootreichen Gegend seinesgleichen nicht an Segeltüchtigkeit. Es war fest und derb gebaut für seinen nächsten Zweck und lief dabei doch besser als das leichteste Schnellseglerchen: das war eben das Wunderbare daran, und sein Stolz wohl zu begreifen. Noch ein Stück wertvoller war ihm das Boot geworden, seit er es feierlich umgetauft hatte auf den Namen Luise, der nun in schön gemalten Buchstaben hinter dem Bugspriet prangte.

Allein das Glück war neidischer als er selbst und mißgönnte ihm auch diesen letzten Stolz und Vorzug seines armen Lebens. Georg kam auf den Einfall, sich gleichfalls ein Segelboot zuzulegen. Dieser Einfall war ganz natürlich: der Landweg von der Ziegelei zur Stadt war höchst langweilig, denn er machte einen weiten Bogen um die Wiesenniederung des Flusses, während der Wasserweg übers Haff und das Stückchen stromaufwärts so bequem wie möglich war. Und daß der schöne Georg gern abends in der Stadt die Gesellschaft gebildeter Männer und Frauen (bei letzteren 30 kam es zwar auf die Bildung weniger an) aufsuchte, war ihm ja auch nicht zu verdenken.

Also er verschaffte sich das Boot und zwar aus Hamburg; und als es seine erste Probefahrt über das Haff machte, stand August Ruhnke mit dem Fernrohr auf seiner Mole und folgte ihm mit starren Blicken; und je länger er beobachtete, desto trübseliger wurden seine Mienen, und in seinen kleinen Augen zuckte es immer schmerzlicher. Und als das neue Boot, welches den vornehmen Namen »Galathea« trug, in die Mündung geschossen kam und wie ein glänzender Schwan vorüberflog, da kehrte August ganz verdüsterten Angesichts in sein Haus zurück und trank eine unnatürliche Menge Grog. Darnach nahm er ein gehöriges Tauende und prügelte damit rücksichtslos unter Fußstößen auf seine »Luise« los, indem er zugleich eine Flut der lästerlichsten Schmähreden über sie ausschüttete. Er hieß sie einen alten Dreckprahm, ein schäbiges Polackenfloß, einen Seelenverkäufer, einen plattfüßigen Oderkahn, eine Torfzille, einen Fischkasten, eine Waschbütte und was dergleichen Scheußlichkeiten mehr waren.

Von diesem Tage an blieb seine Seele aus der Hängematte herausgeworfen und schwankte seekrank zwischen stillgiftigen Gefühlen hin und her. Die bösen Wünsche, die er brütend nährte, verstiegen sich allerdings vorläufig nicht weiter als etwa dahin, daß die schlanke Galathea durch irgend ein ungeheuerliches Naturspiel über Nacht einen dick aufgeblähten Bauch wie eine kranke Kuh kriegen oder einen anderen schimpflichen Schaden erleiden möchte; geradezu ans Leben gingen ihr auch seine Wünsche nicht. Als nun aber die flotten Herbststürme begannen, und die »Galathea« trotzdem nach wie vor alle Tage leicht beflügelt aufs Haff ging, da kam ihm doch einmal vorübergehend ein kräftigeres kleines Begehren: wenn das verfluchte Ding bei der kecken 31 Einfahrt doch einmal ein ganz klein bißchen gegen die Mole oder einen der dicken Kanalpfähle streifen und sich eine seiner spindeldürren Rippen zerknacken möchte – August Ruhnke wäre wenigstens nicht der Mann gewesen, über den Schaden ein Klagelied anzustimmen.

Doch es geschah nichts dergleichen; die »Galathea« war nicht nur eine wilde Seglerin, sondern sie gehorchte auch dem Steuerruder wie ein lammfrohes Pferdchen dem Zügel; die Sicherheit, mit der sie wie zum Hohn haarscharf an den Steinen und Pfählen vorüberstreifte, war eine wahre Pracht: aber eine schändliche und empörende Pracht.

So verlief auch heute alles ohne Zwischenfall trotz des derben Lüftchens; die Galathea lief schlank ein, und ihr Herr und Meister Georg winkte im Vorübergleiten dem übertrumpften Jugendgefährten einen Gruß zu, den dieser wohl als einen dreisten Hohn nehmen konnte, wenn er wollte. Und er wollte entschieden. Er rüstete aber alsbald mit gedämpfter Wut seinen »Dreckprahm« und segelte dem anderen nach. Er wußte nur zu genau, wo dieser seinen Schlummertrunk nehmen würde.

Natürlich: als er schwerfällig in Vater Torgelows Kneipe trat, saß Georg bereits am Stammtische und erzählte einigen schnapstrinkenden Schiffern die wundervollsten Geschichten, daß sie sich schüttelten vor Lachen und manchem mehr als einmal die Pfeife ausging; und die hübsche Luise stand hinter dem Schenktisch und hörte mit merkwürdigen Augen zu. Diese Augen machte sie immer, wenn der schöne Georg etwas erzählte, ja wenn er nur da war; niemals sonst konnte man sie sehen, diese großen, glühend gespannten, begehrlichen, berückenden Augen: wenn sie den armen August ein einzigesmal so angesehen hätte, wäre er im stande gewesen, dafür 32 seine eigene »Luise« in Stücke zu schlagen, und ihr kiepenweise als Brennholz zuzutragen.

Doch ihm warf sie auch heute nur einen flüchtigen Blick zu, gab ihm einen kleinen Klapps auf den Rücken, und damit war er abgethan. Traurig setzte er sich auf einen einsamen Stuhl dicht neben dem Schenktisch, um möglichst nahe zu sein; doch bald nachdem er festen Fuß gefaßt hatte, wich sie beiseite, machte sich allerlei mit verschiedenen Gästen – nicht mit Georg – zu thun und verschwand endlich unversehens aus der Thür.

Ein Viertelstündchen später sah Georg nach der Uhr und rief sehr überrascht:

»Donnerwetter, wie die Zeit vergeht! Schwatzt man sich hier fest, und dabei hab' ich heut' abend noch mit Meister Klöckner ein langes Geschäft abzuwickeln.«

Er stand auf, trank im Stehen den Rest seines Sherry, nahm seinen Hut und ging hinaus.

August gab ein befriedigtes Brummen von sich, als er fort war; der alte Torgelow warf ihm einen giftigen Blick nach, ergriff einen Stuhl und setzte sich neben August an den Schenktisch.

August konnte ihn eigentlich nicht sehr gut leiden; er hatte so etwas Tückisches an sich, das ihm unbehaglich war; aber weil er Luisens Vater war, mußte man ihn sich schon gefallen lassen, wie er nun einmal war. Uebrigens hatte man ihm nichts besonders Böses nachzusagen; daß er seinen Wein und Schnaps am liebsten unverzollt sich von den Schiffern heimlich mitbringen ließ, war ja nichts Schlimmes, namentlich so lange er sich nicht abfassen ließ: und das letztere konnte in der That die böseste Zunge nicht von ihm behaupten.

»Der Schuft! Der Schuft!« sagte Vater Torgelow leise 33 zu Ruhnke. »Ich weiß wohl, was das für ein Meister Klöckner ist und was er für Geschäfte mit dem hat! Aber was soll einer thun dagegen? Ich kann sie doch nicht in den Hundestall sperren, das leichtsinnige Frauenzimmer.«

»Wen?« fragte August erstaunt.

»Na,« lachte Torgelow giftig, »was einer Meister Klöckner nennt! Und das Geschäft ist glatt und hübsch: er hat 's Vergnügen, und sie zahlt die Kosten – was nämlich meine Tochter ist, die bei ihm heute Meister Klöckner heißt und morgen Meister Soundso; wer kann ihm alle die Meisters und Geschäfte nachrechnen? Aber einjährige Katzen und achtzehnjährige Mädchen soll mal einer hüten! Wenn ich dem Schuft ans Leder könnt', thät' ich's lieber heut' als morgen.«

August sah ihn dumm an.

»Soll ich mir meine leibliche Tochter von so einem Kujohn anführen lassen?« fuhr jener fort. »Na ja, für ihn macht's nichts aus, sie ist nicht die erste; aber für mich ist's die erste Tochter und die einzige auch. Wenn ich ihm bloß ans Leder könnt'! Aber der ist glatt wie ein Aal.«

August sah ihn immer noch dumm an; aber allmählich begriff er doch das Gröbste von der Rede. In seinen Augen funkelte etwas auf, das von fern an Eifersucht und Haß erinnern konnte.

»Schmeiß ihn doch raus!« sagte er endlich, nachdem er eine Viertelstunde lang überlegt hatte..

»Hat sich was mit dem Rausschmeißen; und wer ist mir nachher gut für die dreihundert Thaler, die er mir geliehen hat? – Ja, wenn man den Kerl ganz los würd' aus der Welt, da wär's mit den dreihundert Thalern nachher auch in Ordnung. Und wozu nutzt denn der ganze Kerl in der Welt? Mädchen anführen, das ist sein Geschäft. Wer den Wolf schießt, kriegt eine Prämie; warum? Weil er so 34 und so viele Schafe und Lämmer gerettet hat. Und wenn nun einer so und so viele arme schafsdumme Frauenzimmerchen vor ihm rettet, warum soll der keine Prämie kriegen? Ich will nichts gesagt haben, und will mir nichts an den Hals reden – aber wenn den Kerl einer überseit brächte und ich wüßt's und hätt's mit eigenen Augen gesehen: verflucht will ich sein, wenn ich je ein Wort darüber verlör'! Auch nicht auf meinem Sterbebett. Denn ich sag', es ist eine Wohlthat für die Menschheit, den Wolf abzuschießen. Von den dreihundert Thalern red' ich nicht; ich kann sie ja auch zurückzahlen. Aber natürlich, besser ist besser.«

Der alte Torgelow knurrte das alles halblaut zwischen den Lippen hervor, als ob er mit sich selbst spräche, und August Ruhnke schüttelte immerfort den dicken Kopf dazu und sah ihm auf die Lippen wie einer, der eine halbfremde Sprache reden hört, von der er ein und das andere Wort versteht und sich daraus ungefähr den Sinn des Ganzen zusammenreimt.

»Na ja,« sagte er endlich, »man müßte ihn durchprügeln.«

»Hat sich was,« sagte Vater Torgelow, »der haut doppelt wieder; und dann, was soll denn das nutzen? Ein Tropfen auf den heißen Stein. Nein, zu Lande ist dem überhaupt nicht beizukommen. Und zu Wasser – zu Wasser – na, das muß ich sagen, 'ne wunderschöne Boot ist die »Galathea«, 'ne wunderschöne Boot; so was kriegt ihr hier zu Lande denn doch nicht zu stande, im ganzen Leben nicht; eine wunderschöne Boot; und ich glaub' beinah', meine Luise, die Gans, hat sich eigentlich bloß in die schöne Boot vergafft – ja, ja, die beste Boot, die feinste Dirne; und Gott straf' mich, wenn er nicht selbst der schönste Kerl in der ganzen Gegend ist.«

August starrte in sein dampfendes Glas Grog; er machte 35 ein Gesicht, als wenn er lauter Schläge über den Kopf bekommen hätte und deren noch etliche mehr erwartete.

»Aber eins muß wahr sein,« brummte der Alte weiter, »dafür ist solche feine Ware auch immer zerbrechlich. Ein hübsches Frauenzimmer und – na, und was meinst du? Ob die »Galathea« wohl einen tüchtigen Rippenstoß aushalten würde?«

»Wieso?« fragte August; er begriff ganz und gar nicht.

»Na, zum Beispiel, wenn deine schwere Rettungsboot ihr mal aus Versehen seitwärts in die Planken segelte, wo glaubst du, würd' es klein Holz geben, bei dir oder bei ihm?«

»Die »Galathea« wär' hin,« sagte August bestimmt, »die ist so dünn gebaut, meine Luise würd' sie durch und durch schneiden mit einem Ruck.«

»Na, das mein' ich auch. Und ob der Kerl drin nachher mit dem Vorderteil oder mit dem Hinterteil ersöffe, wär' ganz egal. Das Ende vom Liede wär' auf alle Fälle, daß August Ruhnke dann für die Zukunft den besten Segler und das schönste Mädchen hätte. Natürlich will ich weiter nichts gesagt haben. Es ist immer ein niederträchtiger Zufall, wenn so was passiert. Auf See kommt solch' Malheur wohl öfter vor, als man denkt: denn natürlicherweise, der Uebersegelte kann nicht mehr reden, und der andere schweigt auch lieber still, denn mit dem Seegericht ist es eine eklige Sache, die Herren finden gar zu leicht etwas Strafbares heraus; man hat vielleicht zufällig kein Licht angesteckt gehabt oder was weiß ich? – Auf See, wie gesagt, kommt so was öfter vor; auf dem Haff, na ja, da ist's seltener; aber warum sollte nicht auch da mal aus niederträchtigem Zufall eine Boot die andere überrennen? Junge, Junge, daß du dir das mußt bieten lassen. Aber natürlich, eine alte Schlafmütze bist du auch immer gewesen und wirst es auch wohl 36 bleiben; und das ist eine alte Sache, daß Schlafmützen und Dickköpfe nie Glück haben in der Welt. Wer gut schmeert, der gut fährt. Aber ich habe nichts gesagt; mein Name ist Torgelow, ich weiß von gar nichts und beschwöre alles.«

Der Alte stand auf und machte sich abseits mit seinen Flaschen zu thun. August Ruhnke starrte schweigend in sein Glas. Er sagte nichts, und er dachte auch nichts: aber er sah immerfort ein gewisses Bild vor seinen Augen, immer ein und dasselbe Bild, nämlich seine schwere, feste »Luise«, wie sie die leichte »Galathea« mitten entzwei schnitt und triumphierend weiter segelte. Und er hörte nur einen einzigen Ton, immer denselben, nämlich das Knacken und Knattern zerbrechenden Holzes; und dieser schauerliche Ton erschien ihm als eine recht angenehme Musik.

Dieses Bild und dieser Ton unterhielten ihn vortrefflich eine Stunde lang oder zwei. Dann kam Georg zurück, heiß und erregt, mit blitzenden Augen und flott erhobenem Kopf. Der alte Torgelow warf August einen schielenden Blick zu mit dem Ausdruck: »Merkst du was?« und fing an laut und roh auf seine Tochter zu schimpfen, die sich wieder müßig wer weiß wo herumtreibe und ihm die ganze Arbeit im Geschäft allein überlasse.

Dem schönen Georg wurde dies Gerede lästig und auch gewisse listig lächelnde Mienen anderer Gäste; und um die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, zog er ein Stück Magnesiumdraht aus der Tasche und entzündete es, so daß dieses weiße Licht mit scharfblendender Helle den sonst nur dürftig erleuchteten Raum durchblitzte.

Der grelle Schein aber war für August äußerst unangenehm, ja geradezu unerträglich, er hatte das beklemmende Gefühl, daß der das seltsame Bild in seinem Kopfe verräterisch beleuchte; er wurde förmlich rot und deckte die Hand 37 über die Augen, und da die Spielerei so bald kein Ende nehmen zu wollen schien, stand er ärgerlich auf und trat den Rückzug an.

In erstaunlich kurzer Zeit erreichte er sein Inselchen; die »Luise« lief denn doch prachtvoll; nein, wahrhaftig, sie war weder ein Dreckprahm noch eine Torfzille! Und dann, welche solide Bauart! Als er ausstieg, tastete er mit der Hand an dem vorderen Teil des Kielbalkens herum, als ob er einem Pferde den Hals streichelte: ja, das waren doch noch Planken, die im Notfall einen Knacks aushalten konnten, während das sprillrige Ding, die »Galathea« –

Da war es wieder, das seltsame Bild und der krachende Ton!

Eilig verließ er das Boot und revidierte zunächst den Leuchtturm. Alles war in Ordnung. In seiner Abwesenheit hatte ein Junge die Aufsicht, der halb blödsinnig war, jedoch zu mechanischen Diensten gut zu gebrauchen, überdies für seinen Herrn eine bequeme Gesellschaft, da er ihn niemals irgendwie störte oder belästigte.

Da nichts vorgefallen war, ging August zu Bett. Aber er konnte nicht schlafen. Er hörte den Wind um das Haus und durch die kahlen Bäume pfeifen, er hörte das Haff dumpf und mächtig rauschen; er wälzte sich unruhig umher, ein unklares Angstgefühl benahm ihm die Ruhe. – Ob Georg jetzt auch wohl schon nach Hause gesegelt war? Oder ob er etwa bei dem Wetter die Nacht über in der Stadt blieb? Und wo dann? – Wo? – – Wo?

Er stand auf, trank einen ungewöhnlich steifen Grog und legte sich wieder hin. Jetzt schlief er wirklich ein, aber nur, um binnen kurzem aus einem wüsten Traum wieder aufzufahren. Der starke Kiel der »Luise« hatte die dünnleibige »Galathea« lautlos mitten durchgeschnitten wie eine 38 scharfe Axt und den schönen Georg obendrein; die beiden Hälften des letzteren aber schwammen lustig auf dem Schaum umher, lachten ihn aus und riefen: »Nun hat die schöne Luise Torgelow zwei Schätze auf einmal und braucht den dummen August erst recht nicht mehr.« Und die beiden einarmigen und einbeinigen Stücke flogen wie Möwen über das Wasser und die Wiesen in die Stadt und klopften an Luisens Kammerfenster.

Nach dieser Erfahrung gab August Ruhnke das Schlafen auf; er machte sich Kaffee und wanderte stundenlang in seiner engen Stube auf und ab und vergaß trotzdem, den schwachsinnigen Jungen bei der Nachtwache abzulösen.

Als aber endlich der Morgen kam, ging er wieder zu seinem Boot und befühlte sorgsamer dessen Kiel und Planken. Und dann sagte er traurig, aber gelassen: »Wat helpt dat all? Wat sin möt, möt sin. De oll Hamburger Boot möt d'ran glöwen.«

Damit war die Thatsache festgestellt; das Bild saß in seinem Hirne und mußte notwendig in eine Wirklichkeit umgesetzt werden, weil es für ihn schon eine Wirklichkeit war. Das war alles. Gedanken machte er sich weiter nicht darüber. Sein Tagewerk verrichtete er so still und ordentlich wie immer. Was sein muß, muß sein.

Während dieses Tages aber wuchs sich der Sturm zu einem richtigen Orkan aus. Ein ungeheuerliches Wetter. Um Mittag stieg August auf den Leuchtturm; vorn am Molenkopf konnte er sich jetzt wirklich nicht mehr auf den Beinen halten.

Er ließ einen langen Blick über die weißschäumende Wasserwüste gleiten, soweit es die graue, feuchte Luft gestattete; natürlich war alles leer bis zum verwaschenen Horizont. Der Wind stieß die Wellen immer wütender von der 39 Mole zurück, und sie kamen immer wütender wieder. Die alten Kanalweiden krümmten sich erbärmlich und schienen nun endlich ganz entschlossen, sich ins Haff zu stürzen. Die Wolkenjagd aber hatte aufgehört, der ganze Himmel war ein trübgrauer Sack, ohne jede Bewegung, schwer lastend, als wollte er dem tagelangen Bemühen des Windes, das Land ganz platt zu drücken, endlich zu Hilfe kommen.

August sah den Aufruhr mit einigem Mißmut. »Heute wird es nichts,« dachte er, »bei dem Wetter geht er nicht raus. Und ich auch nicht. Na, dann hilft das nicht; aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«

Und er kehrte ohne sonderliche Aufregung in sein Haus zurück. Natürlich, die »Galathea« lief ihm nicht weg.

Gegen Abend aber schien der Wind ein wenig nachzulassen; August stieg noch einmal auf den Turm. Etwas besser war es in der That geworden, aber beileibe nicht viel; die Wellen tobten wenigstens noch gerade so wie vorher gegen die Mole und spritzten ihre schimmernden Schaummassen darüber hin.

»He geiht doch nich rut,« sagte Angust laut, »und wenn he't deiht, ick bliw to Hus!«

Es dunkelte vor der Zeit; er hielt es für angemessen, die Lampe schon anzuzünden. Als das geschehen war, suchte er noch einmal den Horizont ab. Es war nichts mehr zu sehen als Schaum, der wie Phosphor in das Dunkel hineinleuchtete.

Plötzlich stieß er einen scharfen Ruf aus: »I wo Dunner!«

Er hatte ein kleines rötliches Licht entdeckt mitten auf dem Wasser; es schien aufgeflammt wie eine Antwort auf seinen Lampenschein; mit Staunen verfolgte er den irrenden Lauf desselben; mit unheimlicher Schnelligkeit ging es seine Zickzackwege durch den Schaum. Alle paar Sekunden 40 verschwand es und tauchte wieder auf, von den Wellen verdeckt und emporgehoben, fast regelmäßig wie ein Blickfeuer.

»He is't doch!« sagte August. »So'n Kirl! – Na, ick segg man, ick bliw to Hus. Hüt is't mi to dull. – Un't is am Enn ook en anner? Nee, en anner is't nich. So dull is kein anner. – Un ick bliw doch to Hus.«

Das wandernde Licht verschwand und kam wieder – jetzt aber blieb es fort, ganz und gar – eine Minute verging und noch eine – es kam nicht wieder.

»I wo Dunner!« sagte August, »denn het em richtig de Düwel holt; denn is he hen; he het kentert.«

August Ruhnke verspürte eine so lebhafte Freude, wie sie seiner stillen Seele irgend möglich war. Die verhaßte »Galathea« schmählich gekentert, verloren, und der schöne Georg ertrunken. Was konnte er sich Besseres wünschen?

Nur eines verwirrte ihn etwas: daß sein Bild von dem glatt durchgeschnittenen Segelboot nun unwirklich geworden war. Das Knattern und Knacken! Der gewaltige Sieg der »Luise«! – Aber was half das alles? Damit war's vorbei. Es geht eben wunderlich in der Welt zu, daß manches ganz anders kommt, als es eigentlich kommen muß. Und die Hauptsache ist immer, daß die Luise Torgelow nun nicht mehr mit Georg geht und die »Galathea« nicht mehr segelt. – Aber wenn es nun doch ein anderer Mensch gewesen ist?

Er starrte immer noch unverwandt nach der Gegend, wo er das schweifende Licht zuletzt gesehen hatte.

Und da zuckte plötzlich wieder etwas Helles auf, auch ein Licht, aber ein ganz anderes: das war das weiße Licht, mit dem Georg gestern in Torgelows Kneipe gespielt und ihn geärgert hatte. Das war genau derselbe verdammt grelle Schein.

41 Er riß das Fernrohr ans Auge. Richtig, es war alles genau so, wie es sein mußte, das Boot schwamm kieloben, und der Mann saß rittlings darauf und hielt das mächtig glänzende Notlicht in die Höhe, dabei offenbar nur mit unsäglicher Anstrengung seinen Halt bewahrend – und jedenfalls nicht auf lange. Es war durchaus kein Zweifel, daß er über kurz oder lang hinabsinken mußte, und wenn er auch schwimmend am Kiel wieder eine Stütze fand, so mußte er doch bald genug erstarren in dem kalten Wasser, und inzwischen trieb der Sturm ihn mitsamt dem Wrack immer weiter ins Haff hinaus. Das war alles ganz sicher und ganz einfach.

»Ja denn helpt dat nich,« sagte August Ruhnke, »wat sin möt, möt sin. Dat Weder ist dull, äwer wat sin möt, möt sin.«

Und mit gelassener Eile stieg er hinab, holte den Jungen aus dem Hause zum Rettungsboot, setzte das Steuerruder ein, hißte das Segel, legte die Riemen zurecht und stieß mit dem Bootshaken ab. Der Wind faßte, und gleich waren sie draußen auf dem Haff; es ging rasend schnell, bloß mit dem kleinen Sturmsegel. August hielt die Ruderpinne in der Linken und das Segeltau in der Rechten; der Blödsinnige saß gleichgültig daneben, bereit zu jeder Handreichung, die von ihm verlangt wurde. Um die Gefahr kümmerte er sich nicht im geringsten, sein Herr freilich auch nicht: Geschäft ist Geschäft. Was sein muß, muß sein. Und das Geschäft heißt: Auf dem Haff zu retten, was zu retten ist.

Die »Luise« lief prachtvoll, wie immer; die Richtung hatte sie ja ungefähr, und bald mußte sie auf der Höhe des gekenterten Bootes sein. Zu sehen war nur in sehr kleinem Umkreise; das weiße Licht war verschwunden, wahrscheinlich war also der Mann wieder ins Wasser gefallen. August schrie 42 mit der vollen Kraft seiner mächtigen Lunge über die tosenden Wellen hinaus. Keine Antwort.

Na, wenn er schon ersoffen ist, dann desto besser. Bloß: Geschäft ist Geschäft. August schrie mit unveränderter Anstrengung immer von neuem und lauschte dann.

Jetzt doch ein schriller Ton wie von einer angstvollen Menschenstimme, aber schnell in Schwäche verhallend. »Na, denn man to!« sagte August und hielt scharf in der Richtung der Stimme.

Da stieg es schwarz vor ihm auf und sank wieder. Nun galt es. »Karl, dat Tau!« Karl nahm schläfrig das zusammengerollte Tau, spähte gleichgültig auf den Augenblick und warf es mit träger Bewegung, aber unfehlbarer Sicherheit. Die »Luise« strich haarscharf am Stern des Wracks vorüber, und das Tau flog über den Kiel und dem schwimmend daran geklammerten Mann fast in die Hand. So wurde der Kiel und mit ihm der Mann einfach ins Schlepptau genommen. Die Arbeit, den Verunglückten an Bord zu holen, war dadurch ziemlich leicht geworden. Der schöne Georg war gerettet.

August hielt die Hände fest am Ruder und Segel und gab dem Jungen kurze, scharfe Befehle. Georg fiel sogleich, nachdem er hereingeholt war, schwer wie ein Sack hintenüber. August ließ ihn auf den Bauch legen mit dem Kopf nach unten, damit er das eingeschluckte Wasser ausbrechen könne, ihm dann einen tüchtigen Schluck Rum einflößen und eine warme Decke überwerfen. Weiter war vorerst nichts zu thun.

Das Wrack mußte er natürlich seinem Schicksal überlassen; bei dem schweren Wetter wäre es Wahnsinn gewesen, sich damit zu schleppen. Und es war doch auch ein schöner 43 Augenblick, als das Tau eingeholt und die hilflose »Galathea« den Wellen preisgegeben wurde. Die wenigstens war hin!

Die feste »Luise« aber bewährte sich auch auf der schwierigen Rückfahrt und überwand jede Fährlichkeit; bei jeder neuen Drehung während des Kreuzens schämte sich August von neuem, daß er sie einst mit so ungerechten Schmähungen bedeckt hatte. So lief sie endlich auch glücklich an der Mole vorüber in die Mündung und dann seitwärts in den kleinen Bootshafen ein.

»I wo Dunner,« sagte August, sich die Stirn wischend, »ich hätt's doch nicht gedacht, daß wir sie so heil wieder reinkriegen würden!«

Jetzt trugen sie den Geretteten, der noch immer bewußtlos war, ins Haus; dort stellten sie ihn zu allererst noch einmal regelrecht auf den Kopf, ihn vorsichtig anfassend wie eine kostbare Porzellanvase, die ausgeschüttet wird, dann entkleideten sie ihn und rieben ihn mit wollenen Tüchern so kraftvoll ab, als wenn sie die Eisenteile einer Maschine putzten; und endlich wurde die kostbare Vase ebenso vorsichtig wieder gefüllt – mit Rum nämlich – und dann ins Bett gelegt.

Jetzt schickte August den Jungen fort, und nachdem er in Eile für seine eigene äußere Trockenlegung und innere Befeuchtung gesorgt hatte, setzte er sich still an das Bett seines Schiffbrüchigen und bewachte Stunde um Stunde seinen Schlaf, ohne sich zu rühren und ohne selbst an Nachtruhe zu denken.

Er war ganz glückselig, zu sehen, wie prächtig der schöne Mensch jetzt schlief, wie die blassen Wangen mit jeder Stunde bessere Farbe bekamen. Das mächtige Blondhaar stand jetzt nach der Durchfeuchtung weit ausgebauscht um sein blühendes kühnes Gesicht; er atmete tief und ruhig mit halbgeöffneten 44 Lippen; das sah fast aus, als ob er in heimlichem Glücke lächelte.

Was für ein prachtvoller Bengel er doch war! Und welch ein Genuß, am Lager eines solchen Staatskerls zu wachen! Und sich dabei im stillen auf die Morgenstunde zu freuen, wenn er gesund und frisch die Augen aufschlagen würde!

Nur eins begann August Ruhnke allgemach ein wenig zu quälen: er fühlte einen unwiderstehlichen Drang, dem Erwachenden sogleich irgend eine große Freude, eine Ueberraschung zu bereiten – aber was konnte er ihm bieten, er, ein armer Schlucker, dem verwöhnten Georg? Das war die Quälerei.

Wenn er ihm seine schöne »Galathea« doch geborgen hätte – oder sie vielleicht gar jetzt noch hereinholte? Aber das war ja rein unmöglich gewesen, und jetzt war es noch viel unmöglicher. Wenn er ihm zum Ersatz seine eigene »Luise« schenkte? Das hätte er gethan, gleich auf der Stelle, ohne mit den Augen zu zwinkern, wenn sie nur nicht das Rettungsboot gewesen wäre, das er gerade jetzt nicht einen Tag lang weggeben durfte! Geschäft ist Geschäft. Und was besaß er sonst? Seinen Starmatz, seine silberne Uhr, ein Paar sehr schön gestickte Hosenträger, einige große beständig summende Muscheln, eine riesenhafte Sparbüchse aus Thon, deren Gestalt eine geheimnisvolle Mitte zwischen einem Löwen und einem Meerschweinchen innehielt, und noch allerlei solche Kleinigkeiten. Aber dergleichen war allenfalls gut genug für einen geretteten Kahnfriedel, nimmermehr für den schönen Georg.

So empfand er ernstlich die Bitterkeit, ein armer Kerl zu sein, der nicht einmal etwas Ordentliches zu verschenken hat.

In solchen Freuden und Kümmernissen ging ihm die 45 lange Nacht dahin. Sobald die erste leise Dämmerung ins Fenster schien, machte er ein tüchtiges Feuer in dem Kachelofen: das ist immer ein behagliches Erwachen, wenn man gleich die Flammen prasseln hört.

Und nun endlich rührte sich der Schläfer, warf sich ein paarmal hin und her, lag dann wieder still; aber als August sich vorsichtig über ihn beugte, hatte er beide Augen groß aufgeschlagen und streckte ihm aus dem Bette die Hand entgegen. »Alter Junge!« sagte er bloß.

August ergriff die Hand mit Inbrunst; er war ganz fassungslos vor Rührung. Bei dem treuherzigen Blick der schönen blauen Augen begriff er recht, wodurch der verfluchte Kerl die Herzen aller Menschen so wunderbar sicher bestrickte. Er selbst war wie berauscht von einem einzigen solchen Blicke.

»Ja, ja, ja, oll Jung,« sagte er, ihm leise mit der Hand über die Haare streichelnd wie einem kranken Kinde. »Na, laß man! Und schlaf!«

Georg gehorchte und schlief noch ein Stündchen. Doch als er dann erwachte, war er munter wie ein Fisch, und alle Schwäche war ausgeschlafen. Er stand ohne weiteres auf und kleidete sich an. Etwas taumelig fühlte er sich wohl noch, aber die leise Mattigkeit sei ein sehr angenehmes Gefühl, versicherte er. August half ihm bei allen Verrichtungen wie ein sorgsamer Diener; dann saßen sie selbander am Frühstückstisch.

Draußen sang der Novemberwind noch immer seine kraftvolle Weise, doch war es nicht mehr der rasende Sturm von gestern, nicht mehr das ungegliederte schwere Heulen, sondern es ließen sich doch schon getrennte Töne vernehmen. Pfeifen, Saufen. Knarren, selbst das Knattern eines Segeltuchs.

Georg lauschte eine Weile stumm und sammelte dabei seine Erinnerung an die gestrigen Schrecknisse. August füllte 46 unterdessen mit mutterhaftem Eifer seinen Frühstücksteller und blickte ihn heimlich mit liebevollen und etwas ängstlichen Augen an wie ein Kind, das ein verlorenes Spielzeug wiedergefunden hat und sich des neuen Besitzes noch nicht so ganz sicher fühlt. Dabei tastete er fortwährend in den Taschen herum, ob er nicht doch noch etwas fände, das als ein würdiges Gastgeschenk dienen könnte. Wenn ich den Bengel doch hier behalten könnte! dachte er.

»Donnerwetter, alter August,« sagte Georg endlich, noch einmal fest seine Hand ergreifend und kräftig schüttelnd, »ein Staatsstück das gestern von dir! Respekt vor deiner »Luise«! Es war eine Pracht, wie das schwere Ding heranlief unter dem Sturmsegel! In solchen Augenblicken versteht man sich darauf, kann ich dir sagen. Ein Hund will ich sein, wenn ich dir das je im Leben vergesse! – Es war eine Kinderei von mir, mit der großen Leinwand rauszugehen – es war nur, weil der Wind abzuflauen schien – sonst hätt's die »Galathea« durchgehalten. Schade, verflucht schade ist es doch, daß sie hin ist; denn ich denke, ich sehe kein ganzes Stück mehr von ihr. Weißt du, Junge, was ich sonst thäte? Gleich hier auf dem Fleck macht' ich's schriftlich, daß sie jetzt dir gehörte bis auf den letzten Nagel – es wär' doch immer ein kleines Andenken, und, hol' mich der Teufel, das hast du redlich verdient und sauer genug obendrein. Ich weiß ja, du hast immer eine kleine Schwäche für die »Galathea« gehabt, oder gegen sie, wie man's nehmen will: ich wette, du hast sie mir allezeit nur halb gegönnt, du ehrlicher Lumpenkerl du!«

Augusts breites Gesicht verzerrte sich förmlich, als er diese Worte vernahm, und seine kleinen Augen verschwanden beinahe ganz. Am liebsten hätte er den Kopf unter den Tisch gesteckt vor Scham. Jetzt fielen ihm erst wieder seine 47 sündhaften Absichten von gestern ein. Herr des Himmels, und nun bot ihm dieser wunderbare Mensch dieselbe »Galathea«, der er nach dem Leben getrachtet, als richtiges Geschenk an! Er fühlte sich ganz erdrückt von so viel Edelmut; es gärte etwas übermächtig in ihm, eine zügellose Dankbarkeit und Bewunderung, die notwendig irgend einen Ausweg finden mußten.

»Georg,« sagte er endlich, die einzelnen Wörter mühsam herauswürgend, »sieh, Junge – du hast die schöne Boot verloren – meine ›Luise‹, was die Boot ist, kann ich dir nicht geben dafür, weil sie die Rettungsboot ist – aber wenn du – die andere Luise – Torgelows Luise meine ich – haben willst – ich laß sie dir!«

Er war glücklich zu Ende gekommen, aber sein flammenrotes Gesicht war während dessen ganz fahl geworden.

Georg aber ward sonderbar getroffen von seiner Rede, ganz sonderbar. War das Lachen oder Weinen, was da seinen schönen Mund so heftig umzuckte? Nun, zum Lachen war es ja ganz gewiß, das kindliche Anerbieten des guten dummen Jungen: als ob der dort noch etwas zu »lassen« hätte! Aber – aber –

Er stand hastig vom Stuhle auf, trat ans Fenster und blickte in die graue Luft hinaus.

August blieb sitzen in fürchterlicher Verlegenheit; er mußte eine grausame Dummheit gesagt haben, begriff aber doch nicht recht, welche.

»Na, trink immer noch 'nen lütten Rum!« brachte er endlich heraus.

Da geschah etwas Unerhörtes. Der schöne Georg stand plötzlich vor ihm, glühend rot im Gesicht, mit Thränen in den Augen, richtig wie ein armer Sünder.

»August,« sagte er, die Worte immer hastiger und 48 leidenschaftlicher heraussprudelnd, »siehst du, ich habe mich nicht geschaffen; ich hätte mich anders gemacht, weiß Gott, ganz anders; besser und glücklicher; ich hätte mich wie August Ruhnke gemacht. Siehst du, die Weiber, die Weiber! Die verfluchten Weiber! Das ist mein Unglück. Ich kann nicht anders. Wenn du wüßtest, wie das in mir brennt! Und was kann ich dafür, daß sie mich so ansehen? Erst machen sie mich rasend, und nachher – nachher kenne ich mich nicht mehr. Aber doch, die Luise – ein wundervolles Mädchen, und doch – pfui Teufel, warum hab' ich armer Hund nicht das vorausgewußt, was gestern geschehen ist! Es war teuflisch vom Himmel, das zuzulassen, daß ich dir – dir – Bei Gott, nicht angerührt, nicht angesehen hätt' ich sie! Verflucht will ich sein, daß ich dir dies anthun mußte! – August, August, siehst du, und das ist das Schreckliche, daß du mir ja gar nicht verzeihen darfst! Totschlagen mußt du mich ja, gleich auf der Stelle totschlagen!«

»Ich?« fragte August entsetzt und trostlos. In seinem armen Kopfe gingen die Gedanken in wunderbarer Wirrnis durcheinander. Nach einem kurzen Schweigen aber deckte er die große Hand über die Augen und stotterte: »Na, nu möt ick't seggen. Wat sin möt, möt sin. – Siehst du, Georg, das wollt' ich ja, totmachen wollt' ich dich, hinterrücks ansegeln, ersäufen. Ja, das wollt' ich; ich, August Ruhnke; und gestern Abend wollt' ich's. Bloß, daß da der Sturm kam und dich umschmiß, und ich dich rausholen mußte. Aber nu ist's anders mit mir, nu hab' keine Bang mehr, ich thu' dir mein Lebtag nichts mehr. Ich gönn' dir die Boot und die Dirn und alles sonst auf der Welt. Bloß sei mir nicht böse; das ist alles, was ich bitt': sei mir nicht böse!«

Er schwieg. Georg stand vor ihm mit starren Augen, blaß und zitternd.

49 »August,« sagte er leise, »ich hab's immer gesagt, es geht mir noch mal an den Kragen mit diesen Geschichten. Und du hast recht gethan; du bist ein besserer Mann, als ich dir zutraute; ich hätt's nicht gedacht, daß du so'n Schwerenöter sein kannst. Und wenn ich's gedacht hätt' – na, dann hätt' ich's wohl erst recht nicht gelassen. Aber siehst du, eine Wohlthat ist's mir doch, daß du auch so eine Kleinigkeit gegen mich auf dem Register hast: ich trag' so doch ein bißchen leichter an meinen Sünden. August, verzeih' du mir, wenn du kannst – ich habe nichts zu verzeihen. Du konntest nicht anders – und ich leider auch nicht.«

»Ne,« sagte August, »dat's wohr. Wat sin möt, möt sin. Kein Minsch kann anners, as he möt. Un mit mi was dat nu so; ick bün nu mal so'n Schwinhund.«

Georg fiel ihm um den Hals und küßte ihn. Augusts rundes Gesicht strahlte; seine Augen zwinkerten immerfort vor stiller Glückseligkeit. »Oll Jung! Oll Jung!« lachte er einmal über das andere. –

Damit war die Geschichte so weit zu Ende; aber doch nicht ganz. Diesen Abend tranken die beiden noch ein paar Flaschen Sherry zusammen in der Stadt, aber nicht bei Torgelow. Als August Ruhnke heimsegelte, weinte er wie ein Kind, denn sein Georg hatte bestimmt gesagt, er würde ihn lange nicht wiedersehen.

Und August hatte Grund zu weinen; denn er sah Georg gar nicht wieder. Dieser gab seine Stellung an der Ziegelei auf und verschwand aus der Gegend, niemand wußte, wohin, und niemand wußte, warum. Der alte Torgelow aber schmunzelte; denn ihm war der Schuldschein über die dreihundert Thaler durch die Post zugegangen, bloß mit der Bemerkung: »Als Mitgift für Luise«.

August Ruhnke fuhr jetzt seltener zur Stadt und gar 50 nicht mehr zu Torgelows. Er wollte seinem Georg bei dessen Braut nicht in die Quere kommen.

Im nächsten Sommer aber gebar sie einen Knaben. Bald darauf besuchte er sie und kam nun wieder öfter, kümmerte sich aber weit mehr um den Jungen als um sie. Es war ein prächtiges Kind, und er konnte sich nicht satt daran sehen.

Nicht lange danach kam die bestimmte Nachricht, der schöne Georg sei in einem Fischerdorf an der Ostsee auf geheimnisvolle Weise ums Leben gekommen. Niemand bezweifelte, daß ein hübsches Frauenzimmer dabei im Spiel gewesen sei.

Da heiratete August die Luise. Er hatte mehrere Kinder mit ihr, aber keines von diesen liebte er ganz so wie den kleinen Georg.

 


 








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