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Sturmflut. Erste Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Erste Abteilung - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Erste Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Achtes Kapitel

Der Präsident hatte in sein Briefchen die Bemerkung einfließen lassen, daß der Mangel einer Hausfrau sich der jungen Dame in der Gesellschaft wohl etwas fühlbar machen werde, diesem Mangel indessen doch nun nicht so schnell abzuhelfen sei und er den Grafen von vornherein absolviere. Der Graf hatte sofort einen reitenden Boten zu seinem Nachbar, dem Herrn von Strummin, geschickt, mit der dringenden Aufforderung, nebst Gattin und Tochter nach Golmberg zu kommen und sich so einzurichten, daß sie die Nacht dort verbringen könnten. Die Herrschaften waren sofort bereit gewesen, den nachbarlichen Liebesdienst zu leisten, und Frau und Fräulein von Strummin hatten bereits Elsen in der Halle in Empfang genommen und in das ihr bestimmte Zimmer, das an ihre eigenen Zimmer stieß, geführt.

Der Präsident rieb sich in seinem eigenen behaglichen Gemach vor dem Kaminfeuer, während Johann die Sachen zurechtlegte, zufrieden die weißen mageren Hände und murmelte: scharmant, ganz scharmant! Das wird ja wohl die eigensinnige junge Dame mit ihrem Unglück vollends aussöhnen und ihren Brummbär von Vater wieder in eine gesellschaftliche Stimmung bringen.

Else war vollkommen ausgesöhnt. Aus dem engen schaukelnden Gefängnis befreit zu sein – ein hellerleuchtetes Schloß mitten im Walde – Diener mit Fackeln vor dem Portale – in der altertümlichen Halle mit den sonderbar verschnörkelten Säulen, der unerwartete Anblick von ein paar Damen, die zwischen den Gewaffen und Harnischen, mit denen Wände und Säulen behängt und umstellt sind, hervortreten, sie auf das herzlichste bewillkommnen und in das lauschigste aller Zimmer führen; ein flackerndes Kaminfeuer – hellbrennende Wachskerzen vor einem hohen Trumeau in reichem Rokokorahmen – seidene Tapeten von einem fabelhaften Muster, das sich in allen möglichen Variationen auf den schweren Gardinen an den tiefeingeschnittenen Fenstern, den Portieren der hohen vergoldeten Türen, den Vorhängen des altertümlichen Bettes wiederholt – das alles war so eigen, so lustig, so ganz, wie es in einem Abenteuer sein mußte. – Else schüttelte der behäbigen Frau von Strummin die Hand und dankte ihr für ihre Bemühungen, und küßte die hübsche kleine Marie mit den schelmischen grauen Augen und bat um die Erlaubnis, sie auch »Miete« oder »Mieting« nennen zu dürfen, wie die Mutter, die eben das Zimmer verlassen hatte. Mieting erwiderte die Umarmung mit größtem Feuer und erklärte, daß ihr auf der Welt nichts Lieberes hätte begegnen können, als die Einladung heute abend. Sie hätte mit der Mama so gelangweilt auf Strummin gesessen – es sei so grausam langweilig auf dem Lande – und nun der Brief des Grafen! – sie käme überhaupt gern nach Golmberg – der Wald sei so schön, und die Aussicht von der Plattform des Turmes oder von der Spitze des Golmberges über die Wälder auf die See – das sei nun gar entzückend – es passiere ihr freilich nur selten! die Mutter sei ein bißchen bequem, und die Herren dächten an ihre Jagd, ihre Pferde, überhaupt nur immer an sich selbst. Deshalb sei sie auch nicht wenig verwundert gewesen, wie eilig es der Graf heute gehabt, dem fremden Fräulein Gesellschaft herbeizuholen, gerade, als ob er schon vorher gewußt hätte, wie schön und lieb das fremde Fräulein sei, und wie groß das Vergnügen, ihr Gesellschaft zu leisten und ihr so viel dummes Zeug vorzuschwatzen; ob sie das fremde Fräulein »Du« nennen dürfe? dann schwatze es sich noch einmal so gut!

Die bereitwillig gegebene und mit einem Kuß besiegelte Erlaubnis versetzte das übermütige Wesen in das größte Entzücken. – Du darfst nun gar nicht mehr weg, rief sie, – oder doch höchstens, um wiederzukommen, noch in diesem Herbst! Mich heiratet er ja doch nicht; ich habe nichts, und er hat nichts, trotz seines großen Majorats; und wenn wir die Eisenbahn und den Hafen nicht zustande bringen, machen wir hier alle bankrott, sagt mein Papa. Und dein Papa und der Präsident haben ja wohl die ganze Sache in der Hand, erzählte mein Papa, als wir herüberfuhren; und wenn du ihn dann heiratest, versteht es sich von selbst, daß dein Papa die Konzession gibt – so heißt es ja wohl? Und eigentlich bist du ja auch schon, sowieso, dabei beteiligt; denn der Hafen, sagt mein Papa, kann nur auf den Gütern, die deiner Tante gehören, angelegt werden, und du und dein Bruder, ihr erbt ja wohl von der Tante; oder seid schon Miterben? Es ist ein wunderliches Testament, sagt mein Papa, und er wüßte gern, wie das Verhältnis eigentlich wäre; weißt du es denn nicht? Bitte, bitte, sag' mir es! ich will es auch keinem Menschen wiedersagen!

Ich weiß es wirklich nicht, erwiderte Else; – ich weiß nur, daß wir ganz arm sind, und daß du meinetwegen deinen Grafen immer heiraten kannst.

Ich tät's schon gern, sagte das kleine Fräulein ernsthaft; – aber ich bin ihm auch nicht hübsch genug mit meiner kleinen unbedeutenden Figur und meinem Stumpfnäschen. Ich werde einmal einen reichen Bürgerlichen heiraten, dem unser alter Adel imponiert – denn die Strummins sind so alt wie die Insel, weißt du – einen Herrn Schulze oder Müller oder Schmidt. Wie heißt denn der Hauptmann, der mit euch gekommen ist?

Schmidt – Reinhold Schmidt!

Nein, du spaßt!

Wahrhaftig nicht; aber er ist kein Hauptmann.

Kein Hauptmann? was denn?

Ein Schiffskapitän.

Von der Marine?

Einfacher Schiffskapitän.

Ach, du liebe Zeit!

Das kam so komisch heraus, und Mieting schlug die kleinen Hände in solcher naiven Verwunderung zusammen, daß Else lachen mußte und um so mehr lachte, als sie so am besten die verlegene Röte, die ihr in das Gesicht gestiegen war, verbergen konnte.

Dann wird er am Ende gar nicht einmal mit uns soupieren? sagte Mieting.

Weshalb nicht? fragte Else, die plötzlich wieder ganz ernst geworden war.

Ein einfacher Schiffskapitän! wiederholte Mieting; schade! er ist ein so hübscher Mann! ich hatte schon auf ihn für mich gerechnet! aber ein einfacher Schiffskapitän!

Frau von Strummin kam in das Zimmer, die jungen Damen zur Abendtafel zu geleiten. Mieting stürzte der Mutter entgegen, ihr die große Entdeckung mitzuteilen. – Es ist alles bereits geordnet, erwiderte die Mutter; – der Graf hat bei Ihrem Herrn Vater und bei dem Herrn Präsidenten angefragt, ob sie den Kapitän in die Gesellschaft gezogen wünschten. Die beiden Herren haben sich dafür ausgesprochen, und so wird er auch bei Tisch erscheinen. – Er scheint ja auch soweit ein ganz anständiger Mann, schloß Frau von Strummin.

Ich bin wirklich neugierig, sagte Mieting.

Else sagte nichts; aber als sie, auf den Korridor tretend, dem Vater begegnete, der eben aus seinem Zimmer kam, flüsterte sie ihm zu: ich danke dir!

Man muß gute Miene zum bösen Spiel machen, erwiderte der General in demselben Ton.

Else war ein wenig verwundert; sie hatte nicht geglaubt, daß er die Etikettenfrage, die er in ihrem Sinne entschieden, so ernsthaft nehmen würde. Sie bedachte nicht, daß der Vater ihre Äußerung ohne besondere Erklärung gar nicht verstehen konnte, und wußte nicht, daß er ihr einen ganz anderen Sinn untergeschoben. Er war verdrießlich gewesen und hatte sich seine Verstimmung merken lassen – auch noch bei dem Empfange in der Halle. Er glaubte, Elsen sei das nicht entgangen und sie freue sich nun, daß er mittlerweile beschlossen, sich ruhig und gelassen in das Unvermeidliche zu fügen, und in dieser Stimmung ihr mit einem Lächeln entgegengetreten war. An den jungen Schiffskapitän war er erst durch die Anfrage des Grafen wieder erinnert worden. Er hatte weder der Anfrage, noch seiner Antwort: er wüßte nicht, weshalb der Herr Graf den Herrn Kapitän nicht zur Tafel ziehen sollte, – irgend eine Bedeutung beigelegt. –

Glücklicherweise für Reinhold selbst war ihm auch nicht einmal der Verdacht der Möglichkeit gekommen, sein Erscheinen oder Nichterscheinen bei Tische könne von seiten der Gesellschaft alles Ernstes debattiert werden.

Wer einmal A gesagt, muß auch B sagen, sprach er bei sich, während er mit Hilfe der Sachen, die er in dem Reisesack vom Bord des Schiffes auf alle Fälle mitgenommen, seinen Anzug, so gut es gehen wollte, in Ordnung brachte; – und nun zum Kuckuck die böse Laune! habe ich mich in meiner Dummheit auf den Sand gerannt, so werde ich auch wieder flott werden. Den Kopf hängen zu lassen oder gar zu verlieren, hieße, die Dummheit nicht wieder gut machen, hieße, sie nur noch vergrößern; und sie ist gerade hinreichend groß. Wo sind denn aber nur die Schuhe?

Er hatte im letzten Augenblick an Bord die Schuhe, die er getragen, mit einem Paar großer Wasserstiefeln vertauscht. Sie hatten ihm unterwegs im Spülwasser und Regen, im nassen Sande des Strandes und auf dem Wege nach dem Pächterhof die besten Dienste geleistet – aber jetzt! Wo waren die Schuhe? jedenfalls nicht in dem Reisesack, in den er sie geworfen zu haben glaubte und aus dem sie nicht hervorkommen wollten, trotzdem er zuletzt in seiner Verzweiflung alles herausgewühlt und um sich geschleudert. Und hier dies Kleidungsstück, das er nun bereits ein Dutzend Mal in die Hand genommen und wieder hatte fallen lassen – da fehlten ja die halben Schöße! Es war nicht der blaue Überrock! Es war der schwarze Frack, das kostbarste Stück seiner Garderobe, das er nur zu Diners bei seinem Reeder, dem Konsul, und sonstigen feierlichsten Gelegenheiten anzuziehen pflegte! – Reinhold sprang nach der Klingel – die morsche Schnur blieb ihm in der Hand. Er riß die Tür auf und spähte in den Korridor hinein – kein Diener ließ sich sehen; er rief erst leise, dann lauter – kein Diener wollte hören. Und doch! wie sollte dies werden! Die grobe Flausjoppe, die er unter seinem Regenrock getragen und die trotzdem an einzelnen Stellen durchweicht gewesen, hatte der Diener vorhin, um sie zu trocknen, mitgenommen. In einer Viertelstunde, hatte der Mann gesagt, ließe der Herr Graf zum Souper bitten – zwanzig Minuten waren bereits vergangen; er hatte deutlich gehört, daß der Präsident, der einige Türen von seiner Stube einquartiert war, den Korridor durchschritten, um sich nach unten zu begeben – er mußte hier oben in der lächerlichsten Gefangenschaft bleiben, oder unten vor den Herrschaften erscheinen in dem abgeschmacktesten Anzug: Wasserstiefeln und schwarzem Frack! Vor den Augen des Präsidenten, dessen lange, hagere Gestalt vom Scheitel des kleinen feinen Kopfes bis zu den Lackstiefeln, die er sogar an Bord getragen, das Bild peinlichster Akkuratesse war! vor dem strammen, in seinen Interimsrock fest eingeknöpften General! vor dem Grafen, der so schon einige Neigung zu haben schien, ihn gesellschaftlich nicht für voll anzusehen! vor den Damen! – vor ihr! vor ihren lachlustigen braunen Augen! – Nun wohl, wenn ich der Tor gewesen, dem Winke dieser Augen zu folgen – so soll dies meine Strafe sein, so will ich jetzt Buße tun: in schwarzem Frack und Wasserstiefeln!

Und er zog das Kleidungsstück, das er immer noch, es von Zeit zu Zeit entsetzt betrachtend, in der starren linken Hand gehalten, mit einem Ruck an und öffnete abermals die Tür, diesmal, um gelassenen Schrittes, den Korridor entlang, die breite Treppe hinab, sich nach unten in den Speisesaal zu begeben, dessen Lage er sich bereits vorher von dem Diener hatte beschreiben lassen.

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