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Sturmflut. Erste Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Erste Abteilung - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Erste Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Fünftes Kapitel

Der Präsident hatte nicht sowohl auf seine Rückkehr, auch nicht auf die des Reitenden, sondern vielmehr darauf gewartet, daß das Unwetter sich ein wenig legen sollte. – Nur ein ganz klein wenig, sagte er; es kann ja nun auf eine halbe Stunde früher oder später nicht ankommen; und was eine nächtliche Leiterwagenfahrt auf unseren Wegen bedeutet, mein gnädiges Fräulein, das werden wir noch immer früh genug schaudernd an uns selbst – erfahren.

Der Präsident lächelte über sein Wortspiel! Else lächelte aus Höflichkeit mit, obgleich ihr gar nicht so ums Herz war. Sie fühlte sich unruhig und beklommen! sie wußte selbst nicht warum. War es, daß sich der Aufenthalt in dem engen, niedrigen, dumpfen Hause so lange hinzögerte? war es, daß der Aufbruch nun in wenigen Minuten stattfinden mußte und der Kapitän noch nicht zurück war? – Auch die Herren hatten sich sein langes Ausbleiben nicht zu erklären vermocht: sollte er sich im Dunkel zwischen den Dünen verirrt haben? – das schien bei einem Manne, wie er, nahezu unmöglich; sollte er nach dem Fischerdorfe geeilt sein, dem gefährdeten Dampfer Hilfe zu schaffen? aber ein Knecht, der eben von dem Strande hereinkam und – wie alle Leute dieser Gegend – mit den Dingen des Meeres vollständig vertraut war, hatte den Dampfer nach Süden steuern und hinter dem Wissower Haken verschwinden sehen. So war auch diese Annahme hinfällig – was konnte es aber sein? – Habe ich mir etwas gegen ihn zu Schulden kommen lassen? fragte sich Else. – Er sieht mich heute zum erstenmal; er weiß nicht, kann nicht wissen, daß es so meine Art oder Unart ist, zu scherzen und zu necken; daß ich gegen jeden so bin – Tante Sidonie schilt mich ja genug deswegen! Aber freilich! sie hat recht: man darf so gegen Gleichstehende sein, selbst gegen Höherstehende; – gegen Leute, die unter uns stehen, niemals. Unter uns? er ist ein Gentleman, mag er sonst sein, was er will; ich habe mir nichts vorzuwerfen, als daß ich ihn behandelt habe, als ob er unsersgleichen wäre, wie ich jeden unserer jungen Offiziere behandelt haben würde.

Sie war wieder in die Krankenstube gegangen, um die Frau zu fragen, ob es denn wirklich unmöglich sei, einen Arzt herbeizuschaffen? der Pächter, an den sie sich mit derselben Frage gewandt, hatte den Kopf geschüttelt.

Das Fräulein denkt sich das so leicht, sagte er zu den Herren, als Else das Zimmer verlassen; aber der nächste Arzt ist in Prora, und das sind drei Stunden – zurück sechs, ohne den Aufenthalt. Wer kann es dem Herrn Doktor verdenken, wenn er sich lange besinnt, ehe er sich zu der Reise entschließt? Im Sommer und bei gutem Wetter kommt er wohl zu Boot – das geht denn freilich leichter und glatter, aber jetzt – auf unsern Wegen!

Ja, ja; sagte der Präsident; die Wege, die Wege! die Regierung kann da nicht durchgreifen, wie sie wohl möchte. Die Kommunen stöhnen und klagen, sobald wir an den wunden Punkt rühren. Ihr Graf, lieber Herr Pölitz, ist auf dem Kommunallandtage einer der schlimmsten Kläger!

Trotzdem er alle Last wieder auf uns abwälzt, erwiderte der Pächter; – und er hat uns das Leben so schon schwer genug gemacht. Ja, Herr Präsident; ich sage das unverholen; und habe es dem Herrn Grafen ins Gesicht gesagt.

Und wie denken Sie denn über die Eisenbahn? fragte der Präsident, mit einem Wink der Augen nach dem General.

Über des Pächters Gesicht zog ein finsteres Lächeln.

Wie ich darüber denke? erwiderte er. – Nun, Herr Präsident, wir haben ja alle die Petition unterschreiben müssen. Das sah auf dem Papier wunderschön aus; aber wir glauben nur leider kein Wort davon. Was sollen wir mit der Eisenbahn? Zum Reisen haben wir kein Geld, und das bißchen Wolle und Korn, das wir verkaufen, wenn's gut geht – das könnten wir in anderthalb Stunden nach Prora auf den Markt fahren, wenn wir nur eine Chaussee hätten, ja nur einen guten Kommunalweg, wie er wohl herzustellen wäre, wenn der Herr Graf und die andern Herren ein wenig die Schulter mit ans Rad stemmten. Und dann, der Herr Präsident wissen recht gut: unser Hauptweg ist der Seeweg und wird der Seeweg bleiben, der ist immer noch kürzer und ganz gewiß billiger als die Eisenbahn.

Aber nun der Kriegshafen? fragte der Präsident, abermals den General anblickend.

Davon verstehe ich nichts, Herr Präsident, erwiderte der Pächter; das wird der Herr General da wohl besser wissen. Ich für mein Teil weiß nur, daß es ein bösschwierig Ding sein würde, in unseren Dünen, die der Wind heute hier hinsetzt und morgen dahin, einen Hafen zu bauen; und daß wir Landleute und die Schiffer und Fischer keinen Hafen brauchen, weder einen Kriegs- noch einen Friedenshafen; und daß uns mit einer einfachen Mole und mit einem bißchen regelrechten Baggern besser, ja einzig und allein geholfen wäre. Eisenbahn, Kriegshafen, jawohl! da kann mancher Baum geschlagen und zu Gelde gemacht werden und mancher Morgen Sand, der keinen Schilling wert ist, und mancher Morgen Ackerland dazu, auf dem sich jetzt ein armer Mensch mit saurem Schweiß durchs Leben quält, der dann den Stock in die Hand nehmen und nach Amerika auswandern mag, wenn da noch Platz ist für unsereinen.

Die rauhe Stimme des Mannes zitterte, während er die letzten Worte sagte, und er wischte sich mit dem Rücken der braunen Hand über die Stirn. Der Präsident blickte den General wieder an, diesmal aber keineswegs herausfordernd, wie vorhin. Der General richtete sich von seinem Sitz auf, tat ein paar Schritte durch das Zimmer und trat an das Fenster, das er öffnete. – Der Bote bleibt lange, sagte er.

Ich werde einmal nachsehen, sagte der Pächter, das Zimmer verlassend. Der General schloß das Fenster und wandte sich mit Lebhaftigkeit zum Präsidenten:

Wissen Sie, ich möchte, wir hätten nicht nach Golmberg geschickt. Unser Besuch auf dem Schlosse, wie unfreiwillig derselbe auch ist, – wir bleiben dem Grafen immer dafür verpflichtet und –

Der General rieb sich die hohe, an den Schläfen bereits kahle Stirn und schob den dichten grauen Schnurrbart ärgerlich hin und her; der Präsident zuckte die Achseln.

Da bin ich doch in einer viel heikleren Lage, sagte er.

Mit Ihnen ist es etwas anderes, erwiderte der General; Sie sind mit ihm bekannt, befreundet – gewesen, meinetwegen. Aber Sie können die Berührung mit ihm gar nicht vermeiden; die Provinzialgeschäfte müssen Sie immer wieder zusammenführen; da läuft denn dies so in einem mit; ich dagegen –

Der Präsident lächelte.

Mein Gott, Herr General, sagte er: das klingt doch wahrlich, als ob die Berührung mit dem Grafen an und für sich eine bedenkliche Sache wäre! Gestehen Sie es nur: es ist nicht die vertrackte Eisenbahn- und Kriegshafenaffäre – die Äußerungen des braven Pächters haben Sie persönlich gegen den Grafen eingenommen!

Sind die Klagen des Mannes grundlos? fragte der General, sich auf den Hacken wendend.

Der Präsident zuckte wieder mit den Achseln: Wie man es nehmen will! der Graf könnte vielleicht für seine Pächter mehr tun; aber seien wir auch nicht ungerecht! Er hat die Güter, als ein sehr junger Mann, verschuldet übernommen. Er mußte, wollte er sich halten, die höchsten Pachterträge zu erzielen suchen; er war nicht in der glänzenden Lage Ihres verstorbenen Herrn Schwagers, der bei seinen Kontrakten sich mehr von dem Zuge seines guten Herzens als von ökonomischen Rücksichten leiten ließ. Die Warnowschen Güter kommen ja wohl nächste Ostern neu zur Pacht? Sie werden dann, als einer der Kuratoren, sich spezieller um die hiesigen Verhältnisse bekümmern müssen. Wer weiß, ob Sie heut' über ein Jahr noch den Klagen von Leuten, denen Unzufriedenheit mit allem Bestehenden zur anderen Natur geworden, ein so williges Ohr schenken!

Ich werde auch dann, wie ich es bisher unverbrüchlich getan, soweit als möglich mich jeder direkten Einmischung in diese Angelegenheit enthalten, erwiderte der General lebhaft. – Sie wissen: ich habe nur einmal vor sechsundzwanzig Jahren, als Herr von Wallbach, der Geheimrat Schieler und ich nach dem Tode meines Schwagers die Verwaltung übernehmen mußten, die Güter inspiziert, wie es meine Pflicht war; und habe seitdem alles den bewährten Händen Schielers überlassen. Ich bin nie wieder hier gewesen, und nun –

Sind Sie hier! rief der Präsident; durch den merkwürdigsten Zufall – einverstanden! aber ein weiser Mann – und nun gar ein Soldat! – muß auch für merkwürdigste Zufälle Platz in seinem Kalkül lassen. Ich glaube, der Regen hat aufgehört, und wenn wir denn schon einmal nicht hier bleiben können, so wäre es nun wohl die höchste Zeit, den Leiterwagen – ich hätte beinahe gesagt: das Schafott zu besteigen.

Der Präsident hatte die Decke, welche er sorgsam über die Knie gebreitet, beiseite geschoben, sich aus der Ecke des kleinen Sofas erhoben und war zu dem General ans Fenster getreten. In diesem Augenblick fing der Hofhund wütend zu bellen an; der kleine Teckel des Pächters stürzte kläffend aus der Haustür; zwischen den Scheunen blinkten zwei helle Lichter auf, denen alsbald andere folgten; der Hufschlag von Pferden, das Rollen von Rädern ertönte auf dem holprigen Pflaster.

Es ist der Graf selber, ich wette! rief der Präsident, der über dem hocherfreulichen Anblick der Equipagen alle Bedenken und Einwendungen des Generals vergaß. Gott sei Dank! so werden wir wenigstens nicht gerädert werden! – Sieh da, mein lieber Graf! das ist so liebenswürdig von Ihnen!

Und er streckte dem Herrn, der rasch durch die Türe trat, die ihm der Pächter geöffnet, beide Hände verbindlich entgegen.

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