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Sturmflut. Erste Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Erste Abteilung - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Erste Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Neuntes Kapitel

Zum Glück wurde in diesem Augenblicke das Souper angekündigt, das von einem in dem bis dahin geschlossenen Saale hergerichteten Büfett an kleinen Tischen, die man unterdessen gedeckt hatte, serviert wurde. – Haben Sie sich noch nicht engagiert? fragte Else Reinhold im Vorüberstreifen; – dann schnell! Fräulein Emilie von Fischbach wartet auf Sie; ja, ja! wenn Sie auch noch so große Augen machen! Es ist alles verabredet; sie steht da an dem Spiegel mit Fräulein von Rossow, die von Schönau engagiert ist; ich lasse mich nicht engagieren – komme aber hernach – wir sitzen dort an dem kleinen runden Tisch am Fenster! Und nun schnell, schnell, oder es kommen uns andere zuvor!

Reinhold beeilte sich, einem so lieben Befehle Folge zu leisten; Else hielt Ottomar, der an ihr vorüberstürmte, an: Ich bitte dich, liebster, bester Ottomar, führe Carla zu Tisch! sie hat ganz sicher auf dich gewartet. Du hast wahrlich ein Unrecht wieder gut zu machen.

Man tut es nicht dadurch, daß man ein zweites begeht.

Das verstehe ich nicht; aber du bist es ihr und uns allen schuldig.

Ich soll eben aus den Schulden nicht herauskommen – nun, dir zuliebe! Da! – und er winkte mit den Augen nach Carla, die eben an Golms Arm zu dem nächsten Tische ging, – du siehst, wie sie auf mich gewartet hat.

Paula! rief Else einer der jungen Damen zu: – mein Bruder möchte dich gern zu Tisch führen und wagt es nicht, weil du ihm neulich einen Korb gegeben. Da an dem Tische! – Fürst Clemda – an dem Tische, wenn ich bitten darf! zusammen mit Graf Golm und Ottomar – es sind noch gerade vier Plätze frei; es muß jeder Platz besetzt werden. –

Zu Befehl, meine Gnädigste, sagte Clemda; allons, Werben!

Ottomar, seine Dame am Arm, stand noch immer unschlüssig.

Will ein Werben einem Golm erlauben, zu sagen, daß er vor ihm das Feld geräumt hat? flüsterte Else ihm ins Ohr.

Sie bereute das Wort, so wie sie es gesprochen: wie konnte ein Verhältnis zum Segen gedeihen, das aus der trüben Quelle verletzter Eitelkeit seine Nahrung ziehen mußte? – aber schon hatte Ottomar mit einem: darf ich bitten, meine Gnädigste? – die Freundin fortgeführt, und für sie war es höchste Zeit, ihren Platz einzunehmen. Und schon kam sie zu spät. Sie hatte gehofft, Reinhold an ihrer andern Seite zu haben, – nun hatte noch für ein neues Paar, das bereits von Tisch zu Tisch geirrt, Platz geschafft werden müssen, wodurch denn die ganze Ordnung verschoben war. Indessen – er saß ihr gegenüber: und so konnte sie sich wenigstens seines Anblicks erfreuen: des Glanzes seiner Augen, die, wohl nicht bloß aus Zufall, so oft, wenn auch immer nur für ein paar Momente, auf ihr haften blieben; der Unbefangenheit seines Lächelns, von dem Mieting so bezaubert gewesen war und das auch sie, wie sie sich heimlich eingestand – so bezaubernd fand; der ruhigen Klarheit seiner Rede, wenn er sich in die Unterhaltung mischte; der stillen Bescheidenheit, mit der er dem geistvollen Schönau willig die Führung der Unterhaltung überließ. Der Hauptmann sprach hier, wo er es für wert hielt, sein ernstliches Urteil über Wagner und den Wagnerianismus und führte aus, wie er in Wagner nicht den Propheten der Zukunft, sondern im Gegenteil den letzten Epigonen einer großen Vergangenheit sehe; wie die Vermischung und Vermengung der Künste, die Wagner als höchstes Postulat hinstelle, noch überall und zu allen Zeiten ihren Verfall eingeleitet und begleitet habe; wie der blinde Fanatismus seiner Anhänger und die tyrannische Unduldsamkeit, mit der sie jede anderseitige Meinung niederschrien, für ihn nicht als ein Beweis ihrer Stärke, sondern umgekehrt ihrer Schwäche gelte, deren durchbohrendes Gefühl sie auf diese Weise zu übertäuben suchten; und wie in seinen Augen das einzig Tröstliche an der ganzen Sache sei, daß die Gewaltherrschaft, die die Wagnerianer usurpierten, auf zwei Augen stehe, nämlich auf denen des Meisters selbst, und daß sein Reich, sobald er vom Schauplatz abtrete, einfach deshalb in Trümmer gehen müsse, weil seine sogenannte Theorie nicht auf wahrhaften Kunstprinzipien ruhe, nicht aus dem Wesen der Kunst mit Notwendigkeit resultiere, sondern nichts weiter sei, als die Abstraktion seiner allereigensten, gewiß höchst begabten, höchst energischen, aber auch ebenso kapriziösen, exzeptionellen Natur, von der man alles Ernstes sagen könne, daß man ihresgleichen schwerlich jemals wiedersehen werde. – Glauben Sie mir, meine Herrschaften, es wird an seinen ratlosen Schülern das Wort Mephistos in Erfüllung gehen: sie werden die Teile in der Hand haben; aber das geistige Band wird ihnen auf immerdar fehlen.

Schönau hatte seine Rede zumeist an Else gewandt; aber Else ertappte sich wiederholt darauf, daß ihre Gedanken nicht recht bei der Sache waren; und sie hörte ihm doch sonst so willig zu, und er sprach heute noch ganz besonders gut, ja mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit, die dem für gewöhnlich sehr vorsichtigen, reservierten Manne vortrefflich stand. Die Freundinnen hatten sie manchmal mit dem Hauptmann geneckt, und sie hatte nie geleugnet, daß sie ihn gern habe; und während er jetzt sprach und ihre Augen von ihm zu Reinhold und wieder von Reinhold zu ihm glitten, und sie die beiden so ganz verschiedenen Männer unwillkürlich miteinander verglich, fragte sie sich, wie es doch wohl zugehe, daß man jemand lieb, recht lieb, und einen andern doch noch viel lieber haben könne, trotzdem der Jemand hinter seiner breiten, scharf gemeißelten Stirn unzweifelhaft viel geistreichere Gedanken wälze, als der andere, der so bescheiden-aufmerksam zuhörte? und weiter: wie sonderbar es doch sei, daß, während der eine schon seit Jahren, als vertrauter Freund, bei ihnen aus- und einging, sie nie darüber nachgedacht habe, ob es ihm in ihrem Hause gefalle, und sie sich jetzt fortwährend ängstlich fragte, ob der andere, der heut' zum ersten Male ihr Gast war, wohl gern gekommen sei und gern wiederkommen werde? und es sie glücklich mache, daß er so vergnüglich mit der hübschen Emilie Fischbach plauderte und jetzt in seiner treuherzigen Weise das Glas gegen sie erhob und austrank, und seine Augen dabei so gut und groß in ihre Augen blickten? – Ja, sie war glücklich und würde es ganz gewesen sein, wenn es an dem langen Tisch nebenan etwas weniger laut und lebhaft zugegangen wäre und Ottomars Stimme nicht manchmal so hell herübergeschallt hätte, daß sie erschrocken zusammenfuhr und sich erst wieder beruhigte, wenn Lachen und Gläserklirren die helle Stimme übertönten. Ging es doch an dem Tische, an dem Ottomar saß, noch immer ganz besonders lärmend und lustig zu!

Heute mehr als je! – »Ein Werben wird einem Golm nicht das Feld räumen!« – Das klang in Ottomars Ohr, als er sich mit seiner Dame, Golm und Carla gegenüber, an den Tisch setzte, und in seinem leidenschaftlichen Herzen klang es wieder; und wenn für niemand sonst, so klang es für Carla aus dem ersten Ton seiner Stimme, als er sich jetzt in die bereits begonnene Unterhaltung hineinwarf, um in kürzester Frist die Führung zu übernehmen und zu behaupten, – als wenn's ein Rennen wäre, dachte Carla, aus dem er sich vorgenommen, als Sieger hervorzugehen, mochten die Konkurrenten sich abmühen, wie sie wollten. Und Graf Golm gab sich alle erdenkliche Mühe – vergebens. Ottomar war unerschöpflich in launigen Einfällen, übermütigen Scherzen und witzigen Antworten – Carla hatte ihn nie so brillant gesehen.

Carla war entzückt; sie wußte, um welchen Preis so scharf geritten wurde, warum der Reiter, der die Tete hatte, die höchsten Hecken und breitesten Gräben mit solcher Tollkühnheit nahm, und daß sie es war, aus deren Händen der Sieger den Preis empfangen wollte. Der gute Golm! er tat, was er konnte, und mehr als das! es war nicht seine Schuld, daß er weiter und weiter zurückblieb und zuletzt aus der Bahn brechen zu wollen schien! Aber das durfte nicht sein; man mußte ihn ermutigen, anfeuern; ihm wenigstens den zweiten Preis zuerkennen und andeuten, daß es nur ein unglücklicher Zufall war, der ihn diesmal um den ersten gebracht, und daß es gar nicht unmöglich sei, er werde ein anderes Mal den ersten erringen.

Das durfte freilich nur sehr vorsichtig geschehen: nur mit einem aufmunternden Lächeln, mit einem schnellen gütigen Blick; vor der Gesellschaft mußte Ottomar gekrönt werden; an Ottomar mußte sie jetzt, als die Tafel aufgehoben wurde, herantreten und zu ihm, indem sie ihm die Hand reichte, laut genug sagen, daß es die Umstehenden hören konnten: Sie waren wundervoll, Werben, ganz wundervoll!

Sie sind sehr gütig, mein gnädiges Fräulein! erwiderte Ottomar, mit einer spöttisch tiefen Verbeugung.

Der Spott kam ihm nicht von Herzen. Er war von seinem Erfolge berauscht; und nicht bloß von seinem Erfolge. Er hatte sich Vergessenheit seiner Sorgen und Qualen trinken wollen – er hatte sich Vergessenheit getrunken. Der dunkle Wald und das schöne Mädchen, das er vor wenigen Stunden in dem dunklen Walde in seinem Arm gehalten – es war ein Traum gewesen, ein toller, wirrer Traum, den er, Gott weiß wann einmal, geträumt: hier war Lust und Scherz und Licht und Glanz, wohin er blickte; und wohin er blickte, leuchteten schöne Augen, lachten rote Lippen, glänzten weiße Schultern – leuchteten ihm, lachten ihm, glänzten ihm! Hier war sein Reich, hier war er König! er brauchte nur die Hand auszustrecken, und die Hand der gefeiertsten Dame legte sich in die seine! Gab es ein Morgen? mochte es kommen! Der Augenblick gehörte ihm! es lebe die Lust und der Scherz! es leben die schönen Augen und die roten Lippen und die weißen Schultern!

Und, als ob alle Genien der Lust und des Scherzes ihn umschwebten, flog Ottomar durch die Gesellschaft, die älteren Herrschaften um Entschuldigung zu bitten, wenn sie sich jetzt im Interesse der jungen Leute, die noch ein wenig tanzen wollten, zusammendrängen müßten, bis der Speisesaal wieder ausgeräumt sei; die Kameraden auffordernd, die kostbare Zeit zu benutzen und sich zu engagieren, falls sie so unvorsichtig gewesen sein sollten, es bis jetzt noch nicht zu tun; den jungen Mädchen die erfreuliche Kunde bringend, daß ein Damenwalzer den Schluß bilden würde mit obligaten Orden, und daß auf seiner Brust noch für mehr als einen Platz sei – und da wurden auch schon die Türen aufgerissen, aus dem ausgeräumten Saal erschallten die Klänge einer lustigen Polka, und: – Sie tanzen doch mit mir, Carla? – rief Ottomar, und, ohne ihre Antwort abzuwarten, seinen Arm um sie schlingend, flog er mit ihr in den Saal hinein, gefolgt von den andern Paaren, die sehnlich auf diesen Augenblick geharrt hatten.

Sind Sie nicht engagiert? fragte eine tiefe Stimme hinter Reinhold.

Reinhold wandte sich: Nein, Herr General.

Sind Sie kein Tänzer?

Doch, Herr General; aber der Herr General hatten die Güte, mir zu sagen, daß Sie mit mir zu sprechen wünschten; ich wollte mir eben erlauben –

Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen; auch kam ich, Sie mir zu holen.

Ich bin zu Ihren Befehlen, Herr General.

Kommen Sie!

Der General blieb trotzdem stehen. Der Anblick des Saales, der jetzt von den Tanzenden fast gefüllt war, schien ihn zu interessieren und zu fesseln; Reinhold, der unwillkürlich die Richtung, in die der General blickte, aufgenommen, sah, daß seine Augen auf Ottomar haften blieben, der mit Carla unter dem Kronleuchter in den künstlichen Variationen, zu denen die Polka herausfordert, herumwirbelte. Ein Lächeln flog über das ernste, strenge Gesicht; dann, wie aus einem Traume erwachend, strich er sich mit der Hand über die Stirn und sagte noch einmal: Kommen Sie!

Er hatte seinen Arm in Reinholds Arm geschoben und ging so mit ihm quer durch den großen Salon, vorüber an einer Gruppe, die sich um die Baronin Kniebreche gesammelt hatte. Die Baronin hielt mitten in ihrer Rede inne: ihre runden Pincenezgläser schienen über die Vertraulichkeit, mit der der General den jungen Reserveoffizier beehrte, zornige Flammen zu sprühen. – Blick' du immer! dachte Reinhold, während sein Herz stolz aufwallte; – und gebe nur Gott, daß ich mich der Ehre würdig machen kann!

Sie waren in das kleine Kabinett getreten, wo vorhin über Wagner so heftig debattiert wurde. Das Kabinett war leer.

Setzen wir uns! sagte der General, indem er selbst auf einem Fauteuil Platz nahm und Reinhold an seine Seite winkte; ich will Sie nicht lange aufhalten.

Ich bin wirklich nicht pressiert, Herr General, ich bin nur einmal engagiert zu einem späteren Tanz – mit Ihrem Fräulein Tochter.

Das ist recht, sagte der General, – Else ist Ihnen Dank schuldig; und dabei bin ich selbst schon wieder im Begriff, Ihre Güte in Anspruch zu nehmen. Um es in einem Wort zu sagen: Sie haben vorhin mit dem Oberst Sattelstädt und mit Schönau gesprochen und den Herren Ihre Ansicht über die bewußte Frage ausführlich dargelegt. Die Herren sagen beide, daß Ihre Auseinandersetzungen ihnen ganz neue Gesichtspunkte gegeben hätten, die von der größten Wichtigkeit schienen und die Frage in den Augen aller, die überhaupt sehen könnten, entscheiden müßten: in unserem, das heißt, in meinem und der beiden Herren Sinne, die wir leider mit unserer Ansicht etwas vereinzelt dastehen und alle Ursache haben, uns nach Bundesgenossen umzuschauen. Ich bitte Sie nun, in unser aller Namen, dieser Bundesgenosse zu sein und uns ein schriftliches Elaborat über die Angelegenheit anfertigen zu wollen, von dem wir unumschränkten Gebrauch machen dürfen. Karten und sonstige Hilfsmittel, die Sie irgend wünschen mögen, wird Ihnen Schönau, mit dem Sie sich dieserhalb in Vernehmen setzen würden, bereitwilligst zu Gebote stellen. Die erste Frage ist nun: Wollen Sie uns den Gefallen erweisen?

Ganz gewiß, Herr General, – und ich werde meine ganze Kraft daran setzen.

Ich war im Voraus davon überzeugt, aber ich glaube, Sie auf eines aufmerksam machen zu sollen. Der Präsident von Sanden hat mir gesagt, daß er auf Sie reflektiere, und meine Else mir mitgeteilt, daß Sie nicht abgeneigt sind, auf des Präsidenten Wünsche einzugehen und die betreffende Stelle anzunehmen. Die Stelle ressortiert nicht vom Kriegsminister; aber Ihre Relation wird böses Blut machen in mehr als einem Ministerium, und wir könnten in die Lage kommen, den Namen unseres Gewährsmannes nennen zu müssen – haben Sie daran gedacht?

Nein, Herr General, aber ich habe mich meines Namens nie geschämt und, Gott sei Dank, niemals Ursache dazu gehabt; von dem Augenblicke, wo er in dieser Gemeinschaft und in dieser Sache genannt wird, würde ich glauben, stolz darauf sein zu dürfen.

Der General nickte.

Und nun noch eines: die Sache pressiert – sehr. Wann glauben Sie, mit der Relation zustande kommen zu können?

Wenn ich morgen vormittag mit Herrn von Schönau konferieren darf – bis übermorgen früh.

Da würden Sie die Nacht zu Hilfe nehmen müssen.

Ich bin ein guter Schläfer, Herr General – und ein guter Wacher.

Der General lächelte.

Ich danke Ihnen, lieber Schmidt.

Es war das erste Mal, daß er Reinhold mit jener Vernachlässigung der Form anredete, durch die höhere Offiziere jüngere Kameraden auszeichnen. Er hatte sich erhoben; seine sonst so strengen Augen ruhten mit einem fast väterlichen Wohlwollen auf dem jungen Mann, der, errötend vor Glück und Stolz, dastand.

Und nun gehen Sie und seien Sie noch eine Stunde vergnügt mit der Jugend; Sie sind ja selber, Gott sei Dank, noch jung genug. Da kommt mein Sohn, gewiß, um Sie zu holen.

In der Tat, sagte Ottomar, der aufgeregt, eilig in der Tür erschien; – ich bitte um Entschuldigung; aber Else –

Schnell, schnell! sagte der General.

Ottomar zog Reinhold fort.

Der General blickte den beiden jungen Männern sinnend nach: Schade, schade – murmelte er; aber man kann nicht alles zu gleicher Zeit haben, und wenn Ottomar – was gibt es?

Der Brief wurde soeben abgegeben.

Ein Brief? jetzt? wie ist das möglich?

Das Haus ist offen, Herr General; der Mann, der ihn brachte, sagte, es wäre sehr gut gewesen, sonst hätte er schellen müssen; es sei sehr eilig.

Wunderlich! sagte der General, den Brief, den er dem Diener abgenommen, betrachtend.

Es war ein großer, geschäftsmäßig zusammengefalteter Brief und die Aufschrift in einer kanzleimäßigen Hand.

Wunderlich! sagte der General noch einmal. Er hatte mechanisch den Brief erbrochen und begann zu lesen – Was war das? – er strich sich über die Augen und blickte wieder hinein: aber da stand es noch immer ganz deutlich, in ganz deutlichen, frechen Worten. Sein Gesicht wurde dunkelrot.

Befehlen der Herr General noch sonst etwas? fragte August, der noch gewartet hatte, ängstlich.

Nein, nein! nichts, nichts! Du kannst gehen, murmelte der General, indem er den Brief sinken ließ und zusammenfalten zu wollen schien.

Aber der Diener hatte sich kaum entfernt, als er wieder hineinblickte, um zu Ende zu lesen. Und jetzt zitterte der starke Mann vom Kopf bis zu den Füßen, während er, sich scheu umblickend, den Brief schnell zusammenfaltete und, die Uniform aufreißend, in die Tasche steckte.

Der Unglückliche! murmelte er.

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