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Sturmflut. Erste Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Erste Abteilung - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Erste Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Zweites Buch

Erstes Kapitel

Die letzte Station, meine Herren! darf ich um die Billetts bitten?

Reinhold reichte dem Schaffner das Billett und warf einen Blick auf den schlafenden Reisegefährten. Der aber regte sich nicht.

Mein Herr, darf ich um Ihr Billett bitten? sagte der Schaffner in lauterem Ton.

Der Schläfer richtete sich auf: Ach so! – Er griff in ein Seitentäschchen seiner grauen Joppe, gab das Geforderte, lehnte sich in seine Ecke zurück und schien bereits wieder eingeschlafen, als der Zug sich in Bewegung setzte.

Schon vorhin, als der Herr einstieg – es war auf der drittletzten Station, und ein paar andere Herren in Jagdkostüm hatten ihn bis an den Wagen begleitet und in etwas lärmender Weise sich von ihm verabschiedet – war es Reinhold gewesen, als ob er die schlanke, elastische Gestalt schon einmal gesehen, als ob er die helle übermütige Stimme schon einmal gehört haben müsse. Daß der Herr ein Offizier sei, war ihm aus dem Gespräch mit den Jagdgenossen klar geworden; aber vergebens durchstöberte er seine Kampagne-Erinnerungen, die ihn wohl am ersten auf die rechte Spur bringen mochten: – das Buch war zu bunt, der Gestalten drängten sich zu viele durcheinander – nirgends hatte die Erinnerung haften wollen. Jetzt, wo der Schläfer eine andere Stellung eingenommen und das Licht der Lampe heller auf ihn fiel, betrachtete Reinhold wieder mit erhöhter Teilnahme das Gesicht, das ihm so sonderbar bekannt vorkam: die wohlgebildete, von kurzem krausen braunen Haar umrahmte Stirn, die feine gerade Nase, die zierlichen Lippen mit dem dunklen weichen Bärtchen, das etwas längliche, scharf gemeißelte Kinn – und nun wußte er, wo und wann er dies Gesicht, schöner freilich und lieblicher, zum letzten Male gesehen!

Der in der grauen Joppe hatte die Augen geöffnet und musterte seinerseits den Reisegefährten mit einem gleichgültigen Blick, drehte dann den Kopf nach der Seite, wandte ihn aber alsbald wieder um und sagte:

Pardon! ich sollte meinen, wir müßten uns schon sonst begegnet sein.

Es geht mir ebenso, erwiderte Reinhold höflich; aber mein Gedächtnis läßt mich im Stich.

In der Kampagne vielleicht.

Das war auch mein erster Gedanke.

Vielleicht, daß der Name nachhilft: Ottomar von Werben, Sekondeleutnant im... Regiment Nr. 19.

Ein freudiger Schreck durchzuckte Reinhold:

Reserveleutnant Reinhold Schmidt. – Ich habe die Ehre gehabt, dieser Tage mit einem General Ihres Namens und seinem Fräulein Tochter auf dem Dampfer von Stettin nach Sundin zusammenzutreffen –

Waren mein Vater und meine Schwester, sagte Ottomar – in der Tat merkwürdig! sehr!

Er hatte sich wieder in die Ecke sinken lassen, aus der er sich mit höflicher Verbeugung erhoben. – Der Reserveleutnant flößt dem Gardeleutnant nur ein mäßiges Interesse ein, sprach Reinhold bei sich.

Er würde unter anderen Umständen gewiß das Gespräch, das der andere so bald abgebrochen, nicht wieder aufgenommen haben. Hier wurde es ihm nicht schwer, eine Ausnahme zu machen.

Ich hoffe, daß der Herr General und das gnädige Fräulein sich wohl befinden, begann er von neuem.

Gewiß, ohne Zweifel! sagte Ottomar, – das heißt, offen gestanden – ich habe sie, als sie vorgestern abend nach Hause kamen, eigentlich nur sehr flüchtig gesprochen; seit gestern morgen auf Urlaub – zur Jagd – auch Jäger?

Ich kann nicht sagen, daß ich Jäger bin, trotzdem ich Gelegenheit hatte, einige ungewöhnliche Jagden mitzumachen.

Ungewöhnliche Jagden?

Das heißt: für den Europäer ungewöhnliche; ein Seemann –

Sie sind Seemann?

Zu dienen – ein Seemann, wollte ich sagen, kommt ja wohl ein und das andere Mal in die Lage.

Das interessiert mich, das müssen Sie mir erzählen; die Jagd ist meine einzige Passion!

Ottomar hatte sich einen Platz näher zu Reinhold gesetzt und blickte ihn mit den braunen Augen so neugierig fragend an – diese Augen hatten es leicht, Reinhold eine Antwort zu entlocken.

So erzählte er denn, was ihm auf einer Büffeljagd in den Prärien von Kansas und auf einer Tapirjagd in Ceylon begegnet war, während Ottomar aufmerksam zuhörte und nur hier und da einen unjägermäßigen Ausdruck rügte, oder eine nähere Aufklärung über einen Punkt erbat, der ihm dunkel geblieben oder besonders wichtig schien.

Das war famos, rief er zuletzt, das muß ein kapitaler Schütze gewesen sein, der – Dingsda – der Engländer – Mr. Smirkson; aber Sie können auch nicht schlecht schießen – freilich als Soldat! – à, propos, wissen Sie immer noch nicht, wo wir uns getroffen haben? Es kann eigentlich nur in Orleans gewesen sein; denn das ist meines Wissens das einzige Mal, daß mein Regiment mit dem Ihrigen in unmittelbaren Kontakt gekommen –

Und in Orleans ist es gewesen! rief Reinhold – vielmehr bei Orleans: auf einer kombinierten Wache, zu der unsere beiden Regimenter die Mannschaften stellten. Und eine lustige Wache war's – dank Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft und muntern Laune. Wie ist es möglich, daß ich mich in diesen Tagen der Sache und des Namens nicht erinnert habe! Jetzt fällt mir alles wieder ein: es kamen hernach noch mehrere Ihrer Kameraden, ein Herr von Wallbach –

Wallbach – ganz richtig; er fiel später vor Paris – armer Kerl! bin sehr liiert mit der Familie – hat vielleicht das bessere Teil erwählt; verzweifelt langweiliges Dasein nach der Kampagne!

Man muß sich wieder an das Alltagsleben gewöhnen – gewiß! sagte Reinhold. – Aber ihr Herren seid doch in eurem Beruf geblieben – und Graf Moltke wird euch, meine ich, nicht auf euren Lorbeeren schlafen lassen –

Das soll Gott wissen! es ist ein Dienst – unglaublich – die Kampagne war Kinderspiel dagegen!

Sehen Sie! aber wir Zivilisten, wir haben es ein gut Teil schwerer: im Kriege, der denn doch schließlich nicht unser Metier ist, und wo wir also den Anforderungen, die an uns gestellt werden und die wir an uns selber stellen, kaum genügen, und auch nach dem Kriege, wo wir, als wäre nichts geschehen, in unserm Metier weiter arbeiten sollen und dann meistens auf unsere Kosten gewahr werden, wie mühsam der Mensch lernt und wie leicht er – vergißt. Glücklicherweise hat mein Beruf eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Kriege, hinsichtlich der moralischen Qualitäten, die er von uns erheischt; und so mag es gekommen sein, daß ich für mein Teil nicht mit in die Klagen einstimmen kann, die ich von so vielen in dieser Beziehung gehört habe.

Jawohl, allerdings – sagte Ottomar, – ohne Zweifel, – Sie werden länger in Berlin bleiben?

Er hatte sich nach dem Fenster gebeugt, an dem jetzt häufiger Lichter vorübertanzten.

Ein paar Wochen – vielleicht ebensoviel Monate – es kommt auf die Umstände an – Verhältnisse, die ich noch nicht zu übersehen vermag –

Pardon! wollte nicht indiskret sein. Wie war doch der Name?

Er wischte mit seinem Taschentuche an der Scheibe, die von seinem Hauch getrübt war. Reinhold mußte über die bequeme Art, die Unterhaltung zu führen, lächeln: Du darfst mehr als andere, sagte er bei sich und nannte dann noch einmal seinen Namen.

Das nach dem Fenster gewandte Gesicht war ihm plötzlich zugekehrt mit einem Ausdruck der Überraschung, der Neugier, für den Reinhold keine Erklärung hatte.

Pardon! wenn ich eine ganz dumme Frage tue: haben Sie Verwandte in Berlin?

Ja, ich habe sie seit Jahren nicht gesehen; sie zu besuchen ist der ursprüngliche Zweck meiner Reise hierher.

Ich – ich kenne verschiedene Ihres Namens – der General –

Wir Schmidts sind bürgerlich – sehr bürgerlich – mein Onkel hat ein, ich glaube, bedeutendes Marmorwarengeschäft –

In der Kanalstraße?

Ja; Sie kennen ihn?

Nur von Ansehen – stattlicher alter Herr; wir wohnen Springbrunnenstraße – dos-à-dos, oder eigentlich Schulter an Schulter. Der Hof von dem Geschäft Ihres Herrn Onkels schneidet tief nach der Parkstraße hinüber; der kleine Garten von unserem Hause – die Grundstücke gehörten ursprünglich zusammen – lehnt sich seitwärts wieder an den größeren Garten Ihres Herrn Onkels. Da sieht man sich denn – über die Hecken und Mauern – sieht sich, ohne sich zu kennen – ich meine offiziell – sonst, wie gesagt, von Ansehen kenne ich Ihren Herrn Onkel sehr wohl, – auch – Ihr Fräulein Cousine –

Er hatte das Fenster heruntergelassen; der Zug fuhr in den Bahnhof ein. – Werden Sie erwartet, Herr Kamerad?

Ja; es ist ein bedenkliches Experiment, wenn man sich in zehn Jahren nicht gesehen hat.

Werde Ihnen behilflich sein, wenn Sie erlauben –

Ottomar hatte sich erhoben und nahm seine Jagdtasche herab – die Flinte hatte er beständig zwischen den Knien gehabt.

Sehr gütig!

Der Zug hielt. Reinhold langte auch seine Sachen von dem Gestell; er konnte sie nicht gleich zusammenfinden. Als er sich umwandte, war Herr von Werben bereits herausgesprungen; Reinhold sah ihn noch einen Moment, wie er sich hastig durch das Gedränge arbeitete, verlor ihn dann aber aus den Augen, während er seine Blicke umherschweifen ließ, die auf einem Herrn haften blieben, der in einiger Entfernung stand. Die stattliche, breitschultrige Gestalt – die Haltung des Kopfes, der selbst jetzt, wo er sich bald nach rechts, bald nach links wandte, so stolz aufgerichtet blieb – der volle, allerdings jetzt stark ergraute Bart – wie hatte er glauben können, den Mann nicht auf den ersten Blick wieder zu erkennen!

Onkel Ernst!

Sieh da, lieber Junge!

Es war ein herzlicher Ton in der tiefen, kräftigen Stimme, und herzlich und kräftig war der Druck der breiten starken Hand, die sich Reinhold entgegenstreckte.

Wie er leibte und lebte – dein Vater! sagte Onkel Ernst.

Die großen Augen, die starr auf Reinholds Gesicht gerichtet waren, wurden feucht. Die Hand, die noch die seine gefaßt hielt, ließ los; der Onkel hatte ihn an seine Brust gezogen und geküßt.

Lieber Onkel!

Ihm selbst waren die Augen naß geworden; er hatte einen so liebevollen Empfang von dem strengen finstern Manne nicht erwartet. Auch war die momentane Rührung jedenfalls wieder vorüber, als Onkel Ernst nun sagte: Deine Sachen sind bereits gestern gekommen; wo bleibt denn Ferdinande?

Sie ist hier?

Da kommt sie!

Ein großes schönes Mädchen trat eilig heran. – Ich hatte dich ganz verloren, Vater. Guten Abend, lieber Vetter! und willkommen!

Ein paar schwermütige blaue Augen streiften über ihn hin, aber mit einem unsicheren Ausdruck, wie Reinhold dünkte. Auch hatte etwas Hastig-Gleichgültiges in dem Ton der vollen, tiefen Stimme gelegen, und flüchtig war der Druck der Hand, die sie ihm reichte.

Dich hätte ich nun freilich nicht erkannt, sagte Reinhold.

Ich dich ebensowenig.

Du warst damals ein halbes Kind noch, und jetzt –

Und jetzt wollen wir machen, daß wir aus dem Gedränge kommen, sagte Onkel Ernst. Ihr könnt euch das andere unterwegs und zu Hause erzählen.

Er hatte sich bereits gewandt und ein paar Schritte getan; Reinhold war im Begriff, den freien Arm seiner Cousine zu geben, als plötzlich Herr von Werben neben ihm stand.

Ich wollte mich Ihnen empfehlen, Herr Kamerad.

Verzeihung, Herr von Werben! Sie waren so plötzlich verschwunden –

Glaubte Ihnen behilflich sein zu können – sehe, daß ich zu spät gekommen. Würden Sie die Güte haben, mich vorzustellen?

Herr Leutnant von Werben – meine Cousine, Fräulein Ferdinande Schmidt.

Otto verbeugte sich, den kleinen Jägerhut in der Hand; Ferdinande erwiderte die Verbeugung – sehr förmlich, wie Reinhold meinte.

Ich habe wiederholt das Vergnügen gehabt, das gnädige Fräulein am Fenster zu sehen – im Vorüberreiten; prätendiere natürlich nicht die Ehre, ebenfalls gesehen zu sein.

Ferdinande antwortete nicht; es lag ein unmutiger, fast finsterer Ausdruck auf ihrem Gesicht, das jetzt sprechend dem ihres Vaters glich.

Ich will Sie nicht aufhalten, sagte Ottomar, – hoffe bestimmt, noch das Vergnügen zu haben, Herr Kamerad; habe die Ehre, mein gnädiges Fräulein!

Er verbeugte sich wieder und trat schnell zurück; Passagiere, die nach dem Ausgang hasteten, drängten sich dazwischen.

Komm! komm! sagte Ferdinande.

Sie hatte Reinholds Arm genommen und zog ihn schier ungeduldig vorwärts.

Ich bitte um Entschuldigung, aber ich konnte nicht wohl anders, als den Herrn vorstellen. Es schien dir unangenehm zu sein?

Mir? weshalb? aber der Vater wartet nicht gern.

Wer war denn das? fragte Onkel Ernst.

Ein Herr von Werben – Offizier – ich kannte ihn von der Kampagne her – bin zufällig mit seinen Verwandten auf der Reise zusammengetroffen.

Ein Sohn des Generals?

Ja.

Reinhold fühlte ein Zucken der Hand, die in seinem Arm lag, und eine geflüsterte Stimme an seinem Ohre sagte: Vater haßt die Werbens; ich meine, den General – von achtundvierzig her –

Ja so! sagte Reinhold.

Ferdinandes Zurückhaltung bei der Vorstellung, ihre Eilfertigkeit, die Szene zu beenden, waren ihm jetzt erklärlich; dabei hatte er die Empfindung wie jemand, dem eine reizende Aussicht, die sich ihm plötzlich aufgetan, ebenso plötzlich wieder verdeckt wird.

Dort hält mein Wagen, sagte Onkel Ernst; – Friedrich!

Eine große, mit zwei gewaltigen braunen Pferden bespannte Equipage rollte heran; Onkel Ernst stieg ein, Reinhold half Ferdinanden. Während er folgte und zufällig einen Blick seitwärts warf, sah er in einiger Entfernung Ottomar von Werben stehen, neben ihm einen Offizierburschen, der einen Hund an der Leine führte. Ottomar winkte mit der Hand; Reinhold erwiderte den freundlichen Gruß in derselben Weise nicht minder freundlich.

Ich hasse die Werbens nicht, sprach er bei sich, indem er sich in die Polster des Wagens sinken ließ.

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