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Sturmflut. Erste Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Erste Abteilung - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Erste Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Zwölftes Kapitel

Es hatte lange, sehr lange gedauert, bis Else einschlafen konnte. Wenn sie die Augen schloß, verwandelte sich das Bett in ein Schiff, das in den Wogen auf und nieder tauchte, und hob sie die müden Wimpern wieder, huschten bei dem Dämmerschein des Nachtlichts immer wunderlichere Schatten in den schweren Falten der Gardinen. Die Ereignisse des Tages zogen durch ihre Erinnerung in buntestem Wechsel und seltsamsten Verschlingungen. Sie saß am Krankenbette der Kinder in der dumpfen Pächterstube, aber neben ihr kauerte nicht die Pächterin, sondern Mieting, der die aufgelösten Haare über das Gesicht hingen, und die schluchzend erzählte, wie sehr sie sich schäme, einen Schiffskapitän zu lieben, den sie zum erstenmal in ihrem Leben gesehen. – Und dann war es wieder die Pächterin, die auf ihrem Bettrand saß und sie bat, zu vergessen, was sie von dem Grafen gesagt, der doch sofort auf ihre Bitten nach dem Doktor geschickt habe und gewiß in seiner Weise ein guter Herr sei, wenn er auch die Kinder und die Armen nicht liebe und manchmal so hochmütige Augen mache und in Zorn geraten würde, wenn er wüßte, daß sie den kleinen Kompaß noch immer in der Tasche berge, den sie ja morgen dem Kapitän wiedergeben müsse, wie sie es bei ihrer Freundschaft geschworen.

Das mochte der letzte verflatternde Faden der halbwachen Gedanken gewesen sein, mit dem nun die Träume ihr neckisch-schauerliches Spiel trieben. Durch enge Schiffsräume und prunkende Säle, durch wilddunklen Wald, über weißschäumende Wellen, bald in schaukelndem Boot, bald in schwankendem Wagen, dann wieder in eiligem Lauf durch Dünen, deren harter Sand bei jedem Schritt unter den eilenden Füßen wegglitt, während sie sich vergeblich an den schwankenden Gräsern zu halten suchte – überall und immer eilte sie dem Kapitän nach, den sie sprechen mußte, sie wußte nicht weshalb; dem sie etwas geben mußte, sie wußte nicht was; sie wußte nur, daß ihre Seligkeit daran hing, daß sie ihn sprach, daß sie es ihm gab. Aber sie konnte ihn nicht finden, und wenn sie sicher war, daß er sich nur hinter der Gardine versteckt habe, die sich ja über seiner Gestalt bewegte, und sie ihn rief, hervorzukommen – sie wisse ja, daß er da sei, und sie endlich lachend die Gardine heben wollte, dann hielt sie jemand zurück: bald ihr Vater, der unwillig den Kopf schüttelte, bald der Präsident, der die Lorgnette aufsetzte und versicherte, er könne durch die dickste Gardine sehen, aber es stecke niemand dahinter. Es sei auch keine rote seidene Gardine, sondern dichter grauer Pulverdampf, der nur so rötlich scheine von dem Blut, das dahinter vergossen würde, das Blut sei aber das Herzblut von dem Kapitän, der eben in der Schlacht von Gravelotte um ein halb zwölf Uhr mittags gefallen. Helfen könne sie doch nicht mehr. – Aber ich will ihn noch einmal sehen. Er hat mir sein Herz geschenkt, ich trage es in der Tasche, und es zittert immer fort und will zu ihm; das kann ich ihm nicht wieder geben; aber ich will ihm meines dafür schenken, dann wird auch seines wieder ruhig werden. – Wenn es so steht, sagte der Präsident, dann legen Sie Ihr Herz nur hier auf seinen Leichenstein. – Und er zog den roten Pulverdampf auseinander, wie einen Vorhang. Da sah sie ein mächtiges eisernes Kreuz, ganz von lichtem Morgensonnenschein übergossen. Und am Fuße des Kreuzes auf dem grünen Rasen saß der, den sie suchte, in Frack und großen Wasserstiefeln, und neben ihm Mieting von Strummin, und beide hatten eine Kapsel in den Händen, darin lag ein Herz. Sie konnte es nicht sehen; aber sie wußte, daß es ein Herz war. – Das darfst du nicht verschenken, sagte sie. – Warum nicht? rief Mieting; ich kann mein Herz so oft verschenken, wie ich will, weißt du; ich habe es schon zwanzigmal verschenkt. – Aber das ist ja mein Herz, mein Herz! – Mieting wollte ihr das Herz nicht geben; da wurde ihr so angst, so angst! Sie hatte Mieting an den Händen gefaßt und rang mit ihr –

Aber so wache doch endlich auf! sagte Mieting; – du stöhntest und seufztest so, daß ich selbst davon aufgewacht bin.

Mir deucht, das Kreuz war rot! sagte Else.

Du träumst noch immer. Das ist der Schatten vom Fensterkreuz; ich habe die Gardinen aufgezogen, um hell zu machen; die Sonne muß bald aufgehen, der Himmel ist schon ganz rot. Es sieht wunderschön aus; richte dich einmal auf! das wird dich vollends ermuntern.

Else richtete sich auf. Das ganze Zimmer war von rosiger Glut erfüllt.

Was hast du denn geträumt? fragte Mieting.

Ich weiß nicht, sagte Else.

Wie schön du bist! sagte Mieting; – noch viel schöner, als gestern abend! hat dir dein Traum so glühende Wangen gemacht? oder ist es das Morgenrot?

Das Morgenrot, sagte Else. – Ich möchte die Sonne aufgehen sehen; ich habe noch nie die Sonne aufgehen sehen.

Ach, du liebe Zeit! rief Mieting, die Hände zusammenschlagend, – noch nie die Sonne aufgehen sehen! ist so was möglich! Aber freilich, ihr Stadtkinder! Komm! sie geht nirgends schöner auf, als hier in Golmberg! aber wir müssen bald fertig sein. Ich bin's schon halb; ich will dir gleich helfen.

Mieting kam nach einigen Minuten wieder und half Elsen beim Ankleiden. – Ich bin die geborene Kammerjungfer, sagte sie; – willst du mich haben? ich will dich den ganzen Tag aus- und anziehen und wie ein Pudel treu sein; denn es muß das Herz an etwas hangen, weißt du, und mein Herz hat jetzt gar nichts, woran es hangen könnte, weißt du. – So, nun noch dies Flortuch über die schönen Haare, und den schönen Schal um – das versteht sich; es wird kühl genug sein.

Aber es umwehte sie eine milde, weiche Luft, als sie durch die Glastür auf den kleinen Balkon traten, von dem ein eisernes Treppchen in ein Stück Garten hinabführte, der hier zwischen zwei Flügeln des Schlosses angelegt war. – Die Gittertür ist nie verschlossen, sagte Mieting, – dann sind wir gleich im Wald, weißt du, und in fünf Minuten auf dem Platz; aber wir müssen uns eilen, wenn wir noch etwas sehen wollen.

Sie zog die Widerstrebende rasch mit sich fort. – Fürchte dich nur nicht! rief sie; ich kenne hier jeden Schritt; wir begegnen hier keinem Menschen, höchstens einem Reh – siehst du!

Sie hielt Elsen am Arm zurück und deutete in die breite Schneise hinein. Da stand ein Reh einhundert Schritte entfernt. Die beiden Gestalten schienen ihm nichts Schreckliches zu haben; es senkte den feinen Kopf, den es für einen Moment gehoben, und äste ruhig weiter.

Das ist nun meine Lust, sagte Mieting, als sie rasch auf dem schmalen Wege weiter schritten.

Das würde auch meine sein, sagte Else.

Dann mußt du den Grafen heiraten.

Das darfst du nicht wieder sagen, wenn wir uns lieb behalten sollen, sagte Else, stehen bleibend.

Du machst jetzt gerade solche ernsthafte Augen wie das Reh, sagte Mieting. – Nun lachst du wieder – siehst du! das kleidet dich doch noch besser. Nun aber die schönen Augen zu, – fest zu! und nun gibst du mir deine Hand und gehst ohne Furcht und machst die Augen nicht eher auf, aber ja nicht eher, als bis ich sage: jetzt!

Else tat, wie ihr geheißen. Ein dumpfes Rauschen, das sich schon seit einiger Zeit hatte vernehmen lassen, wurde lauter und lauter; heftiger und heftiger umwehte sie der Wind, eine rosige Helligkeit drang durch ihre geschlossenen Lider: jetzt!

Else stieß einen Schrei aus.

Fürchte dich nicht, das Gitter ist fest, und ich halte dich! sagte Mieting.

Else war erschrocken, aber nur vor Entzücken über das wundersame Bild, das sich vor ihr auftat. Unter ihr, tief unter ihr ein Meer von rauschenden, rotglühenden Wipfeln, und jenseits des Wäldermeeres das wirkliche Meer, soweit das Auge reichte, in Wogen zerfurcht, deren schäumende Kämme hier und da purpurn aufblinkten im Widerschein der Purpurgluten, mit denen der Himmel übergossen war. Und purpurn glühte die Küste, die sich in anmutigem Bogen nach rechts schwang, bis zu dem kahlen Vorgebirge, an dessen steilen Wänden – man sah es deutlich trotz der großen Entfernung – die Brandung, zu Schaum und Gischt zerpeitscht, hoch emporleckte.

Nun, was sagst du? rief Mieting.

Else konnte nicht antworten; ihre Seele war so voll von dem wunderbaren Anblick, und doch, weil sie bei sich selbst immerfort sagte: wie schön! o, wie schön! wurde ihr weher und immer weher um das sonst so frohe Herz. In die brausende Musik der im Winde rauschenden Wipfel zu ihren Füßen, in den dumpfen Donner der Wellen, die – ihrem Auge unsichtbar – auf dem flachen Strande zerschellten, mischte sich ein schwermutsvoller Ton – der Nachklang des Traumes, aus dem sie so jäh erweckt war. Jenes Purpurgewölk, das mit jedem Moment vor dem zitternden Licht dort am Horizonte mehr und mehr verblaßte, war es nicht, wie jener blutige Vorhang, der auseinandergezogen wurde, ihr das wunderliche Bild zu zeigen am Fuße des im Morgenglanze strahlenden Kreuzes: das Bild der beiden, die sich ihr Herz hinüber und herüber reichten, lachend, während sie selbst vor Jammer und Weh verzweifeln wollte?

Und lichter und lichter wurde es am Horizont; kaum konnte das Auge noch die Helligkeit ertragen. Und jetzt schoß es hervor – ein Strahlenbündel, eine Strahlengarbe, eine Flammenkugel, vor der die Gluten am Himmel und auf dem Meere und der Erde, wie erschrocken, flohen und erloschen. Else mußte die Augen schließen; sie wandte sich und öffnete die Augen wieder. – Großer Gott, was war das?

Wenige Schritte vor ihr standen sie, sich an den Händen haltend, lächelnd, umflossen vom goldenen Licht der Sonne. – Träumte sie wieder? war es ein Blendwerk ihrer verstörten Sinne?

Nein, das ist aber zu lustig! rief Mieting.

Guten Morgen, mein gnädiges Fräulein! sagte Reinhold. Er hatte seine Hand Mieting, die sie – in ihrer Überraschung – schier ungebührlich lange festgehalten, entzogen und trat auf Elsen zu. – Ich muß nochmals um Entschuldigung bitten, die Damen hier gestört zu haben. Wie konnte ich aber ahnen, Ihnen hier beim Sonnenaufgang im Walde zu begegnen!

Und was haben Sie, wenn man fragen darf, bei Sonnenaufgang im Walde zu tun, Herr Kapitän? fragte Mieting.

Reinhold deutete mit der Hand nach dem Meere auf ein Schiff, das eben erst das Vorgebirge umfahren haben konnte und jetzt quer über die Bucht zu steuern schien, einen langen horizontalen Streifen grauen Rauches hinter sich lassend.

Es ist unser Dampfer, sagte Reinhold, zu Elsen gewandt. – Er hat über Nacht hinter dem Wissower Haken vor Anker gelegen und kommt nun, wie ich vermutet, unsere Schicksalsgefährten abzuholen. Dort in der Tiefe der Bucht – Sie können die Dächer noch eben über dem Rand der Dünen sehen – liegt Ahlbeck – das Dorf, woran sie gelandet sind. Der Pächterhof, auf dem wir gestern abend waren, liegt viel näher und weiter rechts; die Ausläufer der Höhe, auf der wir stehen, schieben sich dazwischen und verdecken ihn. Ich muß mich eilen, um wenigstens ein Signal vom Strande geben zu können. Man wird verwundert sein, mich allein wieder an Bord zu bekommen.

Weshalb gehen auch wir nicht wieder an Bord, wenn es so einfach war? fragte Else.

Sie gelangen zu Wagen fast ebenso schnell nach Neuenfähr, und jedenfalls bequemer, erwiderte Reinhold. – Das wurde gestern, nachdem die Damen sich zurückgezogen, unter den Herren festgesetzt; ich konnte dem nur beipflichten.

Und Sie? fragte Mieting.

Ich gehöre aufs Schiff, mein gnädiges Fräulein. – Sehen Sie, da legt es um und hält jetzt auf die Küste zu – überdies habe ich noch eine Mission des Herrn Präsidenten zu erfüllen – aber es ist für mich die höchste Zeit.

Adieu, Herr Kapitän, sagte Mieting, – wir sehen uns schon noch wieder.

Sie sind sehr gütig, mein Fräulein, sagte Reinhold. – Leben Sie wohl, mein Fräulein!

Er hatte sich zu Elsen gewandt. In seinen blauen Augen lag es wie ein Schatten, und sie blickten nicht auf sie, sondern an ihr vorüber, vielleicht nach dem Schiff –

Leben Sie wohl, Herr Kapitän!

Bei dem Klang ihrer Stimme war der Schatten verschwunden; hell leuchtete es auf in den blauen Augen, die jetzt auf sie gerichtet waren: hell und freudig, wie vorhin die Sonne, nur daß sie die Augen nicht zu schließen brauchte, nicht schließen mochte, sondern den vollen warmen Blick voll und warm erwiderte, wie's ihr ums Herz war.

Und dann war er verschwunden. –

Die Mädchen hatten den Rückweg angetreten; es wurde nicht geplaudert, wie auf dem Hinwege. Sie gingen schweigend nebeneinander, bis – an der Stelle, wo die Schneise den Pfad kreuzte und sie vorhin das Reh gesehen – Mieting plötzlich Elsen um den Hals fiel und sie wieder und wieder leidenschaftlich küßte.

Was hast du, Mieting?

Ich habe nichts, gar nichts! Du hast nur so wunderschöne Augen!

Auf dem schmalen Waldpfade aber, der von dem Platze, wo er sie getroffen, seitwärts zwischen hohen Buchen und dichtem Unterholz steilab zum Strande führte, eilte Reinhold. So froh und leicht ums Herz war ihm seit seinen Kinderjahren nie gewesen. Er hätte singen und jauchzen mögen, und doch war er still – ganz still, den Nachklang ihrer Stimme nicht zu stören.

Nur, als bei einer Biegung des Pfades der Wald sich plötzlich auseinandertat und das Meer, sein geliebtes Meer, zwischen dem zum Strande niedersteigenden Walde im hellen Morgensonnenschein hervorblitzte, da breitete er die Arme aus und rief: dir bleib' ich treu – alle Zeit!

Und dann lachte er des Doppelsinnes seiner Worte, lustig, wie ein Schulknabe, und sprang den steilen Pfad hinab, als ob er Flügel hätte.

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