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Sturmflut. Erste Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Erste Abteilung - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Erste Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Elftes Kapitel

Auch die Herren waren nur noch kurze Zeit beisammen geblieben. Die Proposition des Herrn von Strummin, vor dem Schlafengehen noch einen Rubber Whist zu machen, konnte nicht ausgeführt werden, da sich herausstellte, daß außer ihm selbst und dem Grafen keiner der Herren spielte. Auch die von dem Grafen offerierten Zigarren fanden nur an Herrn von Strummin einen Liebhaber, da der General und der Präsident nicht rauchten und Reinhold erklärte, für sein Teil die Güte des Grafen um so weniger noch länger in Anspruch nehmen zu wollen, als er morgen in der Frühe aufzubrechen gedenke und deshalb schon jetzt um die Erlaubnis bitte, sich dem Herrn Grafen empfehlen und für die erwiesene Gastfreundschaft danken zu dürfen. Es interessiere ihn, zu wissen, wie der Neptun die Havarie überstanden habe, und er sei sicher, das Schiff entweder noch in Wissow vor Anker zu finden, oder gar schon in Ahlbeck, wohin es zurück müsse, die gestern dort ausgesetzten Passagiere abzuholen.

Der Graf hoffte, daß der Herr Kapitän, wenn sein Entschluß wirklich feststehe, sich doch sicher eines seiner Wagen bedienen werde; aber Reinhold lehnte das in höflichster Form vorgebrachte Anerbieten ebenso höflich ab: er sei ein guter Fußgänger, und er komme, wenn er von Ahlbeck aus segle, schneller nach Wissow, als ihn der Wagen dorthin befördere. Er bitte den Herrn Grafen dringend, sich in keiner Weise zu derangieren, und den Herrn General und Herrn von Strummin, ihn bei ihren Damen gütigst zu entschuldigen. Herr von Strummin rief, die Damen würden untröstlich sein, und wollte dies Thema in seiner Weise weiter ausspinnen, als ihn ein Blick des Grafen belehrte, daß er auf eine falsche Fährte geraten. Der General sagte kurz, indem er Reinhold die Hand reichte: au revoir in Berlin, Herr Leutnant! Der Präsident, der sich bis dahin schweigend verhalten, trat im letzten Augenblick heran und flüsterte: ich wünsche Sie noch zu sprechen!

Reinhold überlegte, auf seinem Zimmer angekommen, während er den unglückseligen Frack wieder in die Reisetasche zwängte, was die geheimnisvollen Worte des Präsidenten bedeuten möchten, als an seine Tür gepocht wurde. Es war Johann, welcher zu fragen kam, ob der Herr Kapitän den Herrn Präsidenten auf ein paar Minuten empfangen könne? Reinhold schickte den Diener zurück mit dem Bescheid, daß er sofort kommen werde, sich nach den Befehlen des Herrn Präsidenten zu erkundigen, und folgte ihm auf dem Fuße.

Der Präsident empfing den späten Gast mit einer Verbindlichkeit, die Reinhold um so mehr auffiel, als er sich von dem zurückhaltenden und, wie es schien, etwas hochmütigen Herrn bis dahin kaum beachtet glaubte. Der Präsident mußte Reinhold die Gedanken vom Gesicht ablesen, denn er sagte, nachdem er ihn genötigt, neben ihm auf dem Sofa Platz zu nehmen: Ich muß mit einem Geständnis anfangen: es ist meine, durch eine lange Beamtenlaufbahn genährte und vielleicht gerechtfertigte Gewohnheit, gegen alle, die zum erstenmal in meinen Gesichtskreis, in meine Nähe kommen, eine gewisse, oft wohl zu weit getriebene Reserve zu beobachten. Sobald ich aber gegründete Veranlassung habe, mich für jemand zu interessieren, ist mein Interesse voll und ganz. Sie, Herr Kapitän – oder muß ich Sie mit meinem würdigen Freunde »Herr Leutnant« nennen?

Wenn Sie es bei meinem bürgerlichen Namen bewenden ließen, Herr Präsident?

Also: Sie, Herr Schmidt, interessieren mich. Sie sind eine freie, kräftige Natur, und sind es, durch Ihr Temperament begünstigt, geblieben, trotzdem Sie mehr gedacht und studiert und gelernt haben müssen, als sonst Ihre Berufsgenossen. Indessen, nicht, um Ihnen dies aufrichtige Kompliment zu machen, halte ich Sie von Ihrer Ruhe zurück: ich habe zwei Bitten an Sie, von denen die erste leicht zu gewähren ist, vorausgesetzt, daß Ihre Expedition nach dem Neptun nicht bloß ein Vorwand war?

Ein Vorwand, Herr Präsident?

Sie hatten in der Hafenfrage meine Partei zu lebhaft genommen, um nicht mit dem Herrn Grafen zusammenzustoßen, dessen Empfindlichkeit nach dieser Seite leider nur zu erklärlich ist. Sie scheuen vielleicht, um der übrigen Gesellschaft willen, eine doch mögliche Fortsetzung von Debatten, die unseren Wirt in eine so wenig gastfreundliche Aufregung versetzen, und –

Der Präsident streifte mit einem schnellen Blick der klugen Augen Reinholds Gesicht und hüstelte in die weiße Hand.

Genau so verhält es sich, Herr Präsident, sagte Reinhold.

Ich dachte es mir; Sie werden also in wenigen Stunden an Bord des Neptun sein. Ich habe in meiner Koje ein Aktenstück frei liegen lassen, in dem ich unterwegs studiert: ein Memorial an den Herrn Minister über eben jene Hafenbaufrage, dann über den Zustand unserer Wasserstraßen, Lotsenverhältnisse, Küstenbeleuchtung, – Verbesserungsvorschläge nach allen diesen Richtungen – und so weiter. Ich möchte die Papiere nicht gern in fremde Hände fallen lassen, oder auch nur zeitweise in fremden Händen wissen; und Sie würden mich um so mehr verbinden –

Ich danke Ihnen von Herzen für das Vertrauen, daß Sie mir schenken, Herr Präsident, sagte Reinhold; die Papiere sollen sicher in Ihre Hände gelangen –

Aber nicht, bevor Sie davon Einsicht genommen, fiel der Präsident schnell ein. Und das ist die Einleitung zu meiner zweiten Bitte. Sie sehen mich erstaunt an; die Sache ist einfach die: der alte würdige Lotsenkommandeur in Wissow muß sich und will sich pensionieren lassen. Die Stelle wird zum nächsten Frühjahr, vielleicht schon im Laufe des Winters frei; bei dem jetzigen Stand der Dinge, bei so vielen Fragen, die herzudrängen und erledigt werden müssen, ist der Posten von einer Wichtigkeit, die weit über den Einfluß ähnlicher Stellungen hinausgeht. Ich kann dem Herrn Minister für diesen Posten nur einen durchaus bewährten, intelligenten Mann in Vorschlag bringen, und von dem ich weiß, daß er mich aus Überzeugung in meinen Plänen unterstützen wird. Können Sie sich nun aus jenen Papieren die Überzeugung verschaffen, und daß Sie gern mit mir weiter arbeiten möchten, so würde ich mir mit Ihrer Erlaubnis verstatten, Sie dem Herrn Minister zu präsentieren.

Aber, Herr Präsident, sagte Reinhold, Sie erweisen mir ein so großes, ein so überaus schmeichelhaftes Vertrauen, einem Mann, von dem Sie doch gar nicht wissen –

Das wäre nun meine Sache, unterbrach ihn der Präsident lächelnd; die Frage ist jetzt: sind Sie – vorausgesetzt natürlich, daß Ihnen die sonstigen, nicht glänzenden, aber auskömmlichen Bedingungen der Stelle konvenieren – geneigt, auf meine Proposition einzugehen? Ich erwarte, ja, ich wünsche jetzt keine Antwort; ich bitte darum, wenn Sie mir in Sundin die Papiere wiedergeben und wir über einem Kotelett und bei einem Glase Burgunder das Nähere besprechen.

Der Präsident hatte sich erhoben; Reinhold fühlte, daß er dem Wunsche des wunderlichen Herrn, jetzt und hier die Sache nicht weiter zu treiben oder zum Abschluß zu bringen, Folge leisten müsse, und empfahl sich, seinen Dank in wenigen Worten, die ihm vom Herzen kamen und vom Präsidenten mit freundlichem Lächeln entgegengenommen wurden, aussprechend. Er war bereits an der Tür, als der Präsident ihm nachrief: Wenn Sie meinem Diener die Sachen übergeben wollen, die Ihnen bei Ihrer Expedition hinderlich sind, so werde ich diese als Pfand für meine Papiere treulich und sorgsam mit meinem Gepäck bewahren.

Ein Nicken mit dem feinen grauen Kopfe, ein Wink mit der schlanken weißen Hand, und Reinhold war entlassen.

In Gnaden, aber doch, als ob ich bereits in seinen und der Regierung Diensten wäre, sagte Reinhold lachend, als er in seinem Zimmer auf und nieder schritt, den Vorschlag überdenkend, der ihm so unerwartet und doch wie der naturgemäße Abschluß alles dessen gekommen war, was der Tag gebracht. Das Auflaufen des Dampfers in einem unsichern Fahrwasser; der Mangel zweckmäßiger Signale an der Küste; das Fehlen aller Vorrichtungen im Falle der Not: in erster Linie eines Rettungsbootes; die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, von dem flachen, unbeschützten Strande bei stürmischem Wetter überhaupt ein Boot in See zu bringen – das alles war ihm durch den Kopf gegangen; da war so viel zu tun! Und nun jenes wahnsinnige Projekt eines Kriegshafens, das, wie es schien, um ein Haar durchgegangen wäre, vielleicht noch durchging, wenn sich nicht sachkundige Stimmen kräftig dagegen erhoben und den gräflichen Schwindel aufdeckten – der Präsident hatte recht: die Stellung eines Lotsenkommandeurs in diesen Gewässern war viel wichtiger, als es im ersten Moment scheinen mochte, und wohl wert, daß ein Mann seine beste Kraft daran setzte und, was er sich sonst wohl noch vom Leben versprochen und gehofft, willig zum Opfer brachte.

Denn ein Opfer war es: seine fast zum Abschluß gediehenen Verhandlungen mit der großen Hamburger Firma, die ihm ihr schönstes Schiff für die mehrjährigen Reisen zwischen Südamerika und China angeboten; sein Plan einer Nordpolexpedition, den er nach wesentlich neuen Gesichtspunkten ausgearbeitet und für den er schon so viel geworben und agitiert, und mit glücklichstem Erfolg – so weite Aussichten, so bedeutende Entwürfe hinzugeben, um sich in diesen engen Horizont einzuschließen! um zu helfen, daß dieses gewundene Fahrwasser nicht ganz versandete! daß an diesen Küsten einige nützliche Einrichtungen ins Leben gerufen würden! um –

Sei ehrlich! sagte Reinhold, seine Wanderung unterbrechend. Gestehe es dir, um nicht ein paar tausend Meilen zwischen sie und dich zu legen, um in ihrer Nähe zu bleiben, um die Möglichkeit zu haben, sie einmal wieder zu sehen, um – den Toren weiter zu spielen, den du heute gespielt hast! Denn eine Torheit ist es doch! Was kann dabei Vernünftiges herauskommen? Die adlige Generalstochter würde den sehr bürgerlichen Lotsenkommandeur mit höchst verwunderten braunen Augen ansehen, wenn er es wagen wollte, die seinen allen Ernstes zu ihr zu erheben; und für den Herrn General bin und bleibe ich der Reserve-Leutnant – ein Etwas, das nicht Fisch, nicht Fleisch ist und das man sich nur im Falle der Not – und auch dann nur mit innerem Widerstreben – gefallen läßt. Ich dächte, du hättest es erfahren! Und gesetzt, das Unwahrscheinlichste würde Wirklichkeit: du könntest dir die Liebe des schönen Mädchens, die Freundschaft des Vaters erwerben – auf welche Gesellschaft würdest du in Zukunft angewiesen sein! Würde es dich sehr freuen, dem Herrn Grafen Golm, dem Herrn von Strummin und Genossen noch recht oft zu begegnen? aus ihren Mienen, ihren Blicken zu lesen: Was will der Mensch in unserer Mitte? Kann er nicht bei seinesgleichen bleiben? oder denkt er wirklich, sich, oder seinen demokratischen Onkel –

Reinhold mußte lachen: Onkel Ernst! – er hatte ihn seit zehn Jahren nicht gesehen; aber wenn er ihn jetzt in Berlin so wiederfand: grollend, erbittert, unversöhnt und scheinbar unversöhnlich, wie er damals war – der alte starrköpfige Revolutionär und der alte steifnackige Soldat – eine feine Seide würden die zusammenspinnen! Und die gute Tante Rikchen mit dem kleinen ängstlichen Gesicht unter der großen weißen Haube und den kurzen trippelnden Schritten – sollte sie sich wohl mit dem schönen aristokratischen Fräulein sehr gut stellen? Und das kleine Cousinchen Ferdinande – nun sie muß mittlerweile eine große Cousine geworden sein, und wenn sie gehalten hat, was sie versprach: ein schönes Mädchen – das paßte vielleicht noch am besten, obgleich –

Aber bin ich wirklich närrisch? Was soll denn das alles? was ist denn das alles, als tollste Phantasterei, deren du dich schämen solltest, deren du dich morgen schämen wirst! morgen? es ist schon Morgen!

Er war an das Fenster getreten. Noch war es Nacht; in den mächtigen Bäumen, die das ganze Schloß in einem weiten Kreise zu umgeben schienen, rauschte es in gleichmäßigen Kadenzen, fast wie Meereswogen, die auf flachem Ufer verrinnen. Der Himmel war von dunklem Gewölk ganz bedeckt. Reinhold starrte in das Dunkel.

Da wäre es schwer, den richtigen Kurs zu steuern, sprach er bei sich; – und meinen Kompaß habe ich ihr gegeben; nicht einmal orientieren kann ich mich. Und doch – ein einziger Stern! der Stern ihrer Liebe! und ich wüßte, was ich zu tun hätte, und wollte meinen Weg finden durch alle Klippen und alle Hindernisse!

Ein freudiger Schreck durchzuckte ihn. Wie dahingezaubert aus dem schwarzen Gewölk, ihm gerade gegenüber, blinkte es auf, hellen stetigen Glanzes: ein Stern, die Venus! Es konnte nach der Stunde des Tages, nach der Neigung gegen den Horizont nur die Venus sein!

Es war ein Zufall! gewiß ein Zufall! aber er hatte des Aberglaubens seiner Kameraden nie spotten mögen, wenn er ihn auch nicht teilte. So wollte er jetzt auch nicht spotten! Nein! er wollte es nehmen für ein himmlisches Zeichen, für eine Bestätigung des Grundsatzes, an dem er, so lange er denken konnte, festgehalten: nicht mit kindischem Eigensinn nach dem Unerreichbaren zu streben, aber an ein wahrhaft Wünschenswertes, das dem Mut und der Kraft und der Beharrlichkeit erreichbar war, auch all seinen Mut, all seine Kraft, all seine Beharrlichkeit zu setzen.

Die Venus war in schwarzem Gewölke verschwunden; aber andere Sterne blinkten auf; lauter rauschte es in den Bäumen, deren schwere Massen sich von dem Himmel abzuheben begannen – der Morgen kündigte sich an.

Reinhold schloß das Fenster. Er wollte noch eine Stunde ruhen und konnte es jetzt. Wie ein süßer Friede, wie eine Stille nach dem Sturme, hatte es sich über seine Seele gesenkt; er fühlte, daß er sich selbst wiedergefunden, daß er sich nicht mehr zu schelten, daß er nicht mehr mit sich zu grollen brauchte; und mit dem Schicksal hatte er nie gegrollt.

Er löschte die Lichter aus, die beinahe bis in den Sockel niedergebrannt waren; ließ sich in den großen Lehnstuhl sinken, der vor dem Kamin stand, starrte noch ein paar Minuten auf die Kohlen, die hier und da aus der Aschendecke mit mattem und immer matterem Scheine hervordämmerten, und dann umfing ihn ein tiefer traumloser Schlaf.

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