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Sturmflut. Erste Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Erste Abteilung - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Erste Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Zehntes Kapitel

Die Damen zogen sich, nachdem die Tafel aufgehoben, alsbald zurück. Frau von Strummin, die sonst um neun Uhr zu Bett zu gehen pflegte, war ernstlich müde; Mieting behauptete, es ebenfalls zu sein. Aber ihre glänzenden Augen widersprachen; und so waren denn die beiden Mädchen kaum allein – die Zimmer der Damen standen in Verbindung, und Mieting wollte durchaus Elsen Kammerjungferdienste leisten – als sie dieser um den Hals fiel und erklärte, daß sie den Kapitän, der ja eigentlich ein Leutnant sei, zum Sterben liebe.

Das ist der Mann, den ich mir immer geträumt habe, rief sie: jung, aber nicht zu jung, so daß man Respekt vor ihm haben kann; klug, aber nicht zu klug, so daß man nicht eingeschüchtert wird; brav, aber kein Prahler – und dann die schönen weißen Zähne, wenn er lacht! und er lacht so gern und so gutmütig! – ich würde ihn immer zum Lachen machen.

Wie konntest du nur zu guterletzt noch einmal so herauslachen?

Was sollte ich tun? ich war so lange ernsthaft gewesen; ich mußte lachen über irgend etwas, und sein Anzug! – aber weißt du, als wir ihm eben gute Nacht sagten – mir war gar nicht lächerlich zu Mute – nein, ordentlich beklommen, ich hätte beinahe weinen können – ich hatte das Gefühl, als ob ich ihn nie wiedersehen würde und ihm vorher noch alle meine Ungezogenheiten abbitten müßte. Siehst du, nun bist du auch ernsthaft geworden; gestehe nur, du liebst ihn auch!

Ich unterschreibe alles, was du von ihm gesagt hast; aber bis zum Lieben – das ist doch noch ein weiter Schritt.

Bei mir nicht, in meinem Herzen nicht! fühl' nur, wie es pocht! Das hämmert dergleichen in fünf Minuten zurecht. Ich weiß selbst nicht, wie das ist. Sehen – lieben – das ist bei mir eines. Aber man irrt sich dabei oft – sehr oft!

Mieting kauerte sich auf ein Taburett, begann ihre rotblonden Haare aufzuflechten und sagte in tragischem Tone:

Das erste Mal – es ist unendlich lange her – ich war vielleicht zwölf Jahre – liebte ich den Kandidaten meines Bruders, ich habe nämlich auch einen Bruder. Er lebt jetzt in Hinterpommern – da, wo man für möglichst wenig Geld möglichst viel Sand kaufen kann. Der Kandidat ist natürlich schon lange verheiratet und Pastor, natürlich auch in Hinterpommern, dicht bei meinem Bruder – und da habe ich ihn in diesem Winter gesehen, bei einer Kindtaufe – Gott, wie ich mich geschämt habe!

Und Mieting drückte ihr Gesicht in die Hände, schüttelte die eben aufgeflochtenen Haare nach vorn, daß sie wie ein dichter Schleier vor ihr nieder bis auf den Teppich wallten.

Wie ich mich geschämt habe! es war entsetzlich! und wenn es noch beim erstenmal geblieben wäre! Aber dieselbe Geschichte hat mindestens schon zwanzigmal gespielt – das letzte Mal im Februar in Berlin – im Opernhause – in der ersten Loge. – Papa sagte: es sei ein Bauernfänger, aber Papa sieht überall Bauernfänger, wenn er in Berlin ist, und verleidet einem jede Stunde, zerstört einem jede Illusion – ach! und es ist doch so süß, Illusionen zu haben, wenn man siebzehn Jahre alt und darauf angewiesen ist! Schläfst du schon?

Nein, aber ich bin sehr müde; gib mir einen Kuß, und dann geh' auch zu Bett!

Mieting warf die Haare nach hinten, sprang auf, umarmte Elsen unter leidenschaftlichen Küssen und flüsterte ihr ins Ohr: Siehst du, ich weiß es so bestimmt, wie ich lebe: ich werde eine alte Jungfer werden, eine uralte mit krummem Rücken und einer großen Brille über den eingefallenen Augen und einem ewigen Strickstrumpf in den zitternden Händen! siehst du, das ist bitter, wenn man ein so warmes Herz hat und einen Mann, wenn er nur gut und brav wäre, auf der Stelle nehmen und ihm treu sein würde bis ans Grab und übers Grab hinaus, wenn er vorher stirbt und es durchaus haben will. Denn mit unserem Von und unseren adligen Prätensionen, weißt du, das ist ja alles dummes Zeug. Davon wird kein Mensch glücklich, besonders wenn so gar nichts dahinter ist, wie bei uns, und man eine Stumpfnase hat und rote Haare, und Augen, von denen man selber nicht weiß, ob sie grau oder grün, oder blau oder braun sind. Du hast so wundervolles weiches kastanienbraunes Haar und eine so entzückend feine Nase und so himmlisch schöne lichtbraune Augen, daß sie hier ordentlich in dem Halbdunkel leuchten; und wenn du erst Frau Gräfin bist, mußt du sehr gut zu der armen häßlichen Miete sein und mich manchmal herüber kommen lassen, daß ich mich ausschwätzen und auslachen kann – das tut so gut! ach, so gut!

Und das wunderliche Kind verbarg ihr brennendes Gesicht an dem Busen der neuen Freundin und schluchzte bitterlich. Dann richtete sie sich plötzlich auf, strich die Haare aus dem Gesicht und sagte: ich glaube, ich bin auch müde; ich weiß gar nicht mehr, was ich rede. Gute Nacht! du Liebe, Schöne!

Sie erhob sich, sank aber alsbald wieder auf den Rand des Bettes zurück, beugte sich über Elsen und fragte im Flüsterton: Du hast noch nie geliebt? bei unserer Freundschaft!

Bei unserer Freundschaft! nein!

Ich dachte es mir. Schlafe Wohl! träume süß!

Sie küßte Elsen noch einmal, raffte ihr Nachtgewand zusammen und huschte davon.

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