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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Friedrich Spielhagen

Sturmflut

Erstes Buch

Das Wetter war gegen Abend unfreundlicher geworden. Auf dem Vorderdeck hatten sich die Gruppen der Erdarbeiter, die nach Sundin an die neue Eisenbahn wollten, enger zwischen den hochgestapelten Fässern, Kisten und Kasten zusammengekauert, von dem Hinterdeck waren die Passagiere bis auf wenige verschwunden. Zwei ältere Herren, die während der Reise viel zusammen geplaudert, standen auf der Steuerbordseite und blickten und deuteten nach der Insel, die der Dampfer nach Südwest zu umfahren hatte und deren flache, in gewaltigem Bogen bis zu dem Vorgebirge sich herumschwingende Küste mit jedem Moment bestimmter heraustrat.

Das ist also Warnow?

Verzeihung, Herr Präsident, – Ahlbeck, ein Fischerdorf, allerdings auch Warnowscher Grund. Warnow selbst liegt weiter landeinwärts. Der Turm der Kirche blickt noch eben über den Dünenrand.

Der Präsident lächelte: Ja, ja, es ist klassischer Boden, sagte er, es ist viel um ihn gestritten worden; viel und – vergeblich!

Und ich bin überzeugt, es war gut, daß der Streit vergeblich geblieben, zum wenigsten nur ein negatives Resultat gehabt hat, sagte der General.

Ich bin nicht sicher, daß er nicht wieder aufgenommen wird, erwiderte der Präsident. – Graf Golm und Genossen machen neuerdings die größten Anstrengungen.

Nachdem Sie die Unrentabilität der Bahn so schlagend nachgewiesen?

Wie Sie die Unzweckmäßigkeit des Kriegshafens!

Verzeihung, Herr Präsident, ich hatte nicht das Dezernat, oder genauer: Ich hatte es abgelehnt. Der einzige einigermaßen zweckmäßige Platz für den Hafen wäre eben dort, in der südlichsten Ecke der Bucht, im Schutz des Wissower Hakens, das heißt, auf Warnowschem Terrain gewesen. Ich habe freilich nur die Kuratel über das Vermögen meiner Schwester –

Ich weiß, ich weiß, unterbrach ihn der Präsident, alte preußische Ehrenhaftigkeit, die bis zur Skrupulosität geht. Graf Golm und Genossen sind weniger skrupulös.

Um so schlimmer für sie, sagte der General.

Die Herren wandten sich und traten an ein junges Mädchen heran, das, auf einer geschützten Stelle an der Kajütenwand sitzend, sich die Zeit, so gut es gehen wollte, bald mit Lesen, bald mit Zeichnen in einem kleinen Album vertrieb.

Du möchtest gewiß oben bleiben, Else? sagte der General.

Wollen die Herren in die Kajüte? antwortete das junge Mädchen, von ihrem Buch aufblickend, ich finde es unten schrecklich, aber freilich, es ist Ihnen gewiß zu rauh, Herr Präsident!

Es ist in der Tat auffallend rauh, erwiderte der Präsident, den Kragen seines Überrocks in die Höhe schlagend und einen Blick nach dem Himmel werfend. Ich glaube, wir haben noch vor Sonnenuntergang Regen. Sie sollten wirklich mit uns kommen, gnädiges Fräulein! Meinen Sie nicht, Herr General?

Else ist wetterfest, erwiderte der General lächelnd; – aber einen Schal oder dergleichen könntest du doch umnehmen. Darf ich dir etwas holen?

Danke, Papa! Ich habe hier noch alles Mögliche, sagte Else, auf ihre zusammengerollten Plaids und Tücher deutend. Ich will mich schon schützen, wenn's not tut – au revoir!

Sie verneigte sich anmutig gegen den Präsidenten, winkte dem Vater freundlich mit den Augen und griff wieder nach ihrem Buch, während die Herren um die Ecke herum auf den schmalen Gang zwischen der Kajütenwand und der Brüstung einbogen.

Sie las ein paar Minuten, blickte dann wieder auf und verfolgte die Rauchwolke, die aus dem Schlot in dicken, schwarzgrauen, durcheinanderwirbelnden Ballen, ebenso wie zuvor, sich über das Schiff wälzte. Auch der Mann am Ruder stand noch auf derselben Stelle, wie zuvor, ließ, wie zuvor, das Rad bald nach rechts, bald nach links laufen und hielt es dann wieder unbeweglich in den rauhen Händen. Und richtig, da war auch wieder der Herr, der mit so unermüdlicher Ausdauer das Verdeck vom Steuer bis zum Bugspriet und wieder vom Bugspriet bis zum Steuer hinauf und hinab schritt und dabei eine Sicherheit der Bewegung zeigte, die Else im Laufe des Tages wiederholt nachzuahmen versucht hatte, allerdings nur mit zweifelhaftem Erfolge.

Sonst hatte er, meinte Else, nicht viel, was ihn besonders ausgezeichnet hätte. Und Else sagte sich, daß sie den Mann in einer größeren Gesellschaft schwerlich beachtet, sicherlich nicht beobachtet, vielleicht nicht einmal gesehen haben würde und daß, wenn sie ihn heute im Laufe des Tages zahllose Male angesehen und recht eigentlich studiert hatte, dies doch nur in dem Umstande seinen Grund haben konnte, daß nicht gar viel zu sehen, zu beobachten und zu studieren gewesen war.

Ihr Skizzenbuch, in dem sie eben blätterte, bewies es. Das sollte ein Stück Hafen von Stettin sein – es gehört viel Phantasie dazu, um daraus klug zu werden, meinte Else. – Dies hier ist besser herausgekommen: die flachen Wiesen, die Kühe, die Leuchtbake, dahinter glattes Wasser mit ein paar Segeln; abermals ein Wiesenstreifen – endlich in der Ferne das Meer. – Auch der Mann am Steuer ist nicht übel: Er hat still genug gehalten. – Aber der Unermüdliche ist schrecklich mißraten: die reine Karikatur! Das kommt davon, wenn man immer in Bewegung ist! Endlich! Nur fünf Minuten, Herr So und So! Das kann wirklich gut werden – die Stellung ist vortrefflich!

Else hielt das Buch in einiger Entfernung, um ihre Skizze als Bild zu sehen: Sie war höchlichst zufrieden. – Da sieht man, daß ich doch etwas zustande bringen kann, wenn ich mit Liebe arbeite, sagte sie bei sich und notierte unter das Bild: Der Unermüdliche. Mit Liebe. 26. August 72. E. v. W.

Während die junge Dame so eifrig die Züge und die Gestalt des jungen Mannes auf das Papier zu bringen suchte, hatte auch ihr Bild vor seiner Seele gestanden. Und da war es ganz dasselbe, ob er die Augen schloß oder offen hielt: Er sah sie immer gleich deutlich und immer gleich anmutig und entzückend: Jetzt in dem Moment bei der Abfahrt von Stettin, als der Vater sie dem Herrn Präsidenten vorstellte und sie sich so zierlich verneigte; – dann, wie sie mit den beiden Herren frühstückte und so fröhlich lachte und das Glas an den Mund führte; – und wie sie oben auf dem Laufbrette neben dem Kapitän stand und der Wind die Kleider so fest an die schlanke Gestalt drückte und den grauen Schleier wie eine Flagge hinter ihr her peitschte. – Es war ganz erstaunlich, wie sich ihr Bild in der kurzen Zeit so fest in seine Seele geprägt, aber dann hatte er ja nun auch wieder einmal über ein Jahr nichts als Himmel über sich und Wasser unter sich gesehen. Da war's am Ende begreiflich, wenn das erste anmutig-schöne Mädchen, das er nach so langer Entbehrung erblickte, ihm einen so großen, so herzerquickenden Eindruck machte!

Und überdies, sprach der junge Mann bei sich, sind wir in drei Stunden in Sundin, und dann – ade! ade! auf Nimmerwiedersehen! Aber was fällt denn denen ein? Ihr wollt doch nicht bei dem Wasserstand über den Ostersand?

Er hatte sich mit diesen letzten Worten zu dem Mann am Steuer gewandt.

Ja, Kapitän, dat is so 'ne Sak, erwiderte der Mann, den Tabak aus einer Backe in die andere schiebend. Mi dücht ok, wie sull'n mir Stüerbord hollen; aber de Kaptän meint ja –

Der junge Mann wartete das Ende der Rede nicht ab. Er hatte in früheren Jahren dieselbe Fahrt wiederholt gemacht. Er hatte die Stelle, auf die sie loshielten, erst vor wenigen Tagen passiert und war erschrocken gewesen, da, wo früher eine Tiefe von fünfzehn Fuß gestanden, nur noch zwölf Fuß zu finden. Heute, nachdem der scharfe Westwind wieder so viel Wasser seewärts getrieben, konnten hier keine zehn Fuß mehr sein, und der Dampfer hatte acht Fuß Tiefgang! Und dabei keine Verminderung der Fahrgeschwindigkeit, kein Loten, keine einzige der gebotenen Vorsichtsmaßregeln! – War der Kapitän toll?

Der junge Mann lief an Else mit einer Eilfertigkeit vorüber, und seine Augen hatten, als sie über sie hinstreiften, einen so eigentümlichen Ausdruck, daß sie sich unwillkürlich erhob und ihm nachblickte. Im nächsten Moment schon war er auf dem Laufbrett neben dem alten rundlichen Kapitän, auf den er lange und lebhaft, ja zuletzt, wie es schien, heftig einsprach, während er mit der Hand wiederholt nach einer bestimmten Stelle in die Richtung, in der das Schiff fuhr, deutete.

Ein sonderbares Gefühl von Ängstlichkeit, das sie auf der ganzen Fahrt nicht empfunden, überkam Else.

Gleichgültig konnte der Umstand nicht sein, der den so heiter-ruhigen Mann in solche Aufregung versetzte! Und jetzt stand auch bei ihr fest, was sie schon ein paarmal vermutet: daß er ein Seemann sei, und dann ohne Zweifel ein tüchtiger, der unbedingt recht hatte, mochte der alte, dicke Kapitän auch noch so phlegmatisch in dieselbe Richtung deuten und dann durch das Fernglas sehen und wieder mit den Achseln zucken, während der andere jetzt das Treppchen vom Laufbrett auf das Verdeck hinunterstürmte und gerade auf sie zukam, als wollte er sie anreden.

Aber er tat es nicht, trotzdem, als er an ihr vorübereilte, seine Blicke ihren Blicken begegnet waren und er unzweifelhaft die stumme Frage in ihren Augen und auf ihren Lippen gelesen hatte; denn er stutzte für einen Moment und – wahrhaftig! Da kehrte er wieder um und war jetzt dicht hinter ihr!

Mein gnädiges Fräulein –

Ihr Herz klopfte, als ob es zerspringen sollte; sie wandte sich.

Mein gnädiges Fräulein, wiederholte er. Es ist wohl nicht recht, Sie zu erschrecken, vielleicht ohne Grund. Aber unmöglich ist es nicht, – ich halte es sogar für wahrscheinlich, daß wir binnen fünf Minuten auflaufen; ich meine, auf den Grund geraten –

Um Gottes willen! rief Else.

Ich denke, es soll nicht schlimm werden, fuhr der junge Mann fort, wenn der Kapitän – so! Wir haben jetzt nur noch halben Dampf die halbe Geschwindigkeit, mein gnädiges Fräulein; aber er müßte Konterdampf geben, und wahrscheinlich ist auch das schon zu spät.

Kann man ihn nicht zwingen?

An Bord seines Schiffes ist der Kapitän souverän, erwiderte der junge Mann, trotz seines Unmuts lächelnd. Ich selbst bin Seemann und würde mir in einem ähnlichen Falle ebensowenig eine Einrede gefallen lassen. Von wirklicher Gefahr ist keine Rede. Die Küste liegt vor uns, und die See ist verhältnismäßig ruhig, ich wollte nur nicht, daß Sie der Augenblick überraschte – verzeihen Sie meine Dreistigkeit!

Er hatte sich noch einmal verbeugt und entfernte sich dann schnell, als wollte er sich weiteren Fragen entziehen. – Von Gefahr ist keine Rede, murmelte Else; schade, ich hätte mich gern von ihm retten lassen. – Aber der Vater muß es wissen. Den Herrn Präsidenten sollte man freilich vorbereiten, er braucht es nötiger als ich.

Sie wandte sich nach der Kajüte, aber schon hatte der langsamere Gang des Schiffes, der in der letzten halben Minute noch mehr verlangsamt war, die Aufmerksamkeit der dort versammelten Passagiere erregt. Der Vater und der Präsident kamen bereits die Treppe herauf

Was gibt es? rief der General.

Wir können doch unmöglich schon in Prora sein? sagte der Präsident.

In dem Moment wurden alle wie von einem elektrischen Schlage durchzuckt, indem zugleich ein eigentümlich dumpfer knirschenden Ton das Ohr widerwärtig berührte. Der Kiel war über die Sandbank gestreift, ohne sich festzurennen. Ein schrilles Signal, ein paar Sekunden lang lautlose Stille, dann ein mächtiges Erbeben durch den ganzen Bau des Schiffes unter der gewaltigen Anstrengung der mit Konterdampf arbeitenden Schraube. Aber was vor ein paar Minuten noch die Gefahr beseitigt haben würde, war jetzt zu spät. Das Schiff mußte rückwärts über dieselbe Sandbank, die es vorhin nur kaum noch überwunden hatte. Eine größere Welle hatte, abrollend, das Hinterteil noch ein paar Zoll tiefer gedrückt. Die Schraube arbeitete unermüdlich, das Schiff neigte sich ein wenig auf die Seite. Aber es kam nicht mehr aus der Stelle.

Ein Rennen und Laufen und Schreien, das plötzlich von überall her vernommen wurde, das sonderbar unheimliche Sichneigen des Schiffes – alles bewies zur Genüge, daß die Voraussage des »Unermüdlichen« eingetroffen und der Dampfer aufgelaufen war.

*

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