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Georg Asmussen: Stürme - Kapitel 9
Quellenangabe
authorGeorg Asmussen
titleStürme
publisherHeimatverein der Landschaft Angeln
printrun
editorPeter Schwennsen
year1995
isbn3880427321
firstpub1906
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170915
projectid3dd8c274
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* * *

 

Während in diesen Tagen unten an den Kais die Wogen gegeneinander brandeten und erregte Menschen den Arbeitsnachweis der Stauer umlagerten, saß oben im Seemannskrankenhaus an Peter Ottsens Bett der Tod auf der Lauer. Jeden Morgen in der Frühe erkundigte Meta Norgaardt sich, wie es dem Kranken gehe. Seit vier Tagen bekam sie die Auskunft: »Man kann nichts weiter sagen, der Mann liegt noch immer still und ohne Bewußtsein. – Kommen sie morgen nur mal wieder!«

Es war sechs Tage nach der Einlieferung des Schwerverletzten, da hieß es: »Kommen Sie doch mal heute nachmittag um 3 Uhr vor, Fräulein, dann ist Besuchszeit, dann dürfen Sie ihn mal sehen.«

»Ich weiß nicht, ob ich abkommen kann«, sagte sie mit einiger Verlegenheit. – Am Nachmittag war sie aber da. »Er kennt mich ja doch nicht«, sprach sie leise vor sich hin, als sie die lange Treppe am Stintfang hinaufstieg, die zum Krankenhaus führt. »Er liegt ja ohne Besinnung. Ich muß den Mann aber wiedersehen, den ich lieb hatte, und der mir so viel Leid bereitet hat.«

»Gehen Sie nur hinein«, sagte der freundliche Portier. »Hier die Treppe hinauf. Oben fragen Sie einen der Wärter.«

Der eine der beiden Wärter, die an einem Fenster des Korridors standen und sich über den Streik unterhielten, zuckte auf ihre Frage die Achseln und zog die Stirn in bedenkliche Falten. »Der Doktor hatte erst gar keine Hoffnung, Fräulein. Aber vielleicht wird's doch noch. Wir tun, was wir können.«

»Gehen Sie nur mal zu ihm hinein!« sagte der andere. »Hier die zweite Tür links. In der Ecke am Fenster, hinter dem grauen Schirm liegt er.«

»Ich möchte ihn nicht stören.« Sie wurde nun unschlüssig und blickte vor sich nieder.

»Das tun Sie auch nicht. Er liegt ohne rechte Besinnung still hin. Er wird Sie kaum kennen. Gehen Sie ruhig zu ihm.«

Sie ging mit leisen Schritten den Korridor entlang, klinkte vorsichtig die Tür auf und ging hinein. Die beiden sahen ihr nach und tauschten ihre Ansichten aus:

»Donnerwetter! Nicht mehr so ganz neu, aber ein famoser Fuchs!«

»Was für Augen das Frauenzimmer hat!«

»Gewiß ihr Bräutigam, der Kerl, den die Konstabler mit dem Schädelbruch und den eingetretenen Rippen brachten.«

»Viel Freude wird sie an dem aber wohl nicht mehr erleben.«

Meta Norgaardt sah sich scheu um in dem großen Raum. Links in der Ecke war der graue Schirm, der den Schwerverwundeten von den anderen etwas absonderte. Es war Besuchstag. An den meisten Betten standen Frauen und Kinder, die den Gatten und Vater begrüßten, ihm von daheim berichteten, ihn aufmunterten und trösteten.

Sie schritt zwischen den Lagerstätten hindurch der anderen Seite zu. Eine alte Frau kam ihr entgegen, die war wohl auch zum ersten Male hier, sie blickte suchend nach rechts und links und fragte Meta, ob sie nicht wüßte, wo – – – . Diese hörte kaum, sie schüttelte den Kopf und antwortete leise: »Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.« – Ihre Blicke waren auf den Wandschirm gerichtet. Sie sah in diesem Augenblick eine hohe, kräftige Gestalt dahinter hervortreten. Zwei klare Augen blickten sie fragend an. Heiß stieg ihr das Blut ins Gesicht, als wenn sie auf verkehrten Wegen ertappt wäre. Mit ernstem Gruß ging Hans Thordsen an ihr vorüber. Sie wollte ihn anreden, fand aber keine Worte. Er nickte noch einmal und ging hinaus. Gleich darauf stand sie allein am Lager.

Da lag er ganz stille und hilflos, der einst ihr so übermütig in den Weg getreten war. Die Augen, die heiß und verlangend sie angeblickt hatten, lagen in dunklen Höhlen unter den buschigen Brauen, fest geschlossen. Fahl war sein Gesicht; die Stirn und der Hinterkopf waren umhüllt mit weißen Binden; ein starrer Zug lag um den Mund. Kein Atemzug war zu hören.

Sie trat hinter den Schirm, daß die Leute ihr Gesicht nicht sahen, dann faßte sie nach der Stuhllehne, ihr zitterten die Knie. Lange starrte sie ihn an mit finsterem Blick. Vor ihre Seele trat wieder die Erinnerung an jene Stunde, wo er sie von sich gestoßen hatte, wo er ihr Geld geboten hatte, um sie für ihre heiße Liebe und unauslöschliche Schande zu entschädigen. Das Bild hatte sich eingebrannt in ihre Seele. Oft, wenn wilder Schmerz sie quälte, war der Balsam, den sie für sich fand, das Verlangen nach Rache gewesen. Ihre Einbildungskraft hatte ihr aber andere Bilder gemalt, als dies hier: Sie selbst hatte ihn demütigen wollen. –

Als sie dann in dem schmutzigen Kohlenarbeiter diesen Mann erkannte, der so stolz und reich gewesen war, da war ihr erster Gedanke: »Nun ist er wirklich in meine Hand gegeben.« – Sie wollte aufschreien: »Ihr Männer, das ist einer von denen, die ihr eigenes und ihrer Kinder Hab und Gut vergeudet haben, und die nun gekommen sind, euch und euren Kindern das Brot zu stehlen. Schlagt ihn nieder!«

Dann sah sie, wie jene hinterrücks über ihn herfielen, wie er sich mit der Kraft der Verzweiflung gegen die Übermacht wehrte, wie man ihn schlug und mit Füßen trat. Und dann sah sie seine Augen starr auf sich gerichtet. – So hatte er sie angesehen, als sie im treibenden Boot lag, als vor ihnen die todbringende Flut rauschte und schäumte; damals hatte sie ihn fest an der Hand gehalten. In diesem Augenblick erglomm tief unten in ihrem Herzen ein Funken, den der jahrelang geschürte Haß doch nicht ausgelöscht hatte. Da lohte wieder die Flamme auf. – Und vielleicht hatte sie ihm in dieser Minute zum zweiten Male das Leben gerettet – –.

Ein leises Stöhnen kam vom Bett her, ein kurzes krampfhaftes Husten folgte. Die Finger zuckten und zitterten auf der Bettdecke, als tasteten sie nach etwas Verlorenem. Die Augenlider öffneten sich langsam und blieben dann halb offen stehen. Der Kranke suchte den Kopf zu wenden, als wenn er unter ihrem Blick Schmerzen empfände. Dann lag er wieder wie leblos. – – Da legte sie leise die Hand auf seine Stirn, ganz leise. Und wie ein Kindertraum glitt ein Lächeln über die Züge des Mannes; einen Augenblick nur, dann lag er wieder ganz still. Sie hörte nur seine kurzen Atemzüge.

Gleich darauf klingelte es auf dem Korridor, die Besuchszeit war abgelaufen, sie ging. Draußen traf sie wieder den freundlichen Wärter, er redete sie an. Sie nahm sich zusammen. Sie sei zufällig hinzugekommen, als der Mann überfallen worden sei, und habe ihn als Landsmann wiedererkannt. Weiter ginge sie die Sache nichts an. Wenn der Wärter ihr durch Postkarte weitere Nachricht geben wolle, so sei ihr das bequemer und von ihm recht freundlich. Nachdem sie ihre Anschrift und ein reichliches Trinkgeld gegeben hatte, ging sie fort.

Am nächsten Sonntag kam eine Karte an, mit der Auskunft, daß es dem Kranken besser gehe, die Krises sei überstanden, Heilung sei zu hoffen. Und dann stand noch da: »Er hat nach der Dame gefragt, die er an seinem Lager gesehen hat. Kommen Sie doch am nächsten Dienstag wieder, liebes Fräulein.« Als sie das gelesen, riß sie die Karte in kleine Stücke.

An diesem Abend klopfte Hans Thordsen an ihre Tür, sie fuhr zusammen, besann sich aber gleich und rief laut: »Herein!«

»Ich wollte dir nur Nachricht bringen, wie es Peter Ottsen geht«, fing er ganz ruhig an. »Ich hörte eben, daß du nicht wieder dagewesen bist.«

Las sie einen Vorwurf aus seinen Worten heraus, oder war es eine innere Stimme, die unbequeme Erinnerungen weckte? Sie war sich selbst darüber nicht klar, aber aus einem unbehaglichen Gefühl heraus sagte sie kurz: »Morgen geh' ich selbst hin.« Er sah sie ruhig an: »Na, dann wirst du ja erfahren, daß es ihm besser geht. Weiter habe ich dann nichts zu sagen.« – Er wandte sich nach der Tür. Seine Ruhe reizte sie.

»Einen Augenblick noch!« rief sie. »Laufe doch nicht gleich wieder fort, ich wollte dich etwas fragen.« Sie wußte im ersten Augenblick selbst nicht, was sie nun sagen sollte. Etwas, das ihn, den Stolzen, kränkte, mußte es aber sein. Ihre Augen funkelten. Dann flog über ihr Gesicht ein spöttisches Lächeln: »Na, nun bist du wohl von deinem Thron herabgestiegen, Hans Thordsen?«

»Wie meinst du das?«

»Ich hörte, du seiest einer der ersten gewesen, die die Flinte ins Korn geworfen haben und wieder unters Joch gekrochen sind.«

»Es war meine Überzeugung, daß es so recht war«, seine Stimme klang noch immer ruhig, aber das Blut stieg ihm in die Schläfen.

»Schade! Du hattest zuerst so schöne Worte!« – Seine eiserne Selbstbeherrschung reizte sie immer mehr, darum setzte sie nach kurzem Zögern hinzu: »Und bist doch zum Streikbrecher geworden!« – Das saß.

Er fuhr auf: »Dich erkenne ich nicht an als Richter meiner Gesinnung und meiner Taten, Meta Norgaardt. Hier ist mein Richter!« Er schlug an seine Brust. »Du bist ein Weib, darauf verläßt du dich, wenn du mich beschimpfst. Sonst haben mir das Wort nur feige Schreier nachgerufen, die ich verachte.« Er trat an sie heran und faßte mit harter Hand ihren Arm. In den blauen Augen leuchtete es auf; sie aber mußte unwillkürlich den Blick senken, als er fortfuhr: »Du solltest mich besser kennen, Meta! Und darum solltest du dich schämen, mich für ehrlos zu erklären. Das wolltest du doch damit sagen!«

Ein Stärkerer war über sie gekommen, das fühlte sie wohl, aber aus ihr heraus blickte der Birkfuchs: »Dann verteidige dich gegen den Vorwurf, wenn du kannst!«

Eine Weile schwieg er, dann sprach er ruhig: »Meine Gründe habe ich zur rechten Zeit und am rechten Ort ausgesprochen. Tausende haben sie gehört und die Verständigen haben sie gebilligt. Dir will ich etwas anderes sagen, damit du weißt, wer ich bin.«

»Das ist wohl nicht mit ein paar Worten gemacht.« Der Spott klang immer noch durch die Worte hindurch. »Setz' dich, Hans Thordsen!«

»Du hast recht. Laß mich ausreden, nachher magst du mich verurteilen, wenn du willst.«

»Als damals die Sturmflut über unsere Heimat ging, verlor Thomas Ottsen seine Schafe, die armen Falshöfter verloren mehr. Am meisten nahm sie den Armen. Sie nahm ihnen das Bett unter dem Leibe weg. Sie brach ihre Kisten auf und schwemmte den Hausrat fort. Und was brachte sie? – Sie wühlte Sand und Schlamm aus der Tiefe und warf es den Menschen in die Häuser und Gärten, sie brachte Krankheit und Tod.«

»Warum erzählst du mir das heute? – Was hat das mit dieser Sache zu tun?« unterbrach sie ihn ungeduldig. Er ließ sich nicht beirren:

»Ich sage dir, Meta, hier ist auch eine Sturmflut gekommen, und die schwemmte mehr fort als die meisten Menschen sahen. – Was fleißige Männer und sparsame Hausmütter mit jahrelangem Mühen zusammenbrachten, das riß die Flut heraus und warf es in die Trödlerläden und Leihhäuser. Und wie manche Existenz ist vernichtet. Es gehen viele traurig umher und suchen nach einer Brotstelle. Es gibt aber auch Leute, die tun's nicht: sie sind ins Faulenzen und Trinken gekommen und finden nicht mehr den Weg hinaus. In manchen Häusern und Familien wühlt diese Flut weiter, bis Mann, Frau und Kinder zu Grunde gehen. Am meisten tut es mir leid um die armen Kinder! Viele treiben schutzlos in der Flut – so wie du einst, Meta!« – Sie sah nicht mehr spöttisch zu ihm herüber, sie war ernst geworden während er sprach. Als er ihren Namen nannte, fuhr sie auf:

»Gut, daß du mich erinnerst. Mit mir und mit diesen Leuten wurde der brennende Wunsch groß, das Elend, das auf den Niederen lastet, abzuwälzen. Wenn du aufgewachsen wärst wie ich, Hans Thordsen, würdest auch du so fühlen wie ich und wie andere, die früh schon hassen lernten. Dieser Haß muß den Menschen aufpeitschen aus dem Schlaf; es muß Kampf und Sturm geben, sonst kann Neues nicht entstehen. Das Neue aber – – –«

»Es kommt nicht nur darauf an, daß Neues entsteht, es muß Besseres entstehen!« unterbrach er sie. »Der Haß kann nicht aufbauen; die Baumeister, die ihn als Mörtel gebrauchen, mögen sich hüten, daß sie nicht von den einstürzenden Trümmern ihrer Burg begraben werden! – Wer Haß säet, verdirbt das Volk. – Es sind Deutsche, es sind Menschenbrüder auf beiden Seiten. Von Gottes und von Rechts wegen sind sie aufeinander angewiesen. Sie sollten gemeinsam das Feld bestellen, Güter erzeugen und es lernen, sie gerechter zu verteilen. Sie sprechen die gleiche Sprache hüben und drüben, aber sie verstehen sich nicht.

Ich habe einmal gelesen, daß die Menschen, die während des dreißigjährigen Krieges aufgewachsen waren, nichts anderes kannten, als den Krieg. Die Heere zogen hierhin und dorthin gegen einander, der Wohlstand ganzer Länder und Gemeinden wurde aufgezehrt und vernichtet, die Männer gingen arbeitslos umher, die Weiber und Kinder bettelten, die Besitzenden vergruben ihr Gold; Handel und Wandel stockte. – Als dann der Ruf »Friede!« durchs Land klang, da wußte man nicht, was das war. Nur einzelne alte Leute erhoben dankbar die Hände gen Himmel, die Jungen kannten nur Krieg und Kampfgeschrei. – So geht es auch in unserer Zeit. Das Geschrei, das im Heerlager kriegführender Scharen groß geworden ist, hat von früh auf nur das Evangelium vom Klassenhaß gehört und glaubt blindlings daran. – Wir alle müssen besser werden, um bessern zu können. Sonst ist es ein ewiger, widerwärtiger Kampf, und der, der gerade oben ist, zerfleischt den Schwächeren.«

»Das wird immer so sein, so lange es ein Mein und Dein gibt, so lange Schwache und Starke, Einfältige und Kluge nebeneinander wohnen«, warf Meta ein. »Kampf muß sein, sonst gibt es keinen Fortschritt! – Das Wort habe ich von dir gehört.«

»Aber ein ehrlicher Kampf mit anständigen Waffen soll es sein!« rief er. »Man muß dahin kommen, daß man im Andersdenkenden nicht gleich den schlechten Kerl wittert, und nicht hinter jeder guten Absicht zuerst den schwarzen Schatten sucht. Wir, die Lebenden, werden's nicht so weit bringen. Dies Geschlecht muß umherziehen in der Wüste, bis die gestorben sind, die aus Pharaos Land den Haß mitnahmen. Die Männer, die in die Posaunen stießen, als die Mauern Jerichos fielen, sind nicht mehr gewesen, als die Kinder Israels sich ihre Heimstätten bauten. Ein neues Geschlecht mußte heranwachsen. – Durch Selbstzucht muß unser Volk in allen seinen Gliedern erstarken. Mit lauterer Gesinnung soll es in den Kampf ziehen!«

Langsam und stockend hatte er zuerst gesprochen. Dann schüttelte er die Hemmungen ab, und ihm kamen die Worte, als wenn er eine Schrift läse. Die stand eingegraben in seinem Herzen. Manche Stunde hatte er in stiller Nacht daran gearbeitet. Er schwieg. Meta Norgaardt sah starr vor sich hin. In ihr wogte der Kampf. Er wußte es. Endlich sprach sie mit müder Stimme:

»So hoch kann ich nicht fliegen!«

»Du kannst es doch! Ich kenne dich besser.«

»Du?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin im Kriege verdorben.«

»Das bist du nicht.« Er faßte ihre Hand.

»Gegen dich bin ich doch schlecht gewesen!« Eine brennende Röte stieg ihr in die Wangen. »Zu schlecht!« fügte sie leise hinzu und zog hastig ihre Hand zurück.

»Und doch hast du dich zu gut gehalten für mich.« Es lag kein Vorwurf in seiner Stimme. Sie klang auch nicht so stark und hell wie vorhin. – Meta Norgaardt erwiderte zunächst nichts, sie dachte aber daran, wie oft sie diesem Manne unrecht getan, und wie schwer sie ihn heute gekränkt hatte. Da fand sie ein Wort, das sie sonst nicht gekannt hatte: »Verzeihe!« – Er drückte schweigend ihre Hand und suchte ihre Augen. Sie aber sah starr vor sich hin, da ging er. – –

Drei Tage später erhielt Hans Thordsen einen Brief, der trug keine Überschrift oder Anrede. Er lautete:

»Nun ist es doch gekommen, wie es kommen sollte, ich bin wieder ins Krankenhaus gegangen. Ich wollte nicht mit ihm sprechen, ich wollte nur noch einmal nach ihm sehen. Wenn es ihm besser ging und er am Leben blieb, so sollte er für mich tot sein. Er schlief, da faßte ich noch einmal seine Hand zum Abschied. – »Wenn du mit ihm seinen Weg hättest gehen dürfen, dann wäre es anders gekommen!« – so sprach es in mir. Und dann wurde das heiße Mitleid Herr über den alten Haß, den ich oft geschürt hatte. Ich fühlte seine Hand zucken in der meinen und sah ihm in die Augen, die waren voller Tränen. Wie dann alles so ganz anders gekommen ist, als ich wollte, das kann ich dir nicht sagen, Hans Thordsen. Ich konnte nicht anders. Ich will mein Bekenntnis kurz machen. Meine Wünsche wurden ja erfüllt; er ist heruntergestürzt von der Höhe. Möge Gott mich nicht mehr strafen dafür! – Nun will ich, die ich doch seine Braut war, ihn an die Hand nehmen und ihm zeigen, wie man durch den Schlamm hindurch kommt. Wir werden den Weg finden. Aber nicht hier. – Wir wollen weit fort, wo uns niemand kennt. Ich raffe meine Ersparnisse zusammen und verkaufe mein Geschäft. Sobald er gesund ist, legen wir die Hände ineinander und reisen nach Amerika. Alles liegt dann hinter uns, ein neues Leben voller Arbeit soll anfangen. Gib mir die Gewißheit, Hans Thordsen, daß du mir nicht zürnst, sonst kann ich nicht ruhig sein. Ich konnte aber nicht anders handeln, als ich tat!

Meta Norgaardt«

Hans Thordsen überflog den Brief mit schnellen Blicken, dann warf er ihn auf den Tisch und sprang auf. Als er den Türgriff in der Hand hatte, trat er wieder zurück ins Zimmer und nahm den Brief nochmals in die Hand. Nun las er Wort für Wort. Es dämmerte, es wurde dunkel, er saß immer noch am Fenster und starrte aufs Papier. – Endlich stützte er beide Hände schwer auf den Tisch; wie ein müder Mann, so stand er da. Es war ihm wie einst, als er von seinem Schmerzenslager im Glasgower Krankenhause aufstand und zum Krüppel geworden war. Er tastete mit unsicheren Händen nach seinem Hut, steckte den Brief in die Brusttasche und ging die Treppen hinunter. In der Hafenstraße, vor ihrem Hause blieb er stehen. Es war Licht in der Stube, aber er ging nicht hinein. Jetzt nicht! So nicht! – Er ging weiter. Dunkel und leer lag der Ponton am Fischmarkt, er schritt die Treppen hinunter, setzte sich auf einen der kleinen grünen Fährdampfer und fuhr nach Steinwärder hinüber.

Tot und still lagen die hohen Fabrikgebäude. Kein Hammerschlag ertönte in den weiten Hallen der Schiffswerften, grau und dunkel hoben sich die langen Kranmasten und Aufrichten der Hellingen vom Abendhimmel ab. Keine Hand regte sich den Kais, die Straßen waren menschenleer. Hans Thordsen drückte den Hut tiefer in die Stirn. Der Westwind kam von See und brauste ungehemmt über die Niederung der Elbarme her, er rauschte im trockenen Schilf, er drängte die schwerbeladenen Schuten im Schanzengraben aneinander, daß sie ächzten, er kämpfte mit den Gasflämmlein an der letzten Brückenlaterne, er stemmte sich gegen die Brust des einsamen Wanderers und kühlte ihm die brennende Stirn. Grau lag vor ihm das Land, kein Weg war zu sehen, der über den rauhen, aufgewühlten Boden hinwegführte. Alles schwarz und tot. Und doch war hier unter seinen Füßen auch blühendes Leben gewesen. – Im letzten Frühling hatte er an einem schönen Maimorgen hier irgendwo gestanden und sich darüber gefreut. In fröhlicher Lust hatte der Rohrsänger im Schilf gesungen. Schimmernde Käfer und flinke Libellen, fleißige Bienen und bunte Schmetterlinge waren vom gelben Hahnenfuß zum rötlichen Wasserdost, von der stolzen Blumenbinse zum bescheidenen Vergißmeinnicht geflogen. Inzwischen war alles grünende und blühende, lustige und liebende Leben begraben worden unter schwarzem Elbschlamm der Bagger. Tief unten ruhte es modernd.

Auch in seinem Herzen war es Frühling gewesen. Freiheit und Brüderlichkeit war der Osterglockenklang. Fröhliches Selbstvertrauen wuchs empor, und ganz im Stillen hegte und pflegte er im sonnigen Winkel einen Rosenstrauch. Den hatten gierige Hände aus dem Boden gerissen und auf den Weg geworfen. Er hatte ihn ziehen wollen, daß zwischen den Dornen Rosen aufblühten, denn er wußte, daß der Stamm im inneren Kern gut war.

Die Glocken, die so voll klangen, die zum Kampf für das Wohl der Arbeitsbrüder riefen, waren zersprungen. Haß und Bosheit hatten am Strange gezogen. Unter Unverstand und Mißgunst begraben lag sein Hoffen. Eins aber war ihm bisher geblieben! – Nun hatte sich eine Hand aufgereckt aus der Tiefe und die Rose gebrochen. – Nein! Sie selbst hatte sich ihm hingegeben.

»Hans Thordsen, du bist ein Träumer, du bist ein Narr!« pfiff ihm der Wind in die Ohren. Der Zollbeamte, der am Köhlbrand hinter dem Deich vor dem eisigen Westwind Schutz gesucht hatte, faßte das Gewehr fester an, als quer über das rauhe Land eine dunkle Gestalt auf ihn zukam. Der Wanderer schritt mit kurzem Gruß an ihm vorüber, den Deich entlang. Er ging planlos weiter und weiter. In Roß war noch Licht in den Häusern. Vom Fährhaus klang Gesang herüber. Einen Augenblick blieb er stehen, als er die lauten Stimmen und das Klirren der Gläser hörte. – Sollte er hinübergehen und sich mit an den Tisch setzen, um die Sorgen und den Gram fortzuspülen? – Warum nicht? – Die anderen nahmen das Leben nicht so ernst, nahmen es mit Pflichten nicht so genau, wie er. Was wollte er sich gegen den Strom stemmen, warum sollte er sich nicht auch einmal in den Strudel stürzen?! – Sein Kämpfen und sein Lieben war vergebens gewesen, darum fort mit dem Ballast! »Man muß sich mit dem Winde treiben lassen und das Leben genießen.« – So lockte eine Stimme, und sie hemmte seinen Schritt.

Er fuhr mit der Hand über die Stirne, als könne er die Gedanken verjagen, die ihn quälten und lockten. Dann ging er weiter. – –

Als er seine Schritte heimwärts lenkte, lag schweigende Nacht auf dem Elbstrom. Er aber sah seinen Weg vor sich. »Auskämpfen!« – »Sich nicht werfen lassen, weder von Menschen noch vom Schicksal.« – »Ausharren, bis deine Zeit kommt!« – Der ernste Wille gab den schwankenden Gedanken wieder eine feste Richtung. – –

Der Winter war gewichen, lange hatte er sich in diesem Jahre gewehrt; noch im März suchte er mit Schnee und anhaltender Kälte die treibenden Schollen der Elbe aneinander zu heften, so daß die kleinen Barkassen den Kampf aufgeben mußten; nur die kräftigen Schlepper konnten sich noch mit Mühe ihren Weg bahnen. Dann aber schlug plötzlich das Wetter um, linde Lüfte wehten vom Harburger Wald herüber, und zum Frühlingsanfang schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel schier sommerlich. Da trieben die graugelben Eisschollen dichtgedrängt den Strom abwärts; es keimte und grünte neben den Stacks und an den steilen Ufern. Die Möwen verließen ihre Winterquartiere am Altonaer Fischmarkt und suchten auf den Elbwiesen hinter Blankenese ihre Nahrung, die Stare flöteten und schnalzten im Sonnenschein und jagten die zudringlichen Spatzen aus den altererbten Nistkästen. In den Wurzelfäserchen, unter moderndem Laub regte sich junges Leben, die Knospen an den Sträuchern dehnten sich und sprengten ihre braunen Hüllen, als der warme, belebende Strahl der Frühlingssonne sie traf. Neues Sehnen und Streben erwachte unter der winterlichen Decke und drängte ans Licht zum Leben.

An einem Sonntagvormittag war's, da stand hinter Oevelgönne am Elbstrande ein Mann und blickte in ernstem Sinnen hinaus auf den Strom. Über Hamburg lag eine dunkle Bank von Rauch und Nebel. Die Morgensonne tauchte empor über den Häusern und warf einen leichten rötlichen Schein durch den dunklen Vorhang. Der schwarze Rumpf eines Dampfers löste sich ab von der grauen Wand und schob sich ins Sonnenlicht. Er zog langsam vorüber an den Docks von Blohm & Voß; zum Abschied dippte er dreimal die Flagge, dann nahm er seinen Kurs ins nördliche Fahrwasser.

Der Mann am Ufer legte die Hand über die Augen: »Da ist sie, die Hansa!« sagte er. Regungslos stand er auf einem Stack und blickte hinüber. Das Verdeck des Schiffes war dicht besetzt mit Menschen; es waren Zwischendecker, die hinausgebracht wurden zum großen Amerikadampfer, der bei Brunshausen lag. Die »Hansa« kam näher und näher. Der Mann am Strande ließ seine scharfen Augen vom Vordersteven bis zum Heck gleiten, er sah Gruppen und Gestalten und dazwischen hochgestapelte Gepäckstücke, er konnte aber die einzelnen Personen noch nicht erkennen.

Hart an der Reling stand ein Passagier im grauen Wettermantel; den Hut hatte er in den Nacken geschoben, mit düsterem Blick schaute er hinüber nach der Heimat. – Er sah drüben hinter der grauen Nebelwand das Bild eines alten, stolzen Bauernhofes. Meilenweit lag er weg, aber deutlich sah er die langen, niedrigen, weißgekalkten Wände mit den blanken Fenstern, darüber das grünbemooste Strohdach und den kleinen Glockenturm. Das war sein Geburtshaus, das war »der schönste Bauernhof in Angeln«: Schnarstruphof! – Da waren sie: die graue Steintreppe vor der Haustür und die beiden schneeweiß gemalten Bänke daneben. Er sah sich selbst dort als Kind an der Mutter Seite, als Hausherrn mit fröhlichen Gästen, als Mann an der Seite seines Weibes! – Alles stand vor seinen Augen. Es lag dort drüben, weit drüben in unerreichbarer Ferne. – Und dann sah er, wie in der Frühdämmerung der Mann in einen Wagen stieg und sich vom Hofe stahl, weil ihm nichts mehr gehörte von all dem, das seine Väter mühsam erarbeitet und erworben hatten. – Kein Stein, kein Stück Holz gehörte ihm mehr! – –

Vom Ufer herüber winkte ein Mann mit einem weißen Tuch, seine hohe Gestalt hob sich scharf vom grauen Ufer ab. – Viele winkten ihm wieder zu, er aber sah nur die eine, die sich über die Reeling gebeugt hatte und in der hocherhobenen Linken ihr Tuch hielt. Das war ihr letzter Gruß an Hans Thordsen. –

Polnische Juden und starkknochige Landarbeiter aus Schlesien und Posen drängten sich auf dem Verdeck umher. Sie sahen auch die Nebelbank, die dort hinter ihnen am Horizont lag. Dort lagen auch ihre Sorgen und ihre Armut, dort lag Entbehrung und Arbeitslosigkeit.

Ein Ruf war durchs Dorf gegangen: von Freiheit und einem besseren Dasein, von fruchtbaren Ländereien und blanken Dollars war viel geredet worden. Von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte war das weiter getragen; zuerst hatte man die Köpfe geschüttelt, dann hatte man gegrübelt und geplant. Ein Funke war hineingefallen ins Herz, und es hatte gedämmert hinter der grauen Alltagssorge. Was war es? – Wohin führte der Weg, der sich in der Ferne verlor? – Aus dem Dunkeln ins Helle sagten die Zuversichtlichen. – Sie hatten dann gespart und gedarbt, mehr noch als früher, sie hatten gearbeitet und geschleppt, schwerer noch als vorher, damit sie Groschen auf Groschen und Mark auf Mark legen konnten. – Als dann die Zeit gekommen war, hatten sie zusammengerafft, was sie besaßen an Geld und Geldeswert, an Betten und Handwerkszeug; was sie nicht mitnehmen konnten, das hatten sie verkauft, und dann hatten sie sich aufgemacht zur Reise ins Land ihrer Hoffnung.

Peter Ottsen hatte es anders gemacht. – Ach, wenn er doch die letzten zehn Jahre austilgen könnte aus dem Buch seines Lebens! Aber es ging nicht, es war zu spät! – Ein vierschrötiger Bursche sah ihm mit verschmitztem Lächeln ins Gesicht: »Mut, Bruder!« rief er ihm zu und reichte ihm die halbgeleerte Schnapsflasche. Er wandte sich unwillig ab. – Da legte die Frau, die hinter ihm stand, leicht die Hand auf seinen Arm. Er wandte sich hastig um, sah sie an, faßte ihre Hand und drückte sie. In ihren dunklen Augen aber leuchtete es auf und leise flüsterte sie: »Wir lassen hinter uns viel Dunkles und Schweres, Peter.« Und als wenn sie seine Gedanken erraten hätte, setzte sie hinzu: »Aber wenn wir beide jetzt in voller Jugendfrische, den Kopf voller Hoffnungen und Träume, an dem Scheideweg ständen, würde es uns nützen? – Wer weiß, wohin wir dann in die Irre gehen würden?! – Nun hat des Lebens Sturm und Not uns sehend gemacht, nun werden wir unsern Weg finden!« – Da flimmerte es ihm vor den Augen, eine Träne rann ihm an der Wange herunter, und er sagte leise: »Du hättest mich auf Schnarstruphof halten können.« Sie deutete ruhig mit der Hand nach vorwärts: »Dort liegt für uns ein neues Leben.« – »Mit Gottes Hilfe!« sagte er leise und drückte ihre Hand. Dann schaute er nicht mehr nach rückwärts.

*

Im Herbst dieses Jahres brachte der alte Lotse Carstensen zum letzten Mal ein Schiff nach Flensburg, dann legte er Ölrock und Südwester ab und zog zu seinem Schwiegersohn nach Schleimünde. Sein Nachfolger wurde Hans Thordsen; er war von den Absichten des Alten unterrichtet gewesen und hatte sich rechtzeitig gemeldet. – Der Abschied von Hamburg wurde ihm nicht schwer; er war ein Rad, das nicht mehr glatt im alten Getriebe ging. Er sprach zu viel von Selbstzucht, er hielt den Klassenhaß für nicht besser als den Rassenhaß, und er wollte den Himmel nicht ausschließlich den Spatzen überlassen. Aber als er ausschied aus den Reihen der Arbeitsgenossen, drückte ihm mancher brave Mann in ehrlicher Freundschaft die Hand.

Er wohnte dann in Falshöft im Hause, das seiner Mutter gehört hatte. An dessen Ostwand stand die lange Leiter, von der er Ausschau halten konnte. Zeigte ein Schiff draußen die Lotsenflagge, so wurde sogleich das Boot klargemacht und einer der drei Lotsen an Bord gebracht. Nach den Fahrten kamen dann Tage des Wartens und im Winter auch längere Zeiten der Untätigkeit. – Zwar hatte er seine Bücher, aber die Stille drückte doch den regen Geist des Mannes. Verkehr hatte er nicht weiter; die Bauern hatten ihre eigenen Kreise, der neue Lehrer war ein Mann, der zurückgezogen für sich lebte. – So saß Hans Thordsen denn in den langen Winterabenden und las, grübelte auch manchmal über das, was hinter ihm lag. Das Bild des Birkfuchses, der in Sturm- und in Sonnentagen ihm getrotzt und ihn gelockt hatte, verblaßte nun; das Bild des feinen Mädchens, das im Krankenhause ihn still und glücklich gemacht hatte, gewann wieder Farbe und Glanz. – Und dann fragte er sich: Denkt sie wohl noch an mich? –

Die »Dronning Marie«, die ihn damals nach Glasgow gebracht hatte, machte noch häufig Fahrten von dort nach Flensburg und zurück. Eines Tages stand er als Lotse auf diesem Schiff. Als sie gegen leichten Westwind die langen Strecken der Außenförde aufkreuzten, hatte er nichts weiter zu tun und konnte seine Gedanken reisen lassen. – Da trat ihm denn all das wieder vor die Seele, was er nach seiner ersten Fahrt auf diesem Schiff in Glasgow und im schottischen Hochlande erlebt hatte. Und es wurde ein Sehnen in ihm wach. – Als sie hinter Holnis wieder im breiten Fahrwasser segelten, trat er an den Kapitän heran und sagte lächelnd:

»Ich möchte mit diesem Schiff wohl mal wieder eine Reise nach Schottland machen.«

»Ernst oder Spaß?« fragte der Kapitän.

»Ernst! – Da ist etwas ... etwas, das ich nicht vergessen kann.« Er hielt inne, sah vor sich hin und gab dann dem Mann am Steuer einen kurzen Befehl.

Der Kapitän lächelte, fragte aber als höflicher Mann nicht weiter, sondern sagte einfach: »Allright! – Kommen sie mit!«

Als die »Dronning Marie« vierzehn Tage später den Flensburger Lotsen bei Kekenis absetzte, wunderte sich der, als dort der Falshöfter Lotse Hans Thordsen an Bord stieg. Zum Fragen und Reden war aber nicht viel Zeit. – Hans Thordsen blieb auf der ganzen Reise wortkarg.

Als er zur Rückreise in Greenock wieder an Bord ging, nahmen am Kai Tom Bruce und Käte von ihm Abschied. Sie hielt seine Hand und sprach die Worte der Moabiterin Ruth:

»Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.« –

Drei Jahre waren vergangen. Es war Sommer. Hans Thordsen saß mit dem Fernrohr auf der Leiter. Kein Schiff mit der Lotsenflagge war draußen auf der blauen Fläche zu sehen. Von den Noorwiesen kamen Heuduft und Kibitzgeschrei herüber. In der Ferne, von Westerfeld her sah er dann einen einsamen Wanderer übers Noor schreiten; an der schmalen Stelle, wo ein Brett über den Noorgraben gelegt ist, blieb er einen Augenblick stehen, blickte hinweg über das stille Land, das unter der dichten Grasnarbe, zwischen grünen Tannenwedeln und rötlichem Sonnentau, in seinen Gräben und Kolken so viele geheime Wunder birgt, und wandte sich der Birk zu. Hans Thordsen hatte das Glas auf ihn gerichtet und ihn erkannt. Es war der alte Lorenzen, sein früherer Lehrer, der seit Jahren im Ruhestand lebte und nun einmal wieder die Gegend durchstreifte.

Im Eichenkratt der Birk verschwand er. Vielleicht kannte er Meta Noorgardts Versteck, saß dort auf der morschen Holzbank oder lag im dichten Grase und horchte auf das alte, ewige Lied, das der Wind vom Strand herübertrug.

Nach einer Weile kam er wieder hervor aus dem Grün, ging am Birkhaus vorüber, blieb hier und da stehen, wohl um den dort üppig wachsenden Strandkohl und Meerstrands-Männertreu zu betrachten, und ging langsam auf der Drecht nach Falshöft zu.

Der Lotse stieg von der Leiter und ging dem Wandersmann entgegen. – Schon von weitem winkte ihm der Alte, und Hans Thordsen gedachte der Stunde, wo er ihm gesagt hatte: »Du gehst zur See, Hans Thordsen. Es steckt so in dir. Du kannst nicht anders!« – Und es war doch so ganz anders gekommen, als sie beide es sich damals gedacht hatten. – Dann streckte ihm sein alter Lehrer die Hand entgegen, sah ihm ins wettergebräunte Gesicht und rief ihm zu:

»Als ich vorhin am einsamen Strande der Birk lag, hast du mir gefehlt, Hans Thordsen!« –

»Ich?« fragte er zögernd. Und dann nach kurzem Sinnen: »Wenn ich dort liege, Herr Lorenzen, spricht so vieles auf mich ein, daß ich selbst wenig zu sagen weiß.«

Der Alte nickte. »Ich glaube dir das! – Ich stand nämlich vor einem Dornengebüsch; wenn das nicht gewesen wäre, dann ständest du nicht hier. – Und es war doch nur ein dorniger Strauch, von dem man meinte, er sei zu nichts nütze!«

»Ohne Fritz Böhm hätte er auch mir nichts genützt.« Hans Thordsens Stimme wurde hart. »Und den Menschen war der auch nur wie das Gestrüpp, das auf gutem Acker wächst.« Er schwieg. Erst nach einer Weile sagte er: »Aber vor Gott war er mehr!« –

Der Alte nickte. Sie gingen eine Weile stumm nebeneinander her, dann sagte Lorenzen: »Auch vor mir standen dort die Menschen wieder auf, die einst auf den Schulbänken vor mir saßen: »Hans Thordsen, Peter Ottsen, Fritz Böhm und die Rote, die ihr den Birkfuchs nanntet: Meta Norgaardt. Nach ihnen wollte ich dich fragen. Und auch von den Lebensschicksalen, die dich wieder an diesen Strand getrieben haben, wollte ich mehr wissen.«

»Stürme waren es!« Hans Thordsen faßte ihn unter den Arm. »Das alles läßt sich aber nicht mit drei Worten sagen. Kommen Sie mit mir, bleiben Sie ein paar Tage bei uns!«

Der Alte zögerte, zog die Stirn in Falten und meinte schließlich: »Wird deiner Frau das auch recht sein? – Ich bin ein einfacher Mann, und sie soll eine feine Frau und von weit her sein.«

»Na, dann sehen sie sich die Frau nur mal an!« Hans Thordsen lachte und zog den Alten mit sich fort. »Sie werden ihr willkommen sein!«

Hans Thordsen hatte ihn im Wohnzimmer aufs Sofa genötigt, dann war er hinausgegangen in die Küche und hatte seine Frau verständigt. Nun saßen sie nebeneinander und fingen an, von früheren Zeiten zu reden. Der Lehrer zeigte auf das Ölbild eines Schiffes, das in China gemalt war. Hans Thordsen erzählt ihm, daß das der Teeklipper sei, auf dem er die schnellen Reisen gemacht habe; sein Gastfreund hörte aber nur halb zu. Er horchte auf leise Tritte im Nebenzimmer und schaute nach der Tür. – Es dauerte nicht lange, dann öffnete sie sich, und herein trat eine schlanke Frau mit feinen, freundlichen Zügen; sie trug ein schwarzlockiges Mägdlein auf dem Arm.

»Wir beide wollen uns dem Lehrer und Freunde meines Mannes vorstellen«, sagte sie und reichte dem Gast mit gewinnendem Lächeln die Hand. »Gib auch Händchen, Anna!«

Der Alte hatte sich wohl überlegt, was er sagen wollte. Er drückte der Frau die Hand, streichelte der Kleinen die Wange und sagte zu Hans Thordsen: »Also eine Britanniafahrt hast du unternommen, wie unsere Urväter vor 1500 Jahren es taten, damals als noch in den Wäldern unserer Küsten Bären und Wölfe hausten und die Biber auf Beverö ihre Burgen bauten. – Sie zogen westwärts, die Angeln, eroberten die Inselreiche, gaben dem Lande den Namen und dessen Bewohnern manche Charaktereigenschaft. Nicht das schlechteste Blut der Engländer stammt von hier.«

Hans Thordsen lächelte. Er wußte von der Schule her, daß der alte Lehrer das alles gerne betonte. Dann sagte er: »Ich bin nicht mit so kühnem Mut ausgezogen. – Nicht wahr, Käte, ich kam wie ein müder Wanderer, der nach etwas Verlorenem sucht, und ich klopfte in Aberfoyle recht bescheiden an eure Tür.«

Eine helle Röte stieg auf in ihrem Gesicht. Nach einem kleinem Zögern – wohl um in der fremden Sprache die rechten Worte zu finden – sagte sie: »Aber dann bliebst du nicht in unserem Lande, wie die alten Angeln, sondern wie ein rechter Seeräuber brachtest du mich hinüber in dein Land.« –

Bald saßen sie beim duftenden Kaffee. Lorenzen fragte. Hans Thordsen berichtete. Frau Käte paßte gut auf und warf hier und da ein kurzes, treffendes Wort mit in die Rede. –

Am Abend dieses Tages saßen die drei im Lotsenboot, segelten hinaus auf die See und dann um die Birk herum. Aus seinem Sinnen heraus sagte der alte Lehrer: »So hat sich für dich alles zum besten gewendet.«

Hans Thordsen schwieg eine Weile, dann sprach er bedächtig: »Wer auf hoher See fährt, kann wohl aus dem Kurs getrieben werden.« Er faßte die Hand seiner Frau, die neben ihm saß. »Du hast lange nach mir ausgesehen, Käte, ich aber mußte durch dunkle Tage hindurch, bis ich am Horizont wieder das helle Licht blinken sah, das mir den Weg wies.« Sie nickte und hielt seine Rechte fest; auch in seiner Linken lag das Steuer sicher. Dann sagte sie: »Wir mußten beide reifen: du in Stürmen, ich in der Stille.« –

Die Sonne stand dicht über den Spiegel der Förde. Sie sandte ihre letzten goldenen Strahlen hinter einem Wolkensaum empor und färbte den Westen purpurn. Das Wasser am Ufer schimmerte und glühte wie flüssiges Metall. Dicht über dem Noor lag weißer, feiner Nebel; wie eine dunkle Wand ragte einsam das Niebyer Kliff daraus hervor. – Erst als sich die Umrisse des Birkhauses schärfer vom Strand abhoben, fragte der Alte: »Hast du in den letzten Jahren etwas von Peter Ottsen und Meta gehört?« – Es kam das etwas zögernd heraus, als ob er wüßte, daß er hier vorsichtig antippen müßte.

Hans Thordsen blickte auf; es klang ganz ruhig, als er antwortete: »Peter Ottsen hat mir geschrieben. In Canada sind sie. Sie müssen hart arbeiten, so schreibt er, aber er bebaut wieder die eigene Scholle, und Meta streckt die Füße unter den eigenen Tisch. Ein Junge ist da. Sie sind zufrieden und froh.« Nach einer Weile setzte er hinzu: »Allerhand Achtung!«

»Vor wem?«

Er besann sich nicht lange: »Vor beiden! – Es gehört mehr Mut dazu, aus Trümmern sich sein Glück zu zimmern, als es in jungen Jahren auf festem Grund zu bauen!«

Er ließ das Boot in den Wind gehen und wendete. Sie fuhren dem Landungsstege zu. Leise plätscherten die Wellen am Kiel. Keiner sprach ein Wort. Hans Thordsen und sein junges Weib schauten – Hand in Hand – über die schimmernde Flut hinweg nach der stillen Heimat, dem Hafen ihres Glücks.

 

Ende

 

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