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Georg Asmussen: Stürme - Kapitel 8
Quellenangabe
authorGeorg Asmussen
titleStürme
publisherHeimatverein der Landschaft Angeln
printrun
editorPeter Schwennsen
year1995
isbn3880427321
firstpub1906
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170915
projectid3dd8c274
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* * *

 

Auf dem Elbstrom und in den Häfen war es tot und still. Nach einander hatten die weißen und schwarzen Schauerleute, die Ewerführer, die Kesselreiniger und Anstreicher und viele Matrosen die Arbeit niedergelegt. Selbst die »fliegenden Krüger«, die sonst in ihren mit Bier und Schnaps beladenen Jollen von Schiff zu Schiff, von Schute zu Schute fuhren, stellten ihre Tätigkeit ein. Es war doch nichts zu verdienen, da machten sie denn auch mit und erklärten, es sei mit ihrem Solidaritätsgefühl unvereinbar, den Streikbrechern stärkende Getränke zu liefern. An den Kais und auf den Straßen am Hafen entlang standen von früh bis spät die Feiernden, tauschten ihre Ansichten aus, rauchten aus kurzen Pfeifen, kauten swatten Krusen und spuckten ins Wasser. Von Zeit zu Zeit gingen sie auch zu Thetje Fett oder zu Jan Knieptang, oder zu einer anderen der zunächst belegenen Wirtschaften, um einen auf die Lampe zu gießen. Alle waren voller Hoffnung, jeder redete vom Sieg der Hafenarbeitersache.

In den verschiedenen Büros, die die Streikleitung sofort eingerichtet hatte, wurden die Namen sämtlicher Streikenden in die Listen eingetragen; regelmäßig mußten sie zur Kontrolle erscheinen, regelmäßig wurden die Streikgelder ausgezahlt.

Jens Norgaardt lungerte nicht mehr am Hopfenmarkt umher, er und andere »Löwen« erinnerten sich nun, daß sie auch Arbeiter seien, hatten sie doch früher, als der Schnaps ihnen noch nicht die Kraft aus den Knochen und alle Empfindlichkeit aus dem Gewissen ausgelaugt hatte, am Hafen gearbeitet. – Jedenfalls waren sie Hafenarbeiter, als jetzt gestreikt wurde, Jens Norgaardt ließ sich in die Listen eintragen und erhielt wöchentlich Streikgelder. Das war eine schöne Sache!

»Wir können das noch lange aushalten«, sagte er eines Morgens zu Hans Thordsen, der an den Vorsetzen als Streikposten stand, »wir haben Geld genug.« – Dann holte er mit unverschämt vertraulichem Grinsen eine flache Flasche aus der Tasche, trank und reichte sie ihm hinüber: »Prost!«

»Pfui Deuwel!« sagte Hans Thordsen und drehte sich um, so daß man nicht wußte, ob er den Schnaps oder den Kerl damit meinte.

»Du bist wohl zu fein, um mit mir aus der Flasche zu trinken. Man nicht so stolz!« sagte höhnisch der andere. – »Meine drei Kreuze gelten ebensoviel, als deine Namensunterschrift. Er zog einen Zettel aus der Tasche: Jens Norgaardt« steht hier. Das hat das Streikkomitee geschrieben und gestempelt.«

»Dann sind wohl alle Hopfenmarktlöwen nun Schauerleute geworden?«

»Hopfenmarktlöwen?« klang es wütend zurück. »Ich kenne Leute, die einen Hopfenmarktlöwen gern Schwiegervater nennen möchten.«

Die Umstehenden lachten, obgleich sie den Sinn wohl nur halb verstanden. Der Sprecher aber war im nächsten Augenblick hinter einer Gruppe schwarzjackiger Männer verschwunden.

»Es ist ein Skandal«, sagte Hans Thordsen, »daß solche Kerls sich jetzt auf unsere Kosten mit durchfressen und vollsaufen. Das will ich in der nächsten Versammlung zur Sprache bringen, da muß man einen Sticken vorstecken.« Hinter seinem Rücken lachte jemand höhnisch.

»Recht hast du«, meinte ein alter Graukopf mit verwittertem Seemannsgesicht, »aber was ist dagegen zu machen? Gibt man ihnen nichts, dann fängt die Sorte an zu arbeiten.«

»Die nimmt doch keiner. So'n Kerl kann doch keinen Sack heben.«

»In dieser Zeit wird alles genommen. Es sind eben »Arbeitswillige.« Unserer Sache aber schadet es, denn dann heißt es gleich in den Zeitungen: »Es melden sich fortwährend Leute, die die Arbeit zu den alten Bedingungen aufnehmen.« – Das darf nicht sein! Wir müssen die Löwen mit durchfüttern.«

Hans Thordsen gab sich damit nicht zufrieden. Faulheit als Ballast und Tagediebe im Schlepptau, das behagte ihm nicht. Er wollte dagegen angehen.

Zwei Tage darauf war wieder eine Versammlung. Tom Mann, der Vertreter der englischen Hafenarbeiter, war herübergekommen, um die Botschaft zu bringen, daß die englischen Kollegen sich mit den deutschen Arbeiterbrüdern solidarisch erklärt hätten und sie unterstützen würden. Hamburger Schiffe sollten in englischen Häfen weder löschen noch laden können. Von Holland und Amerika würden bald ähnliche Zusicherungen eintreffen. Geld vom Auslande würde kommen. – Das Wort: »Proletarier aller Länder verbindet euch!« schien zur welterobernden Wahrheit geworden zu sein. Über die Meere hinweg reichten sich die zielbewußten Arbeiter die Hand. – – Mit solchen erhebenden Gefühlen trennte man sich.

Den gleichen Gedanken spann der leicht erregbare Ostpreuße Kopitzki an der Tonbank von Jan Muhl, und immer wiederholte er: »Wir sind die Harrn! Uns gehört die Walt!« – bis der Schnaps seine Zunge etwas ungelenk machte.

»Das ist ja alles ganz schön und gut«, sagte Hans Thordsen, als er mit dem alten Ewerführer Jonni Martens nach Hause ging, »aber Lumpen und Tagediebe sollten nicht dabei sein. Dazu ist die Sache zu ernst. Das kommt mir so vor, wie ein Balken, in dem der Schwamm ist. Das ist keine rechte Solidarität.«

Drei Wochen waren vergangen, ohne daß eine Entscheidung gefallen war. Die Reeder, die Ewerführer- und Stauerbaase bemühten sich, Arbeitswillige heranzuschaffen und sie von den Streikenden fernzuhalten, damit sie nicht durch Versprechungen und Drohungen abspenstig gemacht würden. Aus dem Inlande kamen, einzeln und in kleinen Trupps, Leute verschiedener Art, um die günstige Gelegenheit zu lohnender Arbeit wahrzunehmen. Es waren in der ersten Zeit nur Hunderte, während zwanzigtausend Mann sie abzuhalten und an der Arbeit zu hindern suchten. Wo sonst des Handels kraftvoller Strom durch die Welthafenstadt flutete, waren jetzt die Lebensadern gewaltsam unterbunden; nur hin und wieder fühlte man einen leisen Pulsschlag. Dampf und Druckwasser für die Kräne waren da, aber es mangelte an Händen, um die Warenballen ins Bereich der Kranarme zu liefern. Nur scheu und ohne rechten Arbeitsmut schafften einige Arbeitswillige hier und da in den Räumen, und die staatlichen Hüter der Ordnung mühten sich ab, die drohenden Fäuste der Feiernden von diesen »Heidelbergern« fernzuhalten. Mit gebeugtem Nacken und vorsichtigen Seitenblicken schlichen sich die Verfolgten auf Umwegen von ihren Arbeitsstätten heimwärts. Erst wenn die Hafengegend weit hinter ihnen lag, oder wenn sie einen Konstabler nahe wußten, wagten sie es, den Kopf höher zu heben und festeren Schrittes aufzutreten. So drückte die Furcht oder die Scham sie nieder.

Hans Thordsen war unermüdlich tätig, bald im Streikbüro, bald auf Streikposten; er fehlte bei keiner Veranstaltung, die gemacht wurde, um die Sache der Hafenarbeiter zu fördern.

Es war eine kalte Dezembernacht, als er mit einigen Kollegen am Bahnhof Holstenstraße-Altona auf Streikposten stand, um etwaige mit dem Zuge von Norden kommende Arbeitswillige aufzugreifen und von der Arbeit fernzuhalten. Der Posten war aus Vertretern verschiedener Arbeitsklassen zusammengesetzt, darunter zwei Schiffsbodenanstreicher, die das große Wort führten. Sie gingen eine ganze Weile neben einander auf und ab, und traten hart auf, um sich die Füße zu erwärmen. Eine weiße Winterdecke breitete sich aus über Straßen und Plätze, der Schnee knisterte unter ihren schweren Stiefeln. Sonst war alles tot und still rings umher, nur vom Bahnhof klang dann und wann ein helles Glockensignal.

Der letzte Nachtzug kam, nur wenige Reisende stiegen aus, darunter waren zwei, die als Arbeitswillige verdächtig waren, bei einem dritten erschien dies zweifelhaft. Die Anstreicher nahmen die beiden Verdächtigen in ihre Mitte und erboten sich, ihnen den Weg zu zeigen. Es stellte sich nach einigen Kreuz- und Querfragen heraus, daß sie Fischerknechte aus Schleswig waren, die während der Zeit des Winterfrostes keine Arbeit hatten und sich hier am Hafen einen guten Lohn verdienen wollten. Sie wurden nun zunächst über die Sachlage aufgeklärt. Im lebhaften Gespräch ging man die Treppe hinunter und im weiten Bogen um den Polizisten herum, der am Eingang stand.

Hans Thordsen war oben auf dem Bahnsteig geblieben, er stand im Schatten des Wartehäuschens und beobachtete den dritten Ankömmling, der mit einem kleinen Leinwandköfferchen in der Hand beim diensttuenden Beamten ins Zimmer getreten war und mit diesem sprach.

Die Unterredung war beendet, der Beamte nickte, der Fremde trat zurück und zog den Hut. In diesem Moment fiel ihm das Licht der draußenstehenden Bogenlampe voll ins Gesicht. Hans Thordsen stutzte. – War er es wirklich? – War der Mann mit dem roten, aufgedunsenen Gesicht, der dort im blauen Rock und dem abgegriffenen grünen Hut aus der Tür trat, der Vielbeneidete, den er als flotten Husaren und stolzen Besitzer von Schnarstruphof gekannt hatte? –

Der Mann blickte suchend von rechts nach links und ging unsicheren Schrittes den Bahnsteig entlang, dem Ausgang zu. Hans Thordsen trat aus dem Schatten heraus; nun mußte er dicht an ihm vorbeikommen. Als der Fremde an seiner Seite war, schaute er ihm gerade ins Gesicht. Ihn traf ein unsicherer Blick; in der nächsten Sekunde flog ein Schein des Erkennens aus den grauen Augen und ein erzwungenes Lächeln über die schlaffen Züge. »Hans Thordsen! Mensch, bist du das wirklich?« Er reichte dem ehemaligen Schulkameraden die Hand. Ein Hauch von Branntweindunst flog herüber.

»Guten Abend, Peter. Ja, ich bin's.«

Sie gingen einige Schritte schweigend zusammen. Dann sagte Hans Thordsen, nur um etwas zu sagen:

»Na, ein bißchen auf Reisen?«

»Ja, man muß wohl.«

Sie gingen die Treppen hinunter und zur Tür hinaus. Plötzlich blieb Peter Ottsen stehen.

»Sag' mal, kannst du mir nicht hier in der Nähe ein Wirtshaus zeigen, wo man billig schlafen kann?«

»Billig? – Das war doch sonst nicht so.« Unwillkürlich flog das Wort heraus. Es sollte ein halber Scherz sein und wurde in diesem Augenblick ungewollt zum bitteren Hohn.

»Was geht das dich an, Mann? – Warum läufst du überhaupt mit mir, ich hab' dich ja nicht darum gebeten«, kam es laut und gereizt zurück. Er nahm den Koffer in die andere Hand und ging mit hastigen Schritten weiter, ohne sich umzusehen. Als er an der nächsten Straßenecke unschlüssig einen Augenblick stehen blieb, war Hans Thordsen schon wieder an seiner Seite. »Es war nicht schlimm gemeint, Peter, und ich habe dich nicht beleidigen wollen.« Er sprach es freundlich. Er wußte es jetzt, daß es mit dem Manne, den er so lange nicht gesehen hatte, schlecht stand.

Peter Ottsen zögerte noch. »Komm mit, ich zeige dir ein anständiges Wirtshaus.« Damit nahm er ihn unter den Arm und zog ihn mit sich fort. In der Holstenstraße blieb Peter Ottsen vor einer Destillation plötzlich stehen. »Ich habe fürchterlichen Hunger und Durst«, sagte er. »Ich muß erst mal meinen Magen etwas bieten, sonst werde ich flau.« Wohl oder übel mußte sein Begleiter mit. Peter Ottsen ging an die Tonbank und forderte ein Glas Grog. Sobald es vor ihm stand, war es auch schon verschwunden. »Noch eins! – Aber ein bißchen nördlicher! Und dann ein Butterbrot mit Käse.« Er stellte seinen Koffer auf eine Bank und setzte sich daneben. Hans Thordsen bestellte eine Tasse Kaffee.

Eine Weile saßen sie still neben einander. Der eine mochte nicht fragen, der andere nicht berichten. Erst als Peter Ottsen das Glas Grog getrunken hatte, fing er an:

»Mir ist es schlecht gegangen. Hast du nichts davon gehört?«

»Vor einigen Jahren erzählte man so allerlei. Seitdem habe ich nichts mehr von dort erfahren. Wie steht es denn nun auf Schnarstruphof?«

»Futsch! – futschio! – futschikado! – Der Teufel hol' die ganze Landwirtschaft!« Peter Ottsen schlug auf den Tisch. »Hat man kein Schwein im Stall, dann ist der Speck teuer, und wenn wir viel Milch haben, kostet die Butter nichts. Man möchte dann die Wagen damit schmieren. – Aber ich habe auch sonst noch allerlei Pech gehabt. Ich wollte, wie du ja wohl wissen wirst, aus meinem Torfmoor etwas machen. Das ging nicht, das hat mir eigentlich das Genick gebrochen. Jahre lang humpelte ich noch kümmerlich umher: »Buten fix und binnen nix«, weißt du. Es wurde immer ein Loch gegraben und mit der Erde das andere Loch zugemacht. Immer halb, natürlich! Das ging, wie es am besten gemacht werden konnte. Die Löcher wurden immer tiefer und die Zinsen immer höher, bis schließlich die Wucherer anfingen, die Schlinge zuzuziehen.«

»Schlimme Geschichte! Ich dachte immer, du würdest dich durchschlagen.«

»Dachte ich auch immer!« Er winkte nach der Tonbank hin. »Hier, Sie! Noch ein Glas Grog! – Aber den Spaß, mich hängen zu sehen, habe ich ihnen doch einigermaßen verdorben. Als sie glaubten, ich zappelte schon mit den Beinen, und die Zunge hinge mir aus dem Halse, da kniff ich ihnen aus. Ich hatte zu Geld gemacht, was ich konnte, und hatte alles zusammengerafft. Dann ließ ich die beiden jungen Füchse vor die Chaise spannen und fuhr nach Flensburg. Der ganze Kram, mit Pferdedecken und Halfter, mit Hün und Perdün, wurde verkloppt, und ich rutschte ab nach Kopenhagen.«

»Donnerwetter, das war aber ein starkes Stück«, fuhr Hans Thordsen auf. Sein Nebenmann sah ihn spöttisch an; die rotunterlaufenen Augen hatten jetzt wieder etwas Glanz bekommen. Es war ein flackernder, irrer Schein.

»Ein starkes Stück? – Wie meinst du das? – Sollte ich etwa den Wucherern und Blutegeln auch das noch lassen, zum Dank, daß sie mich ausgesaugt hatten bei lebendigem Leibe?! – Du hast gut reden. Du solltest so etwas mal Jahre lang durchmachen. Dann würdest du ganz anders schnacken.«

»Was macht deine Familie denn?«

Peter Ottsen antwortete nicht gleich, er starrte vor sich hin in das leere Glas, die gelben, buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen, dann sagte er leise mit tonloser Stimme: »Tot, alles tot.« Und nun schlug seine Stimmung um, eine Anwandlung des »grauen Elends« kam über ihn: »Sie liegen alle auf dem Geltinger Kirchhofe in unserem Erbbegräbnis: meine Großeltern und Eltern, meine liebe kleine Toni und meine Kinder. Die haben es gut! – Ich muß in der Welt umherirren, ich habe keine Stätte mehr, wo ich mein Haupt hinlegen kann.« Er griff in die Hosentasche und brachte einige Geldstücke zum Vorschein: »Das ist all mein Geld, was ich noch habe.« Dann nahm er den schäbigen, kleinen Leinenkoffer von der Bank und hob ihn hoch: »Und hier ist meine ganze Habe. – Das ist alles, was Peter Ottsen vom Schnarstruphof noch gehört.«

Er stützte das Gesicht in beide Hände, zwischen den Fingern quollen Tränen hervor. Hans Thordsen suchte ihn zu beruhigen:

»Du bist noch jung genug, du bist gesund und stark, Peter, es kann alles besser werden. Nur den Mut nicht verlieren! – Arbeiten!«

»Meinst du? – Ich habe das auch geglaubt. Als ich nach Kopenhagen ging, wollte ich ein neues Leben anfangen, aber – – . Weißt du, Hans Thordsen, wer schuld an meinem ganzen Unglück ist? – Der Birkfuchs ist schuld daran.«

»Mensch, rede doch nicht so'n Unsinn!« fuhr jetzt Hans Thordsen auf. »Du selbst bist schuld daran. Aber sie hast du damals durch deinen Leichtsinn ins Elend gebracht.« Er stand auf: »Komm mit! Hier ist nicht der Ort, solche Sachen zu besprechen.« – An der Tonbank gab er dem Burschen einen Taler: »Was haben wir zu bezahlen? – Hier, ziehen Sie alles ab.« Er strich das erhaltene Kleingeld ein, dann nahm er den kleinen Koffer in die Linke und faßte mit der Rechten seinen Begleiter am Arm. Ohne ein Wort zu reden, folgte dieser.

Sie gingen nach St. Pauli zu. »Wo bleibe ich die Nacht?« fragte Peter Ottsen nach einer Weile ganz kleinlaut. Die kalte Winterluft drängte die Geister des Grogs etwas zurück. Die Sorge um die nächste Zukunft fiel ihm wieder auf die Seele.

»Dafür laß mich sorgen«, war die kurze Antwort. Als sie an der Altonaer Grenze vor einem kleinen Gasthaus standen, fragte Hans Thordsen: »Was willst du in Hamburg machen? Hast du hier Bekannte, die dir Stellung oder Arbeit verschaffen können? – Es ist augenblicklich eine schlechte Zeit, die Hafenarbeiter streiken.«

»Gerade deshalb bin ich hierher gekommen. Ein Agent gab mir Reisegeld, ich soll morgen anfangen bei einer Kohlenreederei.«

»Das geht nicht: wir streiken!«

»Du auch?«

»Ja, ich auch. Und du darfst hier nicht anfangen.«

»Na, warum denn nicht? Was gehen mich die Leute an, die nicht arbeiten wollen?«

»Wir wollen wohl arbeiten, wir kämpfen aber für bessere Arbeitsbedingungen. Es ist unser gutes Recht, unsere Arbeitskraft so gut wie möglich auszunutzen. Ehrlos ist der, der den Männern, die mit ihren Familien in diesem Kampf Not und Entbehrung leiden, in den Rücken fällt.« Während Hans Thordsen mit wachsender Erregung sprach, schaute der andere vor sich hin. »Was willst du nun tun?« Er ließ nicht locker.

»Ich weiß wirklich nicht, ich muß mir die Sache mal beschlafen«, sagte Peter Ottsen mürrisch und wollte ins Haus gehen.

»Halt, noch eins!« Hans Thordsen faßte ihn am Arm. »Wenn du abreisen willst, zahlt dir unsere Kasse die Reise- und Zehrkosten.«

»Und was soll ich dann?«

»Na, es gibt doch auch anderswo Arbeit.«

»So? Wo denn? Jetzt zur Winterzeit! Ich habe das Umherstreifen und Herumlungern satt. Du sagtest doch vorhin selbst, ich soll arbeiten. Nun ich es will, ist es wieder nicht recht. Da will man mich von hier abschicken, weil man mit dem Tagelohn nicht zufrieden ist. Für mich ist es genug.«

»Aber Mensch, nimm doch Vernunft an!« Hans Thordsen wurde ärgerlich. »Am Hafen stehen überall Streikposten und die verstehen keinen Spaß. Sie geben sich auch nicht so viel Mühe, den zugereisten Leuten es klar zu machen, warum sie hier nicht Arbeit annehmen dürfen. Sie ballen die Fäuste auch nicht in der Tasche. Nimm dich in acht, Peter Ottsen!«

Da richtete sich der ehemalige Gutsbesitzer gerade auf, ein Hauch des alten Trotzes flog über seine Züge.

»Wer das durchgemacht hat, was ich in den letzten zehn Wochen durchmachen mußte, der hat vor euren Fäusten und Knüppeln keine so große Angst. – Der Entschluß, den ich nun gefaßt habe, ist mir schwer genug geworden. – Es gehört für einen Mann, der mit Vieren fuhr, und dann durch die Verhältnisse oder durch eigene Schuld zum Lumpen wurde, mehr Courage, dazu, sich aufzuraffen und gegen sein Elend anzugehen, als du glaubst. Ich will's mir überlegen, ob ich die Planke fahren lasse, die den Ertrinkenden vielleicht noch über Wasser halten kann.«

»Ich laß dich nicht im Stich, ich komme morgen früh zu dir«, rief Hans Thordsen ihm noch nach.

Als Hans Thordsen am anderen Morgen gegen sieben Uhr in dem Gasthaus ankam, erfuhr er, daß der Fremde schon vor einer Stunde mit seinem kleinen Handkoffer fortgegangen war. Er hatte sein Nachtlager bezahlt und keine Bestellung hinterlassen. Der Wirt wußte auch nicht, wohin er gegangen war, und was er gewollt habe. Am Vormittag sprach Hans Thordsen noch zweimal dort vor, am nächsten Morgen wieder. Der Gast kam aber nicht zurück.

*

In der Hafenstraße, neben der Steintreppe, die nach der hochgelegenen Bernhardstraße führt, hatte Meta Norgaardt ihr Geschäft. Viel Geld war nicht nötig gewesen, es ins Leben zu rufen: ein Waschfaß; eine Mangel, ein Bügeleisen und zwei tüchtige Arme waren die hauptsächlichsten Betriebsmittel. An Seife und Sauberkeit hatte Meta es nicht fehlen lassen, auch nicht an Fleiß und Pünktlichkeit, so hatte sie das Geschäft hochgebracht. Von der Straße konnte man bequem hineinschauen in die Fenster der Plättstube. Und sie schauten hinein, die Männer, die vorübergingen, wenn Meta Norgaardt im hellen, kurzärmeligen Kleide und hellen, arbeitsfreudigen Augen am Plättbrett stand und eifrig das Eisen handhabte. Sie sah aber nicht auf. Nur wenn jemand allzu dreist seine Neugierde befriedigte oder seiner Bewunderung Ausdruck gab, zogen sich finster die Brauen zusammen, und ein unwilliger Blick traf den Gaffer.

Am Tage, nachdem Peter Ottsen in Hamburg eingetroffen war, hatte ein großer, blondhaariger Mann im blauen Seemannsanzuge neben ihr in der Plättstube gestanden. Lange war er nicht dageblieben, als er aber fortging, blieb die Arbeit liegen, auch die, die eilig war. Sie hatte die Hände schwer auf den Tisch gestützt, und mit finsterem Blick hinaus gesehen auf den Hafen. Ihre Gedanken waren fortgeflogen von der Arbeit und waren umhergeflattert vom Brunnen auf Schnarstruphof bis zum Kliff, hinweg über Berg und Tal, über Klippen und Abgründe. Dann war sie hinaufgegangen in ihr Zimmer und hatte umhergekramt in der Kommodenschublade zwischen Trikots und kleinen Kinderhemdchen und hatte die Fäuste geballt und hatte geweint, und dann hatte sie die Hände gefaltet und war ganz stille geworden. –

Am anderen Tag stand sie wieder am Fenster an der Arbeit, bleich und ernst, aber niemand merkte ihr die Last an, die sie trug. – Nach acht Tagen war Hans Thordsen wieder da: »Er wird doch wohl wieder abgereist sein«, meinte er. Sie nickte. Er ging. –

Am St. Pauli-Fischmarkt legte ein Fährdampfer an, nur wenige Personen brachte er, denn es war mitten am Vormittag. Ein Mann mit blondem, verwildertem Vollbart und geschwärztem Gesicht kam aus dem Deckhäuschen hervor und verließ das Schiff. Auf dem Ponton stehend, nahm er den grünen Hut ab und wischte sich mit dem großen baumwollenen Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Er mußte angestrengt gearbeitet haben oder rasch gelaufen sein, denn es war nicht warm; vielleicht war es auch Schwäche und innere Erregung, die ihm die hellen Tropfen auf die Stirne trieben. Er spähte umher und trat langsam heran an die Brücke, die vom Ponton ans Land führt. Es war ein gewagtes Unternehmen, in jener Gegend ein geschwärztes Gesicht zu zeigen, denn als Streikbrecher, der Kohlen gelöscht hatte, galt er den Kohlentrimmern als der größte Verbrecher. Diese »schwarzen« Schauerleute hatten in der Nähe der Fährstelle ihr Hauptquartier in einer der Destillationen.

Sonst standen sie an der Kaimauer, oft in Scharen, und schauten aus nach den Kohlendampfern, die von Cuxhaven gemeldet waren und hier löschen sollten. Sobald einer in Sicht kam, füllten sich die Boote mit Mannschaften, Körben und Tauwerk. Auf beiden Seiten paddelten vier oder sechs Mann mit ihren kleinen Handrudern, sie trieben mit schnellen Schlägen das Fahrzeug an den Dampfer heran. Wie die Seeräuber enterten sie an der Schiffswand empor und über die Reeling hinweg. Bald regten sich die sehnigen Arme, und durch die harten Fäuste schwirrten die Zugseile: Korb auf Korb tauchte auf aus der dunklen Tiefe, und der Inhalt rollte polternd in die langseit liegenden Schuten.

Nun war alles tot und still. – »In der Nacht haben sie einen englischen Kohlendampfer gelöscht«, erzählten sich die Leute, die bei Jan Pohl an der Tonbank standen. »Die verfluchten Kerls!«

»Wir haben die Streikbrecher genug gewahrschaut, wer nicht hört, der muß fix was aus der Armenkasse haben«, sagte der lange Kohlendietje Thetje Schülke, ballte die Faust und machte mit dem rechten Arm eine bezeichnende Bewegung.

»Man muß ihnen sämtliche Knochen kaputtschlagen«, bestätigte von der Tonbank her Jan Potthast.

»Man muß ihnen 'ne Schneer um den Hals legen und sie an dem Ladebaum hochziehen, die Spitzbuben, die von auswärts kommen und den ehrlichen Leuten die Arbeit stehlen«, rief Corl Bärmann. – Die Anzeichen mehrten sich, daß der Streik einen schlechten Ausgang nehmen könnte, daher wuchs die Erbitterung.

Thetje Schülke hatte am Fenster gestanden und mit finsteren Mienen hinausgeschaut. Plötzlich hob er den Kopf, seine Augen bekamen einen raubtierartigen Ausdruck: »Wat is dat för'n Kerl dor?« rief er und zeigte mit der Hand hinüber nach dem Landungsteg der Fährdampfer.

Zwei, drei, sechs Mann traten hinzu und blickten aufmerksam durch die Scheiben. Der Mann, der vorhin mit dem Fährdampfer gekommen war, kam langsam über die Landungsbrücke gegangen. Er war an dem Polizeiwachthäuschen vorbei und betrat nun die nach der Straße hinaufführende Holztreppe.

»Streikbrecher! Heidelberger!« hörte man eine Stimme. Und wie die Worte gefallen waren, war alle Besinnung dahin. »Das ist einer von den Lumpen, die uns in den Rücken fallen, die uns und unsern Kindern das Brot nehmen«, rief Schülke laut. – »Dodslaen!« brüllte August Boll. »Haut den Hund dod!« schrien andere.

»Ruhig Blut!« warnte eine Stimme vom Schanktisch her, aber die Männer hörten nicht darauf. Der Zündstoff, der in erbitterten Gesprächen ausgestreut war, den sie überall eingeatmet hatten, glomm auf und wurde zur wilden Flamme. Sie stürzten nach der Tür, da vertrat ihnen Schülke den Weg: »Hierbleiben!« schrie er. »Laßt ihn herankommen. Näher heran muß der Hund, sonst läuft er in die Polizeiwache, ehe wir ihn in den Fingern haben.« – Sie standen. Auch beim Raubtier zügelt List die wilde Gier.

»Ihr wollt doch nicht über den einen einzelnen wehrlosen Mann herfallen! Nehmt euch in acht! Die Polizei kommt gleich!« tönte die Stimme der Wirtin vom Schanktisch her.

»Die Hunde sind lange genug gewarnt«, schallte es zurück.

»Sie wollen's nicht besser haben.« – Die Frau des Wirts trat hervor und ging ans Fenster. Sie sah den Arbeiter langsam daherkommen, scheu spähte er nach rechts und links, er näherte sich der breiten Steintreppe, die zur Erichstraße hinaufführt. »Das ist feige und gemein, so viele über einen. Laßt ihn gehen.« Ihre Stimme klang laut und erregt.

»Vorwärts!« schrie Schülke und riß die Tür auf. Wie die Wölfe sprangen sie die Steinstufen hinunter. Der Herankommende stutzte. Einen Augenblick schien es, als ob er fliehen wollte, einen Augenblick nur. – Vielleicht fiel ihm ein, daß ihm die wütende Meute dann gleich im Nacken sitzen und hinterrücks ihn niederreißen würde; vielleicht loderte in ihm das Gefühl auf, daß er sein freies Recht auf Arbeit verteidigen müsse, von dem er zu seinen Gefährten geredet hatte; vielleicht glaubte er auch, daß kaltes Blut die Wut entwaffnen, daß Mannesmut auf ehrlichen Kampf, Mann gegen Mann, rechnen könne. Er reckte seine kräftige Gestalt hoch auf: »Faßt mich nicht an, ehe ihr mich gehört habt«, rief er mit gewaltiger Stimme.

Wie ein Raubtier sprang ihm Schülke an den Hals. Der Mann duckte sich und warf mit kräftigem Schwung seinen Gegner zurück, der überschlug sich und stürzte hin wie ein Sack. Zwei andere sprangen hinzu.

»Halt!« schrillte eine helle Frauenstimme hinein in den Lärm. Das war nicht die Wirtsfrau. – Es war, als wenn der Angegriffene bei diesem Laut zusammenzuckte. – Er sah nicht, daß aus dem Haufen vor ihm sich ein breitschultriger Kerl herausgeschlichen hatte und hinter ihm stand. »Hört mich, ihr Leute«, schrie er noch einmal. »Ich will –«. Zwei eiserne Arme umklammerten ihn von hinten, dann fielen sie von allen Seiten über ihn her. »Schlagt ihn tot, den Hund«, tönte ihm eine wutheisere Stimme ins Ohr. Schülke war wieder aufgesprungen vom Boden, drückte ihm die Kehle zu und riß den sich verzweifelt Wehrenden nieder. Als er hart mit dem Hinterkopf auf das Steinpflaster niederschlug, war es mit allem Widerstand vorbei; betäubt blieb er liegen, und in tierischer, sinnloser Wut schlugen und traten ihn die Angreifer. Alles das hatte nur wenige Sekunden gedauert. Ein wirrer Knäuel war um und über dem am Boden liegenden Mann; wilde Flüche und Drohworte tönten durcheinander, dazwischen aber hörte man laut und gellend eine Frauenstimme: »Hilfe, Hilfe! Konstabler, zur Hilfe!«

Schülke, der sich auf den wehrlos Daliegenden geworfen hatte und mit geballter Faust ihm ins Gesicht schlug, wurde plötzlich von hinten an den Haaren gepackt und mit einem Ruck auf die Seite geworfen.

»Verdammtes Frauenzimmer, was willst du?«

»Haltet doch das verfluchte Weib fest!«

»Hilfe! Konstabler!« schrie sie wieder. »Elende Feiglinge! Acht Mann über einen!«

Das Weib, das den Überfallenen schützte, wurde von derben Fäusten zurückgestoßen, daß es taumelte und hinfiel. Im nächsten Augenblick aber stand sie wieder auf den Füßen, wie eine Wildkatze fuhr sie den Männern, die den am Boden Liegenden hielten und schlugen, mit ihren Nägeln ins Gesicht. Dieser plötzliche und eigenartige Überfall brachte die wütenden Gesellen einen Augenblick von ihrem Opfer ab. In diesem Augenblick erscholl vom Landungssteg her ein langgezogener Pfiff – – »Uddel kömmt, Uddel, U–u–ddel« riefen in langgezogenen Tönen ein paar Straßenjungen, die von dort aus der Schlägerei zusahen. – »De Konstablers kaamt!« wiederholte Thetje Schülke. »Maakt, dat ji wegkaamt!« – Er raffte seinen Hut aus dem Straßenschmutz und rannte den Pinnasberg hinauf, die anderen folgten. Im Handumdrehen hatten die Sieger das Schlachtfeld geräumt.

Im Dienstschritt kamen nun drei Konstabler heran, sie fanden nicht mehr viel zu tun, nur einen Streikbrecher sahen sie am Boden liegen. Blut quoll aus einer Stirnwunde, rann über das totenbleiche Gesicht und tropfte herab von dem verwilderten Bart in den Kot. Am Hinterkopf war ein breiter Flecken gleichfalls rot gefärbt, und zwischen den dichten gelben Haaren sickerte es hinunter in den Rockkragen. Neben dem stillen Mann aber kniete Meta Norgaardt. Sie hob seinen Kopf vom Steinpflaster und legte ihn in ihren Schoß, sie sah ihm starr ins Gesicht und wischte mit ihrer weißen Schürze Schmutz und Blut von seiner Stirn.

»Den haben sie bös' zugerichtet«, sagte der eine der Konstabler.

»Er hätte zu Hause bleiben sollen«, meinte ein anderer. Der dritte fragte das Mädchen: »Kennen Sie den Mann? – Wo wohnt er?« Sie antwortete nicht. Ihre Sorge und Aufmerksamkeit galt nur dem Geschlagenen. »Peter«, rief sie ihm leise ins Ohr. Hatte er das Wort verstanden? – Er schlug die Augen auf, hob den Kopf ein wenig und schaute nach rechts und links. Dann stöhnte er tief auf: »Ach! – Meine Brust!« – Er hustete und es quoll rot empor. Sie wischte ihm den blutigen Schaum vom Munde. »Der hat genug«, sagte ein hinzutretender Bürger. »Ich sah es, wie er hinschlug. Mit dem Schädel fiel er gerade auf den Kantstein. Mit Fäusten und Stiefelhacken haben sie ihn bearbeitet.«

»Den Heidelberger!« rief hinter ihm einer.

»Wer war's denn?« fragte der Wachtmeister den entrüsteten Zeugen.

»Wer soll's wohl gewesen sein!?« war die brummige Antwort, und nach einer Weile setzte er hinzu: »Bestien! – Aber keine Menschen!«

»Holt den Tragkorb von der Wache!« Zwei Konstabler gingen fort, den Befehl auszuführen. Eine größere Menschenmenge sammelte sich um die Gruppe. Die Männer hatten die Hände in den Taschen und die geschwärzte Kalkpfeife im Munde; mit etwas Mitleid schauten einige auf das Opfer des hinterlistigen Überfalls; bei anderen sah man verbissene Wut im Gesicht. Wenn der Konstabler sie aufforderte, weiter zu gehen, so brummten sie unverständliche Worte, und wenn er sie zurückschieben wollte, so drängten die Hinterstehenden nach. Es war kein offener Widerstand des einzelnen, aber es lag im Gebaren des Haufens etwas, das die Hüter des Gesetzes veranlaßte, leise aufzutreten. Es war überall so viel Zündstoff angehäuft, daß man sich hütete, die Lunte daran zu legen.

»Das ist wohl ihr Mann?« fragte eine Fischfrau, die ihre Körbe auf dem Trottoir stehen ließ und herüberkam, um zwischen den Köpfen der Männer hindurch das Schauspiel zu betrachten.

»Näh!« erwiderte eine rauhe Männerstimme. »Das ist die Rote, die drüben die Plättstube hat.«

»Was? Die Rote? Die Norgaardt? – Was geht sie der Mann an?«

»Weiß der Deuwel.«

»Haben sie ihn totgeschlagen?«

»Leben tut er noch. – Aber wer weiß, wie lange.«

»Dat's en Schann!«

»Was is dat?« Ein wildbärtiger Mann drehte sich um und sah der Frau ins Gesicht. Aber sie sagte laut und schroff: »Dat is ja Mord und Dodschlag.«

»Hol din Mul, Ollsche, sünst kann noch mehr passeern.«

Er knurrte das zwischen den Zähnen hindurch und blickte sie mit tückischem Blick an. Das breitschultrige Weib »von de Waterkant« aber ließ sich nicht einschüchtern: »Wat schall mi woll passeeren?« fragte sie patzig. »Line! – Liiine!« rief sie dann mit einer Stimme, die straßenweit gellte. Von der Treppe her drängten sich zwei ähnlich gebaute Vertreterinnen ihrer Zunft heran; da fügte sie höhnisch hinzu: »Kickt doch mal her; de anner dor, mit de Köhmnäs, de will hier Frunslüd slaen.«

»Probeer dat mal, min Jung«, ermunterten ihn die Freundinnen höhnisch und machten sich mit den Ellenbogen Platz. Drei Weiber stellten sich vor ihm auf und stemmten erwartungsvoll die derben, aufgekrempelten Arme auf die breiten Hüften.

»Probeer dat blot's eenmal, min Söhn!«

Die Nächststehenden lachten. »De anner« drückte sich nach der gegenüberliegenden Seite, er ging langsam weiter und verschwand in der nächsten Destillation.

»Hier kann er doch nicht liegen bleiben«, wandte sich nun eine der Frauen an den Wachtmeister. »Er muß ins Seemannskrankenhaus. Man fix.«

»Der Tragkorb wird schon geholt«, sagte mürrisch der Beamte.

»Harrn ji dor nich vör oppassen konnt?« hörte man eine andere Weiberstimme die Konstabler fragen. Sie überhörten das.

»Is dat dien Brüdjam, mien Deern?« wandte sich mitleidig Trina an das Mädchen, das auf dem Straßenpflaster kniete und sich bemühte, das Blut zu stillen. – – Sie nickte.

»Wi wöllt di helpen!« sagte die Frau, und ihre Stimme hatte einen anderen Klang wie vorhin. »Wi wöllt em bi Jan Pohl in de Weertschaft drägen. – Hier, kaamt doch mal twee Mann her, un faat mit an.« Vier hilfsbereite Männerhände faßten an und hoben vorsichtig den Verwundeten hoch.

»Halt! Der Tragkorb kommt schon«, rief der Wachtmeister. »Legt den Mann hinein.«

»Mi ok recht«, sagte Line.

Nach einigen Minuten lag der Mann auf der Tragbahre, vier Männer trugen ihn die Hafenstraße herab, dem Seemannskrankenhause zu. Hinter dem Zug ging in beschmutzten und zerrissenen Kleidern bleich und blutig Meta Norgaardt.

*

Die Erbitterung wuchs. Am Hafen und in engen, dunklen Gängen gab es häufiger Unruhen, die Überfälle mehrten sich. Am hellen Tage und im Dunkel der Nacht ereigneten sie sich, und nur selten gelang es, die Täter zu fassen. Neben der Brücke am Baumwall wurde eines abends eine blutige Schlacht geschlagen, bei der die Streikenden zurückgedrängt wurden. Am Pinnasberg stürmten sie am hellen Mittag einen Wagen der Straßenbahn, drangen in das Innere, schlugen einige Arbeitswillige halbtot und zertrümmerten Türen und Fenster. Unbeaufsichtigt liegende Schuten wurden angebohrt, Persenninge wurden zerschnitten, was nicht niet- und nagelfest war, wurde in die Elbe geworfen. Es gärte überall. Dem stolzen Gefühl der Stärke und Überlegenheit, das zu Anfang geherrscht hatte, war die dumpfe Ahnung einer Niederlage gefolgt. Es schwand die ruhige Würde, und aus dem aufgewühlten Boden brachen die brutalen Regungen hervor. »Se ward nu wild«, sagte der alte Ewerführerbaas Magens, »denn is et bald to Enn!« – Aber so weit war es doch noch nicht. Es ebbte und flutete noch immer in der Bewegung hin und her, abends so und morgens anders, ähnlich wie in der Elbe. Aber grauer und trüber wurde das Wasser. Die »Solidarität« erwies sich noch immer wie ein eiserner Ring, der Gleich und Ungleich umspannte, aber es mehrten sich die Stimmen, die unter dem Druck seufzten. Die fleißigen Arbeiter hatten den Honig eingebracht, um in den Zeiten der Not davon zu zehren. Als es aber so weit war, kamen die Drohnen in Scharen; sie summten und brummten das gleiche hohe Lied von der Solidarität aller Arbeiter und schlugen sich dabei so viel Honig in den Bauch, wie sie bekommen konnten. Breitspurig und großmäulig standen sie am Kai neben den wackeren Männern, deren Hand in schwerer Arbeit hart und schwielig geworden war. Den Arbeitgewohnten wurde die Zeit lang, die Arbeitsscheuen freuten sich, daß sie nun mit Fug und Recht von der Arbeit fern bleiben konnten und doch verdienten. Der alte seßhafte Stamm aber der Schauerleute und Ewerführer, die jahrelang bei ihrem Baas in Lohn und Brot gestanden hatten, sahen mit Sorgen das Häuflein der ersparten Mark schwinden und mit Ärger einen Teil der gesammelten Gelder durch die Kehlen der Halbstarken fließen.

Jan Thedsen, der 35 Jahre mit dem Bootshaken gearbeitet hatte, stand mit einer schottischen Karre voll Apfelsinen am Spielbudenplatz. Um die Ware einkaufen zu können, hatte seine Frau ihren Muff und den Pelzkragen versetzen müssen, den ihre älteren Jungens ihr zur silbernen Hochzeit geschenkt hatten. Das jüngste Mädchen ging treppauf, treppab mit Stiefelbändern, Nähgarn und Seife hausieren, konnte aber nur 40 Pfennige den Tag verdienen, denn sie war noch zu anständig gekleidet, um das Mitleid der Leute zu erregen. Es liefen zu jener Zeit auch so viele mit solchen Sachen herum! – Um jene Zeit kam es auch auf, daß am Abend, wenn die Arbeiter mit den Fährdampfern von Steinwärder kamen, auf den Anlegepontons der Ruf erklang: »Mann, en Stück Brot!« – Kleine, blasse Jungen und Mädchen in ärmlichen Kleidern und zerfetzten Schuhen waren es, die die Arbeiter anbettelten. Sie gaben ihnen die Reste, die ihnen nicht geschmeckt hatten, und was übriggeblieben war vom Mittagsbrot. An Ort und Stelle wurde gleich der erste Hunger gestillt, der Rest wanderte in die Leinwandbeutel und wurde zu Hause von den Eltern und kleineren Geschwistern verzehrt.

August Schütt war von Haus aus Schuster. Da die Fabriken den gelernten Schuhmachern aber die beste Arbeit genommen und ihnen nur die Flickereien übriggelassen haben, so hatte August Schütt den Spannriemen in die Ecke geworfen und bei den Anstreichern angefangen. Nun versohlte er die Schiffsböden mit »Ratjens« und »Rote Hand«, wenn sie in den Steinwärder Schwimmdocks lagen. Das hatte er schon viele Jahre getan und sich ganz gut dabei gestanden. Als nun der Streik kam und er mit seinen sieben Kindern die paar Spargroschen aufgezehrt hatte, da suchte er wieder den Spannriemen und den Schusterhammer her und fing an, den Leuten die Stiefel zu besohlen. Das ging zuerst ganz gut. Dann aber kamen die Frauen aus der ganzen Nachbarschaft und brachten die Schuhe der Kinder und die Stiefel der Männer zum Flicken und Besohlen, und wenn sie das heile Fußzeug wieder durch die Göhren abholen ließen, hieß es: »Mutter will es bezahlen.« – Ja, sie wollten es wohl, aber sie konnten es nicht. – »Wenn der Streik zu Ende ist, soll alles glattgemacht werden«, hieß es dann. – Das ging so lange, bis der Lederhändler anfing zu streiken. August Schütt konnte kein Sohlleder mehr bekommen, er konnte nur noch aus altem Leder neue Riester machen; so wurde das Geschäft immer schlechter. Er gab es auf. Seine Kunden fanden nun keinen anderen Schuster, der unter gleichen Bedingungen arbeitete. So mußten denn die Kinder mit kaputten Stiefeln losziehen; sie schleusten damit durch den aufgeweichten Schnee und hielten sie in den Pausen an den Ofen, um die Füße zu wärmen. August Schütt aber hatte schließlich selber ein Paar Stiefel an, durch deren Sohlen das Regenwasser ein- und auslief. Er hatte kein Geld und keinen Kredit mehr, sich ein Paar Sohlen zu kaufen. »Wenn wir nur erst wieder den Pinsel in die Hand nehmen könnten!« seufzte er.

Bei dieser Gelegenheit zeigte sich auch, daß die goldene Kette, mit der Otto Neubauer, der Maschinist vom Schlepper »Herkules«, so oft geprotzt hatte, gar nicht von Gold war. Er selbst hatte es geglaubt, denn er hatte sie einmal spät abends in der »Konkordia« von einem anständig aussehenden Fremden gekauft. Der Mann war in Verlegenheit gewesen, er hatte kein Schlafgeld und bot ihm nun die goldene Kette, das Erbteil vom Vater, zum Kauf an. Zufällig kam ein Fremder hinzu, der war Goldarbeiter. Er erklärte, daß die Kette unter Brüdern 150 Mark wert sei. Der Erbe der Kette mußte sehr in Verlegenheit sein, er wollte sie für 30 Mark verkaufen. – Als der Maschinist das hörte, griff er in die Tasche und holte seine Löhnung hervor, es waren 26 Mark. Dafür bekam er die Kette. Er trug sie seit drei Jahren mit gerechtem Stolz, aber nur sonntags. Er hatte sich eine weiße Weste bauen lassen, damit sie einen besseren Hintergrund hatte. – Als er aber jetzt in der schweren Zeit der Not dem alten Abraham in der Elbstraße die Kette zum »Aufbewahren« geben wollte, stellte sich heraus, daß sie höchstens 3 Mark wert war. Das war hart, denn an dieser Kette hatte sein letzter Rettungsanker gehangen. Da hatte er nur den einen Wunsch: »Wenn ick man erst werrer an mien Maschien stünn!«

Schlimmer ging es Fritz Ehlert. Der war früher Tagelöhner und Hofgänger gewesen im Holsteinischen. Er hatte mit Frau und Kindern ein kleines Strohdachhäuschen bewohnt, das zu Waterneverstorf gehörte. Seine Ziege hatte schöne Milch gegeben, denn sie fraß das fette Gras an den Wegrändern, das niemand gehörte. Seine Hühner legten fleißig Eier, denn sie fanden reichlich Futter auf den benachbarten Kornkoppeln. Er hatte sich so durchgeschlagen, schlecht und recht. Das bare Geld war gewöhnlich knapp, aber satt waren sie alle noch immer geworden und eine warme Stube hatten sie im Winter auch. Da kam aber seines Bruders Sohn zum Besuch, der arbeitete in Hamburg auf einem Speicher. Das war ein feiner Kerl! – Im Dorfwirtshaus führte er das große Wort, denn er bezahlte, was seine Verwandten und Freunde tranken.

»Ihr seid Schafsköpfe«, sagte er, »daß ihr euch so von den Gutsherren und Bauern aussaugen laßt, bis ihr alt und aufgebraucht seid. Kommt nach Hamburg, da verdient man leichter sein Geld! – Da nimmt man nicht den Hut ab, wenn der Arbeitgeber kommt. Das kann er ja tun, wenn er Lust hat.« Und er schlug auf den Tisch, daß es krachte: »Da sind wir die Herren!«

Das und anderes, was er redete, hatte Fritz Ehlert gefallen. Im nächsten Herbst verkaufte er Ziege und Schwein, die Hühner und den alten Grützquern, den er von seinen Eltern geerbt hatte, und zog nach Hamburg.

»Du warrst noch na uns lengen warrn!« rief ihm sein Nachbar nach. Fritz Ehlert lachte. Er fand nicht gleich eine Stelle, aber er hatte auch noch was einzubrocken. Dann kam er bei den Schauerleuten an; zwar hatte er nicht regelmäßig Arbeit, aber wenn er arbeitete, verdiente er gut. Man kriegte doch bares Geld in die Hände! – Aber es lief so flink durch die Finger, denn jedes Spierchen Suppenkraut, jedes Ei und jeden Tropfen Milch mußten sie kaufen. Die Wohnung kostete so viel, und es war doch nur ein elendes, kleines Loch gegen früher. Er selbst brauchte für sich auch mehr, denn wenn Jan Dutt und Korl Pott in die Köhminsel gingen und sich einen in die Jacke schwenkten, so konnte er doch nicht allein an der Tür stehen bleiben und Luft schnappen.

»Du warrst noch na uns lengen warrn!« Dies Wort tönte ihm noch oft in den Ohren. An das Wort mußte er täglich denken, als der Streik ausgebrochen war. Gerne wäre er damals mit Sack und Pack, mit Kind und Kegel wieder in die Heimat gezogen, hätte seine Ziege wieder an der Grabenkante getüdert und den Kohl gegessen, der in seinem Garten wuchs. – Wäre es in der Erntezeit gewesen, dann hätten ihn keine zehn Pferde hier gehalten, aber es war Winter, harter, arbeitsloser Winter, da mußte er wohl bleiben. Die wenigen Spargelder, die Mutter in den Strumpf gewickelt und ganz unten in der Kommodenschublade versteckt hatte, waren längst aufgezehrt. Die Stücken Brot für die Kinder wurden immer kleiner, und Butter darauf gab's nicht mehr. Auf ein Ei hatte man früher nicht viel gerechnet, Kohl hatten sie so reichlich gehabt, daß sie ihn verschenkt hatten. Gerade das fiel Fritz Ehlert eines Abends ein, als er seine Pellkartoffeln mit magerem Mehlstippeis verzehrt hatte. Er bekam solchen Appetit auf Kohl, ja, es war schon kein Appetit mehr, es war der richtige Hunger, der ihn plagte. Immer Brot und Kartoffeln, das hält ja keiner aus!

Dann war sein Nachbar Jan Stropp herübergekommen, der arbeitete drüben auf Steinwärder bei Nagel in der Spritfabrik. Jan hatte eine Flasche »Negertod« in der Tasche, so nannten die Leute den »Genever«, der nach Afrika ging. So schlecht war er gar nicht, daß Jan Stropp und Fritz Ehlert ihn nicht auch trinken konnten. »Brannwin gifft Kraft und Mood. Drink man!« sagte Jan. Fritz konnte beides brauchen, er hatte ja nichts in den Knochen und im Magen. Er trank und fühlte den Hunger nicht mehr, er trank und vergaß seine Not und er trank wieder, da bekam er Mut.

Gegen Mitternacht ging er aus dem Hause, stieg vorsichtig die Treppen hinunter und ging nach Eimsbüttel zu. Am Sandweg war alles still und dunkel, da stand er am Drahtzaun vor dem Garten seines Stauervizes. Er kannte Ort und Gelegenheit, denn er hatte im Sommer eine Ladung Bambusstäbe hinausgebracht, die von einem Reisschiff stammten, und hatte daraus eine Laube zimmern helfen. Er wußte sich auch im Dunkeln ziemlich zurechtzufinden. Er fand den Kohl, schnitt eine Anzahl der üppigen Stauden ab und stopfte sie in den mitgebrachten Sack. Als aus dem nahen »Storchnest« verspätete Gäste herauskamen, duckte er sich hinter die Laube. Da schlug ihm das Herz hörbar. Beinahe hätte er den Sack liegenlassen und wäre davongerannt, denn es war ihm, als wenn er die Stimme seines kleinen August hörte, der in einförmiger, stockender Weise das siebente Gebot auswendig lernte: »Du sollst nicht stehlen!« – Scheu sah er sich um. – Die Schritte der späten Wanderer verhallten nach Altona zu, ihm aber kam ein Gefühl des Trotzes. Er hörte jetzt eine andere Stimme, die flüsterte ihm Worte ins Ohr, wie er sie vorhin von Jan Stropp gehört hatte: »Besitz ist Diebstahl!« – Da stand er auf, schwang den gefüllten Sack über die Schulter, stieg über den Drahtzaun auf den Weg und wandte sich heimwärts.

Am Pferdemarkt hielt ihn ein Schutzmann an, der wollte wissen, was in dem Sack sei. Eiskalt fuhr es Fritz Ehlert durch die Glieder, aber von dem Mut, den er aus der Flasche geschöpft hatte, wallte noch ein Rest auf. Er entgegnete frech: »Was geht Sie das an? – Kann ich nicht von meinem Land holen, was ich will?!«

»Kommen Sie mit zur Wache!« befahl der Schutzmann und faßte ihn am Arm. Da riß sich Fritz Ehlert los, warf den Sack fort und rannte, was er konnte. Es half ihm aber nichts, der Schutzmann war flinker und hatte ihn bald am Kragen. In seiner Angst und Aufregung schlug Fritz wild um sich; er wurde aber überwältigt und zur Wache gebracht. – Auf diesem Gange kam die Ernüchterung über ihn, er bat und flehte: »Ach, lassen Sie mich doch los! Ich habe nie in meinem Leben was genommen, was nicht mein war. Frau und Kinder haben nichts zu essen. Lieber Herr, es ist schwer, seine Kinder hungern zu sehen. Lassen Sie mich los! Ich will's auch nie wieder tun!«

»Warum stehlen Sie, warum arbeiten Sie denn nicht?« fragte einer der Schutzleute.

»Ich kann ja nicht, ich darf ja nicht arbeiten.«

»Warum nicht?«

»Der Streik, ach, der Streik!«

»Der verdammte Streik!« brummte der Beamte und der Mensch sprach aus ihm, als er leise hinzusetzte: »Wir dürfen Sie nicht laufen lassen. Das könnte uns selbst unser Brot kosten, Sie müssen mit, aber es wird wohl so schlimm nicht werden.«

Als dann Fritz Ehlert in der dunklen Zelle auf der harten Holzbank lag, da hörte er wieder das Wort, das sein Nachbar ihm nachgerufen hatte: »Du warrst noch na uns lengen warrn.« – Aber nun durfte er sich nimmer wieder in der alten Heimat sehen lassen. Die Leute würden mit Fingern auf ihn zeigen und sagen: »Fritz Ehlert hett säten in Hamburg!« – »Woför denn?« – »He hett stahlen!« Und wie sollte er nun seiner Frau und seinen Kindern vor Augen treten? – Ach, hätte er doch in diesem Augenblick die letzten drei Stunden aus dem Buch seines Lebens austilgen können, von dem Augenblick an, wo er mit Jan Stropp den Schnaps trank, bis jetzt! – Wie gerne hätte er den Rest seines Lebens dafür gegeben. Dann war er noch ehrlich, und seinen Kindern konnte man nicht nachrufen: »Dien Vadder hett stahlen!« – Aber er konnte es nicht. Er hat daran tragen müssen noch viele Jahre, und seine Frau weiß es, daß diese Stunden ihm noch den letzten Augenblick seines Lebens schwer gemacht haben.

»Um die Frauen und Kinder tut es mir am meisten leid«, sagte dem alten Ewerführer Magens seine Frau. Ihre Dora war bei ihr gewesen, die flinke Dora mit den drallen Armen und dem roten, lachenden Mund, die vier Jahre bei ihr gedient und dann einen von den Leuten ihres Mannes geheiratet hatte. Früher war sie häufiger mal gekommen, dann seltener, und nun hatte Frau Magens sie schon lange nicht mehr gesehen. Als sie vor der Tür stand, kannte Frau Magens sie nicht wieder, sie war mager und spitz geworden. Sie hielt ein kümmerliches Kind auf dem Arm und bat, ihr einen Taler zu leihen, sie habe keine Milch mehr für ihr Kleines, und der Milchhändler wolle nicht mehr borgen. »Warum fängt dein Mann nicht an zu arbeiten?« fragte mit harter Stimme Frau Magens.

»Ach, Frau Magens, er darf doch nicht.«

»Warum darf er nicht? Du kannst ihn man losschicken. Ich meine doch, du hast sonst immer die Büx angehabt.«

Ein trauriges Lächeln glitt über das Gesicht der Bittenden: »Wie gern wollte ich das! Ich kann aber nichts machen, und er selbst kann auch nichts machen. Keiner traut sich ein Wort zu sprechen gegen den Streik. Sagt einer was, dann heißt es gleich: Verräter und Feigling. Keiner traut sich anzufangen, seines Lebens ist er dann nicht sicher!«

»Aber es arbeiten doch schon viele Hunderte«, warf die Frau des Ewerführerbaases ein.

»Das sind Fremde. Die gehen nachher wieder weg, dahin, wo man sie nicht kennt und nichts von ihrem Tun weiß. Glauben Sie es mir, Frau Magens, wenn hier einer von den Alten anfängt, dann drückt er sich ein Brandmal auf, das zeitlebens bleibt. Man würde ihn verfolgen und verhöhnen, bis er fortläuft. Seine Frau hätte im Hause und auf dem Hof keine ruhige Stunde, und seine Kinder wären gemieden. Wenn das nicht wäre, wahrhaftigen Gott, Frau Magens, mein Mann sollte heute noch die Arbeit anfangen. Er darf aber nicht!« Und ihre Augen bekamen Glanz, als sie sagte: »Er soll auch nicht!«

Da schüttelte die alte Frau den Kopf, denn sie konnte sich nicht hineinfinden in eine Zeit, die nach Freiheit ringt und hierzu die Mittel des finsteren Mittelalters nicht entbehren kann. Sie nahm Dora mit in ihre Küche, nahm ihr das Kind ab, gab ihm zu trinken und der Mutter zu essen. Als Dora gesättigt und gewärmt fortging, hatte sie ein Bündel in der Hand und einen Taler in der Tasche, und die alte Frau Magens rief ihr nach: »Öwermorgen kömmst du werrer, Dora, hörst du!«

Diese alte freundliche Frau aber sagte nachher zu ihrem Manne: »Dat segg ick di awers, Hein, wenn ji Baasen man een Finger breet nahgäwen doht, denn sünd ji Lappen! – De Kerls wollt ja Gewalt gegen ju bruken. Dor hört de Weltgeschichte opp, wenn de an't Rudder kaamt!« – Sie war eine Holsteinerin, sie hatte eine offene Hand und ein warmes Herz, aber einen steifen Nacken.

Aber auch die Männer, die jeden Morgen in Haufen an der Kaimauer standen, hielten noch immer den Nacken steif. Es schien wenigstens so. Wer aber genauer hinschaute und aufmerksam hinhorchte, der wußte, daß nicht alles so war, wie es den Anschein haben sollte.

»Das schlimmste ist, daß von auswärts so viel Zuzug kommt und sich hier festsetzt. Wir kriegen am Ende nachher, wenn wir arbeiten wollen, gar keinen Platz mehr!« So hatte jemand gesagt. Wer? – Man sah sich scheu um. Hatte man die eigenen Gedanken verraten?

Aber das Wort flog weiter. Was man vorher nur im Familienkreis oder dem vertrautesten Freunde gesagt hatte, aus Furcht, für einen Abtrünnigen gehalten zu werden, das wurde nun hier und da unter den Arbeitskollegen verhandelt. Trotzdem wurde weiter gestreikt. Auf den Versammlungen brauste noch das Hoch auf die Solidarität durch die Säle, wenn der Redner geendet und die Mehrheit für Ausharren entschieden hatte, aber es kam den meisten nicht mehr so von Herzen wie früher. Dafür schrien einzelne um so lauter.

Um aber auch der Stimmung der Vorsichtigen Rechnung zu tragen, die für Beilegung des Streiks waren, wenn auch geringere Zugeständnisse von den Arbeitgebern erreicht würden, hatte die Leitung bestimmt, daß Vertreter aus den Verbänden der Streikenden gewählt wurden, die mit dem Arbeitgeberverband unterhandeln sollten. Zu diesen Vertrauensmännern gehörte auch Hans Thordsen.

Mit ruhigen Worten, in verständiger und würdiger Weise brachte er Beschwerden vor, die seine Mitarbeiter zu führen hatten.

»Die sollen abgestellt werden, und zwar sofort!« fiel ihm ein anderer Vertreter in die Rede, und seine Hand fiel schwer auf den Tisch.

»Sie haben gewünscht, mit uns zu unterhandeln«, sagte der Vorsitzende, ein Stauerbaas; seine Stimme hatte einen scharfen Klang: »Schlagen Sie hier nicht auf unseren Tisch. Lassen Sie diesen Mann hier reden, Herr Thordsen hat das Wort.«

»Geben Sie uns die Zusicherung, meine Herren, daß die Forderungen, die ich Ihnen eben darlegte, erfüllt werden, dann können wir auf Grund der Zusage unseren Leuten weitere Vorschläge machen.« Hans Thordsen sprach ganz ruhig.

»Aber unseren Lohntarif wollen wir anerkannt haben!« rief der andere in scharfem Ton dazwischen.

»Wir wollen Ihre Beschwerden gewissenhaft prüfen«, sagte der Vorsitzende, ohne auf den Lauten zu achten. »Wir waren aber bis jetzt die Herren auf unseren Schiffen und in unseren Betrieben, und wollen es auch bleiben! Mißstände, die nicht in der Sachlage selbst begründet sind, sollen beseitigt werden. Wir wollen und werden auch erwägen, wo eine Lohnerhöhung angebracht ist, aber« – und hier erhob er die Stimme – »erst und vor allen Dingen muß die Arbeit aufgenommen werden, dann wollen wir über die Lohnfragen unterhandeln, und zwar mit unseren eigenen Leuten.«

»Das wäre die völlige, bedingungslose Unterwerfung«, sagte Hans Thordsen. »Das können wir nicht.«

»Andere Bedingungen gibt's nicht«, war die kurze Antwort. Ohne eine Einigung zu erzielen, ging man auseinander.

»Das hast du verkohlt«, sagte jemand vor der Tür zu Hans Thordsen. »Man muß das Rauhe nach außen drehen und den Kerls den Wind von vorne geben. Das ist das einzige, was hilft.«

»Wenn die Sache mit Worten und Drohungen zu machen wäre, dann wäre sie längst gemacht«, erwiderte der Getadelte ruhig. »Das hat bisher nichts geholfen. Wenn gewisse Leute nicht so grobe Knochen im Maul hätten, dann wären wir heute vielleicht weiter.«

In Uneinigkeit gingen sie auseinander.

Versammlungen wurden wiederum einberufen und Abstimmungen vorgenommen; man stimmte aber jetzt, dem Drucke und der besseren Einsicht weichend, mit Stimmzetteln ab. Mit aller Macht hielten aber die Führer des Streiks an der Solidarität aller Arbeiterklassen fest. Man wollte nicht wissen, wie die einzelnen Gewerbe: die Schauerleute, die Ewerführer, die Seeleute und die Schiffsreiniger über die Beendigung oder Fortsetzung des Streiks dachten, sondern die Stimmzettel sollten zusammengeworfen werden. Das gesamte Ergebnis sollte entscheiden. Das erregte jetzt wachsende Mißstimmung.

Man wollte wissen, daß die Ewerführer in ihrer Mehrheit für Wiederaufnahme der Arbeit seien. Auch bestimmte Gruppen unter den Schauerleuten, z. B. die Kohlenarbeiter und die Kornakkordleute, wünschten – so sagte man wenigstens – die Arbeit wieder zu den alten Bedingungen aufzunehmen. Das waren seßhafte Leute, das waren zum Teil auch die Leute, die vorwiegend aus dem Gefühl der »Solidarität« die Arbeit niedergelegt hatten. Sie wollten ihre Genossen unterstützen im Kampf und so der Sache größeren Nachdruck geben.

Nun mußten diese selbstbewußten Männer sich dem fügen, was vom großen Haufen beschlossen wurde, darunter Tausende, die nichts zu verlieren gehabt hatten; von deren Stimmen hing es nun ab, wann sie die Arbeit wieder aufnehmen durften. Diese Solidarität war ihnen jetzt ein Joch, das man um ihren Nacken gelegt hatte, das sie zwang, in gleicher Reihe und im gleichen Schritt mit Leuten zu gehen, die ganz andere Absichten und Lebensanschauungen hatten, als sie, die ehrlich und zielbewußt nach oben Strebenden.

Darüber murrte man. Man murrte, aber man wagte es doch nicht, offen davon in den Versammlungen zu reden. Hans Thordsen hatte das einmal versucht, da war ihm von hinten her das Wort »Verräter« zugerufen worden. Die Zustimmung, die sich eben schüchtern hervorgewagt hatte, war verstummt; er war mit flammendem Rot im Gesicht zurückgetreten.

Nachher aber konnte er nicht schlafen. Das Wort »Verräter« klang ihm in den Ohren, und in langer, stiller Nacht kam es ihm zum Bewußtsein, daß etwas Wahres an dem Wort war. Anderes freilich, als der Schreier es meinte. – Hans Thordsen kannte die Stimmung, er fühlte den Druck, der auf den alten und einsichtigen Arbeitskollegen lag. Er wußte auch, daß es vielen an Selbständigkeit des Denkens und an Freimut fehlte, öffentlich ihre Meinung auszusprechen und danach zu handeln. Er aber hatte die Einsicht. Und er fand den Mut in dieser Nacht. Er hatte den Feuerbrand des Streiks in die Menge werfen helfen. – So hatte er nun auch die Pflicht, die Wahrheit zu sagen, wenn sie auch hart und bitter war! – Es mußte gesagt und gezeigt werden, daß nur die Solidarität der Wahren und Einsichtigen das rechte, feste Band ist, daß aber die Faulen und Schlechten in jedem Organismus zum Krebsschaden werden, der von innen heraus die besten und festesten Gefüge zerstört.

Als der Morgen graute, da war sich Hans Thordsen klar darüber, was er tun mußte. Wenn er schwieg, so traf ihn das Wort, das man ihm zugerufen hatte, dann war er ein Verräter an der Wahrheit und an seinen Genossen, das sagte ihm sein Gewissen. Es ließ ihm keine Ruhe mehr.

Am Vormittag um 11 Uhr wurde die gestern angesagte Versammlung der Schauerleute eröffnet. Um 9 Uhr hatten andere Gewerke getagt. Diese hatten mit Mehrheit den Beschluß gefaßt, weiter zu streiken. Sie halfen nun die großen Sagebielschen Säle füllen und mischten sich unter die Schauerleute. Ein Referent meinte, die Arbeiter hätten den guten Willen gehabt, eine friedliche Einigung herbeizuführen. Er schilderte dann, daß der Hafen mit Schiffen blockiert sei, daß jeden Tag die Lage schwieriger würde für die Reeder und daß jeder Tag ihnen Hunderttausende koste. Er sprach auch davon, daß der Zuzug von Arbeitswilligen sich allerdings gemehrt habe, daß diese aber nicht zu gebrauchen seien. Soweit war alles noch angenehm zu hören. Dann aber erklärte der Redner, daß die Lage dennoch sehr ernst sei, nur mit Einsetzen aller Kraft sei der Sieg zu erringen. Zum Schluß hieß es, daß die Streikkassen geleert seien, die Beiträge aus dem Inlande spärlicher flössen, und daß vom Auslande nicht viel mehr zu erwarten sei; man müsse wahrscheinlich die Unterstützungsgelder herabsetzen. Da ging ein Murren durch die Versammlung, und höhnische Rufe wurden laut. Die hatten früher nur den Gegnern der Bewegung gegolten, jetzt richteten sie sich gegen die Freunde und Führer. Es gelang aber dem Redner, die Stimmung wieder zu heben, denn er sprach nun vom Volkswillen, der selbst über sein Wohl und Wehe zu entscheiden habe, und davon, daß die stolzen Gegner doch andere Anschauungen bekommen hätten von der Macht der Arbeiter. Sie würden sich in Zukunft hüten, wieder mit ihnen anzubinden. Die Abstimmung aber, die nachher stattzufinden habe, müsse allen Hafenarbeitern Gesetz sein. Man sei gemeinsam eingetreten in den Kampf, nur eine Mehrheit aller Klassen der Hafenarbeiter könne den Streik als beendet erklären. Damit schloß er.

Lauter Beifall von vorne und einige wenige »Oho-Rufe« von hinten tönten durch den Saal. Hans Thordsen hatte sich gleich bei Beginn zu Worte gemeldet, er trat mit festem Schritt an das Rednerpult. Zunächst legte er dar, was ihn veranlaßt hatte, hier in diesem Saale für den Streik zu stimmen und zu reden. Man hörte lautlos zu. Seine schlichten Worte machten Eindruck, sie waren warm und überzeugend. Er sprach dann von seinen Erlebnissen während des Streiks und den Erfahrungen, die sie alle gesammelt hatten. Da wurde man hin und wieder unruhig. Er hielt einen Augenblick inne, dann richtete er sich hoch auf, und mächtig hallte seine Stimme durch den Saal, in dem sich Kopf an Kopf die Menschenmenge drängte:

»Nun wissen wir, daß der Streik aussichtslos ist. Wer das nicht weiß, der will es nicht wissen, oder er ist blind!« Wie ein Donnerschlag fiel das Wort in die Versammlung; es rauschte und wogte. Er fuhr fort: »Was ich euch gesagt habe, ist die Wahrheit, die reine Wahrheit! Wer mich hier niederschreien will, der hat Furcht, die Wahrheit zu hören. Ihr tüchtigen, braven Genossen, die ihr mich als ehrlichen Mann kennt, hört mich an! – Ich bin mit ehrlichem Willen und Mut in diesen unseren Kampf eingetreten. Ich habe getan, was ich konnte. Das habe ich gerne getan, so lange ich davon überzeugt war, daß wir auf dem rechten Wege waren. Ich habe aber keine Lust, nach der Pfeife der Schreier und solcher Leute zu tanzen, die nichts zu gewinnen und zu verlieren haben. Darum sage ich: Die Arbeiter, die zu Beginn des Streiks wirkliche Arbeiter waren und in Arbeit standen, die wollen in ihrer großen Mehrzahl die Arbeit wieder aufnehmen. Diesen Arbeitern allein, zu denen ich gehöre, nur diesen steht die Entscheidung darüber zu, ob der Streik beendet werden soll oder nicht. Wir wollen also jede Sektion für sich abstimmen und dann« – »Verfluchter Verräter«, schrie nun von der linken Seite her eine rauhe Stimme, und als Hans Thordsen hinblickte, verschwand ein rotes, aufgedunsenes Gesicht hinter dem breiten Rücken des Vordermannes. – Zu spät!

»Verräter?« rufst du, rief Hans Thordsen. »Komm doch hier mal herauf, auf die Tribüne, damit die Genossen sehen, was du für einer bist! Dein Gesicht wird zeigen, was für Leute es sind, die mich »Verräter« schimpfen. Das sind eben die Leute, die Verrat an unserer Sache geübt haben. Das Schlimme aber ist, daß sich viele ehrliche Arbeiter von diesen beeinflussen lassen. Unsere Führer müssen es selbst einsehen, daß wir den Sieg nicht mehr gewinnen können, daß es nur noch gilt, eine schmähliche Niederlage abzuwenden. Aber man hat Bedenken, das gerade heraus zu sagen. Warum? – Weil die Drohnen »Verräter« schreien, weil dann urteilslose Menschen es nachreden, und weil man leider mit dem großen Haufen rechnen muß, der bei jedem Mißerfolg das »Kreuzige ihn!« schreit. Ich aber fürchte mich nicht, ich will es gerade heraus sagen – – –«

Nun brach er los, der Tumult. Man schrie »Schluß! Raus! Abstimmung!« Man johlte und pfiff. Dazwischen aber hörte man auch kräftige Rufe: »Ruhe! Weiter reden lassen! Der Mann hat recht!« So hallte es eine Weile durcheinander, und schon erhob sich der überwachende Beamte. – Hans Thordsen stand ruhig auf seinem Posten, seine Augen blitzten über die brandende Menge hinweg; ihm war es, als wenn er ein gutes Schiff unter den Füßen und das Steuerrad fest in der Faust hätte, während der Sturm durch Stagen und Wanten schrillte und die brausenden Wogen über die Reeling stürzten. Ein überlegenes Lächeln glitt über seine Züge, als er die Gruppen betrachtete, die ihn niederschreien wollten. – Er hatte sich nicht getäuscht. Dies Gefühl gab ihm Ruhe und Sicherheit.

Als der Polizeiwachtmeister seinen Helm aufsetzte und aufstand, da flaute plötzlich der Lärm ab. Man erwartete die Auflösung der Versammlung. Der Beamte zögerte. – Diesen Moment benutzte Hans Thordsen, er trat einen Schritt vor, bis hart an die Rampe, und mit dröhnender Stimme, jedes Wort scharf betonend, rief er den Versammelten zu:

»Einen Augenblick nur hört noch zu und dann tut, was ihr wollt! – Eins habe ich während dieser Zeit gelernt, und mancher andere mit mir. Diese Erkenntnis können die Schreier nicht niederbrüllen, denn die Spatzen pfeifen sie in Hamburg von allen Dächern: Wir haben zu viel faulen Ballast mit uns herumschleppen müssen. Die Solidarität ist ein herrlicher Gedanke, sie hebt den Schwachen und macht den Starken hilfsbereit. Wo sie aber der Schlechtigkeit und Faulheit als Deckmantel dienen muß, da treibt sie krankes Blut durch alle Glieder. – Der Streik ist verloren! – Eine Lehre aber sollen wir daraus ziehen: nicht die Schlechten und Schwachen, die Faulenzer und Trinker können unsere Schlachten schlagen, denen helfen auch keine besseren Löhne. Wir brauchen Männer mit klarem Sinn und festem Willen! Nur bessere Menschen können bessere Verhältnisse schaffen. Wenn wir die Welt reformieren wollen, dann müssen wir zuerst bei uns selbst anfangen.« Er trat zurück, dann wandte er sich noch einmal kurz um und mit Donnerstimme rief er hinein in die erregte Versammlung: »Ein »Verräter« an unserer Sache, an seinen Freunden, an seiner Familie ist, wer die Wahrheit erkannt hat und doch aus Feigheit schweigt.«

Wieder tobte der Sturm im Saale; hier und da bildeten sich Gruppen, die einander anschrien. Hans Thordsen trat ruhig zurück, stieg langsam die Treppe hinab in den Saal und begab sich zu seinen Arbeitskollegen. Zwanzig Mann verließen mit ihm die Versammlung. Manche Faust erhob sich drohend, aber keiner wagte es, den entschlossenen, breitschultrigen Männern zu nahe zu treten. Als sie am Saalausgange waren, blickte Hans Thordsen sich um, da sah er, daß immer mehr sich ihm anschlossen. »Streikbrecher!« schrien andere, aber das ehrlos machende Wort prallte ab von den Männern, die ihrer ehrlichen Überzeugung folgten.

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