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Georg Asmussen: Stürme - Kapitel 1
Quellenangabe
authorGeorg Asmussen
titleStürme
publisherHeimatverein der Landschaft Angeln
printrun
editorPeter Schwennsen
year1995
isbn3880427321
firstpub1906
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170915
projectid3dd8c274
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Die Konfirmanden stehen auf!« rief Lehrer Lorenzen eines Nachmittags während der letzten Schulstunde nach der Knabenseite hinüber. Es war in Pommerby, kurz vor Weihnachten. Acht Jungen erhoben sich.

Er musterte sie einen Augenblick schweigend, dann trat er an den untersten heran: »Johann Thomsen, was willst du werden?

»Knecht!«

»Das ist ein hartes, aber sicheres Brot,« sagte Lorenzen. »Du wirst an das Wort denken: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.«

»Was willst du werden, Peter Greggersen?«

»Schneider,« antwortete leise ein kleiner, etwas verwachsener Bursche, und die Mädchen auf der anderen Seite kicherten. Lorenzen sah scharf hinüber nach Meta Norgaardt, die ihrer Nachbarin etwas zuflüsterte. Da duckten sich die lachenden Gesichter. Lorenzen aber sprach laut und langsam:

»Das Handwerk hat einen goldenen Boden! – Sei fleißig und halte dich recht, Peter, dann wird es dir besser gehen, als manchem anderen, der gerade und lang gewachsen ist.«

Da flog ein glückliches Lächeln über die hageren Züge des Krüppels. Lorenzen fragte den nächsten:

»Peter Ottsen, was willst du werden?«

»Hofbesitzer!« kam es laut und selbstbewußt von den Lippen des breitschulterigen, stämmigen Burschen. Drei Generationen seiner Familie saßen schon auf Schnarstruphof, der schönsten Stelle in weitem Umkreise, und er war der einzige Erbe. Die Ottsens hatten sich auf dem Hofe heraufgearbeitet, nachdem die Herren von Heister dort abgewirtschaftet hatten.

Lorenzen sah ihn an und sagte dann:

»Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.«

»Dat heff ick nich nödig,« dachte Peter Ottsen bei sich, »denn ick krieg de Städ ock so.« – Er freute sich, daß er nun die längste Zeit in der Schulstube gesessen und unter der Fuchtel des Schulmeisters gestanden hatte. Seine Blicke glitten dabei durchs Fenster über den Schulgarten hinweg auf die Dorfstraße. Im Geiste sah er sich schon dort fahren mit den beiden jungen Füchsen. Wenn er dann mit der Peitsche knallte, so würden die Kinder hier drinnen die Hälse lang recken und sich zuflüstern: »Kiek, dor föhrt Peter Ottsen!« Er wußte, daß es etwas Großes und Vornehmes sei, der Sohn eines Hofbesitzers zu sein, der die Stelle kriegt.

Lorenzen aber war schon weiter gegangen mit seinen Fragen und schließlich vor den obersten hingetreten:

»Hans Thordsen, sag' mal, was willst du denn werden?«

Ein Lächeln glitt über das Gesicht des Lehrers und dann auch über das des Angeredeten. Die Frage schien überflüssig. Der große, flachsköpfige Junge, der seine sämtlichen Altersgenossen überragte, schaute nach rechts auf die Bänke der jüngeren Knaben, warf dann einen flüchtigen Blick auch nach links, wo die Mädchen saßen, und sagte ruhig, wie jemand, der sich der Wirkung seiner Worte bewußt ist, und laut genug, daß man es in der äußersten Ecke verstehen konnte: »Ich will zur See.«

Da ging ein Murmeln durch die Reihen, von oben an bis zur letzten Bank, und niemand dachte mehr an Peter Ottsen, der doch bald ein großer Bauer werden würde, sondern jeder – auch Meta Norgaardt, die im Herbst auf Ottsens Stoppelfeldern die Gänse gehütet hatte – fühlte es, daß Hans Thordsen der Größere, daß er der Held der Pommerbyer Schule war. Wer zur See geht, der hat Mut.

Davor beugte sich auch Meta Norgaardt, die zwar arm und mißachtet, aber doch die trotzigste war. Das lag an ihrer Abstammung, sagte Lorenzen.

In diesem Augenblick dachte Lorenzen aber nicht an das Mädchen, er schaute dem kräftigen, hochgewachsenen Jungen in das offene Gesicht und in die blauen, ehrlichen Augen, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach:

»Du gehst zur See! Wir wußten es ja. Du gehst zur See, die deine Mutter zur Witwe machte. Es steckt so in dir, du kannst nicht anders. – Vielen Stürmen und Gefahren gehst du entgegen, zu Wasser und zu Lande, aber Gott geht mit dir. Denk an ihn und deine Mutter, die sich täglich um dich sorgt. Halte dich brav.«

Während der Lehrer sprach, senkte sich der Blick Hans Thordsens, und ein leichter Nebel umflorte die goldenen Bilder, die seine Knabenphantasie ihm vorgemalt hatte. Er setzte sich. – Lorenzen ließ zum Schluß des heutigen Unterrichts einen Gesangbuchvers singen. Hans Thordsen sang mit, aber seine Gedanken schweiften hinaus an den Ostseestrand und hinweg über die blauen Fluten. Vor seinem Geiste tauchte am Horizont ein Segel auf, klein und weiß wie eine Schaumflocke, doch es wurde größer und größer. Vom großen Belt herüber kreuzte eine stolze Bark, an ihrem schlanken Bug rauschten die weißen Krausköpfe empor und umschäumten den träge herabhängenden Anker. Ruhig und sicher hielt sie ihren Kurs auf das Feuerschiff am Kalkgrund. Das war die »Marianne Dahl« aus Flensburg, die von Ostindien erwartet wurde. Auf diesem Schiff sollte er seine erste Reise machen als Schiffsjunge. Nicht als einer von den grünen und feinen, die im Inlande nicht gut tun wollen, und die da meinen, auf der freien See sei es besser als auf der hohen Schule! – Nein! Er kannte von klein auf See und Segel, Wind und Wellen, er hatte harte Hände und helle Augen, er stammte aus einer Familie, der die See Herd und Heimat, Wiege und Grab bedeutete.

Wie aus weiter, weiter Ferne klang dann des Lehrers gewohntes Schlußwort: »So weit für heute!« zu ihm herüber. Vor seinen Ohren rauschte das Meer, und die Segel schlugen klatschend an den Mast. Er selbst, Kapitän Thordsen, kommandierte die schlanke Bark, die in verwegener Fahrt von China die erste neue Teernte herüber brachte. Er überholte alle anderen Schiffe; auch die Dampfer mit ihren schwarzen Schornsteinen und den breiten, unbeholfenen Leibern blieben zurück. Mit den Sturmvögeln um die Wette flog er über die dunkle Flut hinweg; alle Segel waren gesetzt, und er ließ keins reffen. Er wußte, was er seinem Schiff zutrauen durfte, er machte die schnellsten Fahrten. – Und wenn er dann heimkehren würde in sein abgelegenes Heimatdorf, dann würden die Bauernsöhne, die über ihn hinweggesehen hatten, zu ihm aufschauen, denn er war ein weitgereister und reicher Mann. Dann wollte er – – »Hans Thordsen, dröhnst du?« schrie ihm da sein Nachbar ins Ohr; er hatte schon seine Bücher unterm Arm und drängte ihn aus der Bank heraus, daß er ihm Platz machte.

Es schneite draußen. Vor der Schultür stand Lorenzen, er holte tief Atem, denn die Schulstube war niedrig und die Luft darin dumpf. Sein Blick hinderte die Jungen, gleich vor der Schultür ein lebhaftes Schneeballengefecht zu veranstalten; es war recht schade! Das nötige Kriegsmaterial fiel so verlockend dicht und weich vom Himmel. So zogen sie denn die Mützen über die Ohren und klapperten auf ihren Holzschuhen heimwärts. Die Mädchen banden die Kappenbänder unter dem Kinn fest und steckten dann prüfend die Köpfe durch die Spalte der Windfangtür. Zuweilen lauerten die Jungen hinter der Ecke, um »die Deerns« mit Schneeballen zu empfangen, die dann kreischend wie eine Herde Spatzen davonstoben. – Aber heute schien draußen alles sicher. Sie wickelten die Hände in die Schürzen und folgten in angemessener Entfernung den Voraneilenden.

Dicke Flocken fielen vom Himmel, der Wind fegte die weiße Saat über die Fußspuren, die die kleine Herde in der weichen Decke gezogen hatte. In den Zweigen der Haselbüsche und Dornen, mit denen die Wälle auf beiden Seiten des Weges bewachsen waren, fing sich der Schnee und beugte durch seine Last die Sträucher tief hinab in den Graben. Beim Gammeldammer Heck aber, wo die Knicks die Einfahrt auf die Felder freigaben, fegte der Wind den Schnee von den Koppeln auf den Weg, er hatte quer über der Straße eine hohe Schanze aufgebaut. Mit Hurra stürmte die Niebyer Jugend das Hindernis und machte dann mit wildem Geschrei den nachfolgenden Falshöftern den Weg streitig.

»Wir sind die Preußen und Österreicher und die Niebyer sind die Dänen«, schrien die Falshöfter. Der hohe Schneewall, der die beiderseitigen Knicks beinahe überragte, war zur Düppeler Schanze geworden; ein erbitterter Kampf entspann sich um seinen Besitz.

Die Niebyer waren im Vorteil. Sie waren vollzählig auf der Schanze und ihr starker Anführer, der rothaarige Niklas Tiesen aus der Langfelder Kate, schleuderte den Anstürmenden die härtesten Schneeballen ins Gesicht, daß sie zurückwichen. Sie waren auch in der Minderzahl. Entmutigt standen die deutschen Belagerer vor der Übermacht der Dänen, die von ihrer Feste aus höhnten und Kugeln zusammenkneteten. Es fehlte zudem ihr Hauptmann: Hans Thordsen war zurückgeblieben und noch immer nicht zu sehen.

Jetzt kamen die Mädchen heran. Friedlichen Sinnes trippelten sie eine hinter der anderen her, gerade auf die Schanze los.

»Wir sind auch Dänen,« rief Meta Norgaardt den Kriegern auf der Schanze zu. Ein Schneeball war die Antwort.

»Laßt uns vorbei, wir sagen's sonst dem Schulmeister,« klang es halb bittend, halb drohend aus der Reihe der Kleinsten.

»Die Westerfelder dürfen durch, die Falshöfter kriegen was aufs Jack,« bestimmte Niklas Tiesen und warf Meta Norgaardt, die schon an der Wallseite die Schanze erstiegen hatte, in die Büsche, daß sie von dem herabstürzenden Schnee ganz zugedeckt wurde.

»Hallo, de Birkvoß. Wascht ihr mit Schnee die Sommersprossen ab!« riefen die Jungen.

»Haut die Hannemänner! Hurra!« so tönte es jetzt in den Jubel und Hohn der Sieger. Hans Thordsen ist zu seinen zurückgeworfenen Dorfgenossen gestoßen. Mit einem Blick hat er das Schlachtfeld überschaut. Mit Hurra geht's vorwärts.

»Komm heran, wenn du was von uns willst!« so ruft ihm von oben Niklas Tiesen höhnisch entgegen.

Hans Thordsen sagt nichts, er packt von unten her seinen Gegner. Der aber hat die bessere Stellung und faßt den Angreifer mit beiden Händen um den Hals.

»Niklas, op em!« »Hans Thordsen, hol di!« so werden die Starken von ihren Dorfgenossen angefeuert. Aber keiner faßt mit an. Keuchend ringen die beiden Anführer, Hans Thordsen sucht an dem Gegner Halt zu finden, und obgleich dessen Gewicht auf ihm lastet, arbeitet er sich schrittweise am Wall in die Höhe.

Auf einmal schießt Meta Norgaardt unter dem Schnee zwischen den Büschen hervor. Mit kreischendem Aufschrei und wutfunkelnden Augen, wie eine Katze, fällt der Birkfuchs Niklas Tiesen an, mit beiden Händen packt sie ihn an den Haaren.

»Verfluchte Voß!« – Da liegt er aber auch schon auf dem Rücken im Schnee, auf seiner Brust kniet Hans Thordsen. Die Falshöfter schreien mit gellenden Stimmen: »Hurra! Die Preußen haben gewonnen!« –

»Allein kannst du nichts machen. Die Deern muß dir erst helfen! Du bist mir 'n fixer Kerl! – Nu geh' man mit deiner Braut nach Hause,« höhnte der Überwundene.

»Hans Thordsen und der Birkfuchs! Hurra, Bräutigam und Braut!« schrien jetzt die Niebyer.

Brennend rot vor Scham und Zorn sprang dieser auf. »Was hast du dich da hineinzumischen?!« schrie er das Mädchen an. »Mach', daß du fortkommst, oder –!«

Trotzig blieb Meta stehen. »Ich kann gehen, wann ich will!«

»Mach«, daß du nach Hause kommst!« schrie nun Hans Thordsen voller Wut, und als sie ihn höhnisch anlachte, stieß er sie vor die Brust, daß sie in den Weg fiel. Im nächsten Augenblick stand er dann vor seinem Gegner: »Komm' an, wenn du Lust hast!« Eine Minute später flog Niklas Tiesen im hohen Bogen von den so heldenhaft verteidigten Düppeler Schanzen in den Graben.

»Ich treff dich wohl 'mal wieder!« drohte er, »dich und den Birkfuchs«, machte sich aber vorsichtig auf den Rückzug.

»Dann nimm dich aber vor mir in acht«, rief ihm der Sieger nach. Beide Parteien zogen ab; der Birkfuchs lief voraus und war schon an der nächsten Biegung den Blicken entschwunden.

Der Sieger fühlte sich aber beschämter als der Besiegte, daran war der Birkfuchs schuld. Sein hämischer Gegner wußte wohl, welchen Schimpf er ihm antat. Es war keine kindische Neckerei, wie sie unter Schulkindern üblich ist. Wer die Verhältnisse kannte, der begriff den Ärger Hans Thordsens. Man hatte ihn, der aus einer alteingesessenen Schifferfamilie stammte, dessen Urväter hier Lotsen gewesen waren, mit einer »hergelaufenen Deern« in Verbindung gebracht. Der Birkfuchs hätte Hans Thordsen beigestanden und sei seine Braut, so würde es nun heißen.

Mit der Herkunft Meta Norgaardts hatte es nämlich eine eigene Bewandtnis. Ganz Genaues darüber wußte man freilich nicht, desto mehr wußte man aber davon zu erzählen.

Meta Norgaardts Vater wohnte draußen auf der Birk, die an der Einfahrt der Flensburger Förde liegt. Ihr Haar war nicht in schlichten, strohgelben Flechten um den Kopf gewunden, wie bei anderen Kindern, sondern es war rot und kraus, und unbändig war ihr Sinn, wie der eines Fuchsfüllens. Das läge im Blut, meinte Lorenzen. Sie war keine Einheimische, wie die übrigen Schulkinder, deren Eltern und Voreltern fast alle als echte Angliter sich fühlten. Sie hatte daher nicht die abwägende und zurückhaltende Art geerbt, die diesem Volke eigentümlich ist, die sich ausbildete, als es Jahrhunderte lang zurückgezogen für sich lebte und seine Rechte vorsichtig und zäh schützen mußte gegen Übergriffe von verschiedener Seite.

Meta Norgaardts Sippe war vor ungefähr hundert Jahren ins Land Angeln gekommen, sie hatte einer Klasse angehört, der man lieber aus dem Wege ging. – Zu jener Zeit war es hoch hergegangen in Gelting und Umgegend. Sönke Ingwersen, ein Bredstedter Kind, war aus Ostindien wiedergekommen, er hatte dort drüben die Tochter eines Rajah zum Weibe und viel Geld gewonnen. In der meerumspülten schleswig-holsteinischen Heimat konnte er nun den großen Herrn spielen. Er kaufte das Gut Gelting und ward als Baron von Geltingen in den Reichs-Freiherrnstand erhoben. Nun sah der alte Hof ganz andere Zeiten und Menschen als früher. Jahrhunderte lang hatten die alten Adelsgeschlechter von der Wisch und von Ahlefeldt dort gehaust, sie hatten den breiten Hausgraben auswerfen und die hohen Erdwälle dahinter anlegen lassen, hinter denen dann fest und sicher das Schloß lag. Von hier aus war auch Hans von Ahlefeldt in den Dithmarscher Krieg gezogen, er hatte die berühmte Danebrog-Fahne vorangetragen. Als ruhmgekrönter Bezwinger der trotzigen Bauern gedachte er wieder in Gelting einzuziehen, aber auf grundloser Marsch verlor er Kriegsruhm und Leben. Höhnend riß ihm ein wilder Geselle den heiligen Danebrog aus der erstarrenden Faust. Als ein toter Mann hielt er seinen Einzug durch das niedere Burgtor. – Noch 200 Jahre hielten seine Söhne und Nachkommen das Gut, dann ging es auf die Wedderkops und endlich auf Sönke Ingwersen über.

Nun erhob sich Gelting aus dem Verfall, die Festungswälle bedeckten sich mit Gartenanlagen, auf dem Hausgraben glitten bunte Boote und weiße Schwäne hin und her, und in dem neuen Schloß verdrängten prunkender Sammet und knisternde Seide den klirrenden Panzer. Fürstliche Pracht herrschte auf dem »Hof von Angeln«; in den Prunkgemächern spielte die Hofkapelle. Auch ein Komödienhaus wurde aufgeführt und Schauspieler zogen ein. – Das lustige Leben setzte der Sohn des ersten Barons von Geltingen noch fort, so lange er es konnte; sein Tod ließ den Glanz erbleichen.

Meta Norgaardts Urgroßmutter oder Großmutter war »so eine von diesen Komödiantinnen« gewesen. Sie hatte eine große Rolle gespielt am Hofe. In kostbarer Seide war sie gekleidet gewesen und hatte von einem mit vier Rappen bespannten Wagen hochmütig hinweggeblickt über die leibeigenen Hofleute und Insten, die unter der Frohneiche am Hausgraben lagerten. Manches verächtliche Wort, mancher Fluch wurde in diesen Kreisen laut, wenn des hohen Herrn schönes Liebchen vorüberfuhr.

Aber alles hat seine Zeit.

Später wohnte sie einsam, von der Welt gemieden, in einem kleinen Häuschen am Nordschauer Holz; nichts war ihr geblieben als Krankheit und Elend. Nur ein kleines Pastellbild im goldenen Rahmen erinnerte an die Zeit ihres Glanzes. Es zeigte ein schönes, goldhaariges Weib, das einen schneeweißen Kakadu auf der Hand hielt. Ein Knäblein schmiegte sich an sie und reichte dem Papagei ein Stück Zucker. Nichts auf dem Bilde ließ ahnen, daß die »Baronsche«, wie die Jungens ihr höhnisch nachriefen, einst so ausgesehen hatte. Und aus dem niedlichen Knaben war ein gefürchteter Herumtreiber geworden, der, so lange es ging, von seiner Mutter Geld erpreßte, dann aber der Gemeinde zur Last fiel. Er war der Vorfahr von Meta Norgaardt. Das wußte man in der ganzen Gegend.

Wenn Meta zur Kirche nach Gelting ging, kam sie am Nordschauer Holz vorbei. Die Schulkameraden vergaßen dann nie, mit dem Finger hinüberzuzeigen nach dem moosbewachsenen, alten Strohdach, das heute noch hinter dem hohen Knick hervorlugt, und ihr zuzurufen:

»Kiek, Meta, dor hett de Baronsche wahnt!« Alle lachten, und die großen Jungen sangen ein Spottlied, sie sahen sich aber dabei vor, daß die Verhöhnte ihnen nicht zu nahe kam. Dann fuhr sie, flink wie ein Wiesel, dem nächsten in die glattgefetteten Haare oder riß ihm die Sonntagsmütze vom Kopf und warf sie über den Knick auf die Koppel. Ebenso plötzlich, ehe die groben Fäuste der Bauernjungen ihr gefährlich wurden, war sie dann wieder verschwunden und steckte den Drohenden die Zunge aus. Sie wurde gemieden oder verhöhnt und vergalt Böses mit Bösem, weil sie, so lange sie denken konnte, sich selbst hatte schützen und wehren müssen. Kein Wunder, daß unter diesen Umständen und Verhältnissen Hans Thordsen es als eine schwere Ehrenkränkung empfand, mit Meta Norgaardt in zarte Beziehungen gebracht zu werden!

*

Weihnachten war gewesen. Auf Schnarstruphof hatte man am Weihnachtsabend Langkohl und Schweinskopf gegessen und Punsch getrunken, am ersten Weihnachtsfeiertage war man in der Kutsche zur Kirche gefahren, und die Pferde hatten das silberbeschlagene Geschirr angehabt. Bei Peter Greggersen und Hans Thordsen hatte es Reisgrütze mit Butter und nachher Fördchen gegeben. Meta Norgaardt hatte Pellkartoffeln mit Speck bekommen und nachher von ihrem Vater Schläge, denn er hatte sein Lieblingsgetränk, Schnaps, mitgebracht, und als nichts mehr davon da war, ärgerte er sich; darum schlug er seine Tochter und dann seine Frau. An den Festtagen sammelte Meta Holz, das am Strande angeschwemmt war, und trug es nach Hause.

Jens Norgaardt stammte nicht von der ehemaligen Komödiantin ab, er hatte kein Tröpflein adeligen Blutes in den Adern; er war ein eingewanderter Däne. Früher war er Kutscher auf Geltinghof gewesen und hatte dort das Kindermädchen kennengelernt, von deren Herkunft man so schnurrige Sachen erzählte. Er fragte nichts nach Schnackereien. Man hatte von ihm, ehe er der Heimat den Rücken kehrte, auch allerlei geredet. So verheiratete er sich denn, erhielt freie Wohnung auf der Birk, wofür er ein Auge auf den zum Gut gehörigen Strand zu werfen hatte; auch sollte er aufpassen, daß kein Unberufener den Hasen des Barons nachstellte. Seinen übrigen Unterhalt erwarb er sich – wie er sagte – durch Fischen.

Außer den drei Norgaardts wohnte im Birkhaus noch eine Familie Böhm, bestehend aus einem alten Ehepaar und drei erwachsenen Söhnen. Diese kannte man weit und breit im Lande. Wenn es hieß: »Die Böhmen kommen!« dann liefen die Kinder ins Haus und riefen nach Vater und Mutter. Und wenn sie vorbei waren, dann sahen die Eltern nach, ob nichts auf dem Hofe fehlte, oder ob es nicht am Scheunendach oder im Strohdiemen glimmte. In einer Gegend, wo man nachts die Türen nicht zu schließen brauchte und die Wäsche draußen auf der Leine hängen ließ, hob sich die Unehrlichkeit besonders schwarz vom Hintergrund ab. Sie waren zudem faul und arbeitsscheu, die Böhmen, auch das galt als ein Verbrechen, in einem Lande, wo jeder ehrliche Mann arbeitete.

Zwischen Weihnachten und Neujahr trat starke Kälte ein. Der Frost bemühte sich, eine feste Brücke zu schlagen, über die Flensburger Förde, von Angeln bis nach Alsen. Die Wellen aber störten ihn beim Bau. Der Wind trieb das Eis an die Küste und die Dünung hielt es in Bewegung; sie türmte Blöcke und Wälle auf. Die Fischer konnten das offene Meer nicht mehr erreichen, das sich schwarzblau von dem glitzernden, schneeweißen Saum am Strand abhob. Jede Nacht aber setzten Frost und Wind eine Bahn mehr an den Saum, der es den Fischern unmöglich machte, ihre Netze auszusetzen. Sie standen auf der Drecht neben ihren Booten und schauten nach den Wolken und nach dem Winde, ob es nicht bald Tauwetter würde.

»Wenn der Wind nicht herumgeht, nützt es nichts«, sagte Fritz Braak. »So lange er aus der Ostsee kommt, müssen wir den Hosenriemen immer noch ein Loch strammer ziehen.«

»Du hast ja noch Speck im Schornstein hängen«, meinte Peter Lassen. »Aber ich mit meinen sechs Kindern! Die Kartoffeln werden auch knapp, und den Kohl haben mir dem Baron seine Hasen aufgefressen.«

»Fang' sie doch weg, zieh ihnen das Fell über die Ohren und leg sie in die Pfanne, dann hast du deinen Kohl mit Zinsen wieder«, lachte Hans Boysen, der Uhrmacher von Lesumfeld.

»Und wenn Jens Norgaardt davon hört und mich anzeigt, dann muß ich Brüche zahlen, oder ich komme ins Loch. Nein, stehlen will ich nicht«, sagte Peter Lassen und ging fort.

Hans Boysen lachte immer noch, er wußte wohl warum.

Während auf der Ostsee der Frost mit den Wellen kämpfte, hatte er auf dem flachen Wasser des weiten Noores viel leichteres Spiel. Eine dicke, spiegelglatte Eisfläche dehnte sich aus vom einsamen Birkhaus bis zum Beveröer Damm. Wo die Noorgräben waren, hieben nun Norgaardt und zwei der »Böhmen« Löcher ins Eis und stachen mit dem Elker Aale, die sich dort an die Luftlöcher heranzogen. Das war ein einträchtiges Geschäft.

Auf dem offenen Herde des Birkhauses stand die dreibeinige, eiserne Pfanne über dem Holzfeuer, und über ihren Rand spritzte das Fett der dicken Aalstücke in die lodernde Glut. Da brauchte man die Hosenriemen nicht strammer zu ziehen. Aber so viel Fett schmeckt nicht gut, man muß auch mal was anderes haben! – Jedenfalls hatte Jens Norgaardt das Bedürfnis, und er wußte Rat.

»Du gehst heute abend mit dem Rummelpott los!« sagte er am Neujahrsabend zu seiner Tochter, »damit wir Brot und Stuten auf den Tisch kriegen und auch ein paar Schillinge für Schnaps. Man verdirbt sich sonst mit all dem fetten Aal den Magen«. – Er hatte schon am Nachmittag eine trockene Schweinsblase über einen braunen Topf gespannt und in ihrem Mittelpunkt ein Stöckchen befestigt. Rieb man an diesem mit der Hand auf und nieder, so gab's brummende Töne. Das war der Rummelpott, der nun in Vergessenheit gerät.

Meta gab keine Antwort, als ihr Vater seine Ansicht kundgab.

»Hörst du nicht?« rief er ärgerlich.

»Ich gehe nicht mit'm Rummelpott!« Sie sah ihn etwas unsicher an.

»Was?« schrie er. »Ich will dir zeigen, was du willst.«

»Ich will aber nicht. Die Leute lachen mich aus, und die Jungen rufen mir nach: »Betteldeern von der Birk!« Und sie sagen, wir sind Lumpen und Faulenzer!«

»Hol sie der Deutscher! Wenn einer mir das sagt, dann geht es ihm schlecht. Die Falshöfter sind nicht besser als wir, und wenn wir nichts fischen können, müssen wir doch sehen, wo wir sonst was kriegen.«

»Ich mag nicht betteln«, wiederholte Meta etwas zuversichtlicher.

»Mit'm Rummelpott gehen, das ist doch kein Betteln«, erklärte nun Jens Norgaardt. »Das tun in Danmark viele Kinder aus Spaß, und kriegen Kuchen zu essen und Punsch zu trinken, wenn sie ihr Lied nett gesungen haben.«

»Ich sing' aber nicht aus Spaß, ich muß betteln«, war die trotzige Entgegnung.

Da hob er drohend die Hand: »Du gehst!«

Meta machte, daß sie fortkam, ehe die rohe Faust ihr in den Nacken oder das krause Fuchshaar fuhr, sie warf die Tür hinter sich zu und flüchtete in die Küche.

»Mein Gott, was will er denn?« jammerte mit ängstlicher Miene ein kümmerliches Weib, das am Herde stand. »Was ist denn wieder los?«

»Ich soll betteln!« Hart und trotzig stieß sie es heraus und ihre Augen funkelten in schier grünlichem Schein. »Ich will aber nicht!«

»Sch! Sch! Er hört es ja!«

»Ich will aber nicht. Ich lauf weg und komm' nicht wieder.«

»Meta!« Schmerzlich zitternd kam der Laut aus der kranken Brust.

»Mutter!« Sie kam langsam heran. Es arbeiteten in ihr der Haß und die Liebe. »Mutter, ich mag nicht mehr betteln gehen. – Ich will arbeiten für dich, laß mich nicht betteln!«

Die Frau schluchzte leise. »Es wird immer schlimmer!« Sie dachte an die Zeit, wo er im schönen blauen Rock mit den blanken Knöpfen auf dem Kutscherbock gesessen hatte. Keiner konnte so gut fahren, als der Jens. Sie aber war damals »lieb' Kind« auf Geltinghof. – Das waren andere Zeiten gewesen. – »Wenn ich erst tot bin, Meta, dann kannst du gehen. Dann mußt du fort. Wenn du aber jetzt gehst, dann kann ich's auch nicht mehr aushalten. Dann geh ich in die Noorkuhle.«

»Komm mit!«

»Ach Kind, ich bin eine kranke Frau, wo soll ich Stackel hin?« – Ein hohler Husten schüttelte ihre gebrechliche Gestalt, als wollte er die Wahrheit der Worte bestätigen. Sie setzte sich auf die alte Eimerbank am Fenster, Meta legte die Arme um ihren mageren Hals und flüsterte ihr ins Ohr:

»Ich gehe nicht weg von dir, Mutter! – Ich laß dich nicht allein. Du hast mir immer beigestanden, ich will dir auch beistehen. Ich bin 12 Jahre, bald bin ich groß und stark und dann –«, sie drohte mit der fest geballten Faust nach der Stubentür –, »dann soll er nur wagen, uns anzufassen.«

»Sch! Sch!« machte die Frau mit ängstlicher Miene. »Sei still, er hört es!«

Sie schwieg und horchte. Man hörte aber nur ein knurrendes Schnarchen durch die Ritzen der Tür dringen. Da schmiegte das Mädchen ihr Gesicht an die blassen Wangen des lebensmüden, kümmerlichen Weibes und flüsterte ihr zu: »Ich kann dann für dich arbeiten, liebe Mutter. Dann sollst du es gut haben. Dann sind wir weit, weit weg von hier!« – – –

Es wurde ganz still in dem engen Küchenraum, nur der Wasserkessel summte, und zuweilen knallte ein feuchtes Holzstücklein in der Glut unter dem schwarzen, rußigen Dreifuß.

»Woran denkst du, Mutter?« fragte das Mädchen.

Sie fuhr auf aus ihren Träumen. »An das, was früher war, dachte ich, Kind!«

Da fuhr durch Metas Hirn ein besonderer Gedanke.

»Was war es mit der Schauspielerin, Mutter, die mit dem roten Haar, die Baronin werden wollte auf Geltinghof, und die arm starb am Nordschauerholz. Vor mehr als hundert Jahren soll es gewesen sein, aber sie erzählen noch immer davon. Hast du viel davon gehört, Mutter?«

Sie antwortete nicht gleich, Dann sagte sie mit müder Stimme: »Ich weiß auch nur, was mir der alte Weber Jens Lund in Süderballig erzählte, als ich noch ein halbes Kind war.«

»Erzähl', Mutter!« Und die Frau sprach ihr davon, was sie einst erlauscht hatte, als der Webstuhl klapperte und das Schiffchen surrte. Von dem schönen leichtsinnigen Weibe hatte der alte Jens manche absonderliche Mär hineingewebt in seine Geschichten. Einmal aber hatte er gesagt: »Die Sünde der Väter will der strenge Gott rächen an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.«

In Meta's Gesicht flammte es auf wie Wetterschein: »Das ist ein hartes und ungerechtes Wort von Gott!« rief sie. Die Mutter aber fuhr erschreckt zusammen: »Sag' das nicht! O, sag' das nicht, Meta, du versündigst dich. Und Gott straft dich. Ich bitte täglich den lieben Gott, daß er es von uns nimmt und dich gut und glücklich macht.« Sie weinte heftig. Da streichelte Meta ihrer Mutter die blassen Wangen und sagte leise: »Mutter, du bist gut. Ich bin wild und schlecht. Aber ich gehe heute abend. Ich schäme mich so! Aber ich gehe doch und bringe dir etwas mit!«

Als die Dämmerung einbrach, ging das Mädchen ganz langsam über das Eis des Noors, sie trug einen Korb am Arm, der war sorgfältig zugedeckt mit einem großen rotbunten Taschentuch. Als sie bei der letzten Falshöfter Kate die Straße erreichte, traf sie auf eine Schar Jungen, die berieten, bei wem heute abend Töpfe an die Tür oder auf die Hausdiele geworfen werden sollten. Das war für die Ausübenden und die Betroffenen ein gleich großes Vergnügen. – Sobald sie die kleine Geächtete sahen, ging es los: »Hallo, der Birkfuchs!«

»Birkfuchs, wo willst du hin mit dem Korb?«

Und dann schrie einer ganz laut: »Der Birkfuchs geht rund mit'm Rummelpott.« Im Nu hatte man sie umringt und einer riß ihr das Tuch vom Korb. – Richtig! – Der Rummelpott. Ein fürchterliches Hallo erhob sich.

»Laßt die Deern gehen!« rief der Fischer Peter Jachum, der nebenan wohnte und den Lärm gehört hatte.

»Laßt mich in Ruhe, ihr Räuber und Spitzbuben«, kreischte Meta Norgaardt, zerrte voller Wut an ihrem Korb und wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Angreifer.

»Laßt die Deern los, oder ich komme euch fix aufs Fell«, rief Peter Jachum wieder und gab seinem August eine kräftige Ohrfeige. Das half. Im nächsten Augenblick war der Birkfuchs den Peinigern aus den Fingern und an der Wegecke verschwunden. Im Trab lief sie den Schmiedeberg aufwärts; einmal fiel sie hin und fürchtete schon, daß der Topf zerbrochen sei. Sie nahm ihn aus dem Korb, und es kam ihr im Zorn der Gedanke, ihn gegen den nächsten Baum zu werfen. Sie dachte dann aber an die abgezehrte, kümmerliche Frau, die sie lieb hatte, und ging weiter. – Hinter dem Fuchs schlichen in angemessener Entfernung die »Jäger«. So leicht ließen die ihre Beute nicht fahren!

Inzwischen war es dunkel geworden. Sie kam an der Schmiede vorbei, blieb stehen, getraute sich aber nicht mit ihrer beschämenden Arbeit hier zu beginnen. Meister Bustedt stand noch am Amboß. Im Schuppen schalt ein Knecht seine beiden Pferde Schinner und Racker, weil sie nicht still stehen wollten. Das waren Ottsens Füchse, deren Hufeisen scharf gemacht wurden; wahrscheinlich sollten sie morgen am Neujahrstag vor den Schlitten.

Vom dunklen Hintergrund der rußigen Esse hob sich die rote Glut des Schmiedefeuers ab, aus dem die Funken des schweißenden Eisens wie Sternschnuppen umherspritzten. Jedesmal, wenn der Meister den Blasebalg anzog und der Atem aus der weiten Lunge des ledernen Gehilfen durch die dunkel glühende Kohlendecke fuhr, lohten gelbe Flammen auf, und ein heller Schein huschte durch die angelehnte Tür über die weiße Schneedecke der Straße. Die Augen des Schmiedes folgten dem Licht; er erkannte die kleine Gestalt, die, in ein altes, zerrissenes Umschlagtuch gehüllt, unschlüssig ihm zuschaute. – Da dachte Meister Bustedt an die Zeiten, wo er als wandernder Handwerksbursche sich selbst nach einem wärmenden Feuer, einem Mund voll warmen Essens und einem warmen Wort gesehnt hatte: »Meta, komm' mal her!« rief er.

Langsam kam sie heran und blieb in der Tür stehen.

»Was willst du denn heute abend noch hier?« fragte er; ein gutmütiges Lächeln flog über sein schwarzes Gesicht.

Sie sagte nichts, sie blickte nur beschämt vor sich hin. Er aber sah den leeren Korb und dachte sich das Weitere. Er nahm den Handhammer und schlug auf das Horn des Ambosses ein paarmal nacheinander einen harten und zwei leichte Schläge. Das klang hell durchs Haus und war seiner Frau ein wohlbekannter Ruf. Es bedeutete: »Hitz! Hitz!« Meister Bustedt hatte nämlich keinen anderen Gesellen als den ledernen, der das Feuer anblies. Wenn jemand nach Feierabend mit Arbeit kam, so pflegte er mit dem Daumen auf den Blasebalg zu deuten und zu sagen: »Mein Geselle mag nicht mehr!« – Wenn er aber »Hitz« hatte und zwei größere Stücke zusammenschweißen mußte, wobei er dann mit jeder Hand eins auf dem Amboß hielt, dann mußte seine Frau den Vorhammer nehmen und draufschlagen.

»Nanu, kann man heute abend nicht einmal in Ruhe seine Fördchen backen?« sagte sie halb ärgerlich, halb lachend und griff zum Hammer.

Er aber drehte nur die Zange im Feuer herum, daß die andere Seite des Eisens in die rechte Glut kam: »Laß nur, Marie, hier werde ich allein fertig; aber dort kannst du helfen!« Und er deutete nach der Tür. Sie begriff schnell, wie es gemeint war. »Ich komme gleich wieder, Kind!« rief sie und lief in die Küche.

»Mach' nur zu, Meister, daß du fertig wirst!« brummte Thomas Ottsens Knecht, der zur Hintertür hereingekommen war. »Mach' fix zu, sonst essen sie zu Hause alle Reisgrütze auf, und ich krieg nix!«

»Laat di man Tied!« sagte Meister Bustedt gemütlich. »Du wirst noch leicht satt!«

»Was will denn die da?« fragte der Knecht. »Das ist ja der Fuchs aus der Birkkate!« Er lachte verächtlich.

Die Frau war wiedergekommen, sie legte dem Kinde ein in Papier gewickeltes Päckchen in den Armkorb und gab ihm einen warmen, runden Pfannkuchen in die Hand. Meta Norgaardt dankte schüchtern und wollte gehen. »Halt!« rief der Schmied. »Wünsch' mir erst noch Prost Neujahr!« Dann griff er in die Westentasche und gab ihr einen Schilling. »Ist gut! ist gut!« wehrte er den Dank ab. Sie ging.

»Gottverdammi!« fluchte der Knecht. »Du scheinst viel Geld zu verdienen, daß du die Lumpen und Faulenzer fett machst.«

»Wat geit di datt an!« war die Antwort des Schmieds.

»Solche Bande soll arbeiten und nicht betteln!« schrie der Knecht.

»Sag' das dem Vater, Mensch! Laß aber das arme Wurm in Ruh'!« donnerte nun der Schmied, und als er sah, daß sie schon weit genug fort war, setzte er hinzu: »Was kann die Deern denn dafür, daß der Vater säuft und dem lieben Herrgott den Tag wegstiehlt? Sie und ihre Mutter sind kümmerlich genug daran.«

»Mit der Mutter ist auch nichts los«, fiel der Knecht ihm in die Rede.

»Kennst du sie oder schwatzt du bloß nach, was andere Leute reden?« fragte der Meister scharf. Der Knecht schwieg, da fuhr er fort: »Ich will dir mal die Sache erzählen, ich weiß das. Ich habe die Frau früher gekannt, als ich noch Schmied auf Geltinghof war, damals war sie Kindermädchen. Da hat man sie verwöhnt, denn die Barons sind freundliche und gute Leute. Und da hat sie den Norgaardt kennengelernt. Der war damals noch ein stattlicher Kerl, der mit Frauenzimmern umzugehen wußte. Sie war mit ihrem rötlichen Haar und ihrem hellen Gesicht eine, die einem wohl gefallen konnte, und der Norgaardt meinte, weil sie gut dort angeschrieben stand, daß ihm das auch gut zustatten kommen könnte, wenn er sie heiratete. Man hat sie genug gewarnt vor dem Kerl. Aber wie es denn so geht, da hat sie erst recht ihn haben wollen. Und so ist sie in ihr Elend hineingelaufen. Armes Weib, nun ist sie schwach und krank und leidet seit Jahren auch an Krämpfen. Kein Wunder bei dem Leben und der Behandlung! – Aber sie hält das Kind so ordentlich wie sie kann, und von ihr lernt es nur Gutes. Aber er! – Na, wenn ich ihn mal bei Gelegenheit in die Finger kriege, dann gibt es was aus der Armenkasse!« – Und dabei streifte er die Hemdsärmel auf und zeigte den muskulösen Arm. – »Dann gibt es was für alt und für neu! Und das kann sich jeder merken!«

Der Knecht sagte gar nichts mehr, als er diese Anstalten sah.

Das Eisen sprühte Funken aus der Glut, denn der Meister hatte im Eifer der Rede kräftig den Blasebalg gezogen, nun zog er die Zange heraus, warf im Schwunge dem Knecht die sprühenden Schlacken vor die Füße und hämmerte mit mächtigen Hieben auf dem Amboß ein Hufeisen zurecht.

Meta Norgaardt war weiter gegangen; die Schmiedeleute waren freundlich zu ihr gewesen, das machte sie etwas ruhiger und zuversichtlicher.

Sie kam nun an das Haus, wo der alte Schuster Tramm wohnte. Er hatte nicht viel zu schustern und daher auch nicht viel zu brechen und zu beißen, denn an den Wochentagen lief alles auf Pantoffeln oder Holzschuhen und nur am Sonntag und bei besonderen Gelegenheiten wurden Stiefel angezogen. Das waren in dieser Winterzeit kräftige Schmierstiefel, die nicht so leicht aus den Fugen gingen. Flickarbeit gab's also nicht viel, und das neue Fußzeug machte Johann Hansen in Kronsgaard. Er mußte sich mit Steingutnieten oder Kitten und mit Haarschneiden etwas mit hinzuverdienen, denn zur Feldarbeit war er zu alt und stackelig. Seine Frau verdiente ein bißchen mit Spinnen. Aber als arme Leute wußten sie, wie es armen Leuten zumute ist. –

Meta klinkte leise die Pforte auf und ging mit vorsichtigen Schritten ans Fenster. An der einen Seite konnte sie am vorgehängten Laken vorbeisehen in die Stube. In einem Holzleuchter brannte das Talglicht, es warf seinen gelblichen Schein auf das runzelige Gesicht und die großen Brillengläser des alten Tramm. Er las seiner Frau etwas vor. Meta hörte die stockenden Worte seiner hohen, dünnen Stimme, die das Surren des Spinnrades übertönten.

Sie klinkte dann die Haustür auf, leise, daß man sie nicht hörte. Der Schuster drinnen las nicht weiter, es war ganz stille. Hatte man das Geräusch gehört? – Da blieb Meta keine Zeit zum Zögern, schnell sang sie zu den brummenden Tönen die eintönige Weise des alten Volksreimes:

»Fruken, maak de Dör opp,
De Rummelpott will in;
Dor kömmt en Schipp von Holland,
Dat hett so'n moje Wind.
Schipper, wist du wieken,
Bootsmann, wist du strieken,
Sett en Segel op dien Topp
Un giff mi watt in min Rummelpott!«

Während das Lied erklang, war von drinnen die Stubentür aufgemacht, und neugierig schaute der Schuster über die Messingbrille hinweg auf die Diele hinaus. Da erkannte er, in die dunkelste Ecke gedrückt, Meta Norgaardt. Als das flackernde Licht der Kerze auf ihr Gesicht fiel, zitterte ihre Stimme, sie sah nieder auf die ausgetretenen Steine des Fußbodens und regte sich nicht.

»Mutter, das ist die kleine Rote von der Birk«, rief der Schuster. Dann standen beide Schustersleute auf der Türschwelle.

»Komm herein, lütt Deern«, sagte die alte Frau freundlich. »Komm man herein, brauchst dich nicht zu schenieren, wir sind ja man zwei arme, alte Leute. Komm man her!« – Damit faßte sie Meta an der Hand und zog sie hinein in die Stube.

»Wir haben heute ein bißchen Kaffee gemacht und ein bißchen Honig haben wir auch noch von unseren Bienen. Komm, setz' dich an den Tisch. Bist gewiß verfroren. Sollst gleich was haben!« – Damit trippelte sie fort. Bald stand eine Tasse mit Zichorienkaffee auf dem Tisch und ein Stück Kandiszucker lag dabei; das nahm man in den Mund und trank den Kaffee. So gehörte es sich. Dazu gab es ein Stück Schwarzbrot, mit Honig dick bestrichen.

»Vielen Dank!« sagte Meta etwas verlegen, langte aber gleich zu.

»Iß man und laß dir Zeit! Es ist doch noch zu früh, ins Dorf zu gehen, die Bauern haben noch nicht gegessen,« meinte der Schuster. »Ich bin als Junge auch mit dem Rummelpott gegangen. Da ist nichts bei los. Damals gingen die meisten Jungen damit bei den Bauern herum. Die freuten sich und gaben einen Bankschilling oder einen Sechsling, und dann gab es auch noch ein Ende Wurst oder ein Stück Speck. Das war 'n Spaß!«

»Ich mag nicht gern gehen, mein Vater sagt, ich soll!« wandte Meta ein.

»Na ja, für Deerns ist da ja auch nicht so viel Spaß bei«, meinte denn der Schuster. Nach einer Weile setzte er aber begütigend hinzu: »Aber es macht doch nichts!« – Dann schwiegen alle. Der Alte machte sich mit dem Licht zu schaffen. Seine Frau aber ging in die Küche. Als sie gleich wieder hereinkam, fragte sie Meta: »Was hast du schon in deinem Korb?« und nahm ihn in die Hand, als wenn sie nachsehen wolle, was da drinnen sei.

»Noch nicht viel!« sagte diese. »Ich fang' erst an!« Dann trank sie den Rest des wärmenden Getränks aus, stellte die Obertasse umgekehrt auf die Untertasse, um in üblicher Weise anzuzeigen, daß sie nicht darauf rechne, zu einer weiteren Tasse genötigt zu werden. »Ich danke auch vielmals! Prost Neujahr!« Damit ging sie. Erst als sie draußen das Tuch wieder über dem Korb zurecht zog, merkte sie, daß die alte Frau ihn nicht aus Neugier in die Hand genommen hatte, sondern daß sie von dem Speck, der morgen zum Langkohl sollte, ihr ein Stückchen abgeschnitten und hineingelegt hatte.

Das war ein guter Anfang. Inzwischen war es dunkel geworden. An Hans Knudsens Haus ging sie vorüber, denn sie fürchtete sich vor dem Hund. Dann kam sie an den Dorfkrug von Jens Lewetz.

Lewetz hatte aber gleichzeitig eine Hökerei und etwas Landwirtschaft, denn in der Wirtschaft war nicht viel los; Lagerbier gab es damals auf dem Lande noch nicht, und ein guter Kunde kam selten. Er führte nur die gangbaren Waren, und wenn jemand etwas forderte, was er nicht hatte, dann sagte er: »Grade hat Stine Petersen – oder Hans Asmussen – den letzten Rest davon geholt. In ein paar Tagen kriege ich von Hamburg wieder was.« – Und dann besorgte er das Gewünschte aus Gelting oder Kappeln.

Als die Türglocke ausgebimmelt hatte, fing Meta sofort ihre Musik an, gleich darauf öffnete sich aber auch die Tür nach der Gaststube, und Fritz Lewetz, der erwachsene Sohn des Wirtes, schaute hinaus. Aus dem Hintergrunde hörte man eine laute, lallende Stimme:

»Herein mit die Musikanten! Herein mit sie!«

Zögernd folgte das Mädchen, schüchtern und stockend sang sie weiter.

»Ist das die ganze Neujahrsmusik?« schrie ein Mann mit rotem Gesicht, der einzige Gast, der da war.

»Mehr sind da nicht!« Fritz lachte.

»Deern, sing noch mal ein Lied, ein anderes Lied aber!« Der Mann trank sein Grogglas leer. »Fritz, noch einen! Nich to väl Water!«

Meta schwieg. Da schlug er auf den Tisch, daß der Tabakskasten tanzte. »Verdammte Deern, willst du gleich singen! Zu was lauft ihr denn zu Lorenzen in die Schule?«

Da fing sie das Neujahrslied aus dem Gesangbuch an, das sie in der Schule sangen:

»Das Jahr, das nun vergangen ist,
Das danken wir dir, Jesu Christ!
Du hast uns schon so manches Jahr
Bewahrt vor Elend und Gefahr.«

»Man weiter«, lallte der Trunkene, stützte den roten Kopf in die Hand und starrte mit weit aufgerissenen Augen vor sich hin.

Meta sang weiter, ihre Stimme wurde sicher und fest. Sie sang den zweiten und dritten Vers und wollte aufhalten.

»Weiter!« schrie der Mann, holte einen Doppelschilling aus der Tasche, warf ihn auf den Tisch und schrie nochmals: »Weiter!« Sie sang:

»Hilf uns den Lastern widerstehn
Und deine Wege freudig gehn;
Bestrafe Herr, durch dein Gericht
Des alten Jahres Sünden nicht!«

Voll und hell klang ihre Stimme, wie in der Schule. –

Thomas Ottsen, der Besitzer von Schnarstruphof, war es, dem sie das Lied vorsang. Er war ein tüchtiger Mann, aber er war ein Quartalstrinker. Wer ihn während seiner ruhigen Periode traf, der konnte sich gar keinen Begriff davon machen, was die krankhafte Sucht aus diesem Manne machte.

In seinen guten Tagen stand er morgens in der Frühe auf und sah nach, daß die Pferde ihren Putz und ihr Futter, und daß nachher auch die Knechte ihr Recht bekamen. Damals gab es noch Milch und Buchweizengrütze als erste Frühkost in der Leutestube. Daneben lag das mächtige eigengebackene Schwarzbrot auf dem Tisch, davon konnte sich jeder schneiden, so viel er wollte. Aber Butter mußte er aus der eigenen Dose nehmen, denn die bekam er wöchentlich zugewogen. Thomas Ottsen hielt fest an den alten Gebräuchen. Von Kaffee wollte er nichts wissen, der gab keine Kraft. Er selbst aß jeden Morgen seine Grütze. Wochenlang arbeitete er fleißig, dann aber wurde er plötzlich unruhig, lief planlos im Haus und Hof umher, und seine Leute konnten ihm nichts recht machen. Er kämpfte dann mit dem unheimlichen Geist, dessen Nähe er fühlte. Zuweilen blieb er Herr, meist aber unterlag er und wurde ein willenloses Opfer des Dämons. Dann ließ er den Wagen anspannen, und man fuhr fort. Die Unruhe trieb ihn in andere Gesellschaft; man machte Besuche bei Freunden und Verwandten, und dann wurde L'hombre gespielt; aber abends kam »de Muck« auf den Tisch. Es wurde starker Grog getrunken. Thomas Ottsen hielt dann an sich; mitten in dieser Gesellschaft fiel er nicht ab. Aber am anderen Morgen stand er ganz früh auf. Wenn alles noch schlief, holte er aus der Speisekammer die Flasche mit »Bommerlunder«; dann brauchte er kein Glas. Nachher, gegen Mittag oder Abend, ließ er anspannen, um nach Gelting oder Bobeck oder Kappeln zu fahren, dann durfte aber seine Frau nicht mit, dann hieß es: »Ich habe Geschäfte, die ich allein besorgen will!« So hieß es nun schon jeden Tag zwischen Weihnachten und Neujahr, so hatte er auch gesagt, als er nach Gelting fahren wollte.

»Laß mich mit. Ich kann ja so lange zu Petersens gehen«, bat sie freundlich.

»Du willst wohl aufpassen, daß ich nicht so viel Geld ausgebe? Hast du das Geld mitgebracht oder habe ich es gehabt? Du hast nichts gehabt!« schrie er.

»Aber Thomas, ich meinte doch nur – – – –«

»Dummer Schnack, ich brauch keine Aufpassersche. Ich komme allein rechtzeitig nach Hause. Du bleibst hier und siehst nach der Wirtschaft! – Niklas soll anspannen!«

Dann ging er an die Schatulle, kramte in seinen Papieren herum, als wenn er etwas suchen müßte, und nahm eine Handvoll Taler aus dem oberen Fach. Die steckte er vorsichtig, daß sie nicht klapperten, in die Tasche, denn ein schlechtes Gewissen hatte er doch! – Nun ging's los, von einer Wirtschaft in die andere. Thomas Ottsen trank Grog, und wer gerade in der Wirtschaft war, trank mit. Die Leute, die er hier bei Lewetz traktiert hatte, waren gegen Abend einer nach dem anderen vorsichtig durch die Hintertür hinausgeschlichen, und der »Wohltäter« saß nun allein mit seinem Gewissen und seiner Unruhe!

Niklas Steffen, sein alter Kutscher, saß währenddessen in der Leutestube, er trank auch Grog, das hatte er bei dem vielen Herumfahren und Warten in und vor den Krügen gelernt. Niklas erzählte Geschichten und »Fahrten« von seinem Herrn, sein Gesicht glühte und die Zunge wurde ihm dabei trocken. Aber Fritz Lewetz sorgte dafür, daß er nicht zu verdursten brauchte.

»Nimm dich nur in acht, daß ihr heil nach Hause kommt«, neckte das Dienstmädchen, Liese Witt. »Einer von euch beiden muß doch bei Verstand bleiben.«

»Ich kann trinken und ich kann's auch lassen«, prahlte Niklas und schlug sich mit der Hand auf seinen Bauch. »Hier, hier kann ich's lassen.«

»Wenn sie beide den Weg nicht mehr wissen, dann finden die Pferde auch so nach Hause«, lachte der Dienstjunge, der Hausknecht spielte, wenn Fuhrwerk einkehrte. »Ich hab' ihnen eben noch einen Eimer Wasser gegeben, das hält den Kopf klar.«

»Für dich ist es das beste«, sagte Niklas barsch. »Fritz Lewetz, soll ich noch ein Glas Grog haben?«

»Dein Herr ist wieder schön in der Fahrt«, meinte Liese Witt.

»Der kann nicht anders, der muß!«

»Er ist doch sein eigener Herr, er braucht es doch nicht.«

»Das verstehst du nicht, Deern, das ist 'ne Krankheit.«

»Bi de Herrn is dat en Krankheit«, sagte trockenen Tones der alte Tagelöhner Claus Nissen, der am Ofen saß und aus der kurzen Holzpfeife Tabak mit Rosenblättern rauchte. – »Wenn awers en Daglöhner so watt hett, denn is dat en Swinegel.« Er blieb ganz ernst dabei. Niemand wußte, wie das gemeint war.

»Bei unserm Herrn ist das 'ne Krankheit, das ist ganz gewiß«, wiederholte Niklas. »Es ist gut, daß der Junge heranwächst. Fünf Jahre weiter, dann kann er die Stelle wohl schon übernehmen. Der Alte geht dann auf die Abnahme. Das wird das beste sein.«

»Das Trinken vererbt sich auf die Kinder, ebenso wie die Hofstelle!« sagte Claus Nissen. »Auf Starumhof sind die Laurenzens daran zugrunde gegangen und hier wird's ebenso gehen.«

Da schlug Niklas mit der geballten Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten und rief: »Das ist nicht wahr! Der Junge hat gutes Blut, der wird noch mal ein Herr, vor dem ihr alle die Mütze abzieht.«

»Wollen's abwarten!« knurrte der Tagelöhner.

Niklas aber fuhr fort: »Der Alte muß nun mal so verschlissen werden, wie er einmal ist. Da wird nicht viel mehr an zu machen sein. Früher hat er den Doktor dafür gebraucht, den alten, dicken Doktor Theden in Flensburg. Ich weiß das ganz genau, denn ich habe ihn damals immer nach Flensburg gefahren. Der alte Doktor trank nämlich auch gern einen. Als Thomas Ottsen nun zum ersten Male zu ihm kam und von seinem Leiden erzählte, daß er immer so 'ne Unruhe hätte und dann hinaus müsse aus dem Hause, da kuckte ihm der Doktor scharf ins Gesicht und sagte: Ja, lieber Mann, Sie trinken wahrscheinlich Branntwein.«

Das mußte der Alte zugeben, und der Doktor verbot ihm das. Er durfte nur Grog von gutem alten Rum trinken. Davon wurde es aber auch nicht besser. – »Sie dürfen nur noch Wein trinken!« sagte dann der Doktor: er dachte wohl, daß Thomas Ottsen das dann zu teuer würde. – Ja, teuer wurde es, aber er trank doch. So mußte er wieder zum Doktor.

Zu dem Kerl wäre ich nicht wieder gegangen! Na, wir haben die Fahrt auch umsonst gemacht. Als wir in Flensburg ankamen, hörten wir schon bei Nane Hansen, wo wir ausspannen, daß Dr. Theden verreist ist, er müsse selbst eine Kur durchmachen, sagten die Leute. Das muß 'ne böse Kur gewesen sein, denn nach einiger Zeit hörten wir, sie hätten ihn begraben.«

»Und was machte euer Herr dann?« fragte der alte Tagelöhner mit spöttischem Ton.

»Er hat noch allerlei gebraucht, wenn er merkte, daß die Unruhe kam, das nützt aber alles nichts. Da kann keiner gegen an, das ist 'ne Krankheit, die die Doktors auch nicht kurieren können. Aber er geht da fürchterlich gegen an, und das hilft zuweilen doch etwas. Ich bin aber bange, wir kriegen jetzt wieder böse Tage!«

»Wißt ihr wirklich nicht, woher das kommt?« fragte Claus Nissen und sah mit lauerndem Blick einen nach dem anderen an. Sie schüttelten die Köpfe.

»Und was weißt du denn davon, du Wichtigmacher?« rief Niklas Steffen ärgerlich.

»Vielleicht mehr als du. Aber man darf wohl nicht davon reden, wenn du dabei bist. Du gehörst ja mit zum Hof.«

»Wichtigmacher!« wiederholte Niklas.

»Erzählen!« riefen die anderen.

Claus Nissen steckte sich erst die Pfeife an und ließ sich noch etwas bitten, dann warf er ihnen erst mal einen Brocken hin:

»Das Kluwenmoor, wißt ihr, hat früher nicht zu Schnarstruphof gehört; was der Großvater von Thomas Ottsen ist, der hat es den Solstrupern abgeschworen.«

»Was sagst du da?« – »Was hat er abgeschworen?« – Sie steckten die Köpfe zusammen. Es wurde ganz still in der Stube.

»Ich will nichts gesagt haben«, sagte der Tagelöhner wieder und schielte nach Niklas Steffen hinüber. Der stierte halb ärgerlich, halb neugierig in sein Grogglas. – »Minsch, verteil doch mal!« ermunterte ihn nun auch Fritz Lewetz. »Ick bring di en Glas Grog.« Das entschied.

Als das Glas Grog vor ihm stand, fuhr der Erzähler fort: »Da ist auch kein Geheimnis bei. Das war so: Ein paar Jahre haben sie sich vor Gericht gestritten um das Moor, auf das früher keiner was gegeben hat. Nun waren sie wie die Hunde, die sich um den Knochen beißen. Der alte Ottsen war aber ein grapsiger Kerl, der keinem was gönnte und alles zusammenschrapte, was er kriegen konnte. Zuletzt ist das Gericht herausgekommen nach dem Kluvenmoor und hat alles besichtigt, und dann hat der alte Ottsen da an Ort und Stelle beschwören müssen, was er von früher her noch wußte, und daß der Grund und Boden, auf dem er nun stand, ihm gehörte, so wahr ihm Gott helfe und sein heiliges Wort!«

Claus Nissen trank sein Glas Grog aus. Alle machten sie bedenkliche Gesichter, nur Liese Witt rief: »Na, wenn er das so gewiß wußte, konnte er das ja auch gerne tun.«

»Ich will nichts gesagt haben«, versicherte Claus, aber der Grog gab ihm wieder einen Stoß und gleich darauf fuhr er fort: »Soviel sag' ich doch: rein und richtig ist die Sache nicht gewesen!« Dann dämpfte er die Stimme, als er fortfuhr: »Eine alte Frau, die am Noorgraben Dreiblatt suchte, hat gesehen, daß er am Morgen früh, ehe er den Eid leistete, auf seinem eigenen Moor stand und sich da Erde in seine Holzschuhstiefel füllte. Nachher hat er denn geschworen, daß der Boden, auf dem er steht, ihm gehört.«

Sie sahen einander an und wußten nicht, was sie sagen sollten, endlich rief Fritz Lewetz laut: »Das war denn wohl ein Meineid!« Dem Dienstjungen lief es eiskalt am Rücken hinunter: ein Meineid war ja das schrecklichste Verbrechen, das es gab. Liese Witt fragte ängstlich: »Ist ihm denn nicht nachher die Hand aus dem Grabe gewachsen?«

»Dumme Deern!« brummte Claus Nissen, »glaub' doch nicht so'n Kram. Ganz was anderes ist passiert. Ich will aber nichts gesagt haben, denn eigentlich glaub' ich auch nicht an sonne Hexengeschichten, aber hier muß doch was dran sein, denn ich habe alte Leute gekannt, die das ganz gewiß wußten.«

»Na, denn raus damit, man nicht so ängstlich, ich bring' dir noch ein Glas Grog«, ermunterte ihn Fritz Lewetz. So lange wartete Claus noch, bis das Glas vor ihm stand, dann tat er einen langen Zug und fuhr fort:

»An demselben Abend – es war gerade schöner Mondschein – geht nun der alte Ottsen noch mal hinaus nach dem Moor. »All mien!« sagt er. Da hört er mit einem Male hinter sich einen laut lachen. Er dreht sich um, sieht aber keinen Menschen. Nur am Torfhaufen sieht er einen großen, grauen Fuchs stehen, der pliert ihn an. Der Alte nimmt eine Torfsode auf und schmeißt nach dem Fuchs. – Der reißt aber nicht aus, nein, er bleibt ruhig sitzen, und als der Alte herangeht, macht er 'nen krummen Buckel, steht auf, zeigt die langen, spitzen Zähne und knurrt. Da reißt der Bauer einen Zaunpfahl heraus, geht auf das Biest los und schlägt zu. Der Pfahl fährt in den weichen Grund – der Fuchs ist zur Seite gesprungen, fletscht die Zähne und heult ihn an. Hinter sich hört er aber nun wieder das höhnische Lachen. – – Da kriegt er es mit der Angst und läuft weg. Hinter ihm her heult und lacht es fürchterlich, und der Fuchs schnappt ihm immer nach den Beinen. Er rennt und rennt, alles was er kann; über Wälle und Gräben geht es. Wie vom Teufel geritten kommt er endlich auf seinem Hof an, reißt die Haustür auf, wirft sie ins Schloß und stößt den Riegel vor. – – Dann sackt er auf der Diele zusammen. Draußen hört man noch einen furchtbaren Schlag gegen die Tür ballern, dann ist alles totenstill.«

»Na, denn bist du ja auch woll zu Ende mit deinem Lügenkram«, sagt nun ganz trocken Niklas Steffen. »Ich glaube nicht an Spökelsgeschichten, das ist was für alte Weiber.«

Claus Nissen lacht höhnisch. »Ich bin ja, Gott sei Dank, nicht dabei gewesen, aber der alten Webersch ihre Mutter hat am anderen Tag die Tür gesehen, und sie hat oft genug erzählt, daß fünf Finger: Tatzen mit langen Krallen, neben der Klinke auf der Türfüllung eingebrannt gewesen sind. Die Stelle hat man nicht wegkriegen können, sie hat sich immer wieder durch die Farbe durchgefressen. Zuletzt hat der Tischler eine neue Füllung einsetzen müssen, und darauf hat er ein Kreuz eingeschnitten, das hat der Paster geraten, dem soll der Bauer von dem Spuk erzählt haben. Aber von der Moorerde in den Stiefeln hat er ihm nichts gesagt. Geholfen hat aber das heilige Zeichen, und das Kreuz sitzt noch auf der Tür. Ich hab's noch gestern gesehen, und du kannst es dir heute abend auch noch angucken, Niklas Steffen!«

Dann waren sie alle ganz stille. Der Erzähler trank bedächtig sein Glas leer und schloß: »Der Bauer lag lange krank, und später ist er ein menschenscheuer, stiller Mann geworden, aber immer geiziger und raffiger nach Geld. Jedesmal, wenn Vollmond war, hatte er nachts keine Ruhe, dann lief er im Hause umher und fühlte an allen Fensterhaken und Türen nach, ob sie auch zu wären. Auf dem Moor soll es dann nicht geheuer gewesen sein. Der Fuchs, der große graue Fuchs – wißt ihr – das war der Teufel selber! – – Kein Bauer aber von Schnarstruphof hat seitdem Ruhe, wenn der Vollmond ihm aufs Hausdach scheint.«

»All Lögen und Schiet!« fuhr nun Niklas Steffen auf und schlug mit der schweren Faust auf den Tisch.

Der Kater sprang erschreckt von Liese Witts Schoß, Niklas stand auf und ging einen Schritt näher an den Erzähler heran. – – – –

In diesem Augenblick der Stille war es, als man den Klang der hohen, hellen Kinderstimme hörte: der Neujahrschoral klang hinein ins Nebenzimmer und dämpfte die aufsteigende Glut. Man drängte sich an die Tür, öffnete sie leise und lauschte dem Gesänge Meta Norgaardts, bis sie zum Schluß kam:

»Bestrafe Herr durch Dein Gericht
Des alten Jahres Sünden nicht!« –

Die Tür war weit aufgegangen, sie konnten die Sängerin sehen und auch den einzigen Gast, Thomas Ottsen. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und stierte ins Glas, nur ab und zu flog ein scheuer Blick über den Tisch hinweg auf Meta. Als das Lied zu Ende war, fuhr er auf, so daß das Mädchen sich erschrocken nach der Tür wandte.

»Halt!« schrie Thomas Ottsen, stemmte beide Hände auf die Tischkante und erhob sich schwerfällig. Zitternd blieb die Kleine an der Tür stehen und verfolgte ängstlich jede Bewegung des Betrunkenen. Schwankend kam er hinter dem alten Eichentisch hervor und machte einen Schritt vorwärts, aber er mußte sich an der Tischecke festhalten. – »Geld! Hier ist Geld in deinen Rummelpott«, lallte er, griff mit der Linken in die Westentasche, holte einen Taler heraus und hielt ihr ihn hin. Sie zögerte. Da warf er ihr das Geldstück vor die Füße, daß es klirrend hochsprang und an die Tür rollte. Im nächsten Augenblick erfaßte er das halbvolle Glas und schleuderte es an die Wand. »Verfluchter Suff!« brüllte er und stieß mit den Füßen nach den Scherben. Beinahe wäre er hingefallen, doch der alte Lewetz sprang hinzu und hielt ihn fest. – »Weg da!«, Thomas Ottsen reckte sich und schüttelte den Arm des Wirtes ab, dann schrie er so laut, daß es durch das ganze Haus dröhnte: »Niklas, anspannen! Wi wöllt to Hus!«

Da hob Meta Norgaardt schnell den Taler auf und machte, daß sie weiter kam.

Bei Jes Petersen ließ man Meta in die Wohnstube hereinkommen; sie mußte unter hellem Gelächter von Groß und Klein zweimal ihr Lied singen. Dann wurden die Knechte und Mädchen hereingerufen, man wollte noch ein Lied hören, ehe man ein Geschenk gab. Meta sang nun ein Schwedisches Lied, das sie früher oft von ihrem Vater gehört hatte: »Du gamla, du friska, du fjällhöga Nord.« Die Dienstboten aber bekamen inzwischen kräftigen Punsch und wurden munter.

»Der kleine Birkfuchs ist wohl 'ne danske Pige?« fragte eins der Mädchen halblaut und spöttisch.

»Eigentlich ist sie 'ne Baronin«, rief jemand von hinten herüber. Alles lachte, Meta trat das Blut ins Gesicht, sie sang aber weiter.

»Was hat sie denn schon alles im Korb?« fragte ein junger Knecht, trat heran und hob das Tuch hoch, das darüber lag. Meta merkte es nicht. Da nahm er leise eine Torfsode aus dem Kasten, der am Ofen stand und ließ sie unter das Tuch gleiten. Bald folgte eine zweite und dritte. Da wurde der Korb schwer. Meta blickte sich um und sah in die lachenden Gesichter der Leute. Da griff sie rasch in den Korb, warf die Torfsoden auf die Diele und drängte sich durch nach der Tür.

»Haltet den Fuchs am Ohr fest!« rief der junge Knecht. »Sie soll alles wieder aufsammeln.« Rohe Fäuste packten sie und zogen sie zurück ins Zimmer. »Erst aufsammeln!« schrien die Mädchen und zeigten auf die Torfbrocken, die auf der Diele lagen. »Nein, ich tu's nicht!« sagte Meta trotzig. Da bekam sie einen Stoß, daß sie gegen den Ofen flog. Ich tu's aber doch nicht! – Und wenn ihr mich totschlagt, ich tu's nicht!« Sie knirschte mit den weißen Zähnen. Im selben Augenblick erhielt sie vom Bauern Jes Petersen eine schallende Ohrfeige und er schrie: »So'n Lumpengesindel will sich hier noch mausig machen. Raus damit an die frische Luft!«

Da trat der erste Knecht August Boysen vor, ein Hüne von Kerl, der einen Sack Weizen unterm Arm tragen konnte, er sagte laut und ruhig: »Sie hat keine Schuld, Herr, das hier ist der Schleef.« Er zeigte auf den jungen Knecht. – »Raus!« schrie trotzdem der Bauer. Da nahm August Boysen das Mädchen an der Hand: »Komm' mit mir, Meta«, sagte er, »und der Teufel soll den holen, der dir etwas tut!« Er führte sie hinaus.

Sie lief eine halbe Stunde lang, und kam dann in eine Gegend, wo man sie nicht kannte. Hier zog sie singend von Haus zu Haus, fand harte und mildtätige Leute, hörte spöttische und freundliche Worte; das ging alles über sie hinweg, sie mußte singen und betteln und so füllte sie ihren Korb mit Gaben.

Als sie spät abends übers Eis des Noores nach Hause ging, stand der Mond hoch am Himmel und beleuchtete ihren Weg. Vom Lande her drang noch dann und wann der dumpfe Knall eines Flintenschusses herüber, denn bis Mitternacht wurde von den Knechten vor den Fenstern geschossen und gelärmt. Aber auch hinterm Noor fiel jetzt ein Schuß und dann noch einer. Das waren nicht die Bauernknechte. Das waren Hans Boysen von Lesumfeld und einer der »Böhmen« aus dem Birkhaus. Die Schossen des Barons Hasen und legten sie in ihre eigene Pfanne.

Zu Hause wollte sie sich leise nach dem Boden schleichen, wo sie in einem Verschlag ihre Lagerstätte hatte, aber Jens Norgaardt hörte die Tür gehen und schrie gleich:

»Herein mit dir! Was hast du denn mitgebracht?« Er riß das Tuch vom Korb und packte aus: Brot und Speck, Eier und Fördchen, auch ein paar braune Weihnachtskuchen.

»Her mit dem Geld«, hieß es dann. Da zeigte sie auf das Tuch und holte aus dem Knoten in der Ecke etwas Kupfergeld hervor. Die Schillinge hatte sie wohl verborgen, die zählte sie nachher ihrer Mutter vor. Den Taler drückte sie ihr ganz zuletzt in die Hand, und als sie das tat, verschwanden all die Schatten des Abends; aus ihren Augen leuchtete, als das alte Jahr schied, die Sonne des Glücks.

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