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Studien zur Litteratur

Franz Grillparzer: Studien zur Litteratur - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorFranz Grillparzer
titleStudien zur Litteratur
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesGrillparzers smtliche Werke
volumeSechzehnter Band
printrunFnfte Ausgabe in zwanzig Bnden
editorAugust Sauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070000
projectid0447d10e
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1. Allgemeines.

Zur Litterargeschichte.

(Um 1860.)
1.

Die Zeit dürfte nicht entfernt sein, wo die Deutschen das Uebertriebene und Unausführbare ihrer politischen Bestrebungen einsehen werden. Damit ist aber noch wenig gethan. Die politischen Ueberzeugungen sind nur der ins Praktische hineinragende Teil des Ideenkreises einer Nation und Zweige und Schößlinge wegschneiden ist ein schlechtes Auskunftsmittel, solange die Wurzel in der Erde bleibt. Es muß daher ausgesprochen werden: die ganze Bildung der deutschen Nation in den letzten zwanzig Jahren war eine falsche. Vielleicht gilt dasselbe von ganz Europa mit Ausnahme von England. Das gehört aber nicht hierher. Wenn der Mensch in sich gehen will, muß er seine eigenen Fehler im Auge haben, ohne sich um die der übrigen zu bekümmern.

Wenn ich die letzten zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre als den Wendepunkt dieser Verkehrung ausspreche, so geschieht dies nicht willkürlich. Eine auffallende Erscheinung nach außen verbürgt eine gewaltige Aenderung nach innen. Dieses äußere Merkmal ist der Eigendünkel.

Ich will hier vor allem die Litteratur ins Auge fassen, einmal da ja doch von der Bildung die Rede ist, dann weil die neuere Bewegung hauptsächlich von Ideen ausgeht, deren Ausdruck und Verbreitung vor allem ins Gebiet der Litteratur gehört. Es versteht sich von selbst, daß hier nicht von den exakten und Naturwissenschaften die Rede sein kann. Diese gehen, wenn einmal der erste Anstoß gegeben ist, durch Erfahrung und Experimente geleitet, von selbst ihren Weg, haben aber in ihrer Objektivität auf die Ausbildung des Subjekts, um die es sich hier handelt, nur geringen Einfluß. Philosophie, Geschichte, Theologie wenn man will, und die Kunst; alles was auf Gemüt, Charakter und die Richtigkeit des Verstandesgebrauches einwirkt, habe ich hier im Auge.

Um also wieder in die Reihenfolge zurückzukommen: die Deutschen waren bei ihrem ersten Erwachen aus säkularischem Schlafe in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhundertes eine wackere, tüchtige, pflichtgetreue, vor allem aber bescheidene Nation. Zu letzterem hatten sie auch alle Ursache. Hinter ihren Nachbarn zurückgeblieben, bei ihren ersten Fortschritten auf die Nachahmung angewiesen, war kein Grund zur Selbstüberhebung. Ja, als die Litteratur später mit reißender Schnelligkeit einen bedeutenden eigentümlicheren Charakter annahm, blieb sie der alten Nationaleigenschaft getreu. Kants Philosophie ist die wissenschaftliche Anerkennung der menschlichen Beschränktheit. Wenn Goethe sich mitunter anmaßender gab, so war es etwa mehr aus Aerger über die Spießbürgerlichkeit seiner Landsleute; sich den schöpferischen Geistern früherer Jahrhunderte gleich- oder wohl gar voranzusetzen, ist ihm wohl nie eingefallen. Selbst als die unmittelbar auf Kant folgenden Philosophen nebst den Gebrüdern Schlegel zuerst den Ton des Absprechens und der Selbstüberschätzung anschlugen, blieb die Neuerung doch größtenteils im Kreise des Schulstaubes und berührte die Nation wenig. Schon nachhaltiger wirkte, durch August Wilhelm Schlegel veranlaßt, das Buch der Mad. Staël de l'Allemagne. Es war das erste Zeichen der Anerkennung von seiten des Auslands und wirkte mit der Stärke eines befriedigten Bedürfnisses, da die unleidliche französische Unterdrückung den Nationalgeist wachzurütteln angefangen hatte.

Der eigentliche Wendepunkt aber waren die Befreiungskriege. Deutschland hatte, freilich mit der Beihilfe von halb Europa, den Sieger der Welt besiegt, ja was noch mehr, die Nation glaubte zum erstenmale nicht auf Geheiß oder im Interesse seiner Fürsten, sondern aus sich selbst etwas gethan zu haben. Ein praktisches Ferment kam in die nur für Abstraktionen und Idealitäten eingerichteten Gemüter. Die Gärung war ungeheuer und zeigte sich in Monstrositäten. Zugleich war das Ausland zuerst auf die Deutschen als ein ihnen ebenbürtiges Nachbarnvolk aufmerksam geworden. Eine Bildung, die sie nicht geahnt, eine Litteratur, von deren Dasein sie nichts gewußt, fiel ihnen mit der ganzen Gewalt des Unerwarteten in die Augen. Der Eindruck mußte um so stärker sein, als die Glanzperiode der europäischen Litteratur längst vorüber war und die deutsche, als von gestern, den Ansichten und Bedürfnissen von heute am meisten entsprach.

Ueberhaupt hat die deutsche Litteratur, aus der Ferne angesehen und für denjenigen, der sie nur zum Teile kennt, etwas ungemein Bestechendes. Da ihr Unterscheidendes darin besteht, die Peripherien jeder Sphäre auszudehnen und die Gattungen zu vermischen, so bekommen ihre Hervorbringungen einen Anschein von Reichtum, der aber nur zu bald verschwindet, wenn man sich überzeugt hat, daß der Umkreis weit, das Innere aber arm an Erfüllung, um nicht zu sagen, leer ist. Darum staunen die Franzosen die deutsche Philosophie an, die sie nicht kennen, Lord Byron glaubte sein Urbild von Poesie in der deutschen zu finden, und die Freigeister aller Nationen haben keine Ahnung, daß die deutschen Himmelsstürmereien nur die weitere Ausführung des von ihnen ausgegangenen Anstoßes sind.

Unglücklicherweise fiel diese Anerkennung des Auslandes und das Erwachen der eigenen Schätzung gerade in eine Zeit, wo auch die Glanzperiode der deutschen Litteratur sich ihrem Ende nahte. Goethe, der einzig Übriggebliebene, war Deutscher genug, um sich in der letzten Hälfte seines Lebens in die verschiedensten Richtungen zu zersplittern und die Wärme seines Innern minder als Folge des Alters, als durch die Verteilung in das unermeßliche All bis zur Lauheit abzuschwächen. Ueberhaupt haben die sogenannten goldenen Zeitalter der Litteraturen das Traurige, daß ihnen gewöhnlich ein um so ärmlicheres unmittelbar nachfolgt. Nationen von Geschmack und gesunder Urteilskraft sind von der Vortrefflichkeit des Vorhergegangenen so durchdrungen, daß ihnen alles Heil in der sklavischen Nachahmung zu liegen scheint, indes die Völker, bei denen jene Eigenschaften weniger die Grundlage des Charakters ausmachen, sich aufgefordert fühlen, das Vorhandene zu überbieten, weiterzuschreiten, wie man's nennt, und das ist eben jene Ausdehnung des Umkreises, von der ich vorher sprach, indes die Mitte leer bleibt. Die Deutschen, ihrem Streben nach Gründlichkeit zufolge, geborne Kritiker, hatten bald die Mängel ihrer großen Geister weg. Sobald sie nur diese Fehler vermieden, glaubten sie unschuldigerweise, die Vorzüge würden sich von selbst einstellen und so das Wissen mit dem Können verwechselnd, wagten sie sich kühn in die äußersten Fernen der menschlichen Entwicklung.

Das Paladium dieser Entwicklung nun und der Mittelpunkt des menschlichen Wesens ist die richtige Empfindung, die Richtigkeit nicht als Wahrheit genommen, sondern als Widerspruchslosigkeit, als Uebereinstimmung aller Faktoren des Auffassungs- und Thätigkeitsvermögens. Das ist so wahr, daß selbst das Letzte des Verstands- und Vernunftgebrauches, die Ueberzeugung, kein Denkergebnis, sondern eine Empfindung ist, das Zeugnis des Innern, daß das unwiderleglich Bewiesene mit dem Gesamtvorrate des ihm als wahr Geltenden übereinstimme. So wie auf der andern Seite, was aber nicht hierher gehört, eine zweite Empfindung, das Gewissen, den praktischen Verstandesgebrauch leitet und abschließt. Sie ist der Verbindungsknoten, in dem die geistige und animalische Natur des Menschen zusammentreffen, das artikulierte Gefühl und der unartikulierte Gedanke. Ihr Ausdruck ist die Anschauung, die Art und Weise, wie der Mensch im ungetrennten Gebrauche seiner Fähigkeiten und Eigenschaften die Dinge und Begebenheiten in sich aufnimmt.

Was nun diese Empfindung aussagt, ist schon darum nicht unbedingt wahr, weil das halb Animalische des Gefühls darin eine so große Rolle spielt. Es ist daher allerdings die Aufgabe des Geistes, den Komplex der Empfindung in jedem einzelnen zu trennen. Das Individuelle des Eindrucks auf allgemeine Geltung zu bringen und sich der Gründe und Folgen bewußt zu werden; zu behaupten aber, daß der eine Teil der menschlichen Natur das Recht habe, an die Stelle des Ganzen einzutreten, ist lächerlich. Der Trieb, die Neigung, das Instinktmäßige sind ebenso göttlich, als die Vernunft, und das einzige Faktum der Begeisterung mit all dem Großen, was je durch sie geschah, reicht hin, um die isolierte Denkwirtschaft der Marktschreierei zu überführen. Der Verstand oder wenn man will die Vernunft, kann vielleicht folgerichtig dahin gelangen, an der Realität der wirklichen Dinge zu zweifeln; wer aber wirklich daran zweifelt, ist ein Narr.

Die Denkkraft nun, die Hand in Hand mit der Empfindung geht, ist was man den gesunden Menschenverstand nennt. Mit ihm allein kommt man allerdings in den höheren Bereichen der Wissenschaft nicht weit, ihn aber gänzlich aus den Augen zu verlieren, macht das Denken zum Grübeln und führt zum Unsinn.

Dieses Unglück nun ist über Deutschland durch die neueste Philosophie gekommen. Hegel, wenn nicht einer der schärfsten Denker, doch gewiß einer der größten Denkkünstler aller Zeiten, hatte zugleich viel zu viele gesunde Urteilskraft, um auf seine monströsen Resultate oder vielleicht auf seine verrückte Methode zu verfallen, wenn nicht seine unmittelbaren Vorgänger dem natürlichen Verstandesgebrauche so schreiend Hohn gesprochen hätten. So aber baute er auf ihrem schwankenden Boden fort und das Gebäude mußte daher notwendig schief ausfallen.

Immerdar bleibt sein Wirken merkwürdig für alle Zeiten, als ein, wenngleich verunglückter Versuch, das Rätsel der Welt im Wege des reinen Vernunftgebrauches aufzulösen. Zugleich enthält es einerseits so viele Analogien mit der Wahrheit, daß man manchmal über die scheinbare Nähe erschrickt, andererseits macht es keine Schande, das nicht erreicht zu haben, was ganz zu erreichen vielleicht unmöglich ist.

Das Unglück war nur, daß seine Zeit an seine Resultate, vor allem aber an seine Beweise geglaubt hat, die unbewiesener sind als das zu Beweisende selbst.

Der Schade, der dadurch angerichtet wurde, ging nach mehreren Seiten. Erstens kam dadurch der natürliche Verstandesgebrauch in Mißkredit. Der Verstand, dessen Aufgabe die Entfernung von Widersprüchen ist, wurde einer sogenannten Vernunft untergeordnet, die sich mit der Erzeugung von Widersprüchen beschäftigt, oder vielmehr der Widerspruch selbst ist, der, nachdem er in seinem Gange die Mondkälber der Ideen erzeugt, selbst in der Gottheit nach augenblicklicher Ruhe als ein gehetzter Gedankenhase zu neuem Kreislauf, eine Bewegung ohne Bewegtes, wieder aufgejagt wird.

Zweitens, indem man alles durch das Klügeln Unaufgelöste mit dem Schimpfnamen des Unmittelbaren belegte, wurde das ganze Reich der Empfindungen mit dem Charakter des Unvollkommenen, Schwächlichen, Aufzuhebenden gestempelt und die Wärme des Gemütes verwandelte sich in Erhitzung des Kopfes, um so mehr, als selbst das höchste Zeugnis der Empfindung: die Freiheit des Willens in ein sich Bewußtwerden und sich Gefallenlassen der Notwendigkeit aufgelöst worden war.

Das letzte Ergebnis endlich, und was am meisten hierher gehört, war ein maßloser Eigendünkel. Wie sollte auch eine Zeit, die ihren Geist als die Inkarnation des göttlichen betrachtete, der die ganze Natur »durchsichtig« war, die den Schlüssel zu allen Rätseln der Welt gefunden hatte, anders sein als hochmütig, hochmütig als Menschen und kraft des Erfinderprivilegiums, hochmütig als Nation. Der nationelle Eigendünkel wurde nur noch durch ein anderes unmittelbar darauffolgendes Ereignis erhöht: das Entstehen der deutschen Sprach- und Altertumswissenschaft. Der Veranlasser dieser geistigen Richtung, ein so außerordentliches Sprachgenie und auch sonst so vielseitig begabter Mann, daß man seinesgleichen unter den ähnlich Strebenden aller Zeiten vielleicht kaum findet, hatte aber unglücklicherweise in der Mischung seines Wesens einen bedeutenden Anteil Phantasie, die, wenn sie sich in die Untersuchung mischt, gar leicht in Phantasterei umschlägt. Es war vorauszusehen, daß das neue Fach, nachdem einmal die Hauptsache gethan war, als ein leichtes Mittel durch Fleiß, Nachbeterei und Koterieprotektion, auch ohne alles Talent zu Beachtung, Geltung, wohl auch Ehrensold zu gelangen, bei jenem Heer unbegabter Litteraten, mit denen uns die Vielwisserei der deutschen Universitäten bis zum Ekel versieht, den größten Anklang finden werde. Was im höchsten Grade schätzbar gewesen wäre, wenn zwei oder drei berufene Geister sich damit beschäftigt und die Resultate der Welt mitgeteilt hätten, artete in einen litterarischen Landsturm aus, durch den alle Bibliotheken durchstöbert und Schund aller Art, wenn er nur alt- oder mittelhochdeutsch war, zu Tage gefördert wurde. Teils in der Freude des Findens, teils weil man sich doch nicht um nichts geplagt haben wollte, übertrug man den sprachlichen Wert des Gefundenen auf den Inhalt und sprach von Meisterwerken, wo man von Unbedeutenden, aber mit Rücksicht auf Zeit und Umstände noch immer Erfreulichen hätte reden sollen.

Dadurch wurde nun dem überflutenden Eigendünkel der letzte Damm weggerissen. Dieser Damm lag in dem Bewußtsein, daß die deutsche Bildung in der allgemeinen europäischen die letztgekommene, abgeleitete, durch Nachahmung entstandene sei. Nun aber schien sich zu ergeben, daß die Nation schon im fernen Mittelalter den übrigen vorausgestanden, daß sie durch ihre Selbstschätzung nur verjährte, unverlierbare Rechte wieder in Anspruch nehme. Genau genommen hätte gerade die mittelhochdeutsche Poesie zur Bescheidenheit auffordern sollen, da mit Ausnahme des rätselhaften Nibelungenliedes, die übrigen epischen Gedichte die Nachbildung aus dem Französischen selbstbekennend und selbstempfehlend an der Stirne trugen.

Darauf nahm man aber um so weniger Rücksicht, als selbst diese Blüte der Poesie nur der Nachklang einer frühern, vorweltlichen, mastodontisch-ichthyosaurischen sein sollte. Da schon Hegel die Geltung des Talentes in Zweifel gezogen hatte und es dem unbegabten Pedanten zu Paß kam, das Vorrecht der Begabung abzuleugnen, so träumte man von Gedichten ohne Dichter. Man ließ die Epen aus Volksliedern entstehen, die wer immer aus dem Pöbel gemacht und nur irgend ein mittelhochdeutscher Pedant auf gut Glück zusammengesetzt hatte. Auf diese Art fand sich die ganze Nation zu Dichtern erhoben und kraft der Volkspoesie war kein Grund, warum nicht jeder poetische Schmierer unserer Tage sich als ein Vorarbeiter für künftige Iliaden oder Odysseen betrachten sollte.

Diese Ansicht fand um so mehr Beifall, als während der letzten Jahrzehnte in Deutschland wie in ganz Europa das Talent sich selten gemacht hatte, ja in Deutschland, wo bei dem immerwährenden Zersprechen und Vermitteln jede Konzentration des Gemütes unmöglich geworden war, ganz abhanden kam. Was an bildender Kraft abging, sollte durch den Inhalt ersetzt werden, und da es den matten Seelen an jeder Eigentümlichkeit fehlte, wurde dieser Inhalt unmittelbar von der Straße genommen.

Dieser von der Straße genommene Inhalt, indem er für das Vergangene das Phantom der Volkspoesie erzeugte, brachte für die Gegenwart die politische Poesie hervor.

2.

Nicht leicht ist die Geschichte je in so hohem Ansehen gestanden, als bei den neuesten Deutschen. Und mit Recht. Die Naturwissenschaften beiseite gesetzt, und solange es keine Philosophie gibt, ist die Geschichte die Lehrerin des Menschengeschlechtes. Freilich ist ihr Nutzen großenteils ein negativer. Sie zeigt uns den Hochmut, den Eigennutz, die Leidenschaften, die Irrtümer, die von jeher an den Geschicken der Welt gerüttelt haben, und lehrt, sich davor zu hüten; aber eben dadurch wird ihr Nutzen auch positiv, denn wenn man erst alle falschen Wege bezeichnet hat, fände man wohl auch den rechten. Wer eine solche Ansicht des Menschengetriebes für zu dunkel hielte und dagegen die unleugbaren Fortschritte der Welt zum Bessern anführte, mag in Bezug auf das Trübe der Ansicht unsere Zeit und die nächstverflossene betrachten; was aber den Fortschritt betrifft, nicht vergessen, daß einzelne ausgezeichnete Männer der That, des Wissens und der Kunst allerdings wie Leuchttürme ihr Licht auf ganze Generationen und Epochen geworfen haben; andererseits aber den glücklichen Umstand in Anschlag bringen, daß das Gute und Rechte, abgesehen von ihrem innern Wert, auch noch den äußern haben, daß sie der Nutzen aller, gegenüber dem Eigennutz des einzelnen, sind, so daß jeder Gewinn- und Ehrsüchtige im großen das ganze Menschengeschlecht gewissermaßen aus dem nämlichen Motiv gegen sich hat, und der gewaltthätige Frevler zuletzt nicht sowohl besiegt als erdrückt wird.

Wenn man nun aber der neudeutschen Verehrung der Geschichte näher nachforscht und, wie in einem Kaufladen, außer der Aufschrift auf der Büchse, in die Büchse selber hinein sieht, so wird die Freude über jene Wertschätzung sehr vermindert. Da ist denn die Geschichte der sich selbst realisierende Begriff, und noch dazu mit nachweisbarer Notwendigkeit und zu immerwährendem Fortschritt. Hier hört auf einmal der praktische Nutzen der Geschichte auf, und sie bekommt dafür einen theoretischen Heiligenschein. Sie ist das Wandeln Gottes auf der Erde, welcher Gott aber seinerseits durch die Geschichte erst gemacht wird. Die Vergangenheit zu erforschen, wäre ein Geschäft für die Schwachköpfe, die nicht die Gabe haben, sie aus der Gegenwart zu deduzieren, und der Geschichtschreiber hätte sich vielmehr an die Zukunft zu wenden, um sie, gleichfalls mit Notwendigkeit, im voraus zu bestimmen. Man sage nicht, daß diese Ansichten einer halbverrückten Philosophie unserer wirklichen Geschichtschreibung aufgedrungen seien; in den Werken unserer ausgezeichnetsten Historiker finden sich Spuren davon und werden diese Werke, trotz ihrer Vorzüge, einer aus der Trunkenheit erwachten Nachwelt geradezu ungenießbar machen. Warum ich von dieser Verirrung der Geschichte spreche, ist, weil sie ihren Einfluß auch auf die Litterargeschichte ausgeübt hat, von der ich eben sprechen will.

Zwischen dieser, der Litterargeschichte und der Menschen- oder Völkergeschichte, zeigt sich nun gleich von vornherein ein ungeheurer Unterschied, der nicht nur ihren Gegenstand, sondern auch ihren Wert und Nutzen betrifft. Die Begebenheiten der Völkergeschichte sind vergangen, und sie zu erforschen und richtig zu stellen, ist die Hauptaufgabe des Historikers; die Begebenheiten der Litterargeschichte, die Werke der Schriftsteller sind noch heute da, wie vor Jahrhunderten, ja vor einem Jahrtausend. Homer und Shakespeare stehen vor mir auf meinem Pulte, und ich kann jeden Augenblick sie mir vergegenwärtigen, nicht bloß die Nachricht von ihnen, sie selbst, als ob ich mit ihnen zugleich lebte. Die Zeit- und Ortsverhältnisse, in denen sie sich befanden, sind allerdings wichtig zum Verständnis ihrer Werke, aber das leistet die Völkergeschichte, und es braucht dazu keine weitere Beihilfe. Biographische Nachrichten erläutern manches, vor allem die Mängel der Schriftsteller; die Welt lebt aber von ihren Vorzügen. An dem Schriftsteller mehr Anteil zu nehmen als an seinen Schriften ist eine sentimental-verhätschelnde Manier, die nur dazu dient, verunglückte Halbgenies mit dem Troste zu erquicken, was sie alles Erstaunliches geleistet hätten, wenn Zeit und Umstände ihnen günstig gewesen wären.

Wenn auf diese Art die eigentlichen Fakten der Litterargeschichte, die Werke der bedeutenden Schriftsteller, jedermann ohnehin zugänglich sind, so bliebe ihr als Historie nichts übrig, als von den Unbedeutenden zu sprechen. Die mögen aber nur unbekannt bleiben. In der politischen Geschichte ist das Volk oder (wenn ich die Besten weggenommen habe) der Pöbel nicht ohne Bedeutung; er fügt den Unternehmungen der hervorragenden Männer die physische Kraft bei; in der Litteratur ist der Schriftstellerpöbel nur da, um durch Nachahmung das Gute zu entstellen und dem Schlechten eine längere Dauer zu geben: mit Ausnahme der Zeiten, die von Originalität und Genialität träumen, wo derlei Subjekte Albernheiten auf eigene Faust treiben.

Man könnte mir einwenden, daß die Litterargeschichte wenigstens für jenen Teil des Publikums ihren Wert behalte, der, andern Beschäftigungen hingegeben, nicht Zeit und Gelegenheit hat, von den Werken ausgezeichneter Schriftsteller selbst Kenntnis zu nehmen, sowie daß für dasselbe Publikum, ja für einen Teil der die Litteratur ex professo treibenden Personen, das richtige Verständnis jener Werke mitunter schwierig sei und daher eine Nachhilfe nötig mache. Aber nebstdem, daß letzteres schon aus dem Felde der Geschichte in das der Kritik übergeht, spare ich mir die Besprechung dieser beiden Punkte für den weiteren Verfolg auf.

Mit alledem will ich nicht von der Litterargeschichte übel gesprochen haben. Sie hat mir selbst zu viel Vergnügen gemacht, als daß ich es nicht dankbar erkennen sollte. Der Mensch will alles wissen; er soll über alles denken. Außer der Wißbegierde (ich nenne so, wenn man etwas missen will, was innern oder äußern Nutzen gewährt) gibt es auch eine erlaubte, ja löbliche Neugier, die vor allem den geistreichen Menschen befällt und unabläßlich nach Befriedigung strebt. Ich eifere nur gegen den in neuerer Zeit prätendierten Nutzen der Litterargeschichte selbst für die praktische weitere Fortbildung der Litteraturzweige und zähle sie vielmehr jenen mitunter gefährlichen Bestrebungen zu, die, indes sie einerseits die Masse der oberflächlichen Kenntnisse, will sagen: Notizen, vermehren, auf der andern Seite den Gesichtskreis ins Unermeßliche erweitern, so daß endlich jene innere Konzentration immer schwieriger wird, ohne die eine That oder ein Werk nicht möglich ist. Im Mangel dieser Konzentration liegt aber der Fluch unserer Zeit.

Wie wenig gering ich von der Litterargeschichte denke, zeigt schon die Überschrift dieser Blätter. Ich habe nämlich versprochen, nicht über, sondern zur Litterargeschichte zu sprechen, also einen Teil Geschichte selbst und zwar, wie ich mich jetzt näher erkläre, zur Litterargeschichte der Gegenwart. Daß ich hierbei, nach der Natur meiner eigenen Beschäftigungen, vor allem die Poesie im Auge habe, wird wohl jedermann schon von vornherein vermutet haben. Ich werde hierbei keine Werke beurteilen oder Namen nennen; mir ist es um das Ganze der Erscheinung und ihre Gründe zu thun. Wenn ich hierdurch in den Tadel verfalle, den ich kurz vorher über jene ausgesprochen habe, die aus dem Boden der Geschichte gar zu gern in den der Kritik übergehen, so bleibt allerdings wahr, daß, wer die Geduld hat, all das Mittelmäßige und Schlechte zu lesen, das der Historiker als solcher sich nicht ersparen kann, wohl kaum je die Gabe haben wird, ein berechtigtes Kunsturteil zu fällen, indes der künstlerisch Begabte nie den Ekel überwinden wird, den eine solche nichtssagende Lektüre mit sich führt. Ein Dichter aber, und ein solcher schmeichle ich mir zu sein, dürfte wohl, mit Vernachlässigung des Einzelnen, seine Meinung über den allgemeinen Standpunkt abgeben dürfen.

Eigentlich ist Geschichte der Gegenwart ein Widerspruch. Die Gegenwart ist ein Augenblick, ein Jetzt, das im nächsten Augenblick in die Zukunft übergeht, von der wir nichts wissen, andererseits aber sich an die nächste Vergangenheit knüpft, die man wohl unter dem Namen der Gegenwart auf ein sogenanntes Menschenalter ausdehnen kann: soweit die Jetztlebenden sich zurückerinnern, und zwar um so mehr, wenn dieser Zeitverlauf zugleich einen Wendepunkt in sich schließt, wo er denn zur Epoche wird. Ein solcher Wendepunkt hat nun in der deutschen Poesie allerdings stattgefunden, und er dürfte so ziemlich mit Schillers Tode zusammentreffen; der große Goethe hat ihn zwar um viele Jahre überlebt; aber an der Poesie zuletzt fast nur durch den Wechselverkehr mit seinem Freunde festgehalten, gab er sich von da an immer mehr und mehr den Naturwissenschaften hin, und seine spätern poetischen Erzeugnisse haben, bei diesem geteilten Interesse, dem Verfalle der Poesie eher Thür und Thor geöffnet, als ihr einen wirksamen Damm entgegengesetzt. Hiervon, so frevelhaft es klingen mag, vielleicht später mehr.

Die erste Erscheinung dieser neuen Epoche: die Abnahme des Talents, mit einem immer sich mehrenden Beischmack von Talentlosigkeit, darf uns, was die bloße Abnahme betrifft, weder wundern noch beschämen. Die unmittelbar vorausgegangene Periode war eben das goldene Zeitalter der deutschen Poesie, ja der deutschen Litteratur überhaupt. Alle Litteraturen haben solche Glanzperioden, deren Gründe zum Teil erklärbar, teils so unerklärlich sind, als alle Erscheinungen der geistigen und körperlichen Natur. Nach einigen anregenden Vorläufern erscheinen ein, gewöhnlich aber zwei große Dichter, welche die Poesie mit einem Ruck auf eine bis dahin nicht geahnete Stufe erheben. Die Nation fühlt sich auf den neuen Weg hingewiesen, die Sprache gewinnt Farbe und Gestalt; Gleichgestimmte werden sich ihrer dunkeln Begabung bewußt; die der allgemeinen Richtung Widerstrebenden werden durch die Gewalt des Mittelpunktes zu einer gewissen Konzentrizität gezwungen. Selbst das Mittelmäßige arbeitet sich zur Angemessenheit und Brauchbarkeit empor. So weit ist alles erklärlich. Aber die große Masse und Bedeutendheit der Talente auf einem Punkt, verglichen mit der frühern Dürre und der darauffolgenden spätern, obgleich den Nachgekommenen das Beispiel der großen Männer mit den Gleichlebenden gemeinschaftlich ist: darin liegt das Rätselhafte der Sache.

Diese Glanzperioden haben nämlich für die nächste Zukunft etwas Gefährliches, Nationen von Geschmack und gesundem Urteil sind von der Vortrefflichkeit des Vorhergegangenen so durchdrungen, daß sie in der genauen Nachahmung das einzige Heil sehen und so allgemach in leeren Formalismus geraten, indes Völker, denen jene Eigenschaften im mindern Grade eigen sind, meinen, das Vortreffliche zu haben, das sie nur besitzen, und sich gedrungen fühlen, darüber hinauszugehen. Fortschreiten nennt man es. Unsere Landesgenossen haben diesen letztern Weg erwählt. Wie es kam, lohnt der Mühe betrachtet zu werden.

Die Deutschen waren von dem Zeitpunkte an, als die Faust aufhörte, den Wert zu bestimmen, die bescheidenste Nation der Erde. Aus ihrer politischen Bedeutung herabgesunken, von ihren Nachbarn, nicht an löblichen Eigenschaften, wohl aber an Macht, Glanz und Bildung übertroffen, fiel es ihnen nicht ein, von sich selbst groß zu denken. Sie hatten bereits eine große Litteratur, und sie maßten sich noch keiner Ueberhebung, ja kaum einer Vergleichung an. Wenn Goethe den oft wiederholten Ausspruch that: »nur die Lumpe seien bescheiden,« so fühlte ganz Deutschland, erstens, daß es dem alten Herrn selbst nicht geschadet hätte, wenn er etwas bescheidener gewesen wäre; dann, daß er dabei wohl nur gemeint habe, wie er eben nicht Lust empfinde, gegen irgend einen seiner Zeitgenossen demütig zu sein; worin er ganz recht hatte. Selbst die Vormänner der Litteratur waren sich bewußt, als die Letztgekommenen, sich an fremden Mustern herangebildet zu haben, und sie schämten sich weder ihrer Lehrlingschaft, noch verleugneten sie ihre Lehrer. Die Anmaßungen der Schlegel, die Selbstüberhebung der nachkantischen Philosophen hielten sich im Kreis der Schule, und die Nation blieb bescheiden wie vorher. Es fehlte nämlich, was auch den einzelnen über sich selbst aufklärt: die fremde Anerkennung.

Diese Anerkennung wurde Deutschland durch das Werk der Madame Staël de l'Allemagne zu teil. Obwohl sie selbst ihren Gegenstand größtenteils nur aus fremder Zurichtung kannte und bei ihrem Lob, wie ihr Vorgänger Tacitus, nach einer andern Seite aggressive Hintergedanken im Sinne hatte, so hob sich doch durch die Darstellung der geistreichen Frau, in der Weltsprache geschrieben, das litterarische Deutschland wie eine neu entdeckte Insel aus dem Weltmeere der Jahrhunderte empor. Das Ueberraschende des Eindrucks, dort, wo man nichts als Leere vermutet hatte, eine vollständige und bedeutende Litteratur zu erblicken, dazu der Umstand, daß die übrigen Litteraturen Europas eben damals gar nichts hatten und die deutsche, als von gestern, der Empfindungs- und Anschauungsweise von heute am gemäßesten entgegenkam, wirkte magisch, und der Lichtglanz nach außen verklärte, zurückgeworfen, das Land. Hierbei ging es freilich wie mit der gerühmten Weisheit der alten Aegyptier; man lobte, was man nicht kannte. Ueberhaupt hat die deutsche Litteratur, unbeschadet ihrer Vorzüge für den, der sie kennt, etwas ungemein Bestechendes für den, der sie aus der Entfernung betrachtet. Das kommt von der Vermischung der Gattungen. Man mengt die Philosophie in die Poesie, und dafür wieder letztere in jene. Naturwissenschaft und Geschichte strotzen von sogenannten Ideen, die in ihrer Halbwahrheit überraschen. Dadurch werden die Umkreise ins Ungeheure ausgedehnt, und man muß scharf hinsehen, um zu bemerken, daß die Mitte häufig leer ist.

In dieser Geistesstimmung fanden uns die Befreiungskriege, die den kulturhistorischen Abschluß der früheren Litteraturperiode bilden, wie Schillers Tod den litterarischen. Deutschland hatte damals seine Schuldigkeit gethan und wohl auch mehr. Die Unabhängigkeit der deutschen Gauen war errungen. Sie hatten, und zwar, wie sie gütigst voraussetzten – allein – den Helden des Jahrhunderts besiegt, nicht auf Geheiß ihrer Fürsten, sondern gewissermaßen selbst gegen den Willen derselben, aus eigenem Antrieb, freiwillig, durch Volksmacht. Ein neues tausendjähriges Reich von Freiheit, Ruhm und Größe schien angebrochen. Wer alt genug ist, um sich jener Zeit, als ein damals schon Gereifter, lebhaft zu erinnern, wird sich leicht die Ungeheuerlichkeiten vergegenwärtigen, die das erwachte Nationalgefühl an das Licht der Sonne brachte.

Augenblicklich wirkte das noch nicht auf die Litteratur. Die Schlachtensänger der Zeit hielten sich so ziemlich in den Fußstapfen Schillers, und Goethe, obgleich politisch bemakelt, blieb der Abgott der Nation.

Unglücklicherweise mußte aber der außerordentliche Mann selbst dem Verderbnis in die Hand arbeiten. Einerseits erging es ihm wie jedem, der widerstrebt; indem er sich nicht fortreißen lassen will, nähert er sich unwillkürlich der entgegengesetzten Seite mehr als billig. Mit Ausnahme Lord Byrons (wo denn der Engländer und der Lord auch mit in Rechnung kommen) widmete er seine Anerkennung nur dem Wirkungslosen, Abgeschwächtruhigen. Trotz seiner anderweitigen Beschäftigungen konnte er doch nicht unterlassen, sich von Zeit zu Zeit poetisch auszukünden, was aber so nebelhaft, abstrus und matt geriet, daß nur eine alte Garde von Hochgebildeten den Einbruch der Barbaren in sein Feldlager mühsam abhielt. Ich habe mich in dem Bisherigen so ziemlich als ein Freund des Alten dargestellt; demungeachtet aber muß ich bekennen, daß der Dalai-Lama-dienst der damaligen Goetheaner nicht so absurd, aber bedeutend abgeschmackter war, als die Burschikosität unserer heutigen Feuer- und Wassermänner.

Da geschah etwas, was der Urteilsfähigkeit der deutschen Nation auf ewig zur Schande gereichen wird. Ein obskurer Skribler schrieb falsche Wanderjahre, in denen er Goethe offen angriff, und mit einem Schlage, sozusagen über Nacht, fielen zwei Dritteile Deutschlands von dem für alle Zeiten ehrfurchtgebietenden Großmeister ihrer Litteratur ab. Es wurde offenbar, daß, mit Ausnahme seiner Jugendwerke, Goethes übriges Wirken der Nation fremd geblieben und seine Verehrung nichts als Nachbeterei war.

Die entstandene Bresche stürmte das junge Deutschland. Die Masse war froh, auf die frühern Nebelbilder und Schauessen wenigstens etwas Substantielles zwischen die Zähne zu bekommen, und die Verwilderung machte reißende Fortschritte.

Vielleicht wäre bei der sehr geringen Begabung der damals thätigen Geister die Wirkung nur eine vorübergehende gewesen, wenn nicht zwei andere Faktoren thätigst mitgewirkt hätten: die seit den Befreiungskriegen immer fortwuchernden politischen und Freiheitsideen, dann und vor allem: die Hegelsche Philosophie.

Die erstern machten es jedem Tropf möglich, den Anteil des Publikums zu gewinnen, wenn er nur gegen die Gewalt ankämpfte, den Fürsten bittere Wahrheiten sagte und alles Heil vom Volke, will sagen: von seinen Lesern erwartete. Ja, diese Ideen wirkten nach einer zweifachen Seite. Selbst die Dichter wurden besser, als sie waren, wenn sie, beim Mangel eigener Begeisterung, sich an der allgemeinen begeisterten. Wie einer sich am Ofen wärmt, wenn ihm die eigene Wärme ausgeht, oder die Bauernbursche und Mägde, die sonst kein Wort zu sagen wissen, witzig, ja in ihrer Art geistreich werden, wenn das Gespräch auf versteckte Zweideutigkeiten und Unanständigkeiten fällt. Vielen dieser politischen Gedichte kann man eine gewisse Anerkennung nicht versagen, indes die Verfasser, als ihnen das Handwerk in dieser Richtung gelegt wurde, entweder ganz verstummten oder über keinen andern gedenkbaren Gegenstand etwas nur Leidliches vorzubringen wußten.

Es ist hier nicht der Ort, und ich bin wohl auch nicht im stande, die Hegelsche Philosophie philosophisch abzuschätzen, was übrigens auch nicht notwendig sein dürfte, da sie ihre Geltung bei allen Vernünftigen bereits verloren zu haben scheint. Mir ist nur um ihren Einfluß auf die übrige Litteratur zu thun. Und der war nun: der maßloseste Eigendünkel. Was Wunder auch? Die Natur war durchsichtig geworden, die Schlüssel zu allen Rätseln der Welt waren gefunden. Gott war nur noch ein Rattenkönig aus Menschen, oder vielmehr er war ein Deutscher, da die Deutschen ihn nach ihrem Ebenbilde geschaffen, indem sie ihn demonstrierten und allein begriffen. Da die Entwicklung des objektiven Begriffes den immerwährenden Fortschritt notwendig in sich schloß, so konnten die Mitlebenden nicht zweifeln, ihren Vorgängern unendlich überlegen zu sein, wenn nicht an Talent, doch durch die Höhe des Standpunkts, auf den alles ankam. Wir haben erlebt, daß bei einer Schillerfeier der große Mann entschuldigt wurde, daß er sich mit der Ausschmückung von romantischen Albernheiten befaßt habe, aber daran trage seine Zeit die Schuld, und nicht er. Wenn Goethe bei den Wortführern in großer Achtung blieb, so verdankte er es weniger seinen Vorzügen, als seinen Fehlern, worunter eine gewisse Gleichgültigkeit gegen Recht und Unrecht gehört, so daß das Moralische dem Thatsächlichen untergeordnet wird.

Ueber ihren Mangel an Talent trösteten sie sich damit, daß unsere Zeit eine Uebergangsperiode sei, und ihr Augenmerk ging besonders auf die Zukunft, der sie die Richtung vorzeichneten und den Weg pflasterten. Daß auf diesem Wege das Außerordentliche kommen müsse, zweifelten sie keinen Augenblick. Ich erinnere mich hierbei eines politischen Zeitungsschreibers aus dem Jahre 1848, der sich wunderte, daß die allgemeine Revolution noch keinen großen Mann hervorgebracht habe, indes doch die Revolutionen die großen Männer auf die Oberfläche brächten; was auch allerdings wahr ist, wenn nämlich eben große Männer wirklich vorhanden sind.

Dieser Eigendünkel und die damit zusammenhängende Geistesverwirrung schien durch nichts mehr gesteigert werden zu können, und doch geschah es von einer entgegengesetzten Seite, und zwar durch einen Wissenszweig, der für jeden Deutschen höchst interessant wäre, und für den er sich den Urhebern zu wahrem Danke verpflichtet fühlen muß, nur daß die eingerissene Übertreibung und Nachbeterei auch hier dem an sich Erfreulichen den Samen des Schädlichen beizumischen verstand. Ich meine die deutsche Sprach- und Altertumswissenschaft. Es fand sich auf einmal, daß die deutsche Nation eine urpoetische sei, obgleich die aufgefundenen Gedichte, mit Ausnahme des rätselhaften Nibelungenliedes, den fremden Ursprung eingeständlich und offen an der Stirn trugen. Man postulierte antediluvianische, mastodontisch-ichthyosaurische Volksepen oder doch Fragmente derselben, die nur ein mittelhochdeutscher Pedant zusammengesetzt und so das Außerordentliche auf mechanischem Wege hervorgebracht hatte. Die Volkslieder, die niemand gemacht hatte, wurden der rohen Masse in die Schuhe geschoben, und man bedurfte von nun an nur das Volk und ein paar Pedanten, um jede poetische Begabung überflüssig zu machen.

Es teilten sich demzufolge die Dichter in mehrere Richtungen. Die Ideendichter, die irgend einem halb verrückten Satze einen ganz ausgerenkten und verkrüppelten Körper anzupassen strebten; die Altertümelnden und Volkstondichter, und endlich die Dichter des Wirklichwahren, die nämlich ihre eigenen lumpigen Zustände für so bedeutend hielten, daß sie dieselben von Mund auf in den Himmel der Poesie einzubürgern hofften.

Ich habe früher von der Talentlosigkeit unserer Zeit gesprochen. Damit meinte ich keinen gänzlichen Abgang des Talentes. Eine solche Zeit war nie und wird nie sein. Es gibt aber auch eine Talentlosigkeit, die dadurch entsteht, daß man sich Aufgaben stellt, zu deren Ausführung die Kräfte bei weitem nicht zureichen, und endlich noch eine andere durch die Befolgung ganz falscher Grundsätze. Die richtigen Grundsätze, oder mit andern Worten: die wahre Aesthetik, wenn es je eine solche gibt, ist ziemlich gleichgültig. Die richtigen Grundsätze sind mehr oder weniger unbewußt im Talente selbst enthalten, wie im gesunden Menschenverstande die Logik und in der Rechtschaffenheit die Moral. Wie man denn schon früher bemerkt und oft wiederholt hat, daß die großen Dichter da waren, ehe es eine Aesthetik gab. Wenn auf diese Art die wahre Aesthetik entbehrlich und für jeden Fall durch das Studium der großen Vorbilder zu ersetzen wäre, so ist dafür eine falsche Aesthetik geradezu verderblich, indem sie in ihrer aus allen Fächern des Wissens zusammengestoppelten Rüstung der Waffenlosigkeit der Anschauung weit überlegen ist und, indem sie Worte und Begriffe gebraucht, die auf einem andern Felde Wert, ja Würde haben, die Produktion an sich selber irre macht und einem falschen Standpunkte zutreibt. Auf einem falschen Standpunkte aber erlahmt jedes Wirken.

In dieses traurige Geschäft, das in früherer Zeit die Kunstphilosophen betrieben, traten nun, infolge der gestiegenen Wertschätzung der Geschichte, die Kunsthistoriker ein. Mitunter ganz gescheite, ohnehin höchst unterrichtete Leute, hatten sie nur einen Fehler, den nämlich, daß sie von ihrem Gegenstande nichts verstanden, daß sie gar nicht wußten, was Poesie allenfalls sein dürfte. Außer dem lächerlichen Streben, die aufeinanderfolgenden Erscheinungen der Litteratur mit Notwendigkeit auseinander abzuleiten, war es ihnen hauptsächlich um die Fällung eigener Kunsturteile zu thun, wobei sie den künstlerischen Standpunkt in einem fort mit dem kulturhistorischen vermischten und der Poesie Zwecke andichteten, die allerdings die höchsten Aufgaben der Prosa sind. Ein guter Bürger und tüchtiger Landmann muß man sein, und nicht mit der Phantasie sich auf den Standpunkt eines solchen versetzen. Die politische und bürgerliche Freiheit ist ein schönes Ding, aber die Wege dazu müssen mit dem Verstande erwogen und angebahnt werden, und nicht mit dem poetischen Hallo. Exempla sunt odiosa.

Aber soll denn die Litterargeschichte bloß Fakten geben und die Urteile ganz ausschließen? Keineswegs, sie soll sie geben; aber als Geschichte, historisch. Es ist interessant, zu wissen, wie die Mitlebenden über einen Dichter geurteilt haben, in welcher Geltung er bei der darauffolgenden Zeit gestanden, und wie die berufenen Geister heutzutage über ihn urteilen. Es ist interessant, zu wissen, daß die Academia della Crusca Tassos befreites Jerusalem verwarf, was den Verfasser veranlaßte, es umzuarbeiten, d.h. zu verschlechtern, so daß man später die Verbesserung wegwarf und das ursprünglich Verworfene bewundert. Es ist interessant, zu wissen, daß Shakespeare unmittelbar nach seinem Tode von Beaumont und Fletcher verdrängt wurde und er vergessen blieb, bis anderthalb Jahrhunderte später ein Schauspieler ihn wieder zu Ehren brachte. Selbsturteilen sollen nur Sachkundige, und das ist man nicht, wenn man weiß oder wohl auch lebhaft fühlt, daß Schiller und Goethe große Dichter sind und Lessing ein vortrefflicher Kopf war.

Wenn auf diese Art die Nachhilfe zum bessern Verständnis der Litteratur wegfällt, so ist der zweite Vorteil der Litterargeschichte, daß dadurch die Sommitäten der Litteratur aller Zeiten und Völker dem Lesepublikum bekannt werden, noch viel problematischer. Vielleicht waren die Dichter früherer Zeiten nur darum um so viel besser als die heutigen, weil sie, mit Ausnahme der Klassiker, die fremden Litteraturen gar nicht kannten. Ich spreche hier nicht von den Wissenschaften, sondern von der Poesie. Ein Dichter muß seine eigene Empfindung aussprechen, und das Publikum ihn ebenso mit der eigenen genießen. So lächerlich es ist, wenn man in eine vorgeschrittene und gewissermaßen fertige Litteratur die Nationalität hinterher einführen will, ebenso gewiß ist, daß nur jene Litteraturen Kraft und eigentliche Geistesfrische zeigen, die vom nationellen Standpunkte angefangen haben. Mit Abstraktion, d.h. von einem fremden Standpunkte aus, zu genießen, ist ein trauriges Vorrecht der Litteratoren selbst, traurig, weil sie an ihrer wahren Empfindung als Menschen häufig ebensoviel einbüßen, als sie an der Erweiterung ihrer Empfindungsfähigkeit als Litteratoren gewinnen. Es ist schon die Übersetzung fremder Dichter, besonders wenn ihre Formen sehr künstlich sind und man sie möglichst genau übersetzen will, ein halbes Unglück. Die in einer solchen Uebersetzung kaum zu vermeidenden verrenkten Redensarten und das daraus entstehende Wortgepolter erzeugen bei den der Originalsprache Unkundigen die Meinung, die Dichter selbst hätten sich auf eine so ungeschickte und verworrene Art ausgedrückt, was in der Nachahmung dieser Vorbilder die schauerlichsten Wirkungen hervorbringt. Vielleicht ist unsere poetische Sprache hauptsächlich durch solche wortgetreue Übersetzungen verdorben worden. Nun erst die Darstellungen, Inhaltsangaben und Lobpreisungen der Litterarhistoriker, die von dem, was für den Geschmack bestimmt ist, höchstens den Geruch geben.

Die traurigste Wirkung ist aber die auf das Publikum, für das man die Größen der Litteratur zum Gesprächsstoffe macht, und dem die ausgezeichneten Geister, zu deren Hervorbringung die Natur Jahrhunderte, ja Jahrtausende gebraucht hat, in die Nähe von Wandnachbarn gebracht werden, von welcher unmittelbaren Nähe sie denn allenfalls in der eigenen Beurteilung ihrer Zeitgenossen Gebrauch machen und meinen: das oder jenes hätte Shakespeare besser gemacht oder Aeschylus wahrscheinlich tiefer aufgefaßt.

In Deutschland ist der Wert des Publikums nie genug erkannt worden. Schiller und Goethe haben an kleinen Orten gelebt und daher den Eindruck dieser großartigen Erscheinung nie empfunden, weshalb sie auch von der unberufenen Menge abschätziger sprechen, als billig. Für seine Gedanken und Intentionen muß der Dichter selbst einstehen, ob er aber mit der Darstellung die allgemeine Menschennatur getroffen, kann er nur vom Publikum erfahren. Dieses ist nicht ein gesetzkundiger Richter, wohl aber eine Jury, die ihr Schuldig oder Nichtschuldig nach gesundem Menschenverstande und natürlicher Empfindung ausspricht. Was diese Natürlichkeit und Unbefangenheit stört, hebt den ganzen Wert des Publikums auf. Wenn Gefallen oder Nichtgefallen kein Grund mehr der Billigung oder Mißbilligung ist, wenn statt dem Zeugnis des eigenen Innern das Publikum nachgebetete Meinungen und fertige Phrasen in Bereitschaft hat, dann taumelt die Litteratur, Richter und Partei zugleich, schrankenlos jeder Uebertreibung und Abgeschmacktheit zu.

Uebrigens ist dieser Mißbrauch der Litterargeschichte keine vereinzelte Erscheinung, sondern fällt mit der Popularisierung der Wissenschaften, den physiologischen, odischen und metaphysisch-theologischen Briefen in unsern Zeitungsblättern, kurz zu sagen: mit jener Vielwisserei zusammen, die schon unter Voraussetzung einer wahren Bildung gefährlich, bei einer falschen aber geradezu verderblich ist.

Es wäre noch viel zu sagen, aber um Ihre Geduld, vor allem aber meine nicht noch auf eine härtere Probe zu setzen, will ich mit einer Bemerkung schließen.

Einer unserer geachtetsten Literarhistoriker meint: nachdem Goethe die deutsche Poesie auf den höchst denkbaren Standpunkt gebracht, sollten die deutschen Dichter nun fünfzig Jahre lang schweigen. Vielleicht wäre der Verlust dabei nicht groß. Aber der gelehrte Mann sollte aus seinem eigenen Beispiele merken, wie schwer es ist zu schweigen, selbst über Dinge, von denen man gar nichts versteht. Ich meinerseits möchte einen Gegenvorschlag machen. Wie, wenn sämtliche Kunstphilosophen, Kunstkritiker und Kunsthistoriker fünfzig Jahre lang das Maul hielten. Ich zweifle keinen Augenblick, daß das Talent, an dem es in Deutschland nie gefehlt hat, sich auf die erfreulichste Art wieder Bahn brechen würde.

(1838.)

Die gegenwärtige litterarische Epoche mag als Uebergangsperiode allerdings ihren Wert haben, gleichsam als Dünger einer künftigen Vegetation; wer aber den Dünger selbst schon für Rosen hält, ist doch ein hinlänglicher Narr.

(1819.)

Die langsame, schwerfällige Raupe der deutschen Litteratur hat sich entpuppt und ist ein bunter Tagfalter geworden, der lustig unter den grünenden glänzenden Blättern des Tages sein Wesen treibt. Aber die Sonne nähert sich schon dem Horizont und der Abend bricht herein.

(1819.)

Die neue Poesie und Philosophie gibt ihr Geld zu hundert Prozent in die Mississippibank auf Gewinn in einer neuen Welt; ich lege das meine lieber in die Bank von Old-England, nur zu fünf vom Hundert, aber sicher.

(1819.)

Die allwissenden Schlegels machen das Plastische in den Dichtungen der Alten von ihrer Religion abhängig und finden den Grund des Romantischen im Christentum; vielleicht thäten sie besser, diesen Unterschied in der Meisterschaft zu suchen. Man vergleiche die drei Heiden und Epopöen-Dichter: Homer, Virgil, Valerius Flaccus. Wie ist der erste durchaus objektiv, der zweite, bei gleichen Religionsgrundsätzen schon zu größerer Subjektivität sich hinneigend (Empfindungen gebend, wo er keine Charaktere und Anschauungen zu geben vermag). Die Argonautika des Valerius Flaccus könnte, ohne darum die einzelnen großen Schönheiten zu leugnen, ein gräcisierender neuerer Dichter geschrieben haben. So auch Apollonius Rhodius, obwohl der noch mehr eine Mitte hält und sich durch Starrheit der alten Gediegenheit zu nähern suchte. –

Daß das Christentum mit seinen Nebelbildern und schwankenden Umrissen die Ausbreitung der Romantik sehr befördert habe, ist übrigens nicht zu leugnen.

(1819.)

Die wunderliche Richtung des neuesten Kunstgeschmackes in Deutschland läßt sich sehr einfach erklären aus dem Zusammentreffen zweier Thatsachen: historische, ja analytisch-wissenschaftliche Kenntnis des vor uns gewesenen Vortrefflichen in der Kunst, verbunden mit eigener Impotenz. Die Tonangeber unter uns sind, was Jean Paul weibliche Genies nennt. Da fehlt es weder an Empfänglichkeit noch Liebe für das Schöne, aber an Kraft, es zu gestalten und außer sich hinzustellen. Da nun aber diese Kraftlosigkeit sich nicht leicht jemand selbst gesteht, so suchen sie den Grund des Nichtgelingens, statt in sich, immer in dem Abgang gewisser äußerer Bedingungen, die einmal dagewesen sein sollen und jetzt nicht mehr sind. Die Religion, meinen sie, habe die dramatischen Meisterwerke der Griechen und Spanier hervorgebracht, und gegenwärtig hat man keine Religion – folglich auch keine Meisterwerke. Ebendaher kommt der gegenwärtig vorwaltende Hang zum sogenannten Romantischen, zu jenem Ahnen, Sehnen und übersinnlichen Schauen, für das es in der Natur überall kein Gegenbild gibt. Alle großen Meister aller Zeiten von Shakespeare und Milton bis Goethe waren mehr oder weniger plastisch, weil eben dieses plastische, gesonderte Hinstellen mit scharfen Konturen, als das Schwerste in der Kunst, nur dem kräftigen Meister gelingt und deshalb auch seines Strebens Hauptziel ist. Die Formlosigkeit, welche ein Hauptingrediens der sogenannten Romantik ist, war von jeher ein Zeichen eines schwachen, kränkelnden Geistes, der sich selbst und seinen Stoff zu beherrschen nicht vermag. – Was heißt denn eigentlich der Ausdruck: romantisch? Soll er auf jenen Charakter hindeuten, den die neuere Kunst durch das Christentum erhielt, das, den menschlichen Willen einem höhern unterordnend, die Versenkung des erstern in den letztern als höchstes Ziel des Strebens aufstellt und mit Vernichtung des Leiblichen, als eines von Anfang Schlimmen, ewig Vergeistigung predigt, so weiß ich nicht, wie man Shakespeare einen romantischen Dichter nennen kann. Oder zielt man damit – besonders im Dramatischen – auf die erweiterte Form, so macht man damit, ungerechnet alle Kunstgründe, die dagegen sprechen, die rohen Verfasser der geistlosen Moralitäten des Mittelalters zu Gründern einer neuen Kunstnorm im Gegensatz mit Aeschylus und Sophokles; denn daß Shakespeare und Calderon die Gattung, in der sie schrieben, nicht schufen, sondern nur veredelten durch die Bedeutung, die sie dem vorher Unbedeutenden gaben, zeigt ein flüchtiger Blick auf die Geschichte des Theaters vor ihnen. Dasselbe gilt von der Mischung des Ernsten und Komischen in den Werken dieser Meister. – Was folgt nun daraus? Daß die romantische Gattung schlecht und verwerflich sei? – Daß es keine Schubfächer gebe, folgt daraus, in denen man den menschlichen Geist und die Arten, in denen er erscheint, einschließen kann und registrieren wie eine Insektensammlung, daß, wenn auch das Zeitalter eines Dichters mit seinen Ansichten, als notwendiges Medium der Einwirkung der Natur auf sein Gemüt notwendig auf die Art dieser Einwirkung Einfluß nehmen muß, die Auffassung der Natur selbst und nicht das Medium die Hauptsache ist. Daß, da metaphysische und religiöse Ideen wandelbar sind, der Charakter des Schönen aber ein unwandelbarer, sich die Kunst, wenn sie letzteres abspiegeln will, auf etwas Festeres gründen müsse, als metaphysische und religiöse Ideen sind, auf den Menschen und die Natur nämlich; daß es zwar allerdings zulässig, ja – da es sich nicht um Porträtierung, sondern um Idealisierung der Natur handelt – unerläßlich sei, in das Sinnliche das Uebersinnliche hereinspielen zu lassen, daß es aber immer auf eine, mit der allgemeinen Menschennatur, mit dem allgemeinen Menschengefühl übereinstimmende Art geschehen müsse, die subjektiv wahr bleibt, wenn auch die geträumte, objektive Wahrheit längst verloren gegangen wäre, so daß also Meinungen, die immer da waren, die vermöge eines nicht zu deduzierenden Grundzuges der menschlichen Natur, auch immer da sein werden, ungeachtet ihres Schwankenden, für die Poesie brauchbarer sind, als sogenannte Wahrheiten, unangreifbar gelagert unter den Kanonen eines philosophischen oder Religionssystems. – Betrachtet den Calderon. Hundertmal hat er den katholischen Aberglauben gebraucht (der nichts ist, als ein maskierter heidnischer oder, kurzweg, menschlicher), kaum einmal den Glauben. Und doch erschüttert dieser Aberglaube im Gedicht Menschen, die ihn verachten in der Religion. Erklärt mir das, ihr alten Neudeutschen!

(1819.)

In diesen Bemühungen der Neudeutschen um urdeutsche Kunst und Poesie liegt trotz der offenbaren Lächerlichkeit derselben doch etwas Richtiges und Nützliches, das sich in der Folge, wenn die Ueberspanntheit nachläßt, die von jeder Neuerung unzertrennlich ist, wohl noch entwickeln wird. Leitet das Sumpfwasser ab und trampelt erst den Boden fest, dann komme wohl auch ich hin, darauf zu tanzen.

(1819.)

Der Aufforderung FouquésIn Fouqués Gedicht »An Grillparzer« (Wiener Zeitschrift, 25. Mai 1819 Nr. 62) lautet die vorletzte Strophe:
Doch auch ein Leid zu klagen,
Hast du mir angethan! –
Jetzt hofft' ich, würd' uns melden
Dein Lied von deutschen Helden, –
Da fleugst du Argonautenbahn!
möchte ich so antworten: Ich verachte euer urdeutsches Wesen nicht, aber ich kann es nicht brauchen. Laßt erst die Nationalität den Deutschen aus dem Kopf in die Adern kommen und mit dem Blut umlaufen, gebt mir erst die Gewißheit, daß es bei ihnen nachklinge, wenn ich anklinge: dann sei ein deutscher Stoff mir willkommen, mehr als jeder andere. Ich beneide die Dichter, die nach uns kommen, um den schönen Vorzug, vaterländische Gegenstände würdig behandeln zu können, das heißt so, daß der ganze Zweck der Poesie erreicht werden könne (der dramatischen vornehmlich) und daher die Wirkung nicht bloß sich auf den gelehrt gebildeten Teil der Nation erstrecke, sondern auf die ganze Masse, und überhaupt nicht bloß auf den Kopf beschränkt sei, sondern ins Blut gehe. Solange es aber nicht so weit gekommen ist, will ich das Nationelle als solches den litterarischen Wegmachern und Straßenräumern überlassen, und einstweilen auf der allgemein praktikabeln Heerstraße des Reinmenschlichen in seinen durch jahrhundertlange Gewohnheit beglaubigten Formen meine Zwecke verfolgen. – In wessen Munde glaubt ihr wohl, daß jetzt noch eine hochsinnige Rede mehr Wirkung selbst auf das gemeine Volk machen werde; in dem eines römischen Weltkonsuls oder eines engen Nürnberger Bürgermeisters?

(1820.)

Wohin die deutsche Poesie kommen muß, wenn sie auf dem Wege fortgeht, den sie in der neuesten Zeit eingeschlagen hat, zeigt am deutlichsten die Art, wie sich – mit der Billigung des ganzen gelehrten Deutschlands – Baron Malsburg in der Vorrede zu seiner Übersetzung Calderons über die Bedeutung des: Lebens ein Traum; dann Hagen in seiner: Bedeutung der Nibelungen für jetzt und immer, über dieses so schätzenswerte Gedicht äußern. Beider Ansichten sind vollkommen ägyptisch. Wer wird wohl das Symbolische aller Kunst leugnen? Aber sie zu einer Hieroglyphenschrift machen, deren an sich gleichgültige Gestalten erst durch das Herausfinden eines praktisch nutzbaren Gehaltes einen eigentlichen Wert bekommen, heißt alle Kunst aufheben und in die Poesie die Prosa zurückführen, die bei ihrem Tausch von ägyptischem Grübelgeist gegen den vormaligen französischen Leichtsinn kaum etwas gewonnen haben dürfte. Das seh' ich alles ein und grüble doch auch! »Ich muß es eben entgelten,« sagt Aurelie, »daß ich eine Deutsche bin. Es ist das Unglück der Deutschen, daß sie über allem schwer werden und alles über ihnen schwer wird.«

(1820.)

Das Hervorziehn altgermanischen Wesens und dessen Gegenüberstellung einem weit verfeinerten, aber auch mannigfach ausgearteten Zustande, das gegenwärtig die deutschen Schriftsteller so sehr beschäftigt, ist nichts Neues; schon Tacitus hat es getan. Aber der weise Römer suchte für seine Zeitgenossen in jener Schilderung biederer Roheit höchstens Arzenei für das Übermaß, indes unsere Neu-Altdeutschen darin Nachahmung für das Bedürfnis zu finden glauben.

(1820.)

Es ist eine traurige Zeit gekommen für die Dichter. Der enthusiastische Schwindel aller Art, der die Köpfe in Deutschland ergriffen hat, drängt alle, die den Narrentanz nicht mitmachen wollen, so sehr auf die Seite des kalten, sichtenden Verstandes, daß selbst die poetische Begeisterung dabei kaum emporkommen kann. Überhaupt hat jedes Extrem, auf das der menschliche Geist mit Parteiung gerät, schon das Schlimme, daß diejenigen, die den Unsinn jenes Strebens erkennen, statt die richtige Mitte zu halten, leicht in der Hitze des Streites sich dem entgegengesetzten Punkte nähern und so auch inkonsequent werden. Das ist die Geschichte aller menschlichen Streitigkeiten von jeher gewesen.

(1820.)

Ich lese oft so unaufmerksam und vergesse leicht das Gelesene; um mich nun davor zu bewahren, will ich mir jedes Buch, wenn ich es gelesen habe, aufzeichnen, nebst dem was mir dabei ein- und aufgefallen ist.

Leider muss ich den Anfang mit was Schlechtem machen. Schellers Mythologie der nordischen Völker.1816. Eine recht geistlose Kompilation. Am Schluß ein leeres Gedicht eines Freiherrn von Münchhausen, worin er in Deutschland die alten nordischen Götter wiederhergestellt wünscht. Eingefallen ist mir wieder dabei, daß diejenigen wohl herzlich wenig von Poesie verstehen mögen, die die nordischen Götter den griechischen zum Gebrauch für die Dichter unterschieben wollen. Ich wüßte nichts, was man mit diesen neblichten Urformen in der epischen und dramatischen Poesie machen sollte; im Lyrischen möchte man sich eher noch ihrer zuweilen bedienen können.

(1820.)

Die neuesten Deutschen haben keinen Sinn für Komposition, d.i. das Band der innern Notwendigkeit, wodurch die einzelnen willkürlichen Gestalten der Kunst zu einem organischen Ganzen, zu einer Kunstwelt verbunden werden. Komponieren kann man lernen von Raphael, Mozart und Calderon.

(1822.)

Warum ich Schriftsteller der vergangenen Zeit, wär' es auch der nächstvergangenen, denen aus den Zeitgenossen vorziehe, liegt auch mit darin: daß die Irrtümer jeder Vorzeit klar vor den Augen der Nachwelt daliegen und man sie mit historischem Auge betrachtet, ohne dadurch affiziert zu werden; die Gegenwart aber heftet sich mit so vielen Fäden an uns, daß selbst schon die Gewalt, die man anwendet, sich von ihren Irrtümern loszureißen, ein Zuviel von der andern Seite hervorbringen muß. – Es gibt keinen unparteiischen Beschauer seiner Zeit.

(1822.)

Dasjenige, was die neuere Welt von der ältern unterscheidet, ist vornehmlich das Gefühl einer unbestimmten Sehnsucht, das der erstern eigen ist und letzterer beinahe ganz unbekannt war. Die erste Quelle dieses Gefühls ist ein Thätigkeitsbetrieb ohne Wirkungskreis. Solange es noch einen Staat gab oder vielmehr ein Volk, hatten alle Fähigkeiten des Körpers und Geistes ihren Zweck, oder wenigstens ihre Richtung, und von Zeit zu Zeit eintretende, außerordentliche Vorfälle gaben auch der Begeisterung ein sfogo. Als der Verbrauch nach außen aufhörte, wendete sich die beste Thätigkeit nach innen. Wer aber einmal die Süßigkeit des Umgangs mit sich selbst genossen hat, kehrt nicht mehr zurück. Wie der selbst sich Befleckende zuletzt die Weiber flieht, flieht der sich selbst Beschauende die Welt. In seinem Innern ist er Herr und König. Alles fügt sich nach seinem Sinne, und selbst was sich nicht fügt, was ihm widersteht, ihn quält, ist doch wenigstens sein Gedanke, sein eigenes Werk. Auch Selbstverdammung ist noch immer süß; denn wird dadurch der Mensch als Verdammter erniedrigt, so ist ja doch der hochstehende Verdammende wieder er selbst. So lebt er in einer eigenen Welt, unwidersprochen, alles gebietend, alles nach eigenen Gesetzen denkend.

Dieses süße Schalten führt nun endlich zum eigentlichen, unmittelbar letzten Quell des Nebels: dem Bedürfnis starker Eindrücke. Mit einer unendlich erhöhten Reizbarkeit haben die sogenannten gemeinen Genüsse ihr Anziehendes verloren, und der Mensch findet zuletzt nichts mehr, was ihn befriedigt. Ohne Thatkraft voll Thatendurst; voll Reiz zum Genuß ohne Sinn dafür; voll Gedanken ohne Wollen: Das ist der Zustand eines solchen Menschen, einer solchen Zeit, daher jene Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem, dem man zu viel Ehre anthut, wenn man es aufs Religiöse bezieht, da es eigentlich nichts ist als die Sehnsucht nach einem neuen Reiz, der im stande wäre, den Ueberreizten zu reizen. Die Deutschen applizieren sich alle zehn Jahre ein neues Zugpflaster und werden darin so lange fortfahren, bis sie ein äußeres praktisches Interesse bekommen haben, wie die Engländer, die von jener romantischen Sehnsucht am entferntesten geblieben sind, eben weil sie praktische Interessen haben. Daher weh jedem Volke, das sich mit der deutschen Litteratur befaßt. Sie wird ihre eigene verschlingen, und Fasler und Querköpfe werden die Frucht sein. Die deutsche Litteratur ist die des gegenwärtigen Jahrhunderts. Schon ist die englische davon angesteckt, die französische im Begriffe zu folgen. Die deutsche Litteratur entnervt. Für uns ist sie die beste, weil wir keine andere haben können; aber jeder Fremde soll sich davor hüten. Gebt aber nur den Deutschen rein praktisches Interesse, und sie werden nach außen und nach innen sein, was sie sollen und was sie können.

Aus Uhrmachern sind die Deutschen mathematische Instrumentenmacher geworden, welche die Instrumente machen, mit denen man Uhren macht, und wenn zuletzt die Uhrmacherkunst ganz verloren ist, wird niemand mehr wissen, wieviel die Zeit ist.

(1836.)

Diese neue deutsche Poesie mit ihren Theorien kommt mir vor wie eine Schuljugend, die, von ihrem Meister wegen Unartigkeit zur Rede gestellt, sich verantwortete: sie hätten neue Gesetze der Artigkeit erfunden, und nach diesen seien sie sehr gesittet.

Die Deutschen sind und waren eine grüblerische Nation. Aus diesem Gesichtspunkte läßt sich ihre ganze Kunst und Wissenschaft erklären.

Die Deutschen meinen, es sei überall mit einem Wissen gethan. Die Kunst beruht aber auf einem Können.

Inhalt! Inhalt! Was kann der Dichter für einen Inhalt geben, den ihm der denkende, fühlende Leser nicht überbietet? Aber die Form ist göttlich. Sie schließt ab wie die Natur, wie die Wirklichkeit. Ueber das wahrhaft Vorhandene geht kein Gesund-Organisierter hinaus. Durch die Form beruhigt die Kunst und ist allem Wissen überlegen.

(1886.)

Das ist das Unglück der Deutschen als Schriftsteller, daß keiner sich mit seiner eigenen Natur hervorwagt. Jeder glaubt, er müsse mehr sein, als er selbst.

(1837.)

Was die mittelalterliche oder romantische Poesie von der neuern unterscheidet und unterscheiden muß, ist das Pragmatische in dem Charakter der neuern Zeit. Die Poesie des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts begnügt sich mit dem poetischen Was, dieses bildet sich möglichst vollständig und scharf aus, die Verbindungen und Vermittlungen erscheinen dabei Nebensache. Unsere Poesie kann sich der Nachweisung des Wie nicht entschlagen. Die Verknüpfung der Begebenheiten und Empfindungen macht sich vor diesen selbst geltend, und wo ein Sprung gewagt werden soll, muß der Dichter den Beschauer mit Gewalt fortreißen, von selbst überschreitet er keine Lücke.

(1838.)

Charakter der neuesten deutschen Poesie: das Phantasielose und das Gemachte.

Gegen was sie sich in Deutschland am meisten verwahren, sind die Gemütswirkungen.

(1837.)

Ein Werk nenne ich eine Hervorbringung, die so viel inneres Leben oder innere Wahrheit hat, um wenigstens mehrere der wandelbaren Gefühls- und Meinungsphasen der Zeit zu überdauern. Was aus einer Zeitrichtung entsteht und mit ihr untergeht, ist nur Flugschrift, und wenn es dreißig Bände stark wäre.

(1838.)

Die Deutschen haben die Poesie mit der ganzen Prosa angestückelt und freuen sich sehr über die Erweiterung des Gebietes.

(1841?)

Hauptfälle, wo sich in neuerer Zeit das ästhetische Interesse in praktischen Dingen vordrängt:

Religiosität, gegenüber der wirklichen Gleichgültigkeit gegen allen Kultus.

Nationalität, indes in der Wirklichkeit die Verschiedenheiten zwischen den Völkern sich immer mehr abschleifen.

Republikanismus der Gedanken bei vorherrschendem Streben nach Ruhe, die nur die stabile Gewalt sichern kann.

(1842.)

Eines der größten Uebel der deutschen Litteratur ist, daß niemand bei seinem Fache bleibt. Jeder sucht seine Grenzen auszudehnen, so weit als möglich. Jeder walkt seinen Teig nach Leibeskräften, und indem er nach den Enden zu immer ausgedehnter wird, wird er immer dünner in der Mitte, bis er endlich reißt und die Lücken im Innern entstehen, die man nach außen vermeiden wollte. Was man von einer allseitigen Bildung sagt, ist ganz gut; aber eine allseitige Thätigkeit gibt es nicht.

Freilich hat gerade diese Vermischung der Fächer in neuester Zeit der deutschen Litteratur großes Ansehen im Auslande verschafft. Wenn ein armer fremder Dichter ein neudeutsch poetisches Werk liest und ein Siderallicht von weltphilosophischen, welthistorischen, psychologischen, politischen, magischen, artistischen Halbheiten ihm entgegenstrahlt, muß er freilich verblüfft werden und mit der Natur zürnen, die ihn zu nichts als zum Dichter gemacht hat; wie anderseits der Gelehrte, der den festen Boden seiner Wissenschaft verschwinden und sich in die hängenden Gärten des Idealismus versetzt sieht, wo statt der Distel des Begriffes die Blume der Inspiration wuchert und es keine Schlösser gibt, sondern nur Schlüssel; ein solcher wird gleichmäßig die Stirn auf die Erde schlagen und ausrufen: Herr, ich bin nicht würdig.

(1846.)

Der Deutsche hat vor nichts Respekt, als was er nicht versteht. Nun hat er wohl insofern recht, daß das Höchste, Letzte allerdings bis auf einen gewissen Grad unverständlich sein muß; aber deshalb annehmen, daß alles Unverständliche auch hoch oder tief sein müsse, ist viel schlimmer, als den Verstand als letztes Maß aller Dinge annehmen.

(1846.)

Ich kann das für keine Poesie halten, wozu die parties honteuses der Menschheit, Widerspruchsgeist, Reiz des Verbotenen, Pöbelbeifall und Modeton den Wärmestoff hergeben. Die Frühlingsdichter unserer Tage gemahnen mich an die Dienstmägde und Bauerndirnen, die von nichts zu reden wissen, aber beinahe witzig und graziös werden, wenn verdeckte Zweideutigkeiten ins Spiel kommen.

Deutschland hat angefangen, sich auf das praktische Interesse zu werfen. Es ist mit der Kunst nichts mehr anzufangen, sie fängt an, nachdem sie theoretisch geworden, didaktisch werden zu wollen, und das war immer ihr, wenigstens momentaner, Untergang.

Deutschland hat sich mit Phantasie den Magen überladen und möchte nun die Einfalt als diätetische Kur brauchen. Wir haben Philosophie und Religion zur Poesie gemacht und möchten nun dafür aus der Poesie Philosophie und Religion machen.

Das Streben nach Realität in der Kunst, die Religionsschwärmereien und die politischen Umtriebe entspringen aus einer Quelle, dem erwachten Sinn, der aber noch nicht weiß, woran er sich halten und wie weit er gehen soll.

Die Leiden der letzten Zeit haben die Deutschen ins Leben gezogen und jenen Sinn fürs Praktische geweckt. Seit den Reformationskriegen war es das erste Mal, daß den Deutschen eine herrschende Idee ward, deren Realisierung zugleich Bedürfnis war.

Ich tadle dieses Streben der Deutschen nicht; es kann vielleicht zum besten Ziele führen und Nationalität begründen, die auf einem andern Wege nicht möglich ist. Aber die Kunst muß darüber auf einige Zeit verschwinden, und ich beklage daher bloß die Künstler. Jene aber, die das nicht einsehen und, indem sie dem Anpochen der Zeit nachtönen, glauben, Kunstwerke hervorgebracht zu haben, und zwar um so mehr Kunstwerke, je mehr sie von der geglaubten Realität in sich haben: die sind mir als Künstler lächerlich.

Die Regenten merken nicht, daß, indem sie den Religionsenthusiasmus unterstützen, sie das ihnen drohende Feuer anfachen und die Stimmung nähren, die ihnen so gefährlich scheint.

(1854-1855.)

Die Schriftsteller fehlen gewöhnlich nach zwei Seiten: die einen sind so verliebt in ihre eigenen Gedanken, daß sie auf das Publikum gar keine Rücksicht nehmen. Ein großer Fehler; denn man denkt für sich, schreibt aber und läßt drucken oder aufführen für andere. Die zweite Klasse will nur dem Publikum gefallen. Da läßt sich denn schwer voraussehen, was dem Publikum jederzeit und überall gefallen wird, nebstdem, daß dieses Verfahren geradezu zur Gemeinheit führt. Das Wahre ist, die Moralregel des Christentums: was du nicht willst, daß dir ein anderer thue, das thue ihm auch nicht, geradezu auf die Poesie anzuwenden und sich beim Schreiben zu fragen: würde dir das gefallen, wenn es ein anderer schriebe?

(1855.)

In einem stimmt die Welt jetzt ziemlich überein, und sie müßte blinder sein, als die Blindheit selbst, wenn sie nicht einsähe: daß es unserer Zeit an Talenten und Charakteren fehlt. Selbst der früher so oft wiederholte und eigentlich aus der Sache selbst fließende Satz: daß die Revolutionen große Männer an den Tag bringen, hat unser Armutszeugnis besiegelt und unterschrieben. In ganz Europa war die Revolution und kein großer Mann hat sich gezeigt. Natürlich! Wo nichts ist, kann auch nichts erscheinen. Woher kommt also diese Dürftigkeit? Man kann es einen Zufall nennen, aber ein Zufall, der gleichzeitig sich in allen Ländern wiederholt, ist doch gar zu sehr allen Zusammenhang der Dinge verspottend. Ein Teil wird wohl immer Zufall bleiben: daß selbst nicht einzelne sich der allgemeinen Ansteckung entziehen konnten, aber die Entgeistigung der Massen als Grund der Ansteckung ist denn doch kein Zufall; um so mehr wenn sich Ursachen nachweisen lassen, die die Erscheinung halb oder ganz erklären.

Andere mögen in der immer zunehmenden Gewinn- und Genußsucht, im Egoismus, in der Uebertreibung des Handels- und Industriestrebens die Gründe für die soziale und politische Mattigkeit nachsuchen, mich interessiert die Litteratur und da sich unsere Zeit vor allem eine gebildete nennt, so dürfte die Litteratur als das Organ der Bildung am wenigsten ohne Einfluß sein und wohl gar einen großen Teil der Schuld tragen u.s.w.

*

Nationallitteratur

(1857.)

Geschrei von Nationalität in Deutschland. Was man als Gebot ausspricht, hat man nicht. Völker, die Nationalität haben, sprechen nicht davon, Engländer, Spanier, Franzosen.

Nationalität ist bei den Völkern, was der Charakter bei den einzelnen. Bei dem Charakter zu unterscheiden, ob er gut oder schlecht sei. Der schlechte muß verbessert und so weit als möglich aufgegeben werden.

Die Logik, das Recht, die Moral, die Religion begehren von allen das nämliche. Bei zunehmender Bildung werden sich die Menschen daher immer ähnlicher.

Zugleich liegt es im Wesen der Bildung, sich jedes Vortreffliche möglichst anzueignen.

Die Nationalität in schärfster Ausprägung setzt daher einen Zustand der Roheit und Isolierung voraus.

(1858.)

Diese produktive Kritik, die (in der Kunst) vorausempfinden soll, was zur Bildung des Volkes notwendig sei. Da aber der Kritiker zugleich nicht weiß, ob das, was er für notwendig hält, sich auch durch die Mittel der Kunst machen läßt, so ist seine Vorausempfindung ein leeres Wahngebilde. Durch solche Anmaßungen suchen die Kritiker von Profession (Julian Schmidt, Geschichte der französischen Litteratur I, 189) ihr plebejisches Geschäft in den Adelsstand zu erheben.

Die Mühe dieser Kritik ist nichts als der Aerger des Verstandesmenschen, in dem Künstler eine Begabung anzuerkennen, von denen ihnen selbst jede Spur fehlt.

(1860.)

Jedermann weiß (ich würde es sonst auch nicht wissen), daß der Deutsche an Geist, Gemüt, Fleiß, Humor, Witz alle andern Völker der Erde übertrifft. Wenn ich sage: jedermann weiß, so meine ich dabei nicht die andern Völker, wohl aber die Deutschen selbst, zu denen ich gehöre, und die für mich eben jedermann sind. Nur haben sie bei so vielen Vorzügen, wie sie selbst in ihrer Bescheidenheit zugeben, einen Fehler: sie sind nicht praktisch genug. So, um gleich meinem Gegenstande näher zu rücken, wissen ihre Kritiker, Kunstphilosophen und Kunsthistoriker so genau, was Poesie ist, sie beurteilen, klassifizieren, rubrizieren nicht allein das Vergangene und Gegenwärtige, sondern bestimmen sogar das Künftige, daß man sich nicht genug wundern kann, wenn sie die Anwendung ihrer erhabenen Lehren andern überlassen u.s.w.

(1861.)

Die Deutschen haben bei der kritischen Beurteilung dichterischer Werke eine widerwärtige, weil völlig geistlose Gewohnheit. Erstens legen sie immer einen ungeheuren Maßstab an. Sie sagen nicht: dieser Mensch ist groß, denn er hat fünf Schuh, fünf Zoll, sondern er ist klein, denn er hat weniger als eine Klafter. Wer aber die Größe überall als Forderung anbringt, zeigt nur, daß er ihr Wesen und ihre Würde nicht erkannt hat, die beide durch die Seltenheit des Großen bedingt sind. Was dieses Verfahren aber außer dem Widerwärtigen auch völlig geistlos macht, ist, daß sie die Idee, die ihnen den Maßstab der Beurteilung abgeben muß, nicht aus sich selbst, nicht aus ihrem eigenen Denken und Empfinden nehmen, sondern anders woher, aus einem Buche, aus einem Mode gewordenen Zeitgeschwätz, so daß ihnen von dem riesenhaften Grundsatze nichts gehört, als die Abgeschmacktheit der Anwendung. Sie sollten doch bedenken, daß der Verfasser des beurteilten Werkes, das von ihnen gelesene Buch auch gelesen; daß er das moderne Zeitgeschwätz auch vernommen hat, so daß, wenn er Lust gehabt, er leicht ebenso weise und gigantisch hätte sein können, als sie sich selbst vorkommen.

(1863.)

Die neueren Deutschen treiben ihre gelehrten Wunderlichkeiten, ohne sich um die möglichen praktischen Folgen viel zu kümmern. Damit wagen sie bei ihren Landsleuten nicht viel, da diese nicht so schnell bereit sind, ihre Meinungen oder (s.v.v.) Überzeugungen ins Werk zu setzen. Kommen aber derlei Schlagworte an Völker, die bei weniger Denkkraft mehr Neigung haben, ihre Entschlüsse praktisch zu machen, oder bemächtigt sich ihrer gar die Schurkerei als willkommener Vorwand für eigene Unternehmungen, so entstehen daraus Verwirrungen, ja Kalamitäten, unter denen gerade wir Oestreicher am meisten zu leiden haben.

Diese neudeutschen Fortschrittsphrasen nun sind: Nationalität, Sprachenabgötterei und übertriebene Wertschätzung der Geschichte.

Ich nehme jedermann zum Zeugen, ob nicht die Deutschen, als nach den Befreiungskriegen sich ein maßloser politischer Eigendünkel ihrer bemächtigt hatte, zuerst das Wort Nationalität in die Welt geschleudert haben.

(1817.)

Um die menschliche Natur recht bewundern zu lernen, muß man sie auf einem Abwege sehen. Mich haben Calderon und Shakespeare, wo er ausschweift, immer in ein viel größeres Staunen versetzt, als die vollkommensten Hervorbringungen der Griechen.

(1822.)

Fehler, an deren entgegengesetzten Extremen wir uns selbst zu laborieren bewußt sind, kommen uns leicht wie Vorzüge vor. Das sollten die unbedingten Bewunderer Shakespeares und der Alten überhaupt nicht vergessen.

(1828.)

Wir sind alle verdorben, wir neuern deutschen Dichter, durch unser ewiges Lesen der ältern, der fremden. Wir wissen kaum mehr, wie sich die Empfindung bei unsern Zeitgenossen äußert. Wir lassen sie (die Empfindung) Sprünge machen, wie sie sie heutzutage nicht mehr macht. Wir empfinden mit Abstraktion. Daher weiß sich das Publikum im Theater nicht mehr zurechtzufinden, und nur Stümperwerke oder die unbewußten Versuche der Anfänger gefallen. Hier nämlich kann das Publikum folgen, indes die sogenannten Meisterwerke sich ihm wie Rechenexempel darstellen. Schiller war der letzte populäre, eigentliche Dichter, und selbst der Wortüberfluß, den ihm der lesende Kritiker zum Vorwurf macht, ist für den Zuseher die vermittelnde Brücke, mittels der er die Höhen der schwierigsten Situationen und Charakteräußerungen, Schritt für Schritt ohne Anstrengung erklimmt. Shakespeare hat uns Neueren alle verdorben.

(1822.)

Von den weiblichen Dichtern kann man wohl im allgemeinen sagen, was Plutarch (de virtutibus mulierum) von der Dichterin Telesilla sagt: θαυμαζεσθαι δια ποιητιχην υπο των γυναιχων. Ich habe wenigstens (aus den Fragmenten der Sappho läßt sich kein ganzes Urteil fällen) nie an ihren Werken Gefallen finden können.

Nachteile der Uebersetzungen.
(1834.)

1. Ein Dichter läßt sich nicht übersetzen.

2. Sie werden uns zu nahe gerückt. a) Wir vergessen die Zeit- und Länder-Zwischenräume, welche die großen Geister voneinander trennen und spannen die Forderung an die Gegenwart zu hoch.

b) Wir vergessen, daß die Denk- und Empfindungsweise des Autors die einer fremden Zeit und eines fremden Volkes sind, nehmen sie als unsere an und verlieren dadurch die richtige Empfindung der Gegenwart.

3. Verderbnis der Form durch zu genaue Uebersetzung.

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