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Studien zur deutschen Literatur - Zum eigenen Schaffen

Franz Grillparzer: Studien zur deutschen Literatur - Zum eigenen Schaffen - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorFranz Grillparzer
titleStudien zur deutschen Literatur ? Zum eigenen Schaffen
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesGrillparzers sämtliche Werke
volumeAchtzehnter Band
editorAugust Sauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071113
projectid8894b759
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1. Allgemeines.

Vorlesungen über die Geschichte der deutschen Nationallitteratur von L. Wachler.Zweite Auflage, Frankfurt 1834.

(1835.)

Diese jetzt so perhorreszierte Darstellung der alten Deutschen zur Zeit der Einfälle der Römer als Wilde,Band I, S. 26. scheint nichtsdestoweniger so ziemlich richtig. Von ihren innern Einrichtungen wissen wir zu wenig; denn was Tacitus davon sagt, unterliegt erstens dem Zweifel, ob er auch hinlänglich genaue Kenntnis davon gehabt, und ist zweitens offenbar gar zu lehrhaft, telemachisch-kyropädisch auf die verweichlichten Römer gemünzt, als daß es viel Gewicht haben sollte. Wohl aber kannten und schildern die Römer ihre Art der Kriegführung, und die ist doch offenbar die von Wilden. Heftiger Angriff, rasche Flucht, furchtbares Geheul, das allein schon zeigt, daß sie ohne Ordnung und Kriegskunst fochten, da in dem Lärmen ein Befehl nicht gehört wurde. Man lese im Tacitus jenen nächtlichen Angriff des Lagers (ich glaube des Tiberius), und man wird das Bild von tättowierten Wilden so ziemlich vor Augen haben.

*

Beim Eginhart nachzusehen, ob aus dem Kontext nicht zu eruieren ist, zu welchem Zwecke Karl der Große die Ueberbleibsel der alten deutschen Volkspoesie sammeln ließ;Band I, S. 37. ob in historischer oder poetisch-litterarischer, oder vielleicht – was auch möglich wäre – bloß in sprachlicher Beziehung, als die einzig vorhandenen Belege zur Erforschung und Feststellung des Sprachgebrauches.

*

Die prosa ornata des guten Wachler ist doch häufig gar zu gedankenarm und gedankenschief.

*

Wachler meint,Band I, S. 85. im Nibelungenliede seien die Herkömmlichkeiten und Gebräuche der Menschen im hunnischen Zeitalter (?) ganz getreu abgespiegelt. Dieses schulchrienmäßige Gewäsch ohne innere Ueberzeugung ist denn doch gar zu abgeschmackt.

Dagegen sehr gut, was er über die Unwahrscheinlichkeit sagt,S. 85 f. daß das Nibelungenlied schon in älterer Zeit als geschlossenes Epos bestanden habe. Der Mann ist tüchtig, aber er sollte sich zu keiner Begeisterung zwingen.

Geschichte der poetischen National-Litteratur der Deutschen von Gervinus.Leipzig 1835.

Erster Band.

(1835.)

Wenn Gervinus S. 12 meint: »In den Künsten muß man überhaupt am wenigsten tolerieren,« so ist vielleicht nur das Gegenteil wahr, und nur die Wissenschaft verträgt keine Toleranz; denn es gibt keine Steigerung: wahr, wahrer, am wahrsten, sondern was nicht wahr ist, ist falsch; wohl aber Vergleichungsgrade: schön, schöner, am schönsten. Das Mittelmäßige hat auch seinen Wert in der Kunst, indem es lebendig und in Uebung erhält; ohne lebendige Ausübung aber ist das starre Haften am Vortrefflichsten leblose Pedanterie.

*

Widersprüche häufiger, als man von einem so guten Kopfe erwarten sollte. S. 11: »Ich habe mit der ästhetischen Beurteilung der Sachen nichts zu thun, ich bin kein Poet und belletristischer Kritiker.« S. 12: »Besonders wünschte ich es nicht vergessen zu haben, daß ich bloß eine Geschichte der Dichtung schreibe, nur den poetischen Wert der Dinge im Auge habe und jede andere Eigenschaft nur gelegentlich berühre.«

S. 9: »Dieser Höhepunkt (der griechischen Kunst) ward erreicht, als die homerischen Gedichte ihre letzte Gestaltung erhalten hatten und die frühern Tragiker in Athen die Reinheit der alten Kunst noch bewahrten.« Dieser Höhepunkt, man muß gestehen, hat einen breiten Gipfel.

Es ist falsch, daß im Euripides der Gedanke einen überwiegenden Einfluß zum Nachteile der Darstellung gewinne. Eher den Aeschylus träfe ein solcher Tadel.

S. 13 von der altdeutschen poetischen Sage könnte man etwas Aehnliches aussprechen wie von den homerischen Gedichten, daß sie die fast einzigen Mittel der fast einzigen ästhetischen Erziehung abgegeben hätten!

»Im alten Deutschland, wo es kein Volk gab, sondern nur Adel und Leibeigene?«

Wo der Beweis, daß diese poetischen Sagen nur den geringsten Einfluß auf das deutsche Volk ausgeübt hätten?

Die Erklärung der Kunsthöhe aus dem Gesichtspunkte der Evolution ist der ekelhafteste Materialismus. Berge sind eben Berge, weil sie durch keine Ebenen verbunden sind, und die Geister gehorchen keinen mechanischen, sondern nur dynamischen Gesetzen. Ein Genie erscheint auch ohne Vorgänger, und in seinem Erscheinen liegt keine Bürgschaft eines Nachfolgers.

Was soll man nun vollends sagen, wenn der Verfasser sich etwas darauf zu gute thut, daß er kein bloß forschendes, daß er ein darstellendes, daß er ein Kunstwerk geliefert habe? indes es doch, mit geringen Ausnahmen, eine so peinliche Geschichtsklitterung ist, als je eine aus der Feder eines Menschen floß.

Der Zoll der Achtung, den er S. 17 dem Regisseur Grüner darbringt, spricht nicht sehr für seinen Schönheitssinn, wie überhaupt die ganze Stelle etwas auf pedantische Gefühlsanbildung schließen ließe (S. 18). Daß die alten Deutschen Lieder gehabt, bedarf freilich keines Beweises. Die Lobsprüche des Tacitus waren übrigens wohl sehr ad hominem, den verweichlichten Römern nämlich zur Angehör.

Daß Paul Warnfried seine longobardische Geschichte aus Liedern geschöpft habe, ohne Beweis angenommen. Ueberhaupt geschieht das wohl nie. Jeder Geschichtschreiber nimmt sich vor, Wahrheit zu berichten, und daß die in Liedern nicht zu finden sei, weiß auch jeder. Wenigstens muß das Lied zur Sage geworden sein, oder eine solche parallel neben sich laufen haben; dann schöpft man aber aus der Sage und nicht aus dem Liede.

*

(p. 87.) Wie kann einem einfallen, daß wenn das Nibelungenlied zur oder bald nach der Zeit der Ottonen überarbeitet worden wäre, man einen ihrer Zeitgenossen und Mitkämpfer in den Ungarkriegen, Rüdigern von Pechlarn, in das Gedicht aufgenommen hätte?

*

Deutsche Volksepen: was heißt denn das? Epen, die vom Volk ausgingen? Kein Epos ging je vom Volk, sondern von einzelnen seltenen, begabten Männern aus, die allenfalls das im Volk zerstreute Sagen- oder Liedermaterial sammelten und zum Ganzen bildeten, mit Hinzufügung eigener Erfindungen (denn zum Nachschreiber sich herzugeben, hat von jeher jeder Begabte verschmäht). Oder waren sie Volksepen, weil sie im Munde des Volkes lebten, etwa wie die Homerischen Gesänge? Aber das deutsche Volk konnte nicht lesen, und Rhapsoden gab es bekanntlich in Deutschland nicht, vor den Zeiten der Minnesänger, die aber an den Höfen herumzogen und das Volk verschmähten. Dann, wenn sie im Munde des Volkes lebten, wo findet man ihrer irgend in Chroniken oder gleichzeitigen Zeitschilderungen erwähnt? Die Rittergedichte und die letzte Bearbeitung der Nibelungen rührt bekanntlich aus dem dreizehnten Jahrhunderte her. Wie kam es, daß, bei Erfindung der Buchdruckerei im fünfzehnten, niemand aus dem Druck dieser Lieblingswerke des Volkes Gewinn zu ziehen suchte.»NB. Ist wirklich geschehen.« (Randbemerkung Grillparzers.) Ohne Zweifel hätte man es gethan, wären sie nicht damals schon rein vergessen gewesen, nach Verlauf von armen zwei Jahrhunderten. Hofpoesie waren diese Epen. Das Volk hat nie etwas davon zu hören bekommen, als die alten Sagen oder Märchen, vielleicht Lieder, die der Erfindung zu Grunde lagen.

*

[p. 97.] Was das für eine Idee ist! Die nationale Poesie Deutschlands im eilften, zwölften und dreizehnten Jahrhunderte sei durch die aufgezwungene klassische Bildung erstickt worden. Als ob irgend jemand damals klassische Bildung gehabt hätte, als höchstens ein paar Geistliche, die der Nationalpoesie weder nutzen noch schaden konnten. Und als ob die klassische Bildung der Nationalpoesie irgend genutzt oder geschadet hätte, als endlich in der letzten Zeit der Hohenstaufen wirklich nationelle Dichter, die Minnesänger, aufstanden? Mangel an Talenten war das Hindernis, das der Nationalpoesie früher im Wege stand, kein anderes.

*

(p. 87.) Nicht leicht ist mir bei allem unleugbaren Geist und Verdienst etwas so unerträglich geworden, als diese Geschichte der deutschen Litteratur von Gervinus. Die geistige Welt wird da, als ein vollkommenes Gegenbild der körperlichen, den Gesetzen der Schwere, der Attraktion, der Kohäsion, und was weiß ich, unterworfen; alles, was kommt, mußte so kommen; der Willkür, der Stimmung, dem Genie, der Laune ist kein Spielraum gelassen, bis aufs Blut wird alles erklärt, und wenn der Mensch bis dahin ein kaum lösbares Rätsel schien, sieht man mit einemmal, daß jede Erscheinung der sittlichen Welt sich nach den Anhandgebungen der Regeldetri und des Einmaleins darlegen lasse. Wenn Wille und Entschluß des Menschen nicht frei sein sollten, so sind doch die Fäden ihrer Leitung so fein und kompliziert, daß Seildreher und Zwirnspinner ewig nicht dahin kommen werden, sie zu unterscheiden und aufzuzählen.

*

»Denn Volkspoesie kann nur heißen, was den Weg zu seiner Vollendung unter der Teilnahme aller gemacht hat.« p. 159.

*

Abendländische rohe Kraft, in Verbindung gebracht mit einer morgenländischen spitzfindig-asketischen Religion; Brutalität, moderiert durch Absurdität: aus diesem Gesichtspunkte erklärt sich das ganze Mittelalter so bis aufs kleinste, daß alle weitwendigen Forschungen der neuesten Zeit als ein reiner Luxus erscheinen. Damit sind dieser Uebergangsperiode nicht alle guten Seiten abgesprochen. Der Mensch ist immer von Gott, aber die Zeit war des Teufels.

*

Als ob jemandem im zwölften Jahrhunderte etwas daran gelegen hätte, jene alten Sagen von Dietrich und den Nibelungen, die jeder historischen Wichtigkeit entbehrten, in ihrer Ursprünglichkeit wieder aufzufinden.

*

Die getadelte Vorliebe der Hohenstaufen für den Süden erklärt sich wohl dadurch am leichtesten, daß damals die gerühmte deutsche Poesie noch gar nicht bestand, vielmehr, entgegengesetzt der Hypothese von Volkspoesie, erst unter den letztern dieser Kaiser aus fremder Nachahmung sich entwickelte.

*

Daß der Stoff jener alten Rittergedichte so schlecht und undankbar gewesen, als Gervinus meint, kann ich nicht finden, der des Ariost ist nicht um ein Haar besser. Die Auffassung und Darstellungsgabe jener Dichter aber war eine ärmliche.

*

p. 342. Daß jene ritterliche Frauenliebe auf dem Stamme der Mutterliebe gewachsen sei, führt keine Ueberzeugung mit sich. Vielmehr ist es die notwendige Wirkung einer asketisch skrupelhaften Religion gegenüber den heftigen Begierden eines athletisch herangebildeten Kriegerstandes. Daß die Minne derselben Ritter nicht ebenso auf den körperlichen Genuß gestellt gewesen sei, als die Liebe der Franzosen und Briten, wird durch jede Seite der deutschen Rittergedichte und Minnelieder widerlegt; dagegen eine Verherrlichung des häuslichen Zustandes nirgends vorkommt.

*

p. 344. Also doch wird jene Zeit des Eschenbach und Gottfried von Straßburg eine Zeit hoher Bildung genannt?

Ebendaselbst wird bedauert, daß jene edlen löblichen Gesinnungen, die damalige Dichter in den didaktischen Einschiebseln ihrer Gedichte zeigen, nicht auch auf den eigentlichen Inhalt derselben Einfluß genommen hätten. Das zeigt eben, daß sie schlechte Dichter waren, größtenteils bloße Reimer. Hier muß ich auch darauf zurückkommen, daß so oft die Reinheit ihrer Reime, verglichen mit denen späterer Dichter, gelobt wird. Wo der Reim die Hauptsache ist, und die Präzision des Gedankens die Nebensache, wo man sich Weitschweifigkeit, Dunkelheit des Ausdrucks, Flickworte und Sätze ohne Anstand erlaubt, kann der Reim leicht tadellos sein.

*

Wenn bei diesen altdeutschen Erklärern nur nicht immer von Sagen die Rede wäre! Glaubt man denn nicht, daß es damals auch Märchen gegeben habe?

*

Ob dem Gral nicht kundgewordene Andeutungen von dem mystischen Geheimdienste der Tempelherrn zu Grunde liegen?

*

Im Nibelungenliede sind vielleicht nur zwei Punkte, die auf urdeutschen Sagen beruhen. Der Hort, der, im Rhein versenkt, dem Sande seine Goldhältigkeit mitteilt; und, daß eine Schar deutscher Helden irgendwann in Ungarn durch Verrat oder Ueberfall den Tod gefunden. Siegfried ist wahrscheinlich eine Applikation des skandinavischen Sigurd; Chrimhilde erdichtete Trägerin des Fatums; Brunhildens Brautwerbung ein hereingezogenes fremdes Märchen: die Fahrt ins Heunenland willkürliche Ausmalung eines vielleicht historischen Umstandes. Das alles im Munde der Erzähler, wenn man will, des Volkes, sich allmählich näher und näher gebracht und endlich von einem Dichter völlig verbunden. Daß das Gedicht sich im Munde des Volkes gemacht oder gebildet habe, ist eine analogielose und eigentlich Unmögliches voraussetzende Annahme.

*

Wenn Gervinus über jene irokesische Ansicht Grimms, welcher den Ariost unter den Wolfram von Eschenbach stellt, billig erhaben ist, so fehlt ihm doch nichtsdestoweniger ein richtiges Urteil über Ariost und das Wesen der Poesie ebensosehr als jenem. Er äußert sich nämlich wiederholt: Die Karlssage habe doch eigentlich ihren Abschluß in Ariosts Behandlung erhalten. Begreift er denn nicht, daß man Ariost mit jenen frühern Dichtern gar nicht zusammenstellen kann? Diesen war es eigentlich um die Sage, den Stoff zu thun, die Behandlung ist nur Ausschmückung, indes Ariost den Stoff der Tafelrunde nur wählte, weil er ihm eine Masse von Begebenheiten und Situationen, eine Grundlage für seine Behandlung darbot, um die es ihm eigentlich, um nicht zu sagen einzig, zu thun war. Ariost für einen Vollender der Sagen von den zwölf Pairs ausgeben ist ebenso, als wenn man Joriks sentimental journey unter die Reisebeschreibungen klassifizieren wollte.

Fünfter Band.Leipzig 1842

(1842.)

Vor allem scheint dem Verfasser nicht klar geworden zu sein, ob er, wie der Titel besagt, eine Geschichte der poetischen Litteratur Deutschlands oder eine deutsche Kulturgeschichte vom Standpunkte der Poesie schreiben wollte. Ein Unterschied, der, wenn er auch über die Fassungskraft des Herrn Verfassers gehen sollte, doch nichtsdestoweniger höchst bedeutend ist. Ob Horaz und Ovid durch ihre Werke den sittlichen und gesellschaftlichen Zustand Roms sehr gefordert haben, ist eine große oder vielmehr keine Frage; daß sie aber demungeachtet vortreffliche Dichter sind, wird wohl auch Herr Gervinus, und wäre es auch nur wegen der lateinischen Ausgangssilben ihrer Namen, gern zugeben.

Im übrigen bringt Herr Gervinus zur Lösung seiner Aufgabe eine sehr gute und eine sehr üble Eigenschaft mit. Die gute ist, daß er gesunden Menschenverstand besitzt, ein Vorzug, der in dem litterarischen Deutschland immer seltener zu werden anfängt. Infolge dieses gesunden Menschenverstandes hält er z. B. bei Beurteilung der mittelhochdeutschen Poesie instinktmäßig den Mittelweg zwischen zu enthusiastischem Lob und zu ablehnendem Tadel ein und kommt dadurch auch vergleichungsweise der Wahrheit am nächsten. Andererseits borgt er bei den Erscheinungen der späteren Litteratur, wo es mit einem juste milieu nicht abgethan ist, fremde Kunsturteile und geht dabei, eben durch jenen gesunden Menschenverstand geleitet, meistens vor die rechte Schmiede. Lessing und Goethe, Schiller und Herder müssen ihr Kontingent zur Abschätzung ihrer gleichzeitigen oder vorhergegangenen Periode abgeben, nur daß das en block genommene Urteil, z. B. über Jean Paul, in der weitern, Herrn Gervinus ungehörigen Ausführung leicht ins Verkehrte hinübergespielt wird. Es ist viel Richtiges in dem Buche, nur gehört dies durchaus nicht dem Verfasser an, was aber für die Sache gleichgültig ist.

Dieses führt mich, nachdem ich die gute Eigenschaft des Herrn Gervinus: gesunden Menschenverstand im allgemeinen, geltend gemacht habe, auch auf seine schlimme: er versteht nämlich von seinem Gegenstande nicht das Geringste. Das ist nicht gleichgültig. Ein Geschichtschreiber der allgemeinen menschlichen Dinge versteht von seinem Gegenstande immer so viel, als er eben Verstand hat. Bei Spezialitäten ist das aber ein anderer Fall. So wie ein Geschichtschreiber der Chemie mehr Chemiker sein muß, als Historiker, und einer, der die Geschichte der Astronomie schreibt, vor allem Astronom, so müßte auch der Verfasser eines Buches über die poetische Litteratur Deutschlands notwendig, wenn auch nicht ein Dichter sein, doch wenigstens poetischen Sinn haben. Diese Gabe der Natur aber ward Herrn Gervinus leider nicht zu teil. Erfindung und Komposition, Lebendigmachung und Ausführung üben auf sein ästhetisches Urteil nicht den geringsten Einfluß aus. Wenn er sich bei Goethe mit der Form viel zu schaffen macht, so geschieht es nur darum, weil Goethe in seinen Konfessionen den Anspruch selbst so häufig urgiert; eine gleiche Rücksicht aber den andern Dichtern angedeihen zu lassen, fällt Herrn Gervinus nicht ein. Das macht, weil er von Form keine Vorstellung hat und sie nur in ihrer Übertreibung gewahr wird. Ihm ist die Poesie lediglich ein Mittel, seine Gedanken und Meinungen auszusprechen, zu nützen, zu belehren, volkstümliche und rechtschaffene Gesinnungen zu erwecken und fortzupflanzen.

Alles das war die Aufgabe der Poesie auch wirklich in ihrem Anfange, vor Erfindung der Prosa nämlich. Seit diesem letzteren Ereignisse aber hat man das Begriffsmäßig-Wahre, Belehrende, Erbauende, mit einem Worte: Alles, was dem Bedürfnisse angehört, ihr, der Prosa, überlassen und für die Poesie das Gebiet des Gefühls und der Phantasie in Anspruch genommen. Es gibt etwas, das man das Schöne heißt, kann ich Herrn Gervinus versichern. Wenn nun aber ein stockdürrer, lederner Skribent in einer gräßlichen Dissertationsprosa die Angelegenheiten des Gemüts und der Phantasie vor den Richterstuhl des Militarismus oder Sozialismus schleppt, so ist das die ekelhafteste Gerichtsverhandlung, die man sich denken kann. Damit sei nicht gesagt, daß es Herrn Gervinus an einer gewissen Begeisterung fehlt, welche immer etwas Poetisches hat. Aber Archimedes war auch begeistert, als er im Bade das Gesetz der spezifischen Schwere gefunden hatte und nun nackt, wie ein Verrückter, durch die Straßen von Syrakus lief, er blieb aber nichtsdestoweniger der A+B-Mann, der er früher gewesen war. Jede Wissenschaft hat ihre Begeisterung als gesteigerten Zustand; in der Poesie aber ist sie zugleich der ganze Umfang des Objekts: der Inhalt. Dieser angelernte Enthusiasmus, dieser Mietpferdgalopp geht nun durch das ganze Streben des Herrn Gervinus. Man kann wohl von ihm behaupten, daß er für die Wissenschaft ebenso verdorben ist, als für die Kunst. Indes er den Pragmatismus in der Geschichte verlacht, wohin er doch gehört, huldigt er ihm in der Nachweisung der Kunstentwicklung mit der Aengstlichkeit eines Pedanten. Die Fortschritte der Kunst sind von den Talenten abhängig und nicht von den Weltbegebenheiten. Goethe wäre derselbe große Dichter geworden, wenn es auch nie einen Friedrich den Großen gab, und die französische Revolution, die doch drastisch genug war, hat doch keinen einzigen Poeten hervorgebracht. Ja, die Bildung und die Poesie sind sich in einer gewissen Beziehung sogar entgegengesetzt; denn die erstere strebt nach Allseitigkeit, gleich der Vernunft, und die letztere ist und soll einseitig sein, wie das Gefühl. Sie isoliert ihren Gegenstand, und statt ihn nach seinem Verhältnis zu den übrigen Dingen zu beurteilen, macht sie ihn zum Maßstab seiner selbst. Deshalb ist Homer größer als Schiller, und wem es um volle Poesie zu thun ist, der wird sich immer vorzugsweise an die früheren, minder kultivierten Zeiten wenden müssen. Wenn Herrn Gervinus' Buch demungeachtet so viel Anklang in Deutschland gefunden hat, so zeigt es nur, daß dieses Land in der Gedankenvermischung immer weiter fortschreitet und da träumt, wo es denken, und denkt, wo es fühlen sollte. Wolfgang Menzel, ein gleiches Rüstzeug, hat ja auch seine Periode gehabt, wo er nicht verlacht wurde.

Zum Schluß gibt Herr Gervinus den jetzt lebenden Dichtern den Rat, durch fünfzig Jahre ihre poetischen Arbeiten einzustellen. Es ist möglich, daß die Welt dabei nicht viel verlöre; der Rat aber ist hart. Denn erstens sollte Herr Gervinus aus seinem eigenen Beispiel erkennen, wie schwer es ist, die Schreiblust zu zügeln, selbst in Dingen, denen man nicht gewachsen ist; dann hätte ich einen Gegenvorschlag zu machen. Wie, wenn sämtliche Kunstphilosophen, Kunsthistoriker, und wie die Fortschrittsapostel heißen mögen, die aus Verzweiflung, in ihrem eigenen Fache etwas leisten zu können, sich kentaurenartig auf dem Boden der Poesie herumtummeln, es versuchten, fünfzig Jahre lang Ruhe zu halten? Ich glaube wenigstens voraussagen zu dürfen, daß der zerstampfte Boden wieder von neuem grünen und Blüten der Poesie hervortreiben würde, die, wenn auch nicht vom feinsten Aroma, doch immer beitragen würden, der von den Winterstürmen der Zeit bedrängten Gegenwart eine heilsame Frühlingserholung zu verschaffen. Man verweise hierzu nicht auf die Werke der Vergangenheit, die eben vorher als die poetischeren gepriesen worden sind; der Gefühlsausdruck einer fremden Zeit kann immer nur mit Abstraktion genossen werden, was natürlich nur die Sache weniger ist. Die Masse, im guten Sinne, wird doch nur von demjenigen angeregt, worin sich ihre eigene nächste Empfindungsweise ausspricht und verklärt. Die Zeit, die versäumt, ihre eigenen Anschauungen zu bilden und zu gestalten, fällt, indem sie der Gemeinheit aus dem Wege geht, der Pedanterie in die Arme.

*

Sollte er sich aber dieses Unterschiedes bewußt worden sein und schon der Zusatz Nationallitteratur auf dem Titel seines Buches diesen kulturgeschichtlichen Standpunkt andeuten, so mag er nur wissen, daß er sich eine der abgeschmacktesten Aufgaben gestellt hat. – Eine Geschichte der Pflanzen nach ihrem ökonomischen oder medizinischen Gebrauche hat einen unzweifelhaften Wert: aber eine Klassifikation der Blumen aus demselben Gesichtspunkte, wodurch die Kamille über die Rosen zu stehen käme, wäre denn doch gar zu absurd.

Dritte Auflage. Leipzig 1816-1852.

(1849.)

Schon in der Vorrede von Gervinus' Geschichte der deutschen poetischen Litteratur fällt die Aeußerung auf, daß er nur darum die Geschichte der Poesie zu schreiben unternommen habe (als ob er zu jeder andern auch befähigt gewesen wäre), weil die Poesie in Deutschland durch Goethe als abgeschlossen zu betrachten sei. Eine solche Behauptung ist nun an sich lächerlich. Denn obwohl es die höchste Wahrscheinlichkeit hat, daß Jahrhunderte vergehen werden, bis in Deutschland ein Dichter entsteht, der Goethen und Schillern gleichgesetzt, oder wohl gar als ein Fortschritt gegen sie betrachtet werden könnte, so ist doch anderseits wieder kein Grund, als unmöglich auszusprechen, daß schon heute ein bisher unbekannter Dichter lebe, der in einem schon morgen erscheinenden Werke beide und alle bisher gewesenen Dichter überbiete. Was aber hier unbefugte Anmaßung scheint, wird später – am Schluß der Parallele zwischen Schiller und Goethe – zur sachkundigen Lächerlichkeit. Er meint dort, daß überhaupt die Zeit der ästhetischen Abschätzung vorüber sei, und der politischen den Platz räumen müsse. Die ganze Poesie wäre also nichts als eine Vorschule für die politische Freiheit und Goethe und Schiller nur die bornierten Vorläufer der Herren Gervinus, Dahlmann und sonstiger volkstümlicher und radikaler Lumpe. Daß es nun derlei stockdürre Menschen gibt, an die man wirkliches Feuer bringen muß, wenn sie warm werden sollen, das ist schon überall in der Welt vorgekommen; daß sie sich aber mit der Kunst beschäftigen und ihr Werk drei Auflagen erlebt, das kann nur in Deutschland geschehen.

Vierte Auflage.Leipzig 1853.

(1856.)

I 4 ein darstellendes Kunstwerk zu entwerfen unternahm.

6 »Eine Revolution, deren sichtbarste Frucht für uns die Rückkehr aus der häßlichsten Barbarei zu wahrem Geschmack in Kunst und Leben war.« Aber wo ist der wohlthätige Einfluß der französischen Revolution auf den Kunstgeschmack? Lessing hatte lange vorher den Weg aus der Barbarei angedeutet, Goethe seine vorzüglichsten Werke schon früher vollendet.

10 Warum er gerade die poetische Litteratur zu seinem Vorwurfe gewählt hat, gesteht er auf eine höchst naive Weise. Weil darin ein Abschluß vorhanden, weil eine Erhebung für die Gegenwart daraus hervorgeht. »Hätte ich die politische, die religiöse, die gesamt-litterarische oder irgend eine andere Seite der Geschichte unseres Volkes für passender, dringender zur Bearbeitung gehalten, ich würde diese ergriffen haben.« Ein hübscher Beruf zum Geschichtschreiber der Poesie! »und mag meine Geschichtserzählung auch allerhand besonderen Zwecken nachgehen, so kann und wird sie, falls auch nur das kleinste Verdienst daran ist, dem Hauptzweck(!), der Wissenschaft, der Litterargeschichte vor allem dienen.«

11 Daß die Deutschen alle andern Nationen in der Poesie überboten haben, wird als unzweifelhaft vorausgesetzt. Als eine Art Beweis gilt ihm, daß die andern Völker sämtlich früher aufgehört hätten (freilich, weil sie früher angefangen), dann aber weil sie, namentlich Schiller und Goethe, die Kunst auf das griechische Ideal zurückgebracht. Das kann von Schiller doch nur in der Theorie gelten, in der Praxis wüßte ich nichts davon zu rühmen; von Goethe weiß ich nur die Iphigenie, was er sonst gräzisierend gedichtet, besonders dramatisch, dürfte mehr vom toten Ideal als von lebendiger Poesie haben. Es werde daher auch von allen Nationen die deutsche Bildung als die erste anerkannt. – Mir deucht, diese Anerkennung hat bereits wieder ihr Ende erreicht.

12 Er erklärt, kein ästhetischer Beurteiler sein zu wollen. Er stellt sich auf den rein historischen Standpunkt. Er wird die Entstehung der Gedichte und der Dichter aus ihrer Zeit darstellen. Das geht sehr gut an bei den schlechten Dichtern, sie sind eben nichts als was die Zeit aus ihnen macht. Ein Genie ist immer eine Art Wunder und kann durchaus nicht natürlich erklärt werden. Da es für alle Zeiten gelten soll, kann es nur lose mit einer vorübergehenden zusammenhängen. Es ist schon die Konstruktion der Ereignisse eine traurige Sache; jetzt erst die Konstruktion der ausgezeichneten Geister. Da schmeckt etwas Hegelscher Objektivismus vor.

19 Ressigeur Grüner!!!

51 »Haben ja die Engländer selbst, ihrem Shakespeare sein volles Recht zu thun, uns überlassen.« Du lieber Himmel!

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