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Studien zur Deutschen Kunstgeschichte - Hermann Braun

Josef August Beringer: Studien zur Deutschen Kunstgeschichte - Hermann Braun - Kapitel 2
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authorJoseph August Beringer
titleStudien zur Deutschen Kunstgeschichte ? Hermann Braun
publisherHeitz & Mündel
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Wesen.

In der unbedingten Sachlichkeit und Sicherheit der Darstellung steht der späte A. Menzel in Deutschlands Kunst an erster Stelle. Durch die ungeheure Einfachheit und Prägnanz seiner Zeichnungen, seiner Porträts, seiner landschaftlichen Motive und Stilleben, sind seine Zeichnungen zu wertvollsten Kunstdokumenten von klassischer Vorbildlichkeit geworden. Sie sind der Ausdruck und die selbstgefundene Sprache einer Persönlichkeit, die uns durch die Richtigkeit und Wucht der Aussprache eine neue Welt auftut, auch wenn der Ideenkreis nicht erweitert wird. Diese exakte Kunst des Schauens und Darstellens ist niederdeutscher Art gemäß. Menzel, der Mitteldeutsche, hat sich im Laufe seines Berliner Lebens aus dem mehr phantasievollen Schaffen seiner Frühzeit – Künstlers Erdenwallen, das Vaterunser, die Illustration zu Kuglers siebenjährigem Krieg und zu den Werken Friedrichs des Großen u. a. gehören hierher – zu dem grandiosen Realismus und zu der durch die Reinheit der Erscheinung poetischen Höhe entwickelt und fortgebildet, so daß es unmöglich ist, seinem schöpferischen oder dem darstellenden Künstlertum den Vorzug zu geben. Beide sind gleich groß, gleich vollkommen, gleich verehrungswürdig.

Hermann Braun, der Niederdeutsche, geht einen entgegengesetzten Weg und kommt zum gleichen Ziel. Wie Braun mit unfehlbarer Sicherheit des Auges und der Hand den architektonischen Organismus eines Bauwerkes, die malerische Gruppierung einer Straße, eines Platzes, eines Mauerwerks und Dächerbildes erfaßt und mit lockern Strichen und, bei aller Festigkeit, mit flimmernder Leichtigkeit auf dem Papier in Kohle, Tusche oder Bleistift wiedergibt: das stellt ihn in seinem Fach unmittelbar neben Menzel. Da ist nicht nur sachliche Wahrheit, sondern auch künstlerische Klarheit und Größe. Ihm, wie Menzel, ist auf diesem Gebiete alles Prunken mit außerhalb schlichtester Darstellungsmittel stehender Velleitäten durchaus fern liegend. Aber trotz dieser die Meisterart verratenden Beschränkung auf die nur innerhalb der Darstellungssphäre liegenden Elemente bleibt vor den Blättern keinen Augenblick zweifelhaft, daß nur die strengste künstlerische Zucht dieses ungewöhnliche Können erreichen ließ. Unbestechliche Ehrlichkeit bei aller künstlerischen Wärme spricht aus jedem der radierten und gezeichneten oder getuschten Blätter Brauns, die von der glücklichsten Sinnfälligkeit Zeugnis geben. Kunst ist aber nicht bloß Sinnenerlebnis und, in der Wiedergabe und Darstellung, Sinnenreiz. Solche Kunst, die von den Sinnen ausgeht und nur an die Sinne sich wendet, bliebe eine Kunst an der Oberfläche und ein bloßer Sinnenkitzel, eben nur bildnerisch zwei- oder dreidimensionale Formdarstellung. Der wahre und große Künstler wird zum Wesen d. h. zur Seele der Anschauungswelt vordringen und diese innerhalb seiner Darstellungsmittel darstellen wollen. Sein eigenes Seelisches wird er an dem Wesenhaften der Form und Farbenumwelt dartun. Dieses Andere, diese zweite Natur, läßt Braun auch in seinem Werk erkennen. Schon die Art, wie die sachliche Darstellung der Kunst Brauns erlebt ist, läßt auf ein tiefgründiges Innenleben schließen. Diese seelische Betätigung im Kunstschaffen kommt in den inhaltlichen Stoffen und ihrer Formgebung zum Ausdruck. Zu diesen inhaltlichen Stoffen sind, nebenbei bemerkt, auch die reinen Landschaftskompositionen zu rechnen, die mit einer Böcklinschen Schöpfergewalt und Leidenschaft zur Erscheinung gebracht werden. Nach zwei Seiten hin spricht sich Braun in ähnlicher Weise wie Böcklin aus. Einmal in der kompositionellen Art, in der Zusammenfassung und im Rhythmus der Massen, mit dem die landschaftlichen Elemente angeordnet sind, um die Stimmung des Werkes auf die Stimmung des Beschauers zu übertragen – Stimmung als suggestive Kraft des Kunstwerkes. Nur eben – bei Böcklin hat das Werk meist einen dionysisch-dithyrambischen Schwung, etwas Antik-Lebensvolles. Braun ist, im Gegensatz zum antikisch anthropomorphisierenden Böcklin ganz deutsch, spezifisch niederdeutsch. Seine Schöpfungen sind nicht geboren aus der heitern Ruhe und Lichtfülle der Antike, sondern aus der Sehnsucht nach Licht und hellklarer Gestalt.

Am nächsten steht unser Braun den melancholischen oder dramatisch zugespitzten Schöpfungen Böcklins z. B. der Toteninsel, der Villa am Meer, der Melancholie usf. In diesen mehr düster gehaltenen Werken mit den dunkeln Untertönen von Sein, Werden und Vergehen übertrifft sogar Braun den alemannischen Meister. Er nähert sich – namentlich in dem inhaltlich nicht ganz ausgearbeiteten Zyklus der Totentanzblätter – in der echt niederdeutschen Helldunkelstimmung der schweigenden Beredtsamkeit, über die Rembrandt in den Radierungen und Werken der letzten Epoche gebietet. Das Rembrandtnahe Brauns wird aber noch deutlicher in der Herausarbeitung der Gegensätze von Licht und Dunkel, in der Vorliebe für stillebenmäßige Ausgestaltung der Innenräume und in der faustisch vergrübelten Stimmung, die über den zahlreichen freischöpferischen Blättern ausgebreitet ist. Wenn auch ein Blatt, wie der studierende Mediziner, der Rembrandtradierung »Faust« in Stimmung und Inhalt ziemlich nahe kommt, so sind doch die Blätter Brauns durchaus original und von Rembrandt ebenso wenig abhängig oder beeinflußt, wie seine Blätter und Gemälde etwa von Böcklin, oder die sachlichen Architekturzeichnungen von Menzel. ... Wie viel hätte Braun der deutschen Kunst werden können, wenn seinem Leben und Schaffen ein gütigeres Geschick beschieden gewesen wäre!

Es ist eine seltsame und für unseren künstlerischen Kulturzustand beschämende Erscheinung, daß unsere großen Künstler Einsame waren, daß ihnen fast durchweg bis ins hohe Alter nicht nur der Erfolg, was ja im Grunde hauptsächlich eine Frage nur wirtschaftlicher Art ist, sondern vor allem der Widerhall in den verstehenden Herzen der Zeitgenossen und damit das erhebendtröstliche und das innerlich förderliche Element versagt blieb. Auch der größte Künstler und das größte Kunstwerk will ins Leben wirken. Wo der Zusammenhang des Künstlers mit der Welt verloren geht, entsteht eine ähnliche Lücke, wie wenn der Künstler die Berührung mit der Natur aufgibt. Braun war gegen den Abbruch der Beziehungen zur Natur durch seine Reisen, seine Betätigung als Landschafts- und Architekturkünstler geschützt. Aber da diese Seite seines Schaffens ihn nicht ganz ausfüllte, da seine reiche Persönlichkeit die äußeren und inneren Erlebnisse zu einem innerlicheren Dasein und zu Kunstwerken eigener Erfindung und Gestalt zu formen strebte, so empfand er das ausschließliche Architekturzeichnen als eine oft schwere Last.

Man begreift deswegen, daß Braun, je mehr Erfolg und Anerkennung er errang, was sich in Aufträgen von Seiten illustrierter Zeitschriften, von Kunstverlagen und Kunstvereinen und auch durch einen immerhin vorhandenen Absatz seiner groß geschauten und vollendet radierten Architektur- und Landschaftsblätter äußerte, sich umso unbefriedigter fühlte, und daß er »dem Architekturzeichnen zu erliegen drohte«. Die Not, sich nur auf diesem einen Gebiet aussprechen zu können, so sehr dieses seinem Ingenium entsprach, hat seinen anderen Kunstschöpfungen den düsteren Stempel aufgedrückt und seine Nervenkräfte vorzeitig aufgerieben.

Es zeugt von der völligen Reinheit, Lauterkeit und Unbedingtheit der Künstlernatur Brauns, daß er in dem Zwiespalt seines Lebens und Schaffens nicht auf den Ausweg der Satire verfiel, dem psychologischen Sicherheitsventil so mancher Künstler unserer Tage. Unter den gewiß 2500 Zeichnungen Brauns befindet sich nicht eine einzige, die das leichtbeflügelte Gebiet der Satire oder der Ironie auch nur von ferne streift. Kunst und Leben waren ihm eine ernste, heilige Angelegenheit. Vor ihnen »im Geist und in der Wahrheit« zu bestehen, war ihm nicht bloß Bedürfnis, sondern innerste Notwendigkeit. Aus diesem unerbittlich ernsten Gefühl für Wahrheit und aus der ernsten Ehrfurcht vor dem Leben und Sein, erwuchs nicht nur seine, nie ganz sich genügende kritische Haltung zu seinem geschaffenen Werk, sondern auch seine Zurückhaltung und seine Bescheidenheit, die ihm den Umgang mit der Welt so sehr erschwerte. Diese Selbstkritik und Selbstbescheidung hießen ihn auch, als durch seines Lehrers Krauskopf Ausscheiden die Stelle des Leiters der Radierklasse an der Karlsruher Akademie frei geworden war, von der Bewerbung um dieses Amt zurückstehen, obgleich er Krauskopfs Vertrauen besessen hatte und längere Zeit sein Assistent gewesen war. Dieser sittliche Ernst, der das Leben und das Werk Brauns durchwehte, und diese fast scheue Zurückhaltung von dem Getriebe der Akademie und deren repräsentativen Obliegenheiten, hat ihn mit den religiösen Problemen aufs innigste verknüpft. An ihnen hat er sich, in den Stunden der menschlichen und künstlerischen Vereinsamung, gekräftigt, geklärt und mit der Welt in Beziehung gehalten, wie eine Reihe von Aufzeichnungen beweisen. Die Schwester des am 29. September 1908 in seiner Heimat Hausberge Verstorbenen, die mit sorglicher und verstehender Hand den großen künstlerischen und schriftlichen Nachlaß ihres Bruders zusammenhielt und ordnete, schreibt über das Gedanken- und Geistesleben unseres Künstlers, daß sich ganze Stöße von Niederschriften vorgefunden hätten und fügte an:

»Es wechseln darin eigene Gedanken und ausgezogene Stellen verwandter Schriftsteller, Situationen oder Naturszenen aus Büchern, die sich ihm zu künstlerischen Entwürfen gestalten. Eine Serie Blätter, die besonders reich ist an Indikationen für Entwürfe, hat er am Kopf mit »K« bezeichnet, was ich mir mit »Komposition« verdeutsche. Jedenfalls hat ihn zunächst und zutiefst das Problem des Deutschtums beschäftigt, von Tacitus und den Druiden, nein, von Walhall an bis zur Entwicklung des Gedankens von der Ausführbarkeit ebensogut ein einiges klassisches Deutschland herauszubilden, wie einst das klassische Griechenland – von Deutschland muß die Erlösung kommen.« –

»Da sind Abschriften und Ausarbeitungen aus der Edda, den Nibelungen, andern nordischen Zyklen, Parzival, Oberon, den ganz alten Volksmärchen, aus der Minnesängerzeit u. a. m. Dann Dickens, Jean Paul, Raabe, die er mit Entwürfen förmlich illustriert. Besonders Parzival und Oberon suggerieren ihm ungezählte Motive. Immer schreibt er eine packende Szene heraus und stellt die bloße Notiz dahin wie ein Bild, so daß selbst der Laie das Wort leben sieht. Unter eine ganze Anzahl seiner Kohlenentwürfe romantischer Tendenz könnte man an der Hand dieser markanten Auszüge das entsprechende Motto setzen. Er hat auch eine Serie Radierungen aus der Germanenzeit geplant, um dem Ringen der deutschen Volksseele ein Denkmal zu errichten, doch ist das »Herbstlied-Druidenstein« das einzige geblieben.«

»Nun zu den Blättern religiösen Inhalts, aus denen ich nur die Quersumme der Eindrücke wiedergeben kann. Darnach muß man die Ueberzeugung gewinnen, daß er, und zwar von Herzen, vom Dasein eines bewußt einwirkenden Gottes überzeugt, daß Christus für ihn mehr als nur eine historisch erwiesene Person war, und daß er die Erlösung der Massen wie die des Individuums aus dem Chaos der irdischen Unzulänglichkeiten in der Befolgung der im Evangelium niedergelegten Ratschläge sah. Er vertrat den Standpunkt der Menschen- und Nächstenliebe.« – Diese Aeußerungen werden gestützt von Worten des »Nachrufes«, den Pastor Lortzing-Spenge am Beerdigungstage (3. X. 1908) gesprochen hat. Er sagte: »Besonders in den letzten Jahren hat er sich ernstlich mit religiösen Dingen beschäftigt; das Neue Testament war ihm ein liebes Buch, in dem er fleißig las. Um seine Meinung über dieses Buch befragt, äußerte er, daß nach seiner Meinung derjenige glücklich sei, der sein Leben nach dessen Lehren einrichte. – Und wenn ihm das Neue Testament lieb und wert war, so liegt der Grund doch gewiß darin, daß das Bild unseres treuen Heilands, das uns hier so liebevoll entgegentritt, auch ihm das Herz gewonnen hatte. Daß wir uns in dieser Voraussetzung nicht irren, geht aus einer Aeußerung hervor, die er einst niederschrieb: »Ich habe gefunden, wenn unser Leben Wahrheit sein soll, muß es aufgebaut sein auf dem Grunde des Evangeliums.« Aus den Aufzeichnungen der Schwester, Frl. Elisabeth Braun, mögen aber noch nachfolgende Stellen angeführt werden:

»In der Philosophie hat er sich zu keinem System im besondern bekannt. Die Kunst war ihm alles in allem. Er brachte jede Lebensäußerung unter den Gesichtswinkel der Kunst. Ja, selbst im letzten Grunde seine Religion, so praktisch sie im Prinzip war, ist ihm verklärt in der Kunst. Er sagt: »Man kann der Welt nichts Neues mehr geben : es kommt darauf an, immer wieder das Problem, das rein Menschliche, zum höchsten Ausdruck zu bringen, zu lösen, so wie Jesus es nach der religiösen Seite tat, so wir nach der künstlerischen.« Wenn er nun aber die Religion künstlerisch verklärte, so war ihm umgekehrt die Kunst Religion. Ein Priester hätte dürfen seinen Nachlaß ordnen.«

»Außer seinen offenbar eigenen Ideen hat er eine beträchtliche Anzahl Hefte über Religionsforschung aller Zeiten abgeschrieben, so daß allein daraus sein Ernst für die Sache erhellt. So angespannt denkt, forscht und schreibt niemand über Religion, der nicht ganz persönliche Fühlung und Neigung dazu hat.« So weit von den Nächsten um Braun über sein Innenleben. Man braucht einerseits einen funktionellen Zusammenhang zwischen Kunst und Religion nicht für unbedingte und unumstößliche Gewißheit zu halten. Braun hat ja auch, trotz seiner positiven christlich religiösen Grundstimmung, keine einzige religiöse Darstellung geschaffen. Andererseits ist es noch weniger notwendig und von alleiniger und ausschließlicher Geltung, nur auf die künstlerischen Materialismen, wie Pigmente, Vortragstechnik, Pinselführung, Strich und Ausdrucksweise, Darstellungsstoffe usf. zu vertrauen. Der Kern und das Wesen der Kunst erschöpft sich weder in dem ersteren, noch im letzteren. Für unsern Fall sagt das geistige und religiöse Verhältnis Brauns zu Natur und zu Gott so viel: er blieb nicht im Materiellen stecken. Er vergeistigte durch sein Wesen und seine Persönlichkeit sein Schaffen. Er beseelte die Materie durch das Feuer seines Erlebens, durch die Wärme seiner Empfindung, ohne sich ins Spekulative und Gedankliche zu verlieren. Mit einer wunderbaren Harmonie der sinnlichen Anschauung und der seelischen Kräfte begabt, war es Braun möglich, in der zu seiner Zeit üblichen Kunstsprache uns seine Welt zu geben. Er brauchte keine neue Grammatik, keine neue Ausdrucksweise, um Persönliches und Neues zu sagen. Er ist kein technischer Neuerer und trotzdem ein künstlerischer Mehrer des Reiches. Damit ist seine Stellung zur sogenannten modernen Kunst gegeben. Diese war nicht seine Sache. Seine künstlerische Kraft beruhte in der Leidenschaft der Anschauung und Empfindung, sowie in der Klarheit, mit der er sich auszudrücken wußte. Daher haben seine gezeichneten Blätter ganz besonders, aber auch seine Radierungen die unmittelbare Wirkung und ihren unverkennbar einzigartigen persönlichen Charakter.

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